03.04.1967

VATI KAN ZÖLIBATAngst und Bohnen

Long und Longo fielen tief und tiefer. Gabriel Longo, katholischer Seelenhirte in New Jersey (USA), zog den schwarzen Rock für immer aus. Denn er wollte "Sex auf ehrliche Art". Dann schrieb er seine Autobiographie. Titel: "Gescheiterter Priester".
Longos englischer Kanzel-Kollege George Long scheiterte und schrieb ebenfalls. Noch während er den Schwarzrock trug, wurde er mit einer englischen Wehrmachtshelferin, einer Kosmetikerin und einer TWA-Stewardeß intim. Alle drei fragten ihren Liebhaber, weshalb ausgerechnet er Priester geworden sei. Schließlich fragte sich Long das selbst und ließ sich von seinem Priesteramt entbinden. Den Start in die Weltlichkeit will er mit seiner Autobiographie finanzieren*.
Die öffentlichen Beichten von Long und Longo sind Fall-Studien einer Bewegung, die derzeit an einer Grundfeste der römischen Kirche rüttelt. Etwa 60 000 Patres und Priester desertierten in den letzten ·Jahren von den Divisionen des Papstes, weil ihnen verboten ist, was dem christlichen Laien als Sakrament gepriesen wird: eheliche Liebe.
Vor allem in England und Amerika wuchs sich die Amtsflucht aus Liebeskummer in den vergangenen Wochen zu einer Massenflucht aus.
In Amerika schuf der exkommunizierte Geistliche William H. DuBay die erste Stellenvermittlung für Ex-Priester (die nach ihrer Heirat automatisch von den Sakramenten ausgeschlossen werden).
Auch die Zahl jener Kleriker stieg, die heiraten möchten, aber vor einem Bruch mit Mutter Kirche noch zurückschrecken: In den Aktenschränken der Kongregation für die Glaubenslehre zu Rom stapeln sich etwa 10 000 Petitionen von Geistlichen, die in Gnaden aus dem Amt entlassen werden wollen -- vorzugsweise, um zu heiraten.
Nur in seltenen, meist geheimgehaltenen Fällen gewährte der Papst die Bitte. Denn Rom fürchtet, so erklärte Indonesien-Bischof Rudolf Staverman, eine großzügige Erledigung der Petitionen werde "in zu vielen anderen Priestern den Wunsch nach Veränderung wecken".
Das Zweite Vatikanische Konzil hatte weite Teile des Klerus auf eine Lockerung des kanonischen Eheverbots (Zölibat) für Priester hoffen lassen. Reformfreudige Konzilsväter, auf Meinungsumfragen im Klerus gestützt, wollten den Zölibat zu Fall bringen. Brasilianische Priester ließen in Rom eine aufsehenerregende Enquete zirkulieren. Fazit: Viele Geistliche, die unter dem Eheverbot nicht leiden, sind entweder in ihrer seelischen Entwicklung gestört oder latent homosexuell.
Die Zölibat-Gegner rechneten sich gute Chancen aus. Denn das Keuschheitsgebot, 1139 durch Konzilsdekret eingeführt, gründet weder in göttlichem Gebot noch in frühkirchlicher Tradition. Jesus hatte seinen Jüngern freigestellt, eine Frau zu nehmen oder nicht. Der Apostel Petrus, der Stammvater des Papsttums, war verheiratet. Die strenggläubige Orthodoxe Kirche gönnt ihren Priestern die Ehe.
Zur Überraschung der Konzilsväter untersagte Papst Paul VI. trotzdem jegliche Diskussion: "Es ist Unsere Absicht, dieses alte, heilige und providentielle Gesetz nicht nur mit all Unseren Kräften zu bewahren, sondern auch seine Bedeutung zu stärken."
Doch die Autorität des Papstes ist nicht mehr, was sie war. Seit dem Vaticanum II, auf dem die älteste Monarchie der Welt sich dem 20. Jahrhundert anzupassen suchte, klafft im Katholizismus eine "Unfehlbarkeitslücke" ("New Statesman"). Hunderte Gottesmänner wagen unorthodoxe Meinungen, Tausende begehren gegen den päpstlich geschützten Zölibat auf:
> In Holland, wo sich letztes Jahr die Zahl abtrünniger Priester gegenüber 1965 verdoppelte (auf 60), sprachen sich 40 Prozent des Klerus für eine Lockerung oder die Abschaffung des Eheverbots aus.
> In Amerika stimmten bei einer Umfrage des "National Catholic Repor-
* George Long: "All I could neyer be". Verlag Leslie Frewin, London; 272 Seiten; 30 shilling.
ter" 62 Prozent der befragten Priester gegen den Zölibat; 31 Prozent erklärten, sie würden heiraten, wenn sie dürften.
> In Frankreich, so klagte der Weihbischof von Lyon in einem Brief an "Le Monde", stürzt der Zölibat viele Priester in schwere Konflikte.
Prominente Theologen übten in Büchern und Zeitschriften Zölibats-Kritik. Der französische Abbé Marc Oraison enthüllte, mit welchen Mitteln der Chef des Heiligen Offiziums, Kardinal Ottaviani, noch im 20. Jahrhundert geistliche Fleischeslust zu dämpfen trachtete. Ottaviani zu Oralson: "Gegen Unkeuschheit helfen Angst vor der Sünde und strenge Diät." Kardinal Pizzaro habe dieses Rezept noch verfeinert: "Angst, Spaghetti und Bohnen."
Trotz Angst und Bohnen gab es schon immer "gefallene Priester" (so der römische Terminus für die Gelübdebrecher). Aber während die Sex-Gefallenen von einst ihrer Kirche meist einen letzten Dienst erwiesen und in der Anonymität untertauchten, suchen die Zölibatsflüchtlinge jetzt die Publizität. Sie grüßen öffentlich als Vermählte, sie brechen dramatisch mit Rom, oder sie beginnen gar einen Kampf gegen Rom.
In St. Petersburg (USA) posierte Pfarrer Anthony Girandola mit Frau (einer ehemaligen Luftstewardeß) und Baby vor den Pressekameras. Er trug den schwarzen Rock und will ihn weiter tragen. Denn: "Ich habe mich nicht an Gott versündigt und bleibe deshalb Priester." Girandola liest Messen für Exkommunizierte.
In Birmingham (England) kündigte Missionspater Arnold McMahon seine Hochzeit mit der hübschen malaiischen Studentin Elizabeth John an. Im Zölibat sieht McMahon nur "Roms geistlichen Imperialismus" bestätigt. McMahon: "Gott will, daß ich heirate und Priester bleibe." Und: "Ich bin bereit, den Kampf mit Rom aufzunehmen."
In den Gazetten wurden Nachrichten von Priester-Ehen fast so alltäglich wie die Standardmeldung vom indischen Hunger.
Charles Davis, Britanniens führender katholischer Theologe und Konzilsberater des Kardinals Heenan, trat aus der Kirche aus und heiratete im Februar die katholische Studentin Florence Henderson -- in einer anglikanischen Kirche.
Dem abtrünnigen Davis -- Befürworter der Geburtenkontrolle und Kritiker des päpstlichen Primats -- applaudierte Pater Herbert McCabe. Chefredakteur des Dominikaner-Magazins "New Blackfriars". Römische Kirchendisziplin müsse sich, so schrieb er in einem Leitartikel, künftig am Vorbild der Familie, nicht des Gefängnisses orientieren. McCabe wurde gefeuert.
Daraufhin traten weitere Geistliche von ihrem Amt zurück oder erklärten ihren Austritt aus der Kirche -- wie Pater Wilfrid Stibbs, der frühere Direktor der Laienorganisation "Legion of Mary".
Ende März beschwor der Bischof von Clifton über Presse, Punk und Fernsehen den abtrünnigen Pfarrer Patrick Murphy, wieder zu seiner Gemeinde zurückzukehren. Murphy war mit einer verheirateten Frau durchgebrannt. Zur gleichen Zeit verkündete in Milwaukee (USA) der Geistliche Edmund Kurth Ehewünsche. Er heiratete standesgemäß. Seine Auserwählte -- Shirley Weiß -- war eine Nonne.

DER SPIEGEL 15/1967
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