10.04.1967

ERHARD

Einmal ist keinmal

Ex-Volkskanzler Ludwig Erhard, 70, verläßt langsam den Schmollwinkel.

Der CDU-Vorsitzende, der Ende Mai auf dem Unionsparteitag in Braunschweig auch das Parteiamt an Kanzleramts-Nachfolger Kiesinger abtreten will, zieht vorher noch für die Christdemokraten in den rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf: Am dritten April-Sonntag will er auf einer CDU-Kundgebung in der Festhalle zu Landau sprechen.

Der größte Versammlungsraum in der Südpfalz faßt normalerweise 1500 Menschen. Aber CDU-Landesvorsitzer Kohl in Mainz ist überzeugt: "Da kommen bestimmt mehr."

Im ersten Groll darüber, daß Bonner CDU-Manager ihn aus dem Kanzleramt drängten, hatte Ludwig Erhard sich Anfang des Jahres geschworen, außer in seinem eigenen Bundestagswahlkreis Ulm keine Wahlkampagne mehr für die Christenpartei zu führen. Erhard damals zum SPIEGEL: "Ich bin doch kein Trottel."

Als der agile junge CDU-Vorsitzende von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, 37, ihn jedoch kürzlich bat, als Wahlredner in die Pfalz zu kommen, "da hat er kurz überlegt, dann hat er zugesagt" (Kohl).

"Daß Ludwig Erhard bei der Bevölkerung nach wie vor große Sympathie genießt", meint Kohl, "steht außer Frage. Da brauchen Sie nur mal die demoskopischen Ergebnisse zu lesen*." Kohl weiter: "Ich habe ihn aus prinzipiellen Gründen gebeten, um seine Haltung zur CDU und besonders zur rheinland-pfälzischen CDU zu demonstrieren."

Erhard selbst möchte aus seiner Pfalz-Fahrt dagegen nichts Prinzipielles ableiten: "Ich mache keine Wahlreise, ich mache nur eine Kundgebung."

Die SPIEGEL-Frage, ob er in Zukunft vielleicht doch wieder als aktiver CDU-Wahlkämpfer einsteigen werde, beantwortete der Exkanzler" der sich letzte Woche in seinem Bungalow über dem Tegernsee noch nachösterlich erholte, am Telephon vorsichtig: "Das wird darauf ankommen." Worauf kommt es an?

Erhard: "Auf meine Entscheidung."

* Auf die Frage "welcher große Deutsche hat nach Ihrer Ansicht am meisten für Deutschland geleistet?" sprachen sich nach einer Mitte März veröffentlichten Untersuchung für Konrad Adenauer 44 Prozent, Otto von Bismarck 13 Prozent, Ludwig Erhard neun, Theodor Heuss vier, Adolf Hitler und Friedrich den Großen je zwei Prozent der Befragten aus.


DER SPIEGEL 16/1967
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