10.04.1967

DIE WUNDE WAR KAUM FINGERTIEF

Fünf blaue, spiralgebundene Bücher, auf deren Deckel das Dienstsiegel des FBI und der Name des FBI-Chefs J. Edgar Hoover eingeprägt sind, waren die ersten Arbeitsunterlagen der Warren-Kommission: der Bericht und das Beweismaterial des FBI über den Kennedy-Mord.
Dieser Bericht, so lobte die Warren-Kommission im Vorwort ihres Reports, sei für die Untersuchungen "von grundlegender Wichtigkeit" gewesen.
Dieser Bericht, so entdeckte indessen der Diplompolitologe Edward Jay Epstein, 32, entkräftet eine der umstrittensten Feststellungen der Warren-Kommission: daß die erste, nicht tödliche Kugel Kennedy im Nacken traf, durch die Kehle wieder austrat und sich dann noch durch den Körper des Texas-Gouverneurs Connally bohrte.
Die Bahn des Geschosses sei von oben nach unten verlaufen,
erklärte die Kommission. Der im Warren-Report veröffentlichte Obduktionsbefund ergänzte: "Das Geschoß quetschte den Muskelstrang auf der rechten Seite des Halses, beschädigte die Luftröhre und trat durch die vordere Außenseite des Halses aus."
Die FBI-Berichte teilen jedoch -- so Epstein -- "diametral entgegengesetzte Ergebnisse der Obduktion mit". In seinem Buch "Inquest"* zitierte der junge Wissenschaftler aus den blauen FBI-Büchern: "Die ärztliche Untersuchung der Leiche des Präsidenten ergab, daß eines der Geschosse direkt unter seiner Schulter ... eindrang, daß es keine Ausschußstelle gab und daß sich das Geschoß nicht in der Leiche befand."
Und: "Die ärztliche Untersuchung der Leiche des Präsidenten ergab, daß das Geschoß, das in seinen Rücken einschlug, weniger als eine Fingerlänge tief eingedrungen war."
* Deutsch: "Im Kreuzverhör". S. Fischer Verlag. Frankfurt: 240 Seiten: 12,80 Mark.
Das aber bedeutet: Stimmen die FBI-Berichte, so können Kennedy und Connally nicht von demselben Geschoß getroffen worden sein, es muß einen zweiten Schützen gegeben haben.
Kaum war Epsteins Buch erschienen, beeilten sich die Verfechter der Alleintäter-These" die FBI-Darstellung anzuzweifeln.
Der Autopsiebericht des FBI" so konterten Kommissions-Mitarbeiter, sei zu früh abgeschlossen worden. Die Ärzte im Bethesda Naval Hospital in Maryland hätten erst am Tag nach der Obduktion erfahren, daß es auch eine Wunde vorn an Kennedys Hals gab. (Die Wunde war wegen eines Luftröhrenschnitts, den die Ärzte in Dallas gemacht hatten, nicht mehr zu erkennen gewesen.) Sie hätten daraufhin ihre Meinung geändert (obwohl sie noch immer keinen Schußkanal gefunden hatten) und erklärt, das Geschoß sei vorn wieder ausgetreten. Da das Geschoß aber nach Aussage derselben Ärzte und nach Photos von Kennedys Jackett und Hemd rund 15 Zentimeter unterhalb des oberen Kragenrands eingeschlagen war, müßte es dann einen Zickzack-Weg genommen haben (siehe Skizze>.
Der Kommissions-Mitarbeiter Arlen Specter erklärte, Jackett und Hemd hätten sich (weil Kennedy die Hand zum Winken erhoben hatte) nach oben verschoben, die Löcher in den Kleidungsstücken seien kein Indiz für die Lage der Wunde. Da sich dann aber wohl Hemd oder Jackett übereinandergefaltet hätten, müßten je drei Löcher in den Kleidungsstücken sein.
Das Nachrichtenmagazin "Newsweek" vermutete, Kennedy habe sich zum Zeitpunkt der Schüsse vorgebeugt, so daß die Einschußwunde sehr wohl höher als die Ausschußwunde liegen könne. Filmaufnahmen vom Attentat beweisen jedoch, daß Kennedy, als er zum erstenmal getroffen wurde, aufrecht saß. Schließlich ließ das FBI verlauten, seine Agenten seien keine Ärzte gewesen, und zauberte einen weiteren Obduktionsbericht hervor, den "Sibert-O'Neill-Report", den die beiden bei der Autopsie anwesenden FBI-Beamten erstellt hatten.
Dieser Bericht sollte Epsteins Schlußfolgerungen erschüttern, erschütterte aber in Wirklichkeit erneut die Theorien der Warren-Kommission. Die Einschußwunde, so hatten Sibert und
O'Neill notiert, lag "unterhalb der Schultern". Dr. Humes, der die Obduktion leitete, habe festgestellt, das Geschoß sei nicht sehr weit In den Körper eingedrungen, "weil man das Ende der Wunde mit den Fingern fühlen konnte".
Für Humes -- so der neue FBI-Bericht weiter -- sei das Rätsel gelöst gewesen, als er von dem Geschoß erfuhr, das auf einer Bahre im Parkland Hospital in Dallas gefunden worden war. Humes: "Nun ist alles klar: ein Geschoß traf den Präsidenten im Rücken und fiel während der Herzmassage aus dem Körper."
Nach der -- umstrittenen -- Darstellung der Warren-Kommission wurde dieses Geschoß jedoch auf Connallys Bahre gefunden, mußte dort gefunden worden sein, weil sonst die Theorie zusammengebrochen wäre, daß ein und dieselbe Kugel den Präsidenten und den Gouverneur getroffen hatte.

DER SPIEGEL 16/1967
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