03.04.1967

PRESSE VÖLKISCHER BEOBACHTERMehr gesprochen

Je waren ausgezogen, die Nation von der bürgerlich-marxistischen Journaille" zu säubern. Das Führerprinzip sollte auch in der Presse Einzug halten, jeder Zeitung und jeder Spalte war die Aufgabe zugedacht, das Genie Adolf Hitlers zu feiern und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zu festigen.
Schlag um Schlag zerstörten sie die freie Presse. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen wurden verboten, die Journalisten in das Joch eines diktatorischen Schriftleitergesetzes genommen, jede Opposition aus den Redaktionsstuben vertrieben.
Später fielen auch die unpolitischen Zeitungen in die Hände des Regimes. Bis 1942 hatte der NS-Pressetrust des Reichsleiters Max Amann 80 Prozent der bürgerlichen Presse aufgesogen. Amann triumphierte: "Die Partei beherrscht die Presse." Selbst Hitler staunte: "Das macht uns kein Land nach."
An die Stelle einer vielstimmigen Presse aber rückte eine graue Einöde, in der sich nicht einmal Nationalsozialisten wohl fühlten. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der selber täglich detaillierte "Sprachregelungen" an die Presse herausgab, notierte sich am 14. April 1943: "Der Journalismus wird hier geschurigelt, als wenn er sich noch in der Volksschule befände. Ein Mann, der noch ein bißchen Ehrgefühl besitzt, wird sich in Zukunft schwer hüten, Journalist zu werden."
Am ärgsten irritierte die totalitäre Gedankenkontrolle den Mann, der von Berufs wegen dazu ausersehen war, die Pressepolitik des Regimes exemplarisch vorzuleben: den Hauptmann außer Dienst Wilhelm Weiß, SA-Gruppenführer, Leiter des Reichsverbandes der Deutschen Presse und Hauptschriftleiter des "Völkischen Beobachter". Mit dem "Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands", wie sich der "VB" im Untertitel nannte, sollte Weiß den Typ einer neuen, nur auf die Bedürfnisse des Regimes zugeschnittenen Presse schaffen.
Willig befolgte der VB-Hauptmann die Orders der Parteiführung, beflissen führte er jede von oben befohlene Schwenkung aus. Je mehr aber das Regime zur Despotie erstarrte, desto verzweifelter wurden die Gesten des Journalisten Weiß. Er war schließlich so resigniert, daß er sich eine Rettung des steril gewordenen VB nur noch durch eben jenen freien Journalismus erhoffte, dem er einst die Todfeindschaft angesagt hatte.
Das Elend nationalsozialistischer Pressepraxis hat jetzt die Münchner Historikerin Dr. Sonja Noller am Beispiel des "Völkischen Beobachter" dargestellt. In einem Essay, der in der Reihe der vom Scherz Verlag herausgegebenen Faksimile-Ausgaben bedeutender Zeitungen erschienen ist, erzählt sie Aufstieg und Bankrott der ersten deutschen Tageszeitung, deren Auflage die Millionengrenze überschritt*.
Der VB nannte sich nicht "Zeitung", sondern "Kampfblatt", und das war kein Zufall. Sein Stil verriet die Herkunft des NS-Organs: Er war, formuliert Sonja Noller, "aus der Flugschrift und dem Plakat entwickelt. Er war mehr gesprochen als geschrieben und trug alle Zeichen des Plakathaften: Zusammenballung von Schlagworten, auf das Gefühl abgestellte Phrasen und Meinungen, überredende, verführende Wortkraft, Radau und Aggressivität".
Zeitlebens konnte das Blatt das Provinziell-Sektiererhafte nicht überwinden, das ihm seit dem 2. Januar 1887 anhaftete, dem Tag, an dem es zum erstenmal als vierseitiges Wochenblatt unter dem Namen "Münchner Beobachter" erschienen war. Besitzer und Zeitungstitel wechselten in bunter Reihenfolge, bis der Münchner Verleger Franz Eher 1900 das Blatt übernahm.
Aber auch Eher konnte das Kleinbürger-Blatt nicht auf größere Auflagenhöhen hinauftreiben. Nach Ehers Tod im Jahre 1918 verkaufte seine Witwe die Zeitung an den Freiherrn Rudolf von Sebottendorff, und mit ihm begann die politische Karriere der Zeitung. Ab 1919 nannte sich das Blatt "Völkischer Beobachter", die Vorstadt-Zeitung wurde zum Sprachrohr nationalistisch-völkischer Rechtsextremisten.
Der Freiherr von Sebottendorff gehörte zu den Führern der Thule-Gesellschaft, einer jener völkischen Vorläuferinnen des Nationalsozialismus, die auf den verlorenen Krieg und den Zusammenbruch der Thron- und-Altar-Ordnung mit Haß gegen Republik, "Rote" und Juden reagierten.
"Macht ganze Arbeit mit den Juden!" krakeelte der VB am 10. März 1920 und putschte seine Leser dazu auf, "das ostjüdische und jüdische Ungeziefer überhaupt mit eisernen Besen auszufegen". Pausenlos propagierte das Thule-Blatt "völkische Politik, d. i. innere Einstellung und Verfahren völkischer Geister zu den Dingen des Staates, des Volkes und der Welt" -- so der VB am 29. Juli 1920.
Aber auch der unermüdliche Appell an die nationalistischen Instinkte vermochte das Blatt nicht von seiner wachsenden Schuldenlast zu befreien. Der "Völkische Beobachter" verkaufte knapp 7000 Exemplare, Ende 1920 beliefen sich die VB-Schulden auf 250 000 Mark. Das Blatt der "völkischen Erneuerung" stand vor dem Bankrott.
Da bot sich ein Retter an: Anton Drexler, Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, hinter dem damals schon sprungbereit
* Sonja Noller und Hildegard von Kotze: Facsimile-Querschnitt durch den Völkischen Beobachter". Scherz Verlag, München - Bern - Wien; 208 Seiten; 24.80 Mark.
Adolf Hitler stand, erwarb den VB für 120 000 Mark. Am 17. Dezember 1920 ließ er sich neben Käthe Bierbaumer und Dora Kunze, der Geliebten und der Schwester Sebottendorffs, als Hauptteilhaber ins Handelsregister eintragen, einen Tag später erfuhren die Leser, daß die Zeitung in den Besitz der NSDAP übergegangen sei.
Das Geld für den Zeitungskauf beschaffte Dietrich Eckart, ein genialischer bajuwarischer Bohemien, Morphinist und Trinker, der erfolgreiche Theaterstücke geschrieben hatte, Hitler seinen Freund nannte und antisemitischen Wahnideen anhing. Er erhielt von dem Generalmajor Franz Ritter von Epp ein Darlehen in Höhe von 60 000 Mark; das Geld stammte offenbar aus den Geheimfonds der Reichswehr, deren Offiziere damals manche rechtsextremistische Organisation finanzierten.
Hitler, im Juli 1921 an die Spitze der NSDAP gelangt, bezeugte seinem Mentor Eckart ewige Dankbarkeit. Dietrich Eckart hieß denn auch der erste nationalsozialistische Chefredakteur des "Völkischen Beobachter".
Der Bohemien prägte in der derben. aber bilderreichen Sprache bajuwarischer Wirtshäuser und Vorstadt-Gassen den Stil des VB: das Idiom des Krawalls, die Stimme der unablässigen Anpöbelei, der nimmermüden Schmähung.
in einem kleinen Zimmer, das vom Druckereihaus M. Müller & Sohn in Münchens Schellingstraße zur Verfügung gestellt wurde, lieferte Eckarts Feder, was Hitler am 6. März 1921 im VB forderte: "Wir wollen das Volk aufregen. Und nicht nur aufregen, aufpeitschen wollen wir es. Wir wollen den Kampf predigen, den unerbittlichen Kampf gegen diese ganze parlamentarische Brut, dieses ganze System."
Unablässig ließen die Schreiber des VB einen Platzregen deftigster Injurien auf die Republik und ihre Politiker nieder. "Dümmer wie Katzen und schlecht wie ein Jude" fand der VB die Reichsregierung.
"Weltmeisterschaftsbauchrutscher" scholl es der deutschen Außenpolitik entgegen. Unerschöpflich waren die VB-Synonyme für Demokraten und Demokratie: "Allerweltstrottelregierung", "Lumpenrepublik", "parlamentarische Kloake", "Leithammel".
Die Polemiken Eckarts und die Zeitläufte ließen die Auflagenziffern des "Völkischen Beobachter" anschwellen. 1922 verkaufte Eckart 17 000 Exemplare, ein Jahr später konnte er die Auflage nahezu verdoppeln. Am 8. Februar 1923 wandelte sich der VB vom dreispaltigen Wochenblatt zur fünfspaltigen Tageszeitung, ab August erschien die Zeitung in sechsspaltigem Großformat.
Der Aufstieg des Blattes war freilich nicht allein Eckart zu verdanken; die VB-Erfolge gingen auch auf Hitlers ehemaligen Feldwebel aus dem bayrischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 zurück, den der NS-Führer eines Tages auf der Straße getroffen und sofort für die Partei angeheuert hatte. Der ehemalige Regiments-Schreiber Max Amann, ein bärbeißiger, jähzorniger und eher an Geschäft denn an Politik interessierter Münchner, wurde Geschäftsführer des parteieigenen "Verlages Franz Eher Nachfolger GmbH" und trieb das Unternehmen voran.
Er baute den "Bund der Beobachterfreunde" aus, der unverzinsliche Anteilscheine zu je zehn Mark ausgab, zahlte mit dem gewonnenen Geld die fremden Hauptteilhaber aus, wodurch die Partei zur Alleinbesitzerin der VB-Anteile wurde, und gliederte dem späteren "Zentralverlag der NSDAP" eine Buchabteilung an.
Die Erweiterung zum Buchverlag rettete das Unternehmen. Nach dem gescheiterten Münchner NS-Putsch im November 1923 wurde der "Völkische Beobachter" verboten, kurz darauf starb der schwerkranke Eckart -- nur Amanns Buchabteilung mit 20 Angestellten hielt den Verlag aufrecht.
Die buchverlegerischen Erfolge Amanns begründeten die Machtstellung, die den mittellosen Ex-Feldwebel im Dritten Reich zum unumschränkten Herrn des NS-Presse-Imperiums und zehnfachen Millionär werden ließ. "Jeder Pfennig, der im Buchverlagsgeschäft verdient wurde, wurde zum Ausbau des VB verwendet", erinnerte er sich später. Auch nach dem Wiedererscheinen des Blattes (1925) gründete sich die finanzielle Stabilität des VB nahezu allein auf das Buchgeschäft des NS-Zentralverlages.
Der Verlagsherr sicherte dem "Völkischen Beobachter" auch organisatorische Unabhängigkeit von der Parteibürokratie. Dem Schatzmeister der Partei wurde die Kontrolle über den Verlag entzogen; Max Amann, inzwischen zum Reichsleiter der NSDAP avanciert, war allein Hitler verantwortlich. Er konnte im Verlag praktisch wie ein frühkapitalistischer Presselord walten -- und er tat es auch.
Die VB-Redakteure konnten sich nur schwer des Verlagstyrannen erwehren, zumal die neue Chefredaktion von dem baltendeutschen Flüchtling und Architekten Alfred Rosenberg übernommen worden war, einem weltfremden Ideologen, der kaum den Mut aufbrachte, sich gegen die Orders und mißmutigen Schimpf reden Amanns ständig zur Wehr zu setzen.
"Amann hielt die Redakteure", berichtet VB-Chronistin Sonja Noller, "für Leute, die nichts taten und taugten, die soffen, hurten und Schulden machten. Daß er sie mit dem knappen Geld des Verlages auch noch bezahlen mußte, empfand er als rechtes Übel." Am heftigsten aber befehdete er den Intellektuellen Rosenberg.
"Do hockt er wieder, der narrete, hochnasige, überkandidelte Tropf. Sollte lieber a guate Zeitung mach'n", knurrte Amann, wenn er an Münchens Café Odeon vorbeistapfte und dort den VB-Chef, von Büchern und Papieren umgeben, an einem Tisch erblickte. Amann entrüstete sich: "Schreibt Werke, der Bohem!" Er lehnte es zuweilen ab, die Bücher des NS-Philosophen im Parteiverlag erscheinen zu lassen.
Empört protestierte Rosenberg bei Hitler gegen soviel Sabotage und drohte sogar mit seinem Rücktritt; doch der Parteichef ("Amann ist ein Genie") nahm die Demarchen des Balten nie sonderlich ernst.
Der Hauptschriftleiter wäre vollends der Übermacht seines Gegners erlegen, hätten sich nicht die VB-Redakteure um ihren schwankenden Chef geschart; die gesamte Redaktion hatte "weniger Angst vor den Haussuchungen der Polizei und den Beleidigungsklagen als vor den Feldwebel-Befehlen Amanns" -- so Sonja Noller.
Denn auch die nationalsozialistische Überzeugungstreue hinderte den Verlagschef Amaan nicht, der Redaktion vorzurechnen, wieviel finanzieller Schaden dem Betrieb durch unüberlegte Attacken auf Republikaner und Demokraten entstünde. Im Januar 1929 hielt er Rosenberg vor, der Verlag sei in einem einzigen Monat zu Geldstrafen in Höhe von 3400 Reichsmark verurteilt worden, und das deshalb, "weil die Behauptungen unserer Berliner Parteigenossen nicht nachweisbar waren".
Redaktion und Hauptschriftleiter sahen sich von Amann so hart bedrängt, daß sie nach einem Mann Ausschau hielten, der energisch und diplomatisch genug war, das Blatt von dem Druck des verlegerischen Haustyrannen zu entlasten. Rosenberg fand einen Helfer: Wilhelm Weiß, seit 1927 Chef vom Dienst und stellvertretender Hauptschriftleiter.
Der beinamputierte Weltkrieg-I-Hauptmann, laut Sonja Noller "ein ganz guter Journalist und wegen seines anpassungsfähigen und ausgleichenden Wesens ein recht beliebter, menschlich geachteter und anständiger Vorgesetzter', dämmte die rauhbeinigen Sitten Amanns ein. Weiß brachte als Freikorpskämpfer, Redakteur der antisemitischen "Brennessel" und Begründer der "Nationalsozialistischen Korrespondenz" eine Autorität mit, die selbst der Polterer Amann respektierte.
Weiß und Amann bauten, begünstigt von der NS-Konjunktur im Schatten der Arbeitslosigkeit und der Auflösung der Republik, den VB immer mehr zum aggressivsten und erfolgreichsten Organ der deutschen Presse aus. Mit einem Schriftleiter und vier Angestellten hatte die Redaktion 1925 erneut begonnen; 1928 zählte sie bereits sieben Redakteure und 60 ständige Mitarbeiter.
Von Jahr zu Jahr kletterten die Auflagenziffern. 1925 verkaufte Amann 4500 Exemplare, 1930 näherte sich der VB der 40 000-Grenze, 1933 betrug die Auflage 127 500 Exemplare.
Die Auflagenziffern schnellten derartig nach oben, daß Amann dazu überging, den "Völkischen Beobachter" in mehreren Ausgaben erscheinen zu lassen. Ab 1. Februar 1927 brachte der VB eine Reichs- und eine Bayernausgabe heraus, ab 1. Januar 1933 erschienen eine Berliner und eine Norddeutsche Ausgabe -- später, nach dem Anschluß Österreichs, trat noch eine Wiener Ausgabe hinzu.
Zur Koordinierung der verschiedenen VB-Ausgaben wurde eine "Zentralschriftleitung" eingerichtet, die Weiß 1932 übernahm. Spätestens seit diesem Zeitpunkt galt er als der eigentliche Chef des Blattes; der arrogant-unsichere Rosenberg trat immer mehr in den Hintergrund. Der Pseudophilosoph war zudem Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP geworden.
VB-Chef Weiß nutzte die nationalsozialistische Machtübernahme geschickt dazu, seiner Zeitung eine einzigartige Monopolstellung in der NS-Diktatur zu sichern. Die Lektüre des VB wurde zu einem Ritual. Mochte auch die grobe, zynische und brüllende Sprache des über Nacht zum Regierungsorgan gewordenen Blattes abstoßen -- jeder Parteigenosse, jeder Beamte, jeder Funktionär war gehalten, den "Völkischen Beobachter" zu lesen.
Er beherrschte die Heimabende der Hitlerjugend ebenso wie den Unterricht in der Wehrmacht. Er war Pflichtlektüre auf Universitäten und in Schulen, gab er doch, wie Oberstudienrat Dr. Hans Mähl 1940 schrieb, "dem Lehrer für die Darstellung ganzer Geschichtsabschnitte den Leitgedanken und einem fähigen Schüler gewiß ein würdiges Thema für eine tüchtige geschichtliche Ausarbeitung".
Mit solchen Mitteln fiel es Weiß und der Redaktionsmannschaft nicht schwer, die Auflage des Blattes jährlich um etwa 100 000 Exemplare zu erhöhen. Im achten Jahr nationalsozialistischen Pressezwanges hatte der "Völkische Beobachter" bereits die Millionengrenze überschritten: 1941 spieen die Rotationsmaschinen täglich 1 192 542 Exemplare aus.
Stolz verfolgte Weiß, seit 1938 auch offiziell Hauptschriftleiter des VB, die statistischen Erfolge seines Blattes. Der Nationalsozialist Weiß sah es nicht ungern, daß der Staat die freie Presse reglementierte und die Zeitungsredaktionen nach "unerwünschten" Elementen durchleuchtete. Auch der SA-Gruppenführer Weiß feierte den Tod des freien Wortes als Beginn einer neuen Ära des Journalismus.
Das Idealbild des künftigen Schriftleiters, erklärte der VB-Chef 1935, müsse der "Kämpfer", nicht aber der "Techniker" sein; der deutsche Zeitungsmann habe sich nach dem NS-Schriftleiter der Kampfzeit auszurichten, "der nie ausschließlich und nur Journalist war, sondern immer und vor allem Propagandist, sehr oft Zeitungsmann, Redner und SA-Mann in einer Person".
Weiß war freilich zu sehr Journalist. als daß er solche Parolen zur Richtschnur seines Handelns machte. Er hatte schon bald erkannt, daß der VB auf die Dauer nur Bestand haben könne, wenn er sich vom "Kampfblatt" zur Zeitung wandle.
Der VB-Chef stellte neue Journalisten ein, erweiterte den Nachrichten- und Unterhaltungsteil und predigte unablässig, das Blatt müsse endlich von seinem Plakatstil abgehen. Er versuchte auch, seinen Redakteuren bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, den redaktionellen Apparat zu modernisieren und die Auslandsberichterstattung zu verbreitern.
Doch die Reformbemühungen des VB-Hauptmanns scheiterten an dem Unverstand Amanns, der seinen Ver-
* Mit NS-Pressechef Dietrich.
lagsetat gefährdet sah. Unwirsch lehnte er größere Erweiterungspläne der Redaktion ab. Des Großdeutschen Reiches repräsentative Zeitung besaß nicht einen einzigen Dienstwagen, ihren Redakteuren war verboten, ohne Genehmigung des Verlagsdirektors an auswärtigen Konferenzen teilzunehmen, und die Spesen wurden auf ein klägliches Mindestmaß reduziert und scharf kontrolliert.
"Wir bewohnten", erzählt Joachim Schieferdecker, Hauptschriftleiter der Berliner VB-Ausgabe, "von allen Berliner Schriftleitungen das dürftigste Raus, mit einer dunklen Treppe, die so schmal war, daß zwei Leute sich auf ihr nur mit Mühe begegnen konnten, und mit Arbeitszimmern, an deren Ärmlichkeit sich die Besucher erst gewöhnen mußten."
Am ärgsten kürzte Amanns Rotstift den Etat der Auslandskorrespondenten. Das Zentralorgan des Regimes durfte keine hauptberuflichen Korrespondenten im Ausland unterhalten, es bediente sich freier Mitarbeiter, die eine geringe Monatspauschale erhielten: Der VB-Mann in Brüssel bezog (neben Zeilenhonorar) 150 Reichsmark, der Madrider Korrespondent 250 und der in Sofia 350 Reichsmark.
In solcher Knauserigkeit manifestierte sich die pressefeindliche Mentalität der NS-Führer. die sich auch gegen die nationalsozialistische Presse richtete. Die nichtnazistischen Journalisten sahen nur die totalitäre Geschlossenheit, in der die NS-Presse auftrat, sie sahen nicht die Resignation und Verbitterung, die sich mancher NS-Journalisten bemächtigte.
Redakteur Schieferdecker erinnert sich: "Sooft wir uns anders auszudrücken wagten, wurden wir gerügt oder verwarnt. Schriftleiter wurden seit 1933 immer mehr "Hakenmacher', Leute, die an die amtliche Meinung Haken, die Zeichen ihrer redaktionellen Bearbeitung, zu machen hatten, weiter nichts."
Die NS-amtlichen Aufpasser beobachteten die VB-Redaktionen um so mißtrauischer, als der Hauptschriftleiter Weiß in dem Verdacht stand, ein "weicher" Nationalsozialist zu sein und allerlei Kritik am Regime zu dulden. Er hatte wiederholt sein Mißfallen an der Pressegängelung bekundet und sich gelegentlich der parteiamtlichen Zensur zu entziehen versucht.
1937 nahm er öffentlich Journalisten in Schutz, die der judenfeindliche Gauleiter Julius Streicher bedroht hatte, worauf Reichspressechef Dr. Otto Dietrich die Entlassung des VB-Chefs forderte; Amann lehnte ab. 1939 stellte Weiß einen Oberst Soldan als Militärkommentator ein, dessen Artikel der Partei zu objektiv waren. Soldan mußte gehen, Weiß engagierte einen neuen Kommentator: Oberst Dr. Hesse, den ehemaligen Pressereferenten des Generalfeldmarschalls von Brauchitsch. Auch er verfiel dem Parteizorn -- Weiß stellte daraufhin jede VB-eigene Kommentierung militärischer Ereignisse ein.
"Weiß stand mit vielen Parteiführern auf Kriegsfuß und billigte innerpolitische Unterdrückungsmaßnahmen nicht", urteilt Chronistin Noller. "Er wollte sogar sein Amt im VB niederlegen, ihm wurde aber von Amann bedeutet, daß dann der verhaßte Dr. Goebbels oder der ebenso verhaßte Reichspressechef Dr. Dietrich einen ihnen genehmen Mann in den VB einschleusen würden."
Der enttäuschte Nationalsozialist Weiß blieb auf seinem Posten -- bis zum bitteren Ende. Er sah, wie die Gestapo regimekritische Redakteure des "Völkischen Beobachter" von den Umbruchtischen weg verhaftete. Er sah den Totentanz des Regimes, dem er -- wider besseres Wissen -- in den Spalten des Parteiblattes das höchste Lob sang.
Im Sommer 1943 witterte Weiß eine letzte Chance, aus dem Krawallblatt eine echte Zeitung zu machen. Als auf Befehl Hitlers die bei den Nazis verhaßte bürgerliche "Frankfurter Zeitung" eingestellt wurde, kamen Weiß und Amann auf die Idee, die "politische Zuverlässigkeit der VB-Redaktion mit dem journalistischen Können der Frankfurter-Zeitungs-Redaktion zu kreuzen" (Amann).
Der NS-Verlagsherr bestellte den stellvertretenden Chefredakteur der "Frankfurter Zeitung", Erich Weiter, zu sich und fuhr ihn an: "Es wäre vielleicht das Einfachste, wir ließen Sie jetzt alle an die Wand stellen und erschießen. Aber wir wollen Ihnen eine Chance geben." Der VB-Herr bat die FZ-Kollegen, ihm zu helfen; es sei ihm daran gelegen, das VB-Niveau zu heben und mit den "begabten Journalisten der hervorragenden "Frankfurter Zeitung"' den "Völkischen Beobachter" aus dem Trott eines Parteiblatts herauszubringen.
Ein kleiner Kreis ehemaliger FZ-Redakteure opferte sich und trat den Gang zu dem verachteten Blatt an. Die Journalisten merkten freilich bald, daß die VB-Redaktion der totalitären Ausrichtung ermangelte; bereitwillig stützten sie die vor allem um das Feuilleton-Ressort gruppierte Fronde regimekritischer Redakteure.
Auch äußerlich merkte man dem Blatt einen anderen Kurs an. FZ-Redakteure durften fortan jene militärischen Kommentare schreiben, die man den Obersten Soldan und Hesse verwehrt hatte. Selbst Weißens Artikel verrieten einen wachsend kritischen Akzent; der "Neuen Zürcher Zeitung" fiel auf, daß der VB-Chef zu den wenigen Journalisten Adolf Hitlers gehörte, die ein fast ungeschminktes Bild der Kriegslage gaben.
Am 30. April 1945 druckte Wilhelm Weiß in München die letzte Nummer des "Völkischen Beobachter" mit der sechsspaltigen Schlagzeile: "Großschlacht um Bayern". Sie erreichte die Deutschen nicht mehr -- Amerikas Panzer rollten schon durch die Straßen und signalisierten das Ende.

DER SPIEGEL 15/1967
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