20.02.1967

PARTEIFEINDE UND PHILOSOPHEN

Eduard Claudius, 55, Schriftsteller ("Grüne Oliven und nackte Berge"), seit 1932 KPD-Mitglied, zwischen 1956 und 1961 erst Generalkonsul der DDR in Damaskus, dann Botschafter in Hanoi, lebt jetzt als freiberuflicher Autor in Potsdam.
Hans Jendretzky, 69, KPD-Mitglied seit 1920, nach dem 17. Juni 1953 als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Ost-Berlin abgesetzt, drei Jahre später rehabilitiert, jetzt leitender Funktionär des DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB.
Gerhart Eisler; 70, Sohn eines Philosophie-Professors und Bruder des Komponisten Hans Eisler ("Auferstanden aus Ruinen"), während des Ersten Weltkrieges k.u.k.-Offizier, Funktionär in der KP Chinas und der USA, 1949 in die DDR remigriert, heute Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees.
Ernst Bloch, 81, Philosophie-Professor in Leipzig, 1961 in die Bundesrepublik übergesiedelt, seither Gast-Professor an der Universität Tübingen.
Wolfgang Harich, 45, bis 1956 Professor für Philosophie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, dann wegen seiner Opposition gegen Ulbricht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, seit seiner Entlassung vor zwei Jahren Lektor in Ost-Berlin.
Erich Loest, 40, Schriftsteller in Leipzig, wegen seiner Kritik an der SED nach dem 17. Juni 1953 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, 1958 wegen erneuter Opposition zu Zuchthaus verurteilt, nach sieben Jahren entlassen und seither wieder als Schriftsteller tätig.
Johannes R. Becher, 1958 verstorbener DDR-Kulturminister, Präsident des DDR-Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Ulbricht-Biograph und Dichter ("Auferstanden aus Ruinen").
Karl Schirdewan, 59, KPD-Mitglied seit 1925, zwischen 1934 und 1945 inhaftiert, seit 1952 neben Walter Ulbricht maßgeblicher SED-Führer, 1958 als Parteifeind aus dem Politbüro ausgestoßen und bis 1964 Leiter der Staatlichen Archiv-Verwaltung der DDR in Potsdam.
Ernst Wollweber, 68, KPD-Mitglied seit 1919, nach 1933 in Moskau und in Skandinavien für die Partei tätig, "später Minister für Staatssicherheit, 1958 wegen Zusammenarbeit mit Schirdewan aus dem Zentralkomitee ausgestoßen, seither Staatspensionär in der Sowjet-Union.
Otto Grotewohl, 1964 verstorbener Ministerpräsident der DDR, vereinigte 1946 in der Sowjetzone die SPD mit der KPD zur SED, von 1946 bis zu seinem Tode Mitglied erst des Zentralsekretariats und später auch des Politbüros der SED.
Fritz Selbmann, 67, Mitglied der KPD seit 1922, zwischen 1933 und 1945 inhaftiert, seit 1949 stellvertretender Planungschef der DDR, wegen Unterstützung der Gruppe Schirdewan kritisiert und aus dem ZK entfernt heute Leiter der Kommission für wissenschaftlich-technische Dienste bei der Plankommission.
Franz Dahlem, 75, KPD-Mitglied seit 1920, später KZ-Häftling, seit 1950 Mitglied des "SED-Politbüros, bereits im Mai 1953 "wegen politischer Blindheit" aller Parteifunktionen enthoben, 1956 rehabilitiert, jetzt Erster stellvertretender Staatssekretär für das Hoch- und Fachschulwesen.
Fred Oelssner, 63, seit 1920 Mitglied der KPD, seit 1950 Mitglied des SED-Politbüros und ZK-Sekretär für Propaganda, 1958 wegen Kritik an der Wirtschafts- und Landwirtschaftspolitik aus dem Politbüro ausgestoßen, heute Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften bei der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin.
Gerhart Ziller, "bis zu seinem Selbstmord im Jahre 1957 erst Minister für Schwermaschinenbau, dann für die Wirtschaft zuständiges Mitglied des Sekretariats des SED-Zentralkomitees, erschoß sich nach heftigen Auseinandersetzungen mit Ulbricht, wurde posthum beschuldigt, zur parteifeindlichen Gruppe Schirdewan gehört zu, haben.
Kurt Hager, 54, seit 1930 Mitglied der KPD, Chefideologe der SED und Mitglied des Politbüros, ZK-Sekretär für Wissenschaft und Hochschulen sowie Leiter der Ideologischen Kommission beim Politbüro.

DER SPIEGEL 9/1967
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