20.03.1967

SKIFLIEGEN / WELTREKORDETiefer Sturz

In zwölf Sekunden erreichen sie 132 Stundenkilometer. In der gleichen Frist stürzen sie bis zu 172 Meter, zehn Meter tiefer als von der Spitze des Ulmer Münsterturmes. Wer den Aufprall nicht aufrecht übersteht, wird nicht gewertet.
Im Skifliegen, einer Sportart, von der die Fachleute seit dem ersten 100-Meter-Sprung sprechen, überwanden die verwegensten Skipiloten dieses Jahres die für unüberwindlich gehaltene 150-Meter-Marke. Am vorletzten Sonntag flog der österreichische Bergmann Reinhold Bachler in Vikersund bei Oslo 154 Meter weit -- bei einem Höhenunterschied von 170 Metern zwischen An- und Auslauf.
Nach den Bestimmungen durften Skispringer maximal 87 Meter weit hüpfen. Der Internationale Ski-Verband (FIS) genehmigte zum vermeintlichen Schutz der Springer nur Sprunganlagen für Weiten von 80 Metern. Sobald dieser sogenannte kritische Punkt um mehr als acht Prozent übertroffen wurde, mußte der Anlauf verkürzt werden.
Doch der jugoslawische Ingenieur Stanko Bloudek ignorierte die Sicherheitsgrenze. Er konstruierte 1934 in Planica die erste Schanze mit einem "unmenschlichen Abgrund" (so der norwegische Springer Sigmund Ruud). Schon zwei Jahre später sprang der Österreicher Sepp Bradl dort als erster weiter als 100 Meter.
Den nach dem Zweiten Weltkrieg von internationalen Sprung-Konkurrenzen ausgeschlossenen Deutschen waren Skiflug-Freuden in Planica versagt. Deshalb kreuzten die Springer Sepp Weiler und der einstmalige Weltrekordler Rudi Gehring mit einem VW-Bus über Land und verkauften Kopftücher, auf denen ihre geplante Flugschanze aufgedruckt war. Aus dem Erlös erstellte Heini Klopfer, der bisher mehr als 200 Sprunganlagen gebaut hat, 1949 in Oberstdorf einen 40 Meter hohen Anlaufturm (Gesamthöhenunterschied: 168 Meter) für nur 80 000 Mark.
Um neue Rekorde zu fliegen, reiste die Welt-Elite nach Oberstdorf. 370 000 Zuschauer erlebten die Flieger ohne Flügel und vier Weltrekorde allein bei den ersten drei Skiflug-Wochen bis 1952. Nun gaben die konservativen Funktionäre nach. Sie erlaubten Schanzen für normale Sprungweiten von 120 Meter und verlangten eine Anlaufverkürzung erst, wenn ein Springer zehn Prozent weiter, also 132 Meter gesprungen war. Oberstdorf erhielt 1953 im österreichischen Mitterndorf auf einer dritten Großschanze (Höhenunterschied: 172 Meter) Konkurrenz. Doch die Grenze schien erreicht. Zehn Jahre bestand der Oberstdorf er Weltrekord des Finnen Tauno Luiro (139 Meter) von 1951.
Da setzten die Konstrukteure die Sprungtürme in Planica und Oberstdorf zurück. So flachten sie die ideale Sprungkurve ab und glichen sie dem Profil des Aufsprunghügels an. In Vikersund entstand sogar eine vierte Flugschanze. Die Springer stellten sich auf den Fisch-Stil um. Versuche im Windkanal hatten ergeben, daß Skifilegen mit angelegten Armen und weit vornüber gebeugtem Oberkörper am wenigsten Luftwiderstand boten und am stabilsten segelten.
Doch die FIS-Beschränkungen steigerten das Sturz-Risiko beim Aufsprung nach Flügen von mehr als 132 Metern: Im flacheren Auslauf wird der Druck beim Aufprall zu stark. Ein 80 Kilo schwerer Springer muß schon innerhalb des vorgesehenen Aufsprungs einen Druck von 180 Kilo aushalten.
"Skifliegen ist etwas für junge Burschen", urteilte der deutsche Sprungtrainer Ewald Roscher. " Die denken nicht soviel." Tatsächlich war Bradl beim ersten 100-Meter-Sprung 17 Jahre alt, die letzten Weltrekordler Lars Grini aus Oslo und Bachler jeweils 22 Jahre. Dem zeitweiligen Skiflug-Weltrekordler Joze Silbar schenkten Freunde nach einem seiner Stürze schmale Abfahrts-Ski: Er sollte Ski laufen lernen.
Mehr als in anderen Sportarten bedurften Rekordier des glücklichen Zufalls: Der italienische Zöllner Nino Zandanell verbesserte den Rekord als Probespringer. Für den eigentlichen Wettbewerb mußte der Anlauf dann bestimmungsgemäß verkürzt werden. Luiro und Silbar hoben Aufwinde im letzten Flugdrittel auf Weltrekordweiten.
Auch Bergmann Bachler segelte auf einer günstigen Bö zum Weltrekord. Danach wurde der Wind zu stark. Die Jury brach den Wettkampf ab.

DER SPIEGEL 13/1967
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