20.03.1967

BUNDESLÄNDER / KONFESSIONSSCHULEN13 Getreue

Bei Ochsenzunge und Meerrettich verkündete Karl Thorwirth, Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Landtag von Rheinland-Pfalz, seinen Tisch-Genossen im Parlamentslokal: "Der Schulkompromiß ist gerettet."
24 Stunden später, am Dienstag vergangener Woche, änderte der Landtag den Schul-Artikel der Verfassung. Die Korrektur ist mehr als ein Kompromiß. Sie bringt einen kulturellen Fortschritt, wie es ihn in dem seit 1947 von der CDU und ihrem Peter Altmeier regierten und überwiegend von Katholiken bewohnten Land noch nicht gegeben hat. Zu verdanken haben ihn die Rheinland-Pfälzer vor allem dem SPD-Landesvorsitzenden Jockel Fuchs und dem CDU-Landesvorsitzenden Helmut Kohl. Sie setzten den neuen Gedanken durch, daß größere, moderne Schulen wichtiger sind als kleinere, aber konfessionelle Schulen. Diese Erkenntnis, bei Eltern und Lehrern längst populär, hat sich unter den Politikern erst in. den letzten Jahren verbreitet, seit wegen des fortschrittsfeindlichen Niedersachsen-Konkordats ein Kulturkampf getobt hat und seit von Fachleuten überall zum Kampf gegen den deutschen Bildungsnotstand aufgerufen worden ist.
Bislang waren in Rheinland-Pfalz nach der Verfassung die Konfessions- und die Gemeinschaftsschulen gleichrangig. Künftig gilt das nur noch für die Grundschule der Sechs- bis Zehnjährigen. Bei den "Hauptschulen" -- so der neue Terminus für die Schulen der Elf- bis Fünfzehnjährigen -- hat die Gemeinschaftsschule fortan das Primat. Konfessionelle Hauptschulen werden nur noch errichtet, wenn -- so der neue Verfassungstext -- "die Erziehungsberechtigten von mindestens zwei Drittem der Gesamtzahl der Schüler" es verlangen.
Und der Fortschritt in der Schulwirklichkeit wird noch eklatanter sein. Denn in der Praxis waren die Gemeinschaftsschulen bislang benachteiligt. Im ganzen Land gibt es nur 834, hingegen sind 2070 von 2904 Schulen katholische oder evangelische Konfessionsschulen. Künftig aber werden weitaus die meisten neuen Hauptschulen als Gemeinschaftsschulen errichtet werden.
Der Konfessionsschule, so predigte denn auch Pater Erich Aretz von seiner Trierer Kanzel, "wurde der Todesstoß versetzt". Und Triers Weihbischof Bernhard Stein ereiferte sich über die "pure Mißachtung des Elternrechts".
Das Stichwort kam zur unrechten Zeit. Das Elternrecht ist die seit Jahrzehnten in der katholischen "Kirche beliebteste Vokabel, wenn es um die Schule geht: Die Eltern müßten selbst entscheiden können, ob sie ihre Kinder auf eine Konfessions- oder auf eine Gemeinschaftsschule schicken wollen. Doch wo immer die Kirche die Macht besaß, sorgte sie dafür, daß möglichst nur Konfessionsschulen eingerichtet wurden und den Eltern keine Wahl blieb.
In Rheinland-Pfalz aber wurden jetzt die katholischen Elternrechts-Anwälte beim Wort genommen Jedesmal, wenn fortan eine neue Hauptschule errichtet wird, werden die Eltern über die Schulform -- Gemeinschafts- oder Konfessionsschule -- abstimmen. --
In den nächsten Jahren werden 480 Hauptschulen in Rheinland-Pfalz errichtet -- ausnahmslos größere Schulen, als die Eltern und Schüler an Mosel und Rhein bislang gewöhnt waren: 40 mit mindestens drei Zügen (je drei Parallelklassen pro Jahrgang), 400 mit je zwei Zügen und nur 40 -- vorwiegend in den dünn besiedelten Eifelgebieten -- mit einer Klasse je Jahrgang.
Die drei Landtagsparteien sorgten dafür, daß die Eltern in jedem Fall .frei entscheiden können. Sie stimmen geheim ab. Und für, die Konfessionsschule werden- nur noch die Stimmen gewertet, die auch tatsächlich für die Konfessionsschule abgegeben werden. In Nordrhein-Westfalen dagegen ist es Brauch, daß bei der Entscheidung über einen Antrag auf Errichtung einer Gemeinschaftsschule auch die Stimmen aller Eltern, die zu Hause bleiben, als Stimmen für die Konfessionsschule gewertet werden.
Demoskopische Umfragen brachten jedoch die Gewißheit, daß weitaus die meisten deutschen Eltern die Gemeinschafts- der Konfessionsschule vorziehen. In Rheinland-Pfalz bricht nun die Stunde der Wahrheit -- der -echten, freien, geheimen Abstimmungen -- an.
Kaum hatten sich die drei Landtagsparteien auf diese Lösung geeinigt, als die katholischen Bischöfe um Verhandlungen baten.
Die kirchlichen Abgesandten, angeführt von Weihbischof Tenhumberg, waren willkommen. Sie wurden gut bewirtet: von der FDP mit 1963er Spätlese "Binger Scharlachberg", von der CDU mit 1964er "Deidesheimer Linsenbusch", von der SPD mit 1963er "Piesporter Goldtröpfchen". Doch sie wurden überall schlecht bedient: Keine Partei war bereit, sich den Wünschen der Kirche zu fügen.
Vergebens feilschten die hochwürdigsten Herren um Prozente. Zuletzt bat Tenhumberg, man möge die Katholiken in den Gemeinschaftsschulen doch wenigstens wie in Religion so auch in Deutsch und Geschichte separat unterrichten.
Doch auch eine solche Absonderung der Jungkatholiken soll nur in einigen Schulversuchen erprobt und nicht für das ganze Land eingeführt werden.
Wie schon vor einigen Wochen in Baden-Württemberg (als dort für den Landesteil Südwürttemberg-Hohenzollern die Konfessionsschulen liquidiert wurden) blieb nun auch in Rheinland-Pfalz nur -- noch eine kleine Minderheit von Abgeordneten auf der Seite der Kirche. Nur 13 der 100 Abgeordneten enthielten sich der Stimme oder waren gegen die Verfassungsänderung.
Schwacher Trost für die Kirche: Unter den 13 Getreuen war der fromme Landesvater Altmeier.

DER SPIEGEL 13/1967
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