03.04.1967

STRATEGIE / KAHNDuell im Dunkel

Den Fischern vor den Fjorden Nordnorwegens schien es wie fernes Wetterleuchten. In München und Basel huschte der Lichtschein als unwirkliche Taghelle durch die nächtlichen Straßenschluchten.
Über Bonn und Köln, Dortmund und Düsseldorf loderte der Himmel. Das kalte Licht einer grünlichen Feuerkugel durchzuckte noch die letzten Winkel der Wohnhäuser und Bürotürme -- verderbendrohend.
In 18 Kilometer Höhe über der deutschen Bundeshauptstadt hatten die Sowjets eine Atombombe gezündet.
Stunden später drückt ein deutscher Starfighterpilot auf den Auslöseknopf seines Bombenrechners. Das Stadtzentrum von Leningrad vergeht in Feuersbrunst und Asche.
Der Atomblitz über Bonn und der Rauchpilz über Leningrad sind die letzten Szenen eines geisterhaften Drehbuchs, das in einem ehemaligen Nervensanatorium nahe New York erdacht und unlängst vor bundesdeutschen Stabsoffizieren in einem Kolleg zum Thema Atomkrieg entrollt wurde.
Dramatische Vorgeschichte der Atom-Konfrontation:
> Streik in den volkseigenen Möbelfabriken in Schwerin. DDR-Truppen, die den Aufstand niederbrechen sollen, verbünden sich mit den Streikenden.
> Sowjetverbände greifen ein -- ohne Erfolg. Die Revolte breitet sich aus. Ost-Berliner reißen die Mauer ein. Zonengrenzbauern zerschneiden den Stacheldraht.
> Einheiten der Bundeswehr überschreiten eigenmächtig die Grenze. Bundeswehr und Volksarmee kämpfen gemeinsam gegen die Sowjets.
"Die Schlacht steht nicht gut für die Sowjets", vermerkt das imaginäre Kriegstagebuch für den dritten Tag der Krise. Die Russen fürchten eine Niederlage und zünden die (keinen nennenswerten Schaden anrichtende) atomare "Demonstrationsbombe" über Bonn -- Signal für die Entschlossenheit Moskaus, vor dem Einsatz atomarer Waffen nicht länger zurückzuschrecken.
Die Vision von der folgenreichen Revolte in Schwerin bis hin zum Abwurf der Atombombe auf Leningrad, laut Regieanweisung das Husarenstück eines wahnwitzigen Bundeswehrpiloten, entstammt der Denkschule eines amerikanischen Zivilisten, der die Gedankengänge der Militärs in Ost und West tiefgreifender beeinflußt hat als
* Herman Kahn: "Thinking about the Unthinkable". Horizon Press, New York; 256 Seiten; 4,50 Dollar.
** Herman Kahn: "On Thermonuclear War". Princeton University Press, Princeton, New Jersey: 672 Seiten; 12,50 Dollar.
irgendein General während der letzten anderthalb Jahrhunderte.
Sie stammt von Herman Kahn, 45, Mathematiker und Physiker, Atomkriegsdenker an dem von ihm selbst gegründeten Hudson-Institut nahe New York. Erklärtes Ziel des Strategen in Zivil: "Über das Undenkbare nachzudenken" (so der Titel eines seiner Bücher) und die Gefahren eines atomaren Weltenbrandes dem Kalkül menschlichen Geistes zu unterwerfen*.
So provozierend waren die Ergebnisse der mehrjährigen Denkmühen Herman Kahns, daß selbst renommierte Kritiker sich außerstande sahen, ihn anders denn als Inkarnation des Satans zu betrachten.
Regisseure von Antikriegsfilmen ("Dr. Strangelove", "Fall-Safe") wählten den 220 Pfund schweren, kugelbäuchigen Gelehrten zum Vorbild für die Rollen bombenbesessener Wissenschaftler. Und das ruhmreiche US-Wissenschaftsblatt "Scientific American" schrieb über Kahns erstes Buch: "Es handelt sich um ein moralisches Traktat über Massenmord: wie man ihn plant und ausführt, danach straffrei bleibt und ihn noch rechtfertigt."
Weit in der Überzahl aber sind die Stimmen seiner Bewunderer, die dem Gelehrten mit dem Intelligenzquotienten (IQ) 200 (um 50 Punkte oberhalb der Genie-Grenze) das höchste aus der Feder von Militärkritikern denkbare Adelsprädikat verliehen: "Clausewitz des Atomzeitalters".
Kahns Bücher gehören zur Standardlektüre der Politiker und Militärs in Moskau wie in Washington und London. Von Kahns erstem Werk -- Titel, mit Anklang an Clausewitz: "Vom
Thermonuklearen Krieg" -- wurden seit dem Erscheinen im Jahr 1960 mehr als 60 000 Exemplare verkauft**.
"Für die Planer im Pentagon", notierte der amerikanische Militärjournalist Arthur Herzog, "ist dieses Buch so etwas wie eine Bibel geworden."
Ende vergangenen Jahres erschien das jüngste Werk des Atomkriegsdenkers (Titel: "Eskalation -- Die Politik mit der Vernichtungsspirale") mit einer Einführung des SPD-Wehrexperten Helmut Schmidt in deutscher Übersetzung*.
Wenige Wochen zuvor hatte Herman Kahn im Hamburger Diskussions-Treffpunkt "Haus Rissen" vor bundesdeutschen Generalen, Beamten und Bundestagsubgeordneten über seine Gedanken zur "Strategie im Atomzeitalter" ein mehrtägiges Seminar abgehalten.
Befremdlich schien den deutschen Zuhörern nicht nur das Szenarium einer durch ost-westdeutsche Verbrüderung ausgelösten Krise, das Kahn und seine Mitarbeiter vortrugen. Noch immer hallt der Schock nach, den Kahn mit provozierenden Thesen auslöste, beispielsweise:
> In bestimmten Krisensituationen sei der Einsatz von Atomwaffen gerechtfertigt.
> Atomkrieg sei eine Art Wettstreit, bei dem sich nach festen Spielregeln der Einsatz von Runde zu Runde steigere.
> Millionen von Strahlen-Krüppeln nach einem Atomangriff würden die amerikanische Nation weniger belasten als die Opfer des Straßenverkehrs heute.
> Auch nach einem Atomkrieg "werden die Überlebenden die Toten nicht beneiden" (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 142).
Vor allem die schroffe, mitunter schnoddrige Art, in der Kahn seine Thesen vortrug, erschreckte die Kritiker. Ihr Entsetzen steigerte sich, als der Intellektuelle mit dem Babygesicht vor sechs Jahren mit einer neuen Idee hervortrat.
Die Abschreckung kriegslüsterner Atommächte, so argumentierte der Atomprofessor, lasse sich auf die Spitze treiben: Techniker könnten eine sogenannte Doomsday Machine -- zu deutsch etwa: Maschine für den Weltuntergang -- konstruieren, die jedes schwächliche Zurückweichen ausschließt. Sie sprengt, wenn sich ein Angreifer nähert, vollautomatisch den Planeten Erde in Trümmer.
"Er ist kein Mensch, sondern ein Monster", entschieden die Kritiker angesichts solch düsterer Denkleistung des Atomgelehrten. Sie schauderten -- wie der Rezensent des "Scientific American", der fragte: "Gibt es ihn überhaupt, diesen Herman Kahn?"
Es gibt ihn seit 1922, als er, Sohn mittelloser jüdischer Einwanderer, in Bayonne bei New York geboren wurde. 18jährig begann er mit seinem Studium (Naturwissenschaften, Volkswirtschaft, Sozialwissenschaft), das er durch Gelegenheitsarbeiten als Schiffssteward und Kaufhausangestellter finanzierte. Vornehmlich die Lektüre scharfsinniger Science-fiction-Literatur (Lieblingsautor: Robert Heinlein) erweckte, wie Kahn sich erinnert, seine Neigung zu analytischem Denken.
Nach anderthalbjähriger Dienstzeit als US-Soldat in Burma erwarb er Ende der vierziger Jahre den (etwa dem deutschen Staatsexamen entsprechenden) akademischen Grad eines "Master of Science" in Physik. Höherer akademischer Ruhm blieb ihm verschlossen: Wieder einmal in Geldnöten, übernahm Kahn einen Ferienjob als Mathematiker bei der "Rand Corporation" im kalifornischen Santa Monica -- und blieb fortan dabei**.
Die Firma, die sich Kahn erwählt hatte, repräsentiert einen neuartigen Industriezweig der Vereinigten Staaten, in dem alljährlich Milliardenbeträge dafür ausgegeben werden, daß einige tausend kreative Köpfe sich berufsmäßig Gedanken machen.
Die Jahresproduktion solcher "Denkfabriken" besteht nur in einigen dünnleibigen Bänden Schreibmaschinen-Skript. Gleichwohl haben sie Amerikas Wirtschaft und Politik in den letzten Jahren entscheidender beeinflußt als Generationen von Militärs und Wirtschaftsführern je zuvor.
Das rapide Wachstum dieser Industrie in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist allenfalls mit dem Boom der Raumfahrtfirmen vergleichbar. Rand, die erste und eine der größten amerikanischen Nachdenkfabriken, begann 1946 mit insgesamt vier Mann Belegschaft; jetzt arbeiten in den glasglitzernden Instituts-Palästen am Pazifik 1200 Angestellte, darunter 600 Akademiker.
Mittlerweile unterhalten allein die amerikanische Luftwaffe und die Armee je vier solcher Denk-Stätten, zwei weitere beliefern die US-Marine mit Expertisen. Und inzwischen ist auch Herman Kahn, nach zwölfjährigem Dienst bei Rand, Direktor einer selbstgegründeten Denkfabrik: des Hudson-Instituts, 60 Kilometer nördlich von New York in den Räumen eines ehemaligen Nervensanatoriums.
"Man hört buchstäblich die Gehirne surren", beschrieb US-Journalist Arthur Herzog die seltsame Atmosphäre der Fabriken ohne Fließbänder und Schlote. "Es wirkt alles eher unorganisiert und lässig -- die Mädchen gehen in Pullover und Strandsandalen, die Männer in kurzärmeligen Hemden oder in Jacketts, bei denen die Ellenbogen mit Lederherzen geflickt sind. Die großen schwarzen Wandtafeln sind voll von urtümlichen Krakeln; man sieht, daß hier jemand nachgedacht hat. Aber die meiste Zeit scheinen die Leute miteinander zu reden, endlos. Sobald jemand in seinem Gehirn etwas ausgekocht hat und es den anderen mitteilen möchte, beruft er ein Seminar
Die Erfahrung, vormals Grundlage jeder unternehmerischen, politischen der militärischen Entscheidung, so erläuterte Kahn-Mitarbeiter Max Singer die Aufgabe der Denkfabriken, reiche nicht mehr aus -- "die Welt ist zu kompliziert geworden".
"Wir müssen mit der Historie fertig werden, noch ehe sie sich ereignet", erläutert Kahn die komplizierte Zielsetzung der neuen akademischen Dis-
* Herman Kahn: "Eskalation -- Die Politik mit der Vernichtungsspirale". Propyläen Verlag, Berlin; 380 Seiten; 24 Mark.
** Rand: Abkürzung für Research and Development Corporation Gesellschaft für Forschung und Entwicklung.
ziplin, die sich in den Denkfabriken etablierte.
John F. Kennedys Reaktion in der Kuba-Krise ebenso wie McNamaras jüngste Entscheidung, den Bau eines Raketen-Abwehrsystems nochmals zurückzustellen, machten deutlich, daß in den USA kein Ministerium und kein Regierungschef mehr auf die Beratung durch wissenschaftlich geschulte Analytiker verzichten können. "Keine einzige Regierungs-Maßnahme von nationaler Bedeutung, konstatierte das "New York Times Magazine", "wurde in den letzten Jahren ohne Ratschlag von außen beschlossen."
Die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern
und Militärs begann im Zweiten Weltkrieg. Naturwissenschaftler verbesserten die Einsatzmöglichkeiten bestimmter Waffensysteme. Sie berechneten zum Beispiel mit Hilfe einer statistischen Analyse, daß Wasserbomben eine höhere Trefferquote erzielen, wenn sie nicht nur in der gemessenen Tauchtiefe des feindlichen U-Bootes, sondern stufenweise darum herum placiert werden.
Mathematiker der Rand Corporation verbesserten die mathematischen Grundlagen der sogenannten Spieltheorie und Monte-Carlo-Technik und ermöglichten damit die Entwicklung der Wasserstoffbombe. Und der eiskalten Logik IQ-starker Zivilisten verdankt McNamara sein Bewertungsprinzip der "cost-effectiveness" (etwa: möglichst viel Kampfstärke je Rüstungsdollar), das ihn seit Anfang der sechziger Jahre mehrere gigantische Rüstungsprojekte stoppen (wie das Bomber-Programm "Walküre") oder in Gang setzen ließ (wie das erweiterte "Polaris"-Programm).
Längst haben Amerikas Denkfabriken den Marktwert ihrer subtilen Ware auf Dollar und Cent berechnet. Sie arbeiten zu Festpreisen. Kahns Hudson-Institut beispielsweise berechnet für die Jahresleistung jedes an einer Studie beteiligten Wissenschaftlers 46 000 Dollar (184 000 Mark). Um ihren Ausnahme-Status als steuerfreie "non profit organizations" nicht zu verlieren, verwenden die Denk-Trusts jeglichen Überschuß dazu, auf eigene Faust, ohne Auftrag, Untersuchungsprogramme anzukurbeln, die von den möglichen Auftraggebern noch nicht als nachdenkenswert erachtet werden.
Ein solcher Vorstoß in politisches Ödland war auch eine Studie, mit der Herman Kahn und sechzehn seine! Mitarbeiter Mitte der fünfziger Jahre bei der Rand Corporation betraut wurden. Welchen Sinn, so lautete die Quiz-Frage für die Rand-Forscher, hat Luftschutz im Atomzeitalter?
Auf den Ergebnissen dieser Studie basierten große Teile des ersten Kahn-Buches, "On Thermonuclear War", das 1960 erschien und seinen Autor alsbald zum meistbeachteten, aber auch umstrittensten Strategie-Denker Amerikas machte.
Kahn rekapitulierte später, in welch bestürzendem Ausmaß zum damaligen Zeitpunkt Militärs wie Politiker, Wissenschaftler und Öffentlichkeit versäumt hatten, über den möglichen Verlauf eines Atomkriegs und seine Folgen nachzudenken.
Eine Art Bewußtseinslähmung, meint Kahn, habe die Menschheit befallen, als am 1. November 1952 die erste amerikanische Wasserstoffbombe das Pazifik-Eiland Elugelab von der Landkarte tilgte.
Wie im Schock habe sich damals angesichts des 40 Kilometer hohen Rauchpilzes die Auffassung verbreitet, es sei eine Vernichtungsgewalt entfesselt worden, die alles Dagewesene an Zerstörungskraft millionenfach übertreffe und sich der menschlichen Vorstellungskraft vollends entziehe.
"Massive Vergeltung" und "Gleichgewicht des Schreckens" waren die Vokabeln, die noch Mitte der fünfziger Jahre das strategische Denken der Militärplaner in Ost und West beherrschten. Es war ein Denkschema des "Alles oder nichts", dem zufolge jede kriegerische Aktion zwischen den Supermächten automatisch den atomaren Schlagabtausch apokalyptischen Ausmaßes auslösen mußte.
Zwei Menschen auf ein und demselben Pulverfaß, jeder mit einer Zündschnur in der Hand, zwei Skorpione, giftdrohend in einer Flasche zusammengesperrt, zwei Köpfe, gleichermaßen bedroht unter einem Fallbeil -- solches waren, wie Kahn sich erinnert, die Metaphern, mit denen noch vor einem Jahrzehnt das sogenannte atomare Patt umschrieben wurde.
Selbst scharfsinnige Wissenschaftler äußerten damals die Ansicht, der Krieg sei undenkbar geworden. Wenn die Nationen nicht bereit seien, auf kriegerische Gewaltanwendung zu verzichten, so verkündeten beispielsweise 18 Nobelpreisträger im Juli 1955 ("Mainauer Erklärung"), werde die Menschheit aufhören zu existieren. Kahns Kommentar zu diesem durch "schöne Vereinfachung" gekennzeichneten Aufruf: "Die Menschen hörten einfach auf zu denken."
In dieser Situation schien auch die Frage, ob Luftschutz im Atomzeitalter sinnvoll sei, des Nachdenkens kaum wert. Wer in den Keller geht, um dem Atomblitz zu entgehen, so war die gängige Vorstellung, werde hernach doch in der radioaktiven Strahlung, die ganze Kontinente verseuche, den Tod finden. Luftschutz, so lautete die Folgerung daraus in den Vereinigten Staaten, sei eine Sache für Feiglinge, jedenfalls aber sinnlos.
Kahn bezweifelte diese These. Gegen die einhellige Auffassung der Militärs und sogar gegen den anfänglichen Widerstand des Rand-Präsidenten Franklin R. Collbohm setzte er sein Vorhaben durch, die Bilanz eines Atomkrieges mit Kurvenpapier und Logarithmentafel zu ermitteln, statt im Nebel des Dann-ist-sowieso-alles-aus zu verharren. Der Atomgelehrte Kahn berechnete das Grauen -- in Megatoten.
Wie eine Mathematik-Aufgabe spielte er zwei Möglichkeiten eines Sowjet-Angriffs auf die Vereinigten Staaten durch. Die eine rechnete mit dem sowjetischen Atompotential vom Ende der fünfziger Jahre (150 Abwurfziele, 500 Atombomben mit 1500 Megatonnen Sprengkraft**), die andere mit der für Mitte der sechziger Jahre voraussehbaren Sowjet-Streitmacht (400 Abwurfziele, 2000 Bomben, 20 000 Mega-
* Konfrontation des Sowjet-Raketenfrachters "Anosow" (Hintergrund) mit US-Zerstörer "Barry" und US-Aufklärungsflugzeug.
** Eine Megatonne entspricht der Sprengkraft von einer Million Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT.
tonnen). Von diesen Zahlen ausgehend, überzogen Kahn und seine Mitarbeiter die Landkarte des amerikanischen Kontinents mit den konzentrischen Kreisen von Explosionsherden, Zerstörungszonen, Druckwellenbereichen und Strahlungs-Fallout.
Kahn befragte Mediziner, welche Strahlungsmenge Menschen aushalten können und in welchem Maße eine geringere Dosis atomaren Fallouts lebensverkürzend wirkt.
E: fragte Genetiker, wie viele Menschen der etwaigen Nachkriegsgenerationen durch Schädigung des Erbguts verkrüppelt oder mißgebildet sein würden. Und er erkundete bei Historikern und Wirtschaftlern, welche Zeiträume Völker nach großen Kriegen benötigt haben, um sich von Zerstörung, Verwüstung und Bevölkerungsverlusten zu erholen.
Er untersuchte die sozialen Probleme von vorsorglichen Massen-Evakuierungen großer Städte und berechnete den Überlebensnutzen des Aufenthalts in Eisenbahntunnels, Felsenkellern oder Bunkersystemen. "Keinen Augenblick", sagt Kahn, "haben wir daran zweifeln können, daß ein Krieg mit Wasserstoffbomben eine Katastrophe unvergleichlichen Ausmaßes sein würde."
Dennoch: Die Ergebnisse der Analyse waren frappierend, auch für die kühlen Rechner selber. Kahn: Nur widerstrebend haben wir die Ergebnisse zur Kenntnis genommen. Nicht, weil wir sie nicht glauben wollten, sondern weil es so schwer war, sie zu glauben."
Hauptergebnis der Studie: Die überkommene These, der Atomkrieg sei deshalb undenkbar, weil er auf beiden Seiten nur rauchende, menschenleere und für Jahrtausende unbewohnbare Trümmerwüsten übriglasse, erwies sich als unhaltbar.
Kahn lieferte Zahlen. Würden durch einen schweren Atomangriff 157 amerikanische Großstädte vernichtet, lautete eine der Berechnungen, so würden 160 Millionen Amerikaner den Tod finden -- 20 Millionen Lebende wären übrig.
Schon bei geringfügigen Schutzvorkehrungen gegen atomaren Fallout -- Erdbunker, feste Kellertüren -- könnte die Zahl der Toten auf 65 Millionen reduziert werden. Bei sorgfältigen Schutzmaßnahmen -- Evakuierung großer Städte und Bau von Atombunkern (Kosten für ein solches Projekt in den USA: 88 Milliarden Mark) -- wären es 40 Millionen Tote.
Würden 160 Millionen Amerikaner sterben, rechnete das Kahn-Team weiter, so dürfte es schätzungsweise hundert Jahre dauern, bis die restlichen 20 Millionen den wirtschaftlichen und technologischen Standard der Vorkriegszeit wieder erreichen könnten, bei 40 Millionen Atomtoten hingegen nur 20 Jahre.
"Die Vereinigten Staaten", notierte Kahn, "sind ein sehr reiches Land mit einem hohen Bildungsniveau." Selbst wenn 100 der amerikanischen Ballungszentren zerstört würden, "bliebe mehr Wohlstand in diesem Land erhalten, als Rußland ihn heute aufzuweisen hat, und mehr technische Fähigkeit, als Rußland in den vierziger Jahren zur Verfügung hatte".
Was die psychologischen Voraussetzungen für das allmähliche Wiedererstarken der Nation anlangt, so mußte sich Kahn freilich auf eine Reihe "optimistischer Annahmen" stützen: Die "bürgerlichen Tugenden, der Überlebens- und Arbeitswille", meint Kahn, würden erhalten bleiben. Die Psyche der meisten Menschen, so zeige etwa die Erfahrung bei Naturkatastrophen, sei stark und beständig genug, den lähmenden Schock eines Atom-Desasters zu verwinden.
Kahn: "Selbst wenn die Hälfte oder ein Viertel der Nation den Tod fände, die Überlebenden würden sich dennoch nicht hinlegen, um zu sterben. Das Leben würde weitergehen."
Empört und bestürzt reagierten die meisten amerikanischen Kritiker, als Kahn in seinem 672 Seiten "starken Erstlingswerk die Mathematik des atomaren Grauens vortrug.
Viele Kritiker meinten, die unterkühlte Rationalität der Kahnschen Atomkriegs-Philosophie fördere einen neuen Geist des Militarismus. Das Buch mache, entgegen seiner erklärten Zielsetzung, den Ausbruch eines Atomkriegs geradezu wahrscheinlicher, indem es ihn -- erstmals -- als denkbar und möglich erscheinen lasse. Kahn selber hatte im Vorwort eingeräumt, daß "ein Buch dieser Art eine gewisse Gefahr" in sich berge: "Es könnte die Sowjets zu einer Probe aufs Exempel ermutigen."
Ein Großteil der Kritik indes gab sich als überschießende Reaktion auf Kahns Angriff gegen Tabus zu erkennen. "Ein blutrünstiger Irrationalismus durchzieht das teuflische, blasphemische Werk, wie ich ihn nie zuvor in einem Buch gefunden habe", schrieb der Kritiker des "Scientific American". Und selbst das "New York Times Magazine" argwöhnte, Kahn habe sein makabres Thema manchmal mit einer Art teuflischer Lust ("with gusto") abgehandelt.
Kahn wies derlei Vorwürfe zurück. Die Sprache seines Buches, so räumte er ein, müsse mitunter für Laien bestürzend klingen -- eben das ergebe sich aus der Natur der Sache. Kahn: "Ich muß den distanzierten Standpunkt eines Arztes einnehmen. Auch ein Arzt wird sich nicht ein Photo von der Frau und den Kindern seines Patienten auf den Schreibtisch stellen."
Gleichwohl, Kahns dringliche Empfehlung an die amerikanische Regierung, wenigstens durch ein minimales Luftschutz-Programm (geschätzter Aufwand: zwei Milliarden Mark) die Überlebenschancen des amerikanischen Volkes zu bessern, fand wenig Widerhall.
Meinungsverschiedenheiten über Sinn oder Unsinn des Luftschutzes und über den Nutzen weiterer Studien in dieser Richtung waren es denn auch, die Kahns Verhältnis zu dem Rand-Institutsleiter Collbohm kühlten und den Atomgelehrten schließlich veranlaßten, sich ganz von Rand zu trennen.
Zusammen mit dem Mathematiker Donald G. Brennan und dem gleichfalls bei Rand geschulten Juristen Max Singer begründete Kahn 1961 das eigene Institut am Hudson River. Zwei Jahre lang, erinnert sich der Gelehrte, verzichteten die Mitarbeiter freiwillig darauf, ihre monatlichen Gehaltsschecks einzulösen. Dann erst war das Institut finanziell saniert.
Am oberen Ende einer Wandtafel im Hudson-Institut ist mit Kreide das Motto angemalt, dem sich -- neben einer Reihe von unpolitischen, meist wirtschaftlichen und soziologischen Aufgaben -- die 75köpfige Kahn-Mannschaft verschrieb. Es stammt von dem britischen Militär-Schriftsteller und Guderian-Lehrer Liddell Hart, der ein lateinisches Sprichwort abwandelte: "Wenn du den Frieden willst, verstehe den Krieg" ("If you wish for peace, understand war").
Für Kahn und seine Mitarbeiter war dieses Postulat mehr als ein Sinn- und Leitspruch -- es war die logische Konsequenz aus seiner ersten Studie über den Atomkrieg. Wenn sich, so lautete Kahns Gedankengang, erwiesen hat, daß der atomare Schlagtausch keineswegs undenkbar ist, so wird es lebenswichtig, ihn noch genauer zu durchdenken. "Wir müssen untersuchen", schrieb Kahn, "auf welche Weise wir das Ausmaß der Zerstörung bei künftigen Kriegen so gering wie möglich halten können."
Alle militärischen Planungen der Amerikaner, ebenso wie Bücher und Filme, in denen die "Stunde Null" geschildert wurde, waren bis dahin von der Vorstellung eines totalen Atomkriegs ausgegangen:
Feindliche Bomber oder Raketen, so lautete das Denk-Klischee, würden sich drohend als grünliche Punkte auf den Radarschirmen abzeichnen -- und Minuten später werde der Präsident der USA zum roten Telephon greifen. Hunderte von Atombombern und Fernraketen würden unwiderruflich im Vergeltungsschlag millionenfachen Atomtod feindwärts tragen.
Kahn und seine Mitarbeiter hingegen wiesen erstmals darauf hin, daß ein solcher Blitzangriff und der sofortige Gegenschlag mit allen verfügbaren Atombomben von allen denkbaren Formen des Atomkriegs die wohl unwahrscheinlichste wäre.
Ebenso unrealistisch ist nach Kahns Meinung die Annahme, eine begrenzte Aggression der Sowjets, etwa die Wegnahme von West-Berlin, werde mit einem massiven Vergeltungsschlag beantwortet werden. Kein US-Präsident, meint Kahn, würde in einem solchen Fall das Leben von 160 Millionen Amerikanern aufs Spiel setzen wollen.
Weitaus wahrscheinlicher sei es, so folgerten die Hudson-Wissenschaftler. daß sich ein Atomkrieg, wenn er käme, aus langsam sich zuspitzenden Krisen, aus lokalen Konflikten und konventionellen Kriegshandlungen entwickeln würde -- nicht aus heiterem Himmel. Und es werde auch nicht -- von keiner Seite -- sofort das totale Inferno entfesselt werden, sondern ein Stufe um Stute sich hinaufsteigernder Abtausch von Atomschlägen, etwa: Bombe um Bombe, Stadt um Stadt. wahrscheinlich mit längeren Pausen des Zögerns zwischen den einzelnen Stufen.
Dieses Hinaufschaukeln von einer Stufe atomaren Terrors zur nächsten umschrieben die Militär-Theoretiker mit jenem Begriff, den Kahn als Titel seines jüngsten Buches verwendete: Eskalation.
Weithin hatte bei Militärs die Meinung vorgeherrscht, diese Eskalation habe, speziell wenn atomare Waffen eingesetzt würden, etwas Zwanghaftes. In einer Art teuflischen Automatismus würden die Weltmächte in die atomare Völkerschlacht hineinschlittern, blindwütig und ohne die Möglichkeit, Einhalt zu gebieten.
Kahn bezweifelte diese These. Mehr noch: Er erklärte sie zum bedrohlichsten Irrtum. des Atomzeitalters.
In ungezählten Einzelanalysen, tage- und nächtelangen Gesprächen und ausführlichem Quellenstudium ließen die zwei Dutzend Wissenschaftler des Hudson-Instituts Krieg und Frieden in der Menschheitsgeschichte Revue passieren.
Sie studierten die Befunde der Verhaltensforschung, sammelten die psychologisch aufschlußreichen Sprichwörter der Völker und analysierten Äußerungen und Handlungsweisen von Diplomaten, Staatsführern und Feldherren.
Resümee der Forscher: In allen Kriegen folgten die streitenden Parteien -- obwohl die im Frieden geordneten Beziehungen abgebrochen waren -- gewissen, wenn auch meist unausgesprochenen Spielregeln. Krieg, meinen die Kahn-Leute, ist kein blindwütiger Automatismus.
Kahn exemplifizierte solche gegenseitigen Stillbalte-Abkommen unter anderem an der abgestuften Steigerung der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg.
Vor Kriegsausbruch hatten sowohl Franzosen und Briten als auch die Deutschen offen das Konzept vertreten, die Luftstreitkräfte würden im Falle eines Konflikts "vernichtende Schläge" auf gegnerische Städte führen. Dennoch beschränkten -- in stillschweigender Übereinkunft -, die 1000 anglo-französischen und die 1100 Bomber der deutschen Luftwaffe vom September 1939 bis zum Mai 1940 ihre Einsätze auf das Auslegen von Minen, Aufklärungsflüge und das Bombardement der Küstenschiffahrt.
Während des gesamten Frankreichfeldzuges. als britische Bomber bereits nächtliche Präzisionsangriffe auf deutsche Industriezentren flogen, verschonte die Luftwaffe -- mit Ausnahme Rotterdams -- die gegnerischen Städte. Und selbst als die britische Luftstreitmacht Ende 1940 mit gezielten Angriffen auf Wohngebiete begann, beschränkten sich deutsche Bomber, wie Kahn notiert, zunächst noch auf "strategische Angriffe unter Aussparung anderer Ziele".
Am Beispiel dieses Luftkriegs werden jedoch auch die Grenzen des Spielregel-Systems deutlich: Es funktioniert nur, solange beide Seiten die jeweils angebotenen Beschränkungen zur Kenntnis nehmen und verstehen.
So wurde, wie Kahn meint, im. Zweiten Weltkrieg der anfängliche Wille der deutschen Führung zur Mäßigung im Luftkrieg durch eigene Schuld der Deutschen vom Gegner nicht verstanden: Während Hitlers Regierung den Luftangriff auf Rotterdam als rein militärische Maßnahme hinzustellen versuchte, sprach die NS-Propaganda von einem "Terrorangriff", der künftig auch anderen feindlichen Städten drohe. Ähnlich sei, auch das deutsche Bombardement der englischen Stadt Coventry mit ihren historisch wertvollen Bauten mißdeutet worden: Was von den Deutschen als begrenzter Vergeltungsschlag für die englischen Nachtangriffe gemeint war, empfanden die Briten als verheerende Eskalation "zum totalen Luftkrieg.
Daß sich die Eskalation von Krisen und Kriegen in kalkulierten, kontrollierten Stufen vollzieht, fand. Kahn nicht nur bei solcher Beschränkung des Einsatzes bestimmter Waffensysteme, sondern überaus vielfältig in der Historie bestätigt.
Ähnlich wie die Verhaltensforscher bei Rangkämpfen von Tieren ein bestimmtes Inventar von Drohgesten und Kampf regeln beobachteten, fanden die Hudson-Historiker im Rangstreit der Nationen ein ganzes Arsenal kommentmäßiger Zeichen, die dem Gegner den jeweiligen Grad der Entschlossenheit signalisieren sollen: diplomatische Noten, Kriegsdrohung, Wirtschaftsembargo, Mobilmachung, förmliche Kriegserklärung, Besetzung von Grenzprovinzen und so fort.
Wie fein solche Eskalationsstufen differenziert sein können, belegt Kahn mit Zitaten aus diplomatischen Noten des 18. und 19. Jahrhunderts, bei denen Nuancen der Formulierung dem Empfänger verläßliche Rückschlüsse auf den Grad der Drohung erlaubten. Beispiele:
> "Die Regierung Seiner Majestät zeigt sich von diesem Problem nicht unberührt" -- sehr schwache Andeutung, man könnte es zum Krieg kommen lassen; Kriegswahrscheinlichkeit: ein Prozent.
> "Die Regierung Seiner Majestät wird von diesem Problem betroffen" -- Wahrscheinlichkeit eines Krieges: fünf Prozent.
> "Die Regierung Seiner Majestät ist besorgt" -- Kriegswahrscheinlichkeit: zehn Prozent.
> "Die Regierung Seiner Majestät sieht sich in lebenswichtigen Interessen bedroht" -- Kriegswahrscheinlichkeit: 25 Prozent.
> "Die Regierung Seiner Majestät lehnt jede Verantwortung für die Folgen ab" -- Kriegswahrscheinlichkeit: 50 Prozent; die Erklärung muß bereits als Ultimatum gelten. Kahn zweifelt nicht daran, daß eine vergleichbare Vielfalt von Drohungen und abgestufter Gewaltanwendung auch im Atomzeitalter verfügbar ist. Mehr noch: Er hält es für das dringlichste Erfordernis modernen militärpolitischen Denkens, die Liste der möglichen Eskalationsstufen soweit wie irgend möglich aufzufächern.
Je ausgewogener das System. von Drohung und Gegendrohung, von Angriffsschlag und angemessener Vergeltung sich darbiete, um so eher könne eine überhitzte Eskalation in den Bereich von Megatonnen und Megatoten vermieden werden.
Seit Anfang der sechziger Jahre hat sich die amerikanische Verteidigungspolitik solche Denkweisen zunehmend zu eigen gemacht. Begriffe wie "flexible Erwiderung" ("flexible response"), "Krisen-Management" und "abgestufte Abschreckung", die nunmehr das strategische Konzept der Amerikaner kennzeichnen, lassen das Grundmuster Kahnscher Gedankengänge noch erkennen.
Sie deuten auf jene Metapher, mit der Kahn seine Theorie der kontrollierten Auseinandersetzung zwischen Staaten zu veranschaulichen suchte: eine Leiter mit Sprossen und "Schwellen", auf der Konflikte und Krisen schrittweise eskalieren oder de-eskalieren (siehe Graphik).
"Hermans Leiter" nannte das US-Wochenblatt "The Nation" das Kahnsche Denkmodell. Doch anders als die legendäre Jakobs-Leiter, die der biblische Stammesvater im Traum gen Himmel gerichtet sah, führt Kahns Stufenfolge der Eskalation dorthin, wo auch ihr Ersinner "wahrscheinlich am Ende landen wird" ("Nation"): zur Hölle.
In der Tat: Niemals zuvor waren die Fegefeuer eines Atom-Weltkriegs so nuanciert, so schreckensreich durchdacht und dargestellt worden wie mit den 44 Sprossen der Kahnschen Atomleiter.
Die ersten drei Sprossen liegen noch im Vorgelände diplomatischen Geplänkels ("unterhalb der Krisenschwelle"). Sie reichen von,, absichtsvoller Krisensprache" über "legale, jedoch unangenehme, unfreundliche, unhöfliche oder drohende Schritte" bis hin zu "feierlichen und förmlichen Erklärungen", die freilich den Gegner nicht aufreizen, sondern ihn warnen und in seine Schranken weisen sollen.
Die Leitersprossen vier bis neun rubriziert der Atomdenker unter "traditionelle Krisen". Höhepunkt dieser Eskalationsphase ist die "dramatische militärische Konfrontierung" (Sprosse neun) -- jener Zustand nervöser Weltspannung, der nach Kahns Auffassung mit der Kuba-Krise ("direkte Gegenüberstellung", "Auge in Auge") erreicht war.
Mit diesem Punkt der Krisenzuspitzung ist, so Kahns Denkmodell, eine der sechs "Schwellen" oder "Brandmauern" erreicht, die in besonderer Weise die explosionsartige Ausbreitung eines Konflikts zu bremsen vermögen: Haltepunkte, an denen die feindlichen Mächte es nur zögernd über sich bringen, den nächsten, besonders gravierenden Schritt zu tun.
So bedeutet beispielsweise das Überspringen der Schwelle nach der Sprosse neun, daß der Atomkrieg aufhört, "undenkbar" zu sein: Das Gefühl der Sicherheit im Volk, die "nukleare Ungläubigkeit" schwinden. Teile der Stadtbevölkerung werden evakuiert (Sprosse 17). Vereinzelte, vielleicht auch als "versehentlich" deklarierte Atomschläge und atomare Machtdemonstrationen sind denkbar (Sprosse 18) -- wie beispielsweise die in Kahns Szenarium "Schweriner Aufstand" über Bonn gezündete Demonstrationsbombe.
"Intensive Krisen" heißen in Kahns Terminologie die Eskalationsstufen bis Nummer 20 -- einschließlich großer konventioneller Kampfaktionen (Sprosse zwölf) und weltweiter Blockade-Maßnahmen (Sprosse 20). Dann aber, mit Sprosse 21, wird die "wohl wichtigste, einschneidendste" (Kahn) Schwelle überschritten: Die Eskalationsleiter führt mit dem gezielten Einsatz atomarer Waffen in die Phase der "bizarren Krisen".
Spätestens an dieser Schwelle eskaliert auch Kahns Gedankengang in den Bereich reiner Abstraktion. Was jenseits der Sprosse 21 liegt, bis hin zu blindwütig vernichtenden Atomangriffen auf die "zentralen Schutzstätten", die Städte, entzieht sich menschlicher Erfahrung.
Kahn selber ist sich darüber im klaren, daß sein Sprossengebilde kein Reglement der internationalen Beziehungen, kein Fahrplan der Krisen und Kriege ist. Nicht starre Denkschemen wollte Kahn liefern, sondern ein loses Ideengerüst. das Phantasie und Denkkraft der Strategen und Politiker "anregen und beflügeln" könnte, wenn es gilt, menschheitsbedrohende Krisen zu verhindern oder zu meistern.
Daß Kahns Denkmodell vom kontrollierten Hinauf- und Herabschaukeln gefährlicher Konfrontationen auch im Zeitalter der Interkontinentalraketen funktionieren kann, hat sich an einem klassischen Beispiel erwiesen: in der Kuba-Krise.
Die amerikanische Taktik, die in der berühmt gewordenen Fernsehansprache Präsident Kennedys vom 22. Oktober 1962 gipfelte, wies zwei Merkmale auf, die nach Kahns Meinung in idealer Weise den Eskalations-Spielregeln Rechnung trugen:
> Offene Ankündigung geplanter oder in Erwägung gezogener Schritte -- Kennedy ließ keinen Zweifel daran, daß die USA vor einer Besetzung Kubas nicht zurückschrecken und eine Ausweitung des Konflikts auf andere Krisenherde, namentlich Berlin, gleichfalls mit einer Eskalation beantworten würden.
> Rückzugsmöglichkeit für den Gegner, kein unnötiges Hinaufschrauben der Eskalation die USA mühten sich, die direkte Konfrontierung soweit wie möglich zu begrenzen: Sowjet-Schiffe ohne Raketen durften passieren, die Raketen-Frachter wurden zwar aufgehalten, aber nur photographiert (ohne Entfernen der Decksplanen), kein Marinekommando begab sich an Bord. Das Einlenken der Sowjets und speziell eine rückblickende Rede, die Chruschtschow sechs Wochen nach der Krise vor dem Obersten Sowjet hielt, machten deutlich, daß der Kreml Kennedys Ankündigungen richtig verstanden und die Spielregeln akzeptiert hatte.
Freilich, das Hasardspiel um Kuba ließ zugleich die heiklen Grenzen der Kahnschen Spiel-Theorie deutlich werden: Geringfügige Fehleinschätzungen der gegnerischen Entschlossenheu können fatale Folgen haben. Die Frage: "Ernstgemeinte Drohung oder Bluff?" wird sich für den jeweiligen Kontrahenten niemals mit letzter Sicherheit entscheiden lassen.
Fragwürdig indes wird Kahns Theorie vom Krisen-Reglement auch bei jenem Typ militärischer Auseinandersetzung, der die US-Strategen nun schon seit geraumer Zeit zunehmend irritiert: bei Busch- und Partisanenkriegen wie in Vietnam.
Zu ungleich sind die militärischen Machtmittel, die sich im Vietnamkrieg gegenüberstehen, zu unterschiedlich Tradition und Denkart der Kontrahenten, als daß ein Dialog über die Eskalationszüge im Sinne Kahns zustande kommen kann: Die Spielregeln sind nicht gemacht für jenes "Duell zwischen Degen und Keule", wie der britische Militärtheoretiker und Kahn-Kritiker Alastair Buchan den Einsatz amerikanischer Bomber-Geschwader gegen die radelnden Nachschub-Kompanien des Vietcong nannte.
Sarkastisch formulierte ein Kolumnist des Wochenblatts "The Nation": "Wir haben uns größte Mühe gegeben, die Botschaft an den Mann zu bringen, mit den feinsten Methoden der Übermittlung -- wie beispielsweise Sprengbomben. Aber die Nordvietnamesen scheinen die Botschaft nicht zu empfangen, wir müssen also weiter eskalieren."
Verfechter der Kahn-Theorien dagegen halten zugute: Gerade der Umstand, daß trotz des zunehmenden Engagements der Amerikaner in Vietnam der Dialog zwischen den großen Machtblöcken auf der vergleichsweise harmlosen Eskalationsstufe zwei -- im Stadium von Verbalinjurien -- verharrt, beweise die Brauchbarkeit des Kahnschen Denkmodells.
Kahn und seine Mitarbeiter hoffen, daß jenes Instrumentarium von Drohung und Gegendrohung, Schlag und Gegenschlag, Verzicht und Gegenverzicht auch dann noch wirksam sein werde, wenn dereinst eine Weltkrise die gefürchtete Sprosse 21 erreichen, die atomare Schwelle überschreiten würde.
Sie hoffen, das System der Atempausen, des zögernden Innehaltens zwischen den Stufen atomaren Schreckens werde die Eskalation bremsen können, ehe sie bis zur letzten Sprosse der Hollenleiter fortschreitet, die Kahn mit dem Begriff des "krampfartigen, wahnwitzigen Krieges" umschrieb ("Alle Abzüge werden gleichzeitig betätigt"). Kahn über diese letzte Leitersprosse: "Die Verantwortlichen und ihre Führungsstäbe können dann nach Hause gehen, falls es das noch gibt."
"Nuklearen Galgenhumor" nannte Amerika-Korrespondent Herbert von Borch derlei sarkastische Bemerkungen des Atomdenkers. Doch selbst der monströse Intellektualist Herman Kahn, scheint es, mußte all seine Galgen-Philosophie, allen Mut zur Menschenverachtung zusammennehmen, um zu ersinnen, was ihm als Ultima ratio der Atomkriegs-Strategie vorkommt: die Weltuntergangs-Maschine.
"Ich glaube, sie kann gebaut werden", sagt der gelernte Physiker und Mathematiker Kahn, "genauer: ich weiß, daß sie gebaut werden kann." Zehn Jahre, meint er, würde die Konstruktion des Apparats wohl dauern. Geschätzte Entwicklungskosten: zehn Milliarden Dollar.
600 Meter tief unter der Erdoberfläche würde die Höllenmaschine eingegraben, die, wenn sie losgeht, unwiderruflich alles Leben auf dem Menschheits-Planeten auslöscht.
Der Großmeister des atomaren Schreckens beschrieb die Funktionsweise des Apparats ·."Wir könnten beispielsweise erklären: "Seht her, die Maschine ist an einen Computer angeschlossen, der seinerseits mit elektronischen Spürgeräten aller Art verbunden ist. Das Elektronenhirn ist folgendermaßen programmiert: Wenn die Sowjets oder irgendeine andere Macht eine der folgenden Aktionen unternimmt -- sagen wir: fünf Bomben auf die USA, Wegnahme Berlins, Beleidigung unseres Botschafters in Laos oder was immer wir auf diese Liste schreiben wollen -, passiert es. Die Liste muß detailliert und mit fürchterlicher Klarheit abgefaßt sein. Alles übrige geht automatisch: Sobald der Computer die Verletzung eines der Gebote registriert, sprengt er die Erde in die Luft. Aber man muß sich darüber keine Sorgen machen, denn niemand wird es wagen, die Gebote zu verletzen."
Kahn schätzt die Vorzüge der Höllenmaschine hoch ein -- als das perfekte Mittel der Abschreckung. Kahn: "Furchteinflößend, überzeugend, unerbittlich -- niemand kann sie erpressen. Wir können sie absolut bombensicher, unverletzlich machen. Sie hat keine Schwierigkeiten mit humanitären Regungen. Und sie ist nicht teuer, ich schätze, daß ich sie für ein Zehntel dessen bauen könnte, was die Strategische Bomberflotte uns gekostet hat."
Freilich, die makabre Vision einer Weltuntergangs-Maschine, die wie der Schlußstein Kahnscher Atom-Philosophie anmutet, war wiederum nur eine Episode im schier unerschöpflichen Gedankenstrom des Atompropheten -- eine Spielart der ungezählten Versuche, das Undenkbare zu durchdenken.
Das Schwergewicht Kahnscher Denkmühen verlagerte sich mittlerweile zu einem Problem, von dessen Lösung sich der geistige Bezwinger der Atom-Dämonen letztlich mehr verspricht als von der Vervollkommnung des Schreckens: zur kontrollierten Abrüstung.
Kahn ist in diesem Punkt nicht ohne Optimismus. Er glaubt eine gewisse, "möglicherweise hoffnungsvolle" Evolution im Macht- und Kriegsdenken der Menschen zu erkennen: Spätestens in den Schützengräben des Ersten
* Vor Beamten und Bundeswehr-Offizieren beim Seminar im Hamburger "Haus Rissen".
Weltkriegs sei die verklärende, mit Heldentum und Abenteuerlust verbrämte Auffassung vom Krieg erstorben -- das defensive Denken sei im Vormarsch.
Zwischen den USA und Sowjetrußland gebe es -- außer der gegenseitigen Furcht -- keinen Grund für ernstliche Auseinandersetzungen. Kahn hält es für möglich, daß sich der Konflikt zwischen den beiden Supermächten allmählich zu einer Art "ritualisierten Wettstreits" entschärfen könnte
"wenn uns dazu genügend Zeit bliebe".
Dies freilich scheint dem Atomdenker doch zweifelhaft. Als Wohnsitz wählte Kahn (verheiratet, zwei Kinder) ein Haus in Chappaqua, 60 Kilometer von New York und damit -- für den Fall eines Atomangriffs auf die Millionenstadt -- außerhalb der direkten Strahlungszone. Kahn: "Ich glaube eben, daß uns nicht genügend Zeit bleibt."
Unauflösbar erscheint ihm der Widerspruch zwischen vernünftigen Grundeinsichten der Kontrahenten und den tief wurzelnden Hemmnissen, sie in reale Verständigung umzuwandeln.
Mit einem drastischen Vergleich veranschaulichte Kahn das Problem von Abrüstungsverhandlungen: So wie zwei Männer, die in einem dunklen, dynamitgefüllten Raum mit brennenden Fackeln ein Duell austragen wollen, stünden die Weltmächte sich gegenüber -- "man sollte glauben, daß sie sich darauf einigen würden, wenigstens das Licht anzulassen".
Aber die Diskussion, "wie viele, wie helle und welche Lampen sie anlassen sollen", droht immer wieder an Irrationalismen zu scheitern.
Kahn: "Trotz zwingender Motive für eine Absprache könnte eine tiefsitzende Feindschaft verhindern, daß sich die Kontrahenten einigen."

DER SPIEGEL 15/1967
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