27.03.1967

FERNSEHEN / TANTIEMEN Das Tütata

Das Ansinnen durchzuckte den Komponisten und Rias-Dirigenten Hans Carste, 57, schmerzlich. "Mir war, als würden mir die Hände abgehackt."
So verstümmelt fühlte sich der Tonsetzer durch einen ehemaligen Mitarbeiter: Der Musik-Arrangeur Rudi Kühn, 45, besteht auf seinem Anteil an Urheberschaft und Ertrag der teuersten Carste-Töne -- jener sechs Noten, die allabendlich vor und nach der "Tagesschau" des Deutschen Fernsehens erklingen und Carste bislang rund 500 000 Mark Tantiemen einspielten.
Den ertragreichen Sechserklang will Kühn in Carste-Diensten beim Berliner Rias mitersonnen haben. Carste hingegen, Autor von Operetten ("Lump mit Herz"), Filmmusiken ("Unter Ausschluß der Öffentlichkeit") und Schlagern ("Schön ist diese Abendstunde")" erinnert sich, er habe den musikalischen Einfall aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgebracht: Der Plenni Hans Friedrich August Häring, der sich Hans Carste nannte, hatte unter Aufsicht eines wohlwollenden Lagerkommandanten an Schlagern und Operetten komponiert, ehe die Sowjets ihn 1948 samt Noten nach Hause schickten.
In Berlin zum Dirigenten des Unterhaltungsorchesters am amerikanischen Besatzungssender Rias avanciert" griff Carste immer wieder auf seine Lager-Lieder zurück -- so 1952, als der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart zur "Woche der leichten Musik" eine beschwingte Tondichtung heischte. Der Heimkehrer frischte eine russische Reminiszenz zur "Phantasie für Hammondorgel und Orchester" auf, fiel jedoch "mit Pauken und Trompeten" (Carste) durch.
Ein "Phantasie"-Partikel wurde dennoch Deutschlands meistgespielte Melodie. 1956 war der Hamburger Fernseh-Abteilungsleiter Martin Svoboda das damalige "Tagesschau"-Leitmotiv "Leinen los" von Friebe leid und suchte eine neue Fanfare. Svoboda ("Ich brauche ein Tütata") ließ sich Bänder aus dem Tonarchiv holen und hörte sie nach einer "neutralen Musik" ab, "die für die Olympischen Spiele und zu einer Beerdigung paßt". Seine Wahl fiel auf die Schlußsequenz von Carstes verschmähter "Phantasie
Seit dem 1. Januar 1957 zehrte so der Komponist, Träger des Paul-Lincke-Rings und eines österreichischen Professorentitels, regelmäßig von der 4,2-Pfennig-Pauschale je Zuschauer, die das Deutsche Fernsehen für Musikaufführungen alimonatlich der Inkassogesellschaft "Gema" in Berlin zuweist. Aus dem Gema-Topf werden Komponisten, Arrangeure und Texter nach einem Proporz gespeist, der vom Aufsichtsrat der Gesellschaft überwacht wird. Ratsvorsitzender: Hans Carste.
Neun Jahre freute sich der Gema-Vorsitzende der ungeteilten "Tagesschau" -- Pfründe. Doch im Mai 1966 beanspruchte Arrangeur Rudi Kühn ein Sechstel der Tütata-Tantieme als Bearbeitungsgebühr -- er hatte 1952, auf Weisung Carstes, die "Phantasie" für Orchester arrangiert. Kühn, im Frühjahr 1966 aus Carstes Dienst geschieden, mochte den Anspruch nicht früher anmelden: "Setzen Sie mal was durch, wenn Sie von Aufträgen abhängen."
Doch Carste wollte dem Kühn kein Sechstel geben. Kühn, sagt Carste, habe lediglich eine durch Honorar abgefundene Spezialeinrichtung, aber kein tantiemenberechtigtes Dauerarrangement geliefert.
Der Abgewiesene schraubte seine Forderung höher: Beim Berliner Landgericht beantragte Kühn nun sogar, als Mitautor der "Phantasie" anerkannt zu werden. Als Beweisstück hält er ein Papier in Händen, das er 15 Jahre lang sorgsam gehütet hat -- "34 Thementakte Carstes, nach denen ich die Musik mit 267 Takten frei entwickelte" (Kühn). Carste, ohne beweiskräftige Carste-Partitur, will dagegen einen Lagerkameraden als Zeugen aufbieten, der das Tütata schon in Rußland gehört hat.
Den Berliner Landrichtern schien der Vortrag des Klägers so begründet, daß sie sich in der Karwoche zur Beweiserhebung entschlossen: Sie wollen nun ermitteln, wieviel Prozent Kühn und wieviel Carste zum umstrittenen Tonwerk beigetragen haben.
Doch schon vor Ende des Prozesses waren die "Tagesschau"-Töne im Wert gefallen: Die Gema nahm den Streit zum Anlaß, die Tantiemen vielgespielter TV-Erkennungsmelodien um die Hälfte zu kürzen.

DER SPIEGEL 14/1967
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