11.09.1967

MUSEEN / MÜNCHEN

Bissel was Fesches

Der reiche Mann rügte Gier nach materiellen Werten. "Ihr sollt", mahnte Gunter Sachs, 34, seine Gäste, "nicht Geldscheine anschauen, sondern Bilder."

Die Bilder sind sehenswert: Seit letztem Freitag zeigt Industrie-Erbe und Bardot-Gatte Sachs zum erstenmal öffentlich etwa zwei Drittel seiner exzellenten Kunstkollektion -- 123 Werke zwischen Pittura Metafisica und Pop Art, unter denen Gemälde der Surrealisten Brauner, Tanguy und Magritte sowie des Neurealisten Bacon und ein Gouachen-Ensemble des "Informel"-Urvaters Wols hervorragen. Auf einer Collage des Material-Künstlers Arman ist auch Frau Sachs zu sehen -- in mehrere Teile zerschnitten.

Die Sachs-Sammlung, sonst in den Pariser und Lausanner Gemächern ihres Eigentümers verwahrt, ist bis zum 20. Oktober in Münchens Villa Stuck ausgestellt. Sie wirbt dort für einen bescheidenen Privatbestand, der sonst am gleichen Ort zu sehen ist: für die Kollektion des Vereins "Modern Art Museum München", dem Sachs als Galionsfigur und Schutzengel dient.

Der Verein, ein Zusammenschluß oberbayrischer Kunst-Enthusiasten, läßt sich von seinem in der Satzung nicht vorgesehenen Präsidenten Sachs Neugierige locken, Schulden bezahlen und Bilder schenken oder leihen. Mit solchem Rückhalt steuert die elf Mitglieder starke Mannschaft ein olympisches Ziel an: Bis zum Olympia-Jahr 1972 soll "diese Kunststadt München, wie wir immer sagen" (so Vereinsgeschäftsführer Claus Bastian), ein Haus der allerjüngsten Kunst besitzen.

Die optimistische Idee stammt von dem malenden Münchner Juristen. Kunstkritiker und Bayernkönig-Dramatiker ("Gewitter am See") Wolfgang Christlieb, 55, den Anfang 1966 "Scham über die Impotenz des Kritikers ergriff": Da er beobachtete, daß progressive Publikationen die staatlichen Sammlungen nicht an konservativen Käufen hinderten, erwarb er selbst zwei Bilder des Pop-Bayern Uwe Lausen als Erstausstattung eines künftigen Privatmuseums.

Gestalt gewann die Utopie während einer Ostervisite, die Christi leb dem ihm befreundeten Rechtsanwalt Bastian abstattete. Beide wurden einig, die bislang vagen Pläne des Kritikers alsbald in einem gemeinnützigen Verein zu verwirklichen, und warben aus Münchens Society Mitglieder an --Christlich beispielsweise den Verlagsleiter Hans Dürrmeier; Bastian, Vermögensverwalter der adalbertinischen Wittelsbach-Linie, den Bayern-Prinzen Konstantin.

Die Neugründung erfüllte ihren Satzungs-Auftrag, "ausstellungswürdige Gegenstände der bildenden Kunst öffentlich zugänglich zu machen". erstmals im Herbst 1966 im Haus des Münchner Kunstvereins. Unter dem Zwang, "ein bissel was Fesches zu zeigen (Christlich), und mangels vereinseigener Bestände waren freilich die meisten der rund 20 Exponate nur geliehen.

Doch das "Potemkinsche Dorf" -- so der Erfinder, und nunmehr Vorsitzender des Vereins -- wurde anschließend "nach hinten ausgebaut": Einige Leibgeber überließen ihr Eigentum dem Jung-Museum bis auf weiteres, andere machten die Leihgaben zum Geschenk. Aus Spenden wurden zu mäßigen Preisen (stets unter 6000 Mark) weitere Werke erworben.

Großzügige Käufe und eine Gastausstellung in Darmstadt brachten aber den durch "Bettelei" (Christlieb) gespeisten Etat derart ins Wanken, daß Vorsitzender Christlieb sich "schon vor dem Konkursgericht" sah.

Rettung kam von Sachs: Der an schönen Formen immer interessierte Bardot-Gatte beglich die dringlichsten Vereinsverbindlichkeiten, ermöglichte, drei Räume der Villa Stuck als Museumsprovisorium einzurichten, spendete ein Bild und verhalf dem "Modern Art Museum" nun zur ersten bedeutenden Ausstellung.

Die eigene Sammlung des Museums (augenblicklich rund 35 Objekte) wächst derweil weiter. "Es wird", urteilt Christlieb, "fashionable, uns was zu stiften."


DER SPIEGEL 38/1967
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