10.04.1967

HUMPHREY-ATTENTATRauch und Rahm

Es war im Grunewald, bei Abenddämmerung. Fünf Unheimliche schlichen über eine Lichtung des Berliner Forstgeheges. Rauchschwaden stiegen auf. Pudding tropfte von Bäumen. Dann entfernten sich die Gestalten; sie gingen in die S-Bahn-Schenke Nikolassee und bestellten eine Lage Bier.
Fünf andere Personen hockten zur gleichen Zeit -- am Mittwochabend letzter Woche -- in einer Dachkammer des Hauses Niedstraße 14 im West-Berliner Wohnbezirk Friedenau. Sie hantierten mit Büchsen und Beuteln. Auf einer Küchenwaage maßen und mischten sie küchenfremde Chemikalien: Ammoniumchlorid" Kieselgur und einen Farbstoff namens "Sudan II".
Dann schlug Berlins Politische Polizei zu -- an beiden Tatorten gleichzeitig. Elf Personen, so meldete der Polizeibericht, seien verhaftet worden, "die unter verschwörerischen Umständen zusammengekommen" seien und "Anschläge gegen das Leben oder die Gesundheit des US-Vizepräsidenten Humphrey" geplant hätten.
Tatsächlich hatten sich die elf gegen den Johnson-Vize -- der anderntags bei der Berlin-Durchreise von 5000 Schupos, 80 US-Geheimdienstmännern und einem US-Hubschrauber beschützt wurde -- verschworen. Freilich: Nicht Sprengstoff" nicht "Granatenähnliches" ("Welt") hatte das düstere Komplott vernehmlich machen sollen. Die Tatwerkzeuge waren weniger brisant: Bomben aus Rauch und Rahm.
Die Idee, den US-Reisenden mit schlagsahnegefüllten Plastikbeuteln und detonierendem Rauch-Werk "zu erschrecken", wurde in einer Sozietät hervorgebracht, die zu den derzeit absonderlichsten Politzirkeln der Frontstadt Berlin zählt: in der "Kommune I, Lebensgemeinschaft junger Maoisten" Eingeweihten auch unter dem Namen "Horror-Kommune" bekannt.
Das weltanschauliche Fundament des kuriosen Zirkels, eines ultra-linken Splitterklubs des West-Berliner Sozialistischen Studentenbunds (SDS), umschrieb der aus München zugewanderte Nicht-Studierende ("Ich arbeite nicht, ich studiere nicht") Hans Dieter Kunzelmann, der die Kommune gründete: "Ich habe Orgasmus-Schwierigkeiten, und ich will, daß dies der Öffentlichkeit vermittelt werde."
Derlei psycho-biologische Probleme sind es anscheinend vornehmlich, was die Kommune zusammenhält, die in der Wohnung des gegenwärtig in Amerika wehenden und mithin nichtsahnenden Schriftstellers Uwe Johnson, Niedstraße 14, zur Untermiete wohnt.
Sechs Herren und drei Damen, darunter ein Bruder des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger sowie dessen geschiedene Frau Dagrun, kohabitieren und diskutieren dort im Geiste Maos -- in einer Art kontinuierlichen Schauprozesses: Die Kohabitanten sind gehalten, Fähr- und Erlebnisse aus ihrer Libido-Sphäre dem Gremium der Kommune mitzuteilen.
Den Beschluß, öffentlich zu wirken und bei Anlaß des Humphrey-Besuches gegen Amerikas Vietnam-Politik zu protestieren, orientierten die Mao-Libertiner am Vorbild der "Provos" von Amsterdam, die mit Rauchschwaden die Beatrix-Hochzeit getrübt hatten.
Doch was den holländischen Demonstranten eindrucksvoll und tränenreizend von der Hand ging, bereitete den Pulver-Mischern der "Horror-Kommune Schwierigkeiten: Das auf der Küchenwaage gemischte Protest-Pulver hätte -- nach Ansicht von Feuerwerks-Experten der Berliner Polizei -- nicht recht als Rauch-, schon gar nicht als Explosionskörper getaugt.
Doch auch mit den schlichteren Demonstrations-Geschossen -- neben Schlagrahm waren auch Pudding und Joghurt als Beutelfüllungen erwogen worden -- mußten sich die Kommune-Provos vor dem geplanten Einsatz erst noch üben: Im Grunewald zielten sie mit den Pudding-Ladungen auf Bäume.
Der Zorn verrauchte, ehe es rauchte. Noch bevor US-Vizepräsident Humphrey am Freitagvormittag Berlin verließ, wurden die inhaftierten Attentäter "mangels Tatverdachts" wieder auf freien Fuß gesetzt. Ermittlungen wegen möglicher "Verabredung zum Verbrechen" oder wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz
Erste Aktion der Freigelassenen: eine "Psycho-Beratung" über Sinn und moralische Berechtigung der jäh vereitelten Pudding-Tat.
Dabei erwies sich, daß West-Berlins Horror-Maoisten offenbar doch noch von konterrevolutionärer Blässe angekränkelt sind. Einer aus dem verschworenen Kreis der elf, so konstatierten die Geschlagenen, muß für die Polizei gespitzelt haben.

DER SPIEGEL 16/1967
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HUMPHREY-ATTENTAT:
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