03.04.1967

MEDIZIN / POCKENIMPFUNGTödlicher Schutz

Die Seuche kennenzulernen, war der Arzt nach Indien geflogen. Wieder zu Hause, diagnostizierte der Hannoveraner Dermatologe Dr. Jürgen Fischer, 47, die entstehende Infektionskrankheit an sich selber: Pocken.
Zum zweitenmal in den letzten sechs Wochen sind Pocken-Viren, im Flugzeug Kontinente überspringend, In die Bundesrepublik eingeschleppt worden. Mitte letzten Monats hatten 141 Regensburger -- Mitbürger der an Pocken erkrankten Indien-Urlaubsreisenden Anna Schmaus -- in Quarantäne gehen müssen; 40 000 hatten sich zur vorbeugenden Impfung gedrängt.
In Regensburg wurde die Gefahr einer Epidemie gebannt. Und auch bei dem neuesten, dem Hannoveraner Pockenfahl hoffen die Ärzte, die Seuche zu besiegen, noch ehe sie ausgebrochen ist.
Als Triumph ihrer Wissenschaft erachten es die Mediziner, daß die einst völkerverheerende Seuche in Europa ihre Schrecken verloren hat -- durch eine Maßnahme, die in Deutschland vor knapp einem Jahrhundert gesetzlich verankert wurde: zweimalige zwangsläufige Impfung aller Kinder, unter drei und mit zwölf Jahren.
Doch paradoxerweise diskutieren seit einigen Jahren Kinder- und Impfärzte nicht nur in Westdeutschland, ob dieses Verfahren noch sinnvoll, ob der gesetzliche Zwang zur Pockenimpfung der Kleinkinder noch vertretbar sei.
Kernpunkte der Debatte:
> Die Zahl der Todesfälle durch Pockenerkrankung in den westlichen Ländern nähert sich Null -- Insgesamt starben in den letzten zwanzig Jahren in der Bundesrepublik nur sieben Menschen an Pocken, in den USA seit 1948 niemand mehr. Aber:
> Jedes Jahr sterben in der Bundesrepublik durchschnittlich acht Kinder an den Folgen der Impfung gegen Pocken (USA: 300 Impftote seit 1948) und
> tragen etwa 160 Kinder bleibende Impfschäden davon; sie werden durch Narben entstellt, erblinden oder werden schwachsinnig.
"Dringende Warnung vor Impffeindlichkeit" übermittelte das "Hamburger Abendblatt" letzten Mittwoch aus dem Bundesgesundheitsministerium. Angesichts der beiden jüngsten Pocken-Infektionen mahnten die Bonner Gesundheitshüter, die Eltern dürften die gesetzliche Impfpflicht keinesfalls "vernachlässigen".
Aber die anhaltende Diskussion in der medizinischen Fachpresse stellt diesen Aufruf in Frage:
> "Medical World News", 1965: "Die allgemeine Pockenschutzimpfung bei Kindern ist nicht nur überholt, sondern abzulehnen" (Kinderärztin Dr. Margaret H. D. Smith, Tulane University).
> "Medical Tribune", 1966: "Sind die Pockenschutzimpfungen in Deutschland zu gefährlich?"
> "Selecta", März 1967: "Das von der Verfassung garantierte Recht auf körperliche Unversehrtheit ... als Argument gegen die (Pocken-) Impfpflicht".
Allein die nahezu hundertprozentige Durchimpfung der gesamten Bevölkerung, so beharren die Befürworter des Impfzwangs, wie etwa der renommierte Hamburger Impfarzt Dr. Wolfgang Ehrengut, biete Schutz gegen die Krankheit, die unter Nicht-Geimpften durchschnittlich jeden dritten Erkrankten dahinrafft.
Aber die Zweifler verweisen auf das Beispiel England, wo 1948 wegen der steigenden Zahl von Impfschäden der gesetzliche Impf zwang aufgehoben wurde -- ohne daß sich hernach die Zahl der Pockenerkrankungen bedrohlich erhöht hätte.
Und das Münchner Ärzte-Journal "Selecta" meinte jüngst in einem Kommentar, der Pockenimpfstoff müßte, würde er jetzt erst gefunden, seines hohen Risikos wegen "mit Sicherheit dem Veto der Gutachter verfallen" -- er würde nicht durch Gesetz zwangsweise verordnet werden dürfen.
Verheerend wie Pest und Cholera hatten einst auch die schwarzen Blattern in der westlichen Welt gewütet. Nur wenige Krankheitserreger sind derart aggressiv wie die Pocken-Viren. Dreieinhalb Millionen Menschen starben beispielsweise, als 1526 mit einem Trupp spanischer Soldaten ein Pockenkranker in Mexiko gelandet war und erstmals Indios infiziert hatte.
Fast von einem Jahr aufs andere aber wurde Europa von der Seuche befreit, nachdem der britische Landarzt Edward Jenner -- im Jahre 1798 -- mit einem wagemutigen Experiment einen vorbeugenden Schutz gegen das verunstaltende Leiden gefunden hatte.
Mägde und Knechte, die sich zufällig mit Kuhpocken infiziert hatten, waren -- so wußten die Ärzte -- gegen die schwarzen Blattern gefeit. Jenner übertrug erstmals absichtlich Flüssigkeit aus einer Kuhpocken-Pustel in eine Hautwunde eines Patienten. Bei dem Impfling bildete sich ebenfalls eine Pustel, deren Sekret Jenner weiteren Gesunden einimpfte. Alle Patienten, so zeigte sich, waren fortan gegen die Blattern immun -- die harmlosen Kuhpocken-Erreger hatten im Körper der Geimpften die Produktion von Abwehrstoffen angeregt, die auch gegen die Menschenpocken wirksam sind.
Lange Zeit machte der verblüffende Erfolg der Impfungen die Ärzte blind für Impfschäden. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts, so vermeidet das Impfhandbuch des Münchner Tropenmediziners Professor Albert Herrlich, waren die Mediziner bemüht, "alle Nebenreaktionen zu verharmlosen".
In Wahrheit war die Pocken-Prophylaxe von jeher riskanter als andere Impfungen. Die Kuhpocken-Viren können beispielsweise vom Blut aus dem Impfschnitt ausgeschwemmt und in den Organismus verschleppt werden -- Impfpusteln am ganzen Körper sind die Folge. Wird der Impfstoff auf ein Ekzem übertragen, so entstehen auf der Haut des Infizierten große Wundflächen wie bei schweren Verbrennungen.
Erst ein halbes Jahrhundert nach Einführung des Impfzwangs aber wurde die nun am meisten gefürchtete Komplikation der Pockenimpfung, die Gehirnentzündung (postvakzinale Enzephalitis), von den Ärzten als Impfschaden erkannt. Derzeit tritt sie durchschnittlich bei einem von jeweils 10 000 Erstimpflingen auf, vier von zehn der erkrankten Kinder sterben daran. Die Hälfte der Überlebenden bleibt teilweise gelähmt oder geistig und psychisch gestört.
Darüber hinaus glauben manche Ärzte noch anderen, besonders heimtückischen Impfschäden auf der Spur zu sein. Vor einer speziellen Form der Impf-Enzephalitis etwa warnt der Impf-Kritiker Dr. Buchwald, Lungenfacharzt in der Taunus-Gemeinde Ruppertshain: Sie sei "nicht erkennbar, ohne jegliche Krankheitssymptome" -- aber dennoch Ursache für eine Reihe von unerklärlichen Todesfällen kurz nach der Impfung.
Um das Enzephalitis-Risiko zu senken, suchen Impf- und Kinderärzte -- in erbitterter Kontroverse -- den günstigsten Impftermin zu ermitteln. Die Streitenden, befangen "im Dunkel einer ungeklärten Kausalität und im Dämmerlicht widersprüchlicher Statistiken" ("Selecta"), konnten sich bislang nicht einigen: In Österreich etwa ist neuerdings gesetzlich untersagt, Kinder im ersten Lebensjahr zu impfen. Viele deutsche Mediziner dagegen, wie der Hamburger Dr. Ehrengut und der Göttinger Kinderarzt Professor Heinz Spiess, befürworten eine Impfung möglichst schon im ersten Lebenshalbjahr.
Indes, trotz aller erschreckenden Befunde über Impfschäden bei Kleinkindern -- der Mehrheit der westdeutschen Mediziner gelten solche Nebenwirkungen als unumgänglicher Tribut, wenn Pocken-Katastrophen vermieden werden sollen.
Hauptargumente für die Zwangs-Impfung:
> Noch Immer sind weite Gebiete In Südasien, Äquatorialafrika und Südamerika Seuchenherde, von denen aus die Pocken sich erneut verbreiten könnten (Pocken-Todesfälle in Indien 1966: über 8000).
> Zunehmender Düsenflugverkehr erhöht die Gefahr, daß Pockenerreger in seuchenfreie Länder eingeschleppt werden.
> In einer Bevölkerung ohne hinreichenden Impfschutz müßten bei Ausbruch einer Epidemie viele Jugendliche und Erwachsene erstmals geimpft werden; erfahrungsgemäß steigt aber die Komplikationsrate bei Erstimpfungen, wenn die Impflinge über das Kleinkindalter hinaus sind,
Nach dem Gesetz ist gegen die Einschleppung von Pocken-Erregern Vorsorge getroffen. In nahezu allen Schiffs- und Flughäfen der Welt müssen von fern her Einreisende nachweisen, daß sie innerhalb der letzen drei Jahre gegen Pocken geimpft wurden.
Freilich ist kein Geheimnis, daß die erforderlichen Impfbescheinigungen mitunter auch ohne die lästigen Schnitte in den Arm zu haben sind. Impfarzt Ehrengut deckte in einem Falle auf, daß von 73 angeblich Wiedergeimpften 45 nur Gefälligkeitsatteste hatten.
Nicht zuletzt mit der gelegentlich laxen Behandlung der Bestimmungen für Auslandsreisende begründen Befürworter des allgemeinen Pocken-Impfzwangs ihre Forderungen nach lückenloser "Durchimpfung" der Kleinkinder.
Doch gerade diese Frage -- ob eine hundertprozentige Immunisierung der Bevölkerung je zu erreichen und ob sie erforderlich sei -- ist bislang umstritten. Die Gegner des Impfzwangs machen geltend, daß die Pocken-Immunität schon wenige Jahre nach der Impfung abklingt und auch während dieser Zeit, zumindest bei besonders heftiger Infektion, keinen vollkommenen Schutz bietet.
So war der Hannoveraner Hautarzt Dr. Fischer, der vorletzte Woche die Pocken einschleppte, im Verlauf der letzten sechs Monate zweimal geimpft worden -- und war trotzdem erkrankt. Und wann immer in der Bundesrepublik ein Pockenfall gemeldet wird, müssen Fernsehen und Lautsprecherwagen die Bevölkerung zu neuerlichen Schutzimpfungen auffordern.
Darüber hinaus glauben zumindest einige westdeutsche Impf-Experten, daß der erstrebte "kollektive Impfschutz eine Illusion" ist (so Dr. Buchwald). In der Tat erfaßte, wie der Hamburger Impfarzt Ehrengut einräumte, die Pflichtimpfung in manchen Teilen des Bundesgebiets "bei weitem nicht alle Impfpflichtigen". Begründung, laut Ehrengut: "Wir schicken den Widerspenstigen nicht gleich die Polizei ins Haus."
Daß selbst die bestimmungsgemäß Geimpften nicht immer gänzlich gegen die Pocken gefeit sind, führen einige Kritiker auf ein besonderes Manko westdeutscher Impfpraxis zurück: Der Impfstoff, der von bundesdeutschen Impfanstalten produziert wird und bei allen Pflichtimpfungen verwendet werden muß, ist "von recht unterschiedlicher Wirksamkeit" (Professor Spiess).
Solange das Fernziel der Weltgesundheitsorganisation -- weltweite und endgültige Ausrottung der Pocken -- nicht erreicht ist, denkt keiner der verantwortlichen Mediziner daran, die Pockenschutzimpfung abzuschaffen.
Der Streit um Beibehaltung oder Aufhebung des gesetzlichen Impfzwangs aber scheint sich eher zu verschärfen. Die Zweifel angesichts der hohen Zahl von Schäden bei Pocken-Impflingen wachsen.
Resümierte der Göttinger Kinderheilkunde-Professor Spiess: "Zweifellos möchten alle Ärzte angesichts all dieser Nachteile auf die Pockenschutzimpfung so schnell wie möglich verzichten -- aber es ist noch nicht so weit."

DER SPIEGEL 15/1967
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