20.02.1967

FILM / RUSSLAND

Fünfte Fassung

Vier Stunden dauert der Krieg und vier der Frieden: Zaristische Kosaken berennen napoleonische Grenadiere, die Grafentochter Natascha walzt über Petersburger Parkett, und Moskau brennt -- in der fünften, teuersten und ambitioniertesten Verfilmung des Romans "Krieg und Frieden". Herstellungsland des bunten, breiten Großfilms: die Sowjet-Union.

Der Dichter-Graf Leo Tolstoi (1828 bis 1910) wollte "General der Literatur" werden, als er vor hundert Jahren seinen "Krieg und Frieden" schloß, ein 1500-Seiten-Panorama der zaristischen Adelsgesellschaft in der Ära Napoleons; der Literatur-Befehlshaber wurde neben Shakespeare der beliebteste Filmautor.

So kamen ins Kino:

> zwölfmal der Tolstoi-Roman "Auferstehung";

> achtmal die Tolstoi-Novelle "Kreutzersonate";

> sechsmal der Tolstoi-Roman "Anna Karenina" -- davon zweimal mit Greta Garbo.

"Krieg und Frieden" war von den Russen schon dreimal verfilmt worden. Die vierte Fassung (1956) des Amerikaners King Vidor, Gesamtkosten 29 Millionen Mark, hatte den Sowjetmenschen als zuwenig authentisch mißfallen: Kulturministerin Furzewa genehmigte der staatlichen Mosfilm 240 Millionen Mark, und der Regisseur Sergej Fjodorowitsch Bondartschuk, 47, fertigte in vier Jahren den Gegenschlag.

Der Regie-Neuling (einziger Film: "Ein Menschenschicksal") und Schauspieler ("Othello") Bondartschuk wollte "modischen Geschmackrichtungen nicht erliegen": Er ließ die Schlachten von Schöngrabern, Austerlitz und Borodino von Historikern rekonstruieren; die Filmarmeen (70 000 Rotgardisten und ein Armeegeneral), nach den alten Reglements gedrillt, marschierten im Originalschritt (Russen 75, Franzosen 120 Schritte pro Minute) und in Originaluniformen zu Originalfeldmusik ins Gefecht. 400 000 Liter brennendes Petroleum suggerierten flammende Schlachtfelder.

Ebenso akkurat wurde die zaristische Hofgesellschaft wiederbelebt. Auf Banketten und Bällen, bei Troikarennen und Wolfsjagden redet die Petersburger Creme in penibel nachgebildeter Umgebung nur Tolstoi-Dialoge" zerschmettert historische Gläser nach dem Trunk und wahrt ihre Ehre mit Tula-Pistolen.

Für den Export (in 52 westliche Länder) schnitt Bondartschuk die vierteilige, arbeitstaglange Originalfassung zusammen -- auf zwei runde Dreistünder. Der erste Teil -- deutscher Titel: "Petersburg tanzt" -- läuft in dieser Woche in Deutschland an; der zweite Teil, "Moskau brennt", kommt demnächst in die Theater.

Den Export hatte Bondartschuk schon mit der Wahl seiner Hauptdarstellerin vorbereitet -- die Natascha-Darstellerin Ludmilla Sawelewa ähnelt bis aufs dunkle Haar der erfolgreichen amerikanischen Natascha Audrey Hepburn. Eine der männlichen Hauptrollen" den Natascha-Anbeter Pierre Besuchow, vergab der Regisseur und Drehbuchautor Bondartschuk an sich selbst.

Rußlands Kritiker lobten das nationale Kino-Epos kräftig, warfen dem Regisseur lediglich vor, daß er übermäßig im Pomp der Gesellschaftsszenen schwelge. Allein in Moskau, wo der Tolstoiade erster Teil seit einem Jahr zu sehen ist, kamen 2,6 Millionen Zuschauer.

In Paris läuft Bondartschuks Historiengemälde seit zehn Monaten, und Claude Mauriac schrieb im "Figaro Littéraire": "Es ist der schönste Film, den ich je gesehen habe seit, ja, seit wann?"


DER SPIEGEL 9/1967
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