13.03.1967

ARCHÄOLOGIE / MASADALos der Letzten

Wie ein gestrandetes Gigantenschiff liegt der stellwandige Tafelberg in der Judäischen Wüste, 200 Meter breit, 580 Meter lang vom steinernen Bug zum Heck: die seit vierzehn Jahrhunderten öd gewordene Festung Masada am Westufer des Toten Meeres.
Eine 200 Meter lange, aus Felsgeröll geschichtete Rampe führt an der Westseite zu dem dräuend entrückten Steinmassiv hinauf, Sie kündet von einer der tragischsten Episoden in der Vergangenheit Israels:
960 jüdische Patrioten glaubte der römische Feldherr Flavius Silva in den Mauern der Festung anzutreffen, als er in der Frühe des zweiten Passah-Tages im Jahre 3834 jüdischer Zeitrechnung (73 nach Christus) 9000 Legionäre zum Sturmangriff über die Rampe führte. Doch als die Soldaten in das Fort eindrangen, gewahrten sie, wie der Geschichtsschreiber Josephus berichtet, nur "schreckliche Öde, Feuersbrand und eine unheimliche Stille".
Masadas Verteidiger hatten -- aus Furcht vor Sklaverei -- freiwillig den Tod gewählt. Es war der berühmteste Massenselbstmord der Geschichte.
In einem großangelegten archäologischen Unternehmen haben 25 Fachgelehrte und insgesamt 4000 Helfer aus Israel und 27 anderen Ländern den Ort des heroischen Massakers wieder freigelegt. In einem umfassenden Expeditionsbericht zog der Jerusalemer Archäologie-Professor Yigael Yadin jetzt Bilanz über die Ausgrabung*.
* Yigael Yadin: "Masada -- Heroda Fortress and the Zealots' Last Stand". Random House, New York; 272 Seiten; 12,95 Dollar.
Lebensspuren aus fünf Jahrtausenden fanden die Archäologen auf dem zyklopischen Felsenkegel -- von der Zeit um 4000 vor Christus, als Nomaden in seinen Gesteinshöhlen Unterschlupf suchten, bis hin zum 6. Jahrhundert nach Christus, als byzantinische Mönche auf dem Plateau hausten.
Vor allem aber galt das Augenmerk der Altertumsforscher den Resten jener Epoche, in der Masada zu einer Schlüsselstellung in der Auseinandersetzung zwischen Römern und Israeliten wurde:
> Im letzten vorchristlichen Jahrhundert ließ der Judenkönig Herodes der Große -- aus Furcht vor Aufständen und Invasoren -- den Tafelberg zu einer luxuriösen Fluchtburg ausbauen.
> Im Jahre 4 vor Christus, nach dem Tod des Herodes, wurde die Einöd-Festung römische Garnison.
> Im Jahre 66, als sich das auserwählte Volk gegen die Weltmacht Rom erhob, bemächtigten sich jüdische Aufständische ("Zeloten") der Festung, bis sie im Jahre 73 wieder von römischen Legionären besetzt wurde. Die Ausgrabung bestätigte bis ins De-tau, was von dem zeitgenössischen Geschichtsschreiber Josephus in einer Art Frontbericht über den Hergang jenes dramatischen Geschichtskapitels überliefert worden war. Wie sich einst Troja-Ausgräber Heinrich Schliemann an die Homer-Schilderung des Trojanischen Krieges gehalten hatte, so kannten auch die Archäologen in Masada "geradezu mit der Josephus-Ausgabe in der linken und dem Spaten in der rechten "Hand graben" (Yadin).
Die reichhaltigsten Funde des Yadin-Teams stammen aus der Zeit, da König Herodes Masada als Zufluchtsort herrichten ließ.
Den pompösen Wohnbau des Herrschers fanden die Forscher auf der strategisch günstigen Nordspitze des fast 400 Meter hoch aufragenden Flachgipfels. Geschützt vor der sengenden Sonne der Wüste und vor der Hitze des beständigen Südwinds türmt sich in drei Stufen die königliche Terrassen-Villa im Schatten des Berges.
Dem königlichen Komfort dienten vier luxuriöse, mit marmoriertem Stuck verzierte Wohngemächer, eine runde Ruhehalle mit vergoldeten Säulen-Kapitellen und Mosaikboden, ein warmluftbeheiztes Bad sowie -- auf künstlicher Plattform über dem Abgrund -- ein Lustpavillon mit Blick aufs Tote Meer.
Königsmacht demonstrierte der Herrscher in einem 3300 Quadratmeter überspannenden Palast auf der Westseite des Felsmassivs. In dem mit Trümmern, Asche und Bronzegerät überdeckten Boden des Audienz-Saals legten Yadin und seine Helfer noch die Zapflöcher frei, in denen die Pfosten des Thronhimmels verankert waren.
Die wichtigste Anlage der Wüsten-Festung spürten die Ausgräber auf halber Höhe des Masada-Massivs auf -- ein kunstvolles System von Zisternen, " Genial" nannte Professor Yadin diese Anlage: Während der seltenen Regenfälle sammelte ein weitverzweigtes Netz von Dämmen und Kanälen fast jede Unze des vom Plateau abfließenden Wassers.
Insgesamt 40 000 Kubikmeter Wasser faßten die aus dem Fels gehauenen Bassins -- genug, um die Felder im Süden des Hochfelsens zu bewässern und die Bäder der Burg sowie den zwanzig Schritte neben der Residenz gelegenen königlichen Swimmingpool zu füllen.
In unmittelbarer Nähe solcher Relikte herodianischer Lebenslust fanden die Ausgräber die Zeugnisse des religiösen Umbruchs. Im Nordwesten des Bergplateaus, nahe der Wohnburg des Herodes und den dazugehörigen Lagerhäusern, blieben die Fundamente einer Synagoge erhalten. Und aus den Kasematten des 1300 Meter langen Ringwalls. der die Hochfläche umschloß, kamen hebräische Schriftrollen ans Licht, auf denen Teile der Bibel in der frühesten bislang bekannten Fassung lesbar sind.
Die überwältigende Entdeckung der Masada-Expedition aber waren die Überreste jener Todesnacht im Jahre 73, als die Verteidiger Masadas kurz vor dem Ansturm der Römer ihre Frauen und Kinder und danach sich selber töteten.
Als hätten die Aufständischen ihre Wohnstatt eben erst verlassen, fanden die Ausgräber am Boden der ärmlichen Hütten Tonkrüge, hölzerne Kämme und Löffel, Kosmetikfläschchen und irdene Tassen. Im Schutt lagen noch Dattelkerne, Walnüsse und Spuren von Salz.
Die Wände über den Öfen waren noch vom Ruß geschwärzt, und in den meisten Behausungen lagen in einer Ecke verkohlte Bündel von Körben, Kleidern und Sandalen -- getreu der Schilderung des Frontberichters Josephus: "Sie rafften in der Eile ihre Habseligkeiten zusammen und zündeten sie an,
Den Aufrührern von Masada war die Bedrohung jahrelang vor Augen gewesen. In Rufweite unterhalb der Kasematten, rings um die Bergfeste, hatte der Römer-General Flavius Silva acht Heerlager errichten lassen. 15 000 Legionäre, Gefangene und Sklaven mußten aus Balken und Geröll die Angriffsrampe schichten, über die Silva sodann einen gepanzerten Rammbock bis an die Wehrmauer schleppen ließ.
Eleazar ben Ya'ir, Anführer der Masada -Verteidiger, wußte, was jüdischen Rebellen drohte: Deportation als Schlachtopfer zu den Zirkusspielen in Antiochia und Caesarea, als Sklaven in die Bergwerke am Sinai oder als Geiseln nach Rom.
Als sich die Römer zum letzten Sturm anschickten, gab der Zeloten-Führer den Befehl zum Sippen- und Selbstmord.
Zwischen Skeletten und verkohlten Habseligkeiten fanden die Archäologen noch elf Tonscherben mit Namen der Belagerten -- mutmaßlich die Lose, mit denen die letzten Männer (so der Bericht des Josephus) unter sich ausgemacht hatten, welcher von ihnen die übrigen zehn und dann sich selbst zu töten habe. "Selbst die Zynischen unter uns", schilderte Professor Yadin den Augenblick dieses Funds, "standen erstarrt und blickten voll Ehrfurcht auf das, was der Boden ihnen freigab."
Nur zwei Frauen und fünf Kinder, die sich in einer Höhle versteckt gehalten hatten, entkamen dem Massaker von Masada und konnten vom Ende der Belagerung berichten. Der verzweiflungsvolle Selbstmord der Verteidiger wurde für das verstreute Volk der Juden zum Mythos eines stolzen Untergangs.
Für das neugegründete Israel ist der Fels von Masada "Symbol des Mutes, Monument nationaler Größe" -- so Archäologe Yadin, der während der Kämpfe gegen die Arabische Liga 1948/49 Generalstabschef der israelischen Armee war. Israelische Rekruten leisten auf dem geschichtsträchtigen Berg ihren Fahneneid. Sie schwören: "Masada soll niemals wieder fallen."
Die Losung ist, angesichts der nahen israelisch-jordanischen Grenze, mehr als eine pathetische Reminiszenz: Ende vergangenen Jahres wurde die Wasserleitung, die von der neugegründeten Wüstenstadt Arad nach Masada führt, von arabischen Terroristen in die Luft gesprengt.

DER SPIEGEL 12/1967
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