06.02.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

17. Fortsetzung Die SS und der Hitler-Mythos.
Anfang 1943 liefen im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Meldungen ein, die den Gestapo-Chef, SS-Gruppenführer Heinrich Müller, aufhorchen ließen. Die Gestapo-Leitstelle München berichtete über ein Devisenvergehen, das auf den ersten Blick wie ein alltägliches Delikt wirkte und dennoch die Machtstruktur des Dritten Reiches erheblich verändern sollte.
An der Grenze zum Reichsprotektorat war ein Mann namens David von der Zollfahndungsstelle. Prag aufgegriffen worden, weil er unerlaubt 400 Dollar mit sich führte. David gab an, ein Offizier der militärischen Spionage-Abwehr des Admirals Wilhelm Canaris habe ihm den Auftrag erteilt, gewisse finanzielle Transaktionen für jüdische Menschen aus dem Protektorat abzuwickeln.
Die Spur des David führte zu zwei Geldgebern, die bei der Abwehrstelle München als V-Männer dienten. Das waren der Hauptmann Ickrath und sein Freund, der deutsche Außenhandelskaufmann Dr. Wilhelm Schmidhuber. Beide wurden unter dem Verdacht festgenommen, die Devisengesetze Hitler-Deutschlands verletzt zu haben.
In seiner Bedrängnis diktierte Schmidhuber den Verhörbeamten der Gestapo eine Version ins Protokoll, die dem Devisenvergehen einen politischen Akzent geben sollte. Dabei berief sich der Kaufmann auf ähnliche Unternehmungen des Reichsgerichtsrats Dr. Hans von Dohnányi, der als Sonderführer in der Abwehr-Zentralabteilung des Generalmajors Hans Oster Dienst tat; Dohnányi "habe außerdem auch an Friedensgesprächen im Ausland mitgewirkt.
Die Gestapobeamten glaubten, auf eine weitere Abwehraffäre gestoßen zu sein, und setzten zu neuen Nachforschungen an. Sie ermittelten, daß der Sonderführer von Dohnányi Juden mit Papieren und Geldern der Abwehr versehen und ihnen als V-Männer die Ausreise in die Schweiz ermöglicht hatte.
Inzwischen ließ sich der Gestapo-Häftling Schmidhuber eine weitere Enthüllung entlocken. Er deutete an, seine Transaktionen stünden in einem gewissen Zusammenhang mit den Bemühungen des Münchner Abwehr-Oberleutnants Dr. Joseph Müller, den Vatikan zu einer Friedensvermittlung zwischen Deutschland und den Alliierten zu bewegen.
Der Gestapo-Chef erkannte sofort, was die Meldungen aus München bedeuteten: Zum, ersten Male war es der Geheimen Staatspolizei gelungen, an den innersten Zirkel jener mächtigen Abwehr heranzukommen, die dem Überwachungsapparat der Prinz-Albrecht-Straße die Alleinherrschaft im Deutschen Reich streitig machte und die Wehrmacht dem Zugriff der Gestapo entzog.
Mehr noch:. Mit den Namen Hans Oster, Joseph Müller und Hans von Dohnányi verbanden die Männer der Prinz-Albrecht-Straße seit langem die Vorstellung, im OKW-Amt Ausland/Abwehr habe sich eine Gruppe entschlossener Regimegegner eingenistet, die im Schutz der Wehrmacht -- unerreichbar für die Gestapo -- den Sturz des nationalsozialistischen Regimes planten.
> Der Monarchist Oster, eine Art Stabschef der Abwehr, hatte einen innenpolitischen Informationsdienst eingerichtet, der die Führer des deutschen Widerstandes gegen das Hitler-Regime mit -- Nachrichten versorgte und- so wirkungsvoll war, daß der Gesandte von Hentig übertreibend von -einer "Überwachung der -- gesamten Partei durch die Abwehrabteilung der Wehrmacht" sprechen konnte.
> Der Jurist von Dohnanyi stand auf der Schwarzen Liste des RSHA, seit er 1938 dazu beigetragen hatte, die Gestapo-Intrige gegen den Generalobersten Freiherr von Fritsch aufzudecken, und weil er engsten Kontakt zu anderen Hitler-Opponenten aus dem Kreis um den ehemaligen Generalstabschef Ludwig Beck und den Ex-Oberbürgermeister Dr. Carl Goerdeler hielt.
> Gegen den Katholiken und späteren CSU-Mitbegründer Joseph Müller ("Ochsensepp") hatten Gestapo und SD jahrelang ermittelt, weil er im Verdacht stand, der Belgischen Gesandtschaft am Vatikan den Angriffstermin des deutschen Westfeldzugs (10. Mai 1940) preisgegeben zu haben.
Eben diese Zusammenhänge spornten nun Gestapo-Müller an, die Münchner Devisenaffäre zu einem tödlichen Schlag gegen die Abwehr zu nutzen. Allerdings: Er mußte vorsichtig manövrieren. Nichts durfte die wahren, die politischen Motive seines Vorgehens verraten; die Gestapo mußte sich den Anschein geben, lediglich einen Fall von Devisenvergehen zu bearbeiten.
Da die Gestapo kein" Delikte innerhalb der Abwehr verfolgen durfte, überließ Gestapo-Müller der Wehrmacht die Untersuchung des Falles, trug aber dafür Sorge, daß die Gestapo durch einen Beobachter den Kriminalkommissar Sonderegger -- eingeschaltet blieb.
Das Reichskriegsgericht, das die Gestapo-Intrige nicht durchschaute, ernannte einen Untersuchungsrichter, den Oberstkriegsrichter Dr. Martin Roeder, der sich schon im Falle des sowjetischen Spionageringes "Rote Kapelle" als Verfolger antinazistischer Widerständler bewährt hatte.
Am 5. April 1943 meldete sich Roeder in Begleitung des Gestapo-Kommissars Sonderegger bei Canaris. Roeder wies einen Haftbefehl für Dohnányi vor und erklärte dem Admiral, er sei vom Reichskriegsgericht ermächtigt werden, das Amtszimmer Dohnányis zu durchsuchen. Wenige Minuten später standen die drei Männer vor Dohnányi.
Der Militärrichter steuerte auf Dohnányis Schreibtisch zu und zog einen Stapel verfänglicher Dokumente hervor. Er legte sie auf die Tischplatte; unter den Papieren befanden sich eine Akte über Dohnányis jüdische V-Männer-Gruppe in der Schweiz und Aufzeichnungen über Friedensgespräche in Rom und Stockholm, an denen Abwehr-Offiziere und der unter Gestapo-Beobachtung stehende Pastor Dietrich Bonhoeffer teilgenommen hatten. -- Da bemerkte der Gestapo-Kommissar Sonderegger, daß der ebenfalls anwesende Abteilungsleiter Oster wie gebannt auf den Schreibtisch Dohnányis starrte. Dort lag eine Akte. "Der Zettel, der Zettel!" zischte der Sonderführer Dohnányi dem Generalmajor Oster zu. Langsam näherte sich Oster dem Schreibtisch und langte nach einem Zettel, um ihn schnell an sich zu nehmen.
"Halt!" schrie Sonderegger und zeigte mit dem Finger auf den Generalmajor. Roeder schnellte herum. Er verstand sofort und bat den Admiral Canaris, er möge Oster befehlen, den Zettel herauszugeben. Zunächst weigerte sich Oster, dann gehorchte er. Roeder las den Zettel. Auf ihm hatte Bonhoeffer eine Sprachregelung entworfen, die es der Abwehr ermöglichen sollte, den Friedensgesprächen mit pro-alliierten Persönlichkeiten des Auslands einen harmlosen Anschein zu geben.
Die Szene in Dohnányis Zimmer leitete das Ende der unabhängigen Abwehr ein. General Oster wurde abgesetzt und aus dem Wehrdienst entlassen; Dohnányl, Joseph Müller und Bonhoeffer wurden verhaftet.
Im Januar 1944 glückte der Gestapo ein neuer Schlag gegen die unvorsichtigen Abwehr-Verschwörer. Gestapo-Müller zerschlug den Widerstandskreis um die Botschafter-Witwe Hanna Solf und verhaftete dabei weitere führende Mitglieder der Abwehr, darunter den ehemaligen Generalkonsul -- Kiep, den Kriegsverwaltungsrat Graf von Moltke und den Hauptmann Gehre.
Kaum aber hatte sich die Abwehr von diesem neuen Schlag erholt, da fiel sie ihrer eigenen Schwäche zum Opfer. In mehreren Ländern liefen Mitarbeiter der Abwehr zu den Alliierten über: in der Schweiz, in Schweden und in der Türkei. Als die Desertionen Hitler gemeldet wurden, überschüttete er die Abwehr mit schweren Vorwürfen. Die engsten Mitarbeiter des Diktators bekamen zu hören, der Apparat des Admirals Canaris habe auf der ganzen Linie versagt. Da stichelte der 55-Brigadeführer Fegelein, Himmlers Vertreter im Führerhauptquartier. man solle doch "den ganzen Kram" dem Reichsführer-SS unterstellen.
Hitler griff den Vorschlag seines späteren Schwagers auf und ließ sich den SS-Chef kommen. In wenigen Minuten war das Schicksal der Abwehr besiegelt: Heinrich Himmler bekam Ende Februar 1944 von seinem Führer den Auftrag, Abwehr und SD zu vereinigen. Die Wehrmacht hatte gegen die SS eine entscheidende Schlacht verloren. Sie büßte ihren Abwehrapparat ein und wurde damit zur einzigen Armee der Welt, die nicht über einen eigenen Geheimdienst verfügte. Die militärische Spionage war von nun an eine Domäne der Schutzstaffel -- die SS triumphierte.
Doch seltsam, die erwartete Rache des Siegers blieb aus. Denn nicht Gestapo-Chef Müller, der sich gerne auf die "Verräterbrut" im Hause Canaris gestürzt hätte, wurde neuer Chef der Abwehr, sondern sein ärgster Gegner in der Schutzstaffel: SS-Oberführer Walter Schellenberg, Leiter des Amtes VI (Ausland-SD) im RSHA.
Ein merkwürdig ambivalentes Verhältnis verband ihn seit Jahren mit Admiral Canaris, der Schellenbergs ungewöhnliche Intelligenz schätzte. Der Abwehrchef hegte fast väterliche Gefühle für den SS-Mann, und auch Schellenberg respektierte den Admiral auf eine menschliche Art, die dem kalten SD-Intellektuellen sonst fremd war.
Selbst in den Stunden seiner schärfsten Auseinandersetzungen mit Schellenberg-Chef Heydrich hörte der Admiral auf den Rat des Jüngeren. "War ich wieder zu heftig?" fragte er oft, wenn er sich mit Schellenberg zum morgendlichen Ausritt im Berliner Tiergarten traf. Er wußte, daß Schellenberg zumindest ihm, Canaris, gegenüber gewisse Grenzen der Loyalität nie verletzte.
Trotz seiner engen Verfilzung mit den Mächtigsten des SS-Ordens besaß Schellenberg eine gute Portion Schlauheit, die ihm verwehrte, "dem totalen Staat den Tribut der tödlichen Schuld zu entrichten", wie der Publizist Klaus Harpprecht formuliert. Nichts konnte ihn bewegen, sich dem NS-Staat bis zum letzten Blutstropfen zu verschreiben. Die Anpassungsfähigkeit, die einst den depossedierten Bürgersohn in die SD-Elite geführt hatte, ließ ihn auch wieder vom Hitler-Regime abrücken, als. er das Menetekel der braunen Götterdämmerung entdeckte.
Die wahre Lage des Reiches kannte er, seit er sich in die vorderste Reihe des SS-Nachrichtendienstes vorgeschoben hatte. Zunächst war ihm 1940 nach dem Weggang Dr. Werner Bests die Leitung der Abwehrpolizei zugefallen, aber mit seinem Chef, dem brutal-verbissenen Gestapo-Müller, hatte er sich im Laufe der Zeit so hart überworfen, daß er froh sein mußte, 1942 die Nachfolge des Ausland-SD-Chefs Heinz Jost antreten zu dürfen.
Er bewies als Chef "des Auslandsnachrichtendienstes so beachtliche Talente, daß sich Himmler sofort seines Benjamins erinnerte, nachdem er beauftragt worden war, SD und Abwehr zusammenzuschließen. Schellenberg machte sich im Frühjahr 1944 daran, einen uniformen Geheimdienst unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamtes zu bilden.
Der besiegten Abwehr gegenüber aber ließ er sich das Triumphgefühl des SS-Führers nicht anmerken. Fast behutsam liquidierte er den Apparat der Abwehr, sorgfältig darauf bedacht, die alte Canaris-Mannschaft möglichst unversehrt in das RSHA einzubauen. Er faßte die Abwehr-Abteilungen I (Geheimer Meldedienst) und II (Sabotage) zu einem neuen militärischen Abwehrdienst, dem "Amt Mil", zusammen und unterstellte ihn dem insgeheim mit dem Widerstand liierten Abwehr-Oberst Georg Hansen. An der Oberfläche blieb alles beim alten, fast schien es, als hätten nur die obersten Chefs gewechselt.
Die Masse der Abwehr-Offiziere durchschaute nicht, warum Schellenberg mit der Canaris-Gefolgschaft so glimpflich umging. Erst allmählich erschloß sich ihnen die phantastische Wahrheit: Der SD-Chef Schellenberg folgte einem Kurs, der jenem der Abwehr-Frondeure überraschend ähnelte.
Kaum jemand wußte an diesem Vorabend des 20. Juli 1944, wie sehr die geheimen Absichten der Abwehr und des Ausland-SD einander glichen. Beide glaubten nicht mehr an den deutschen Endsieg. Beide wünschten einen Sonderfrieden mit den Alliierten. Beide waren im Interesse des deutschen Überlebens bereit, Adolf Hitler zu beseitigen.
Die kritischen Analysen der Abwehr über die Kriegslage stimmten überein mit den Feindmeldungen und Stimmungsberichten des SD. Bei ihrer Suche nach einem Ausweg aus Hitlers Krieg benutzten SD und Abwehr oft dieselben Schleichpfade.
Nicht selten erstreckte sich ihre Gemeinsamkeit auf dieselben Mittelsmänner und alliierten Gesprächspartner. So wurde der amerikanische Geheimdienst-Beauftragte Allen W. Dulles in Bern ebenso von Sendboten Schellenbergs angegangen wie von Mitarbeitern der Abwehr-Fronde; der ehemalige Schweizer Hochkommissar in Danzig Carl J. Burckhardt beriet Abgesandte aus, dem Lager Himmlers und aus dem Widerstandskreis Beck-Goerdeler gleichermaßen über die Aussichten für einen deutsch-alliierten Sonderfrieden.
Hier offenbarte sich eine zumindest partiell übereinstimmende Zielrichtung, die den Aufstand des Gewissens in den Reihen des deutschen Offizierkorps mit den Ausweichmanövern kaltblutiger SD-Rationalisten so schicksalhaft verband, daß Apologeten des schwarzen Ordens später meinten, im Grunde hätten beide ein und dasselbe gewollt. Werner Best behauptete nach dem Krieg, die Abwehr und ihre Gegenspieler im SD seien von der gleichen Tragik überschattet gewesen. Es sei, schrieb er, "unsere gemeinsame Tragödie" gewesen, "daß wir um unseres Volkes willen ein Regime schufen, das nach einem guten Start und erheblichen Anfangserfolgen aus nicht vorausgesehenen Gründen (Hitlers Prophetenwahn) zur Katastrophe führte".
Eine solche Interpretation ignoriert zwar den weiten moralischen Abstand, der die aus vorwiegend sittlichem Zwang handelnden Männer des 20. Juli 1944 von den SS-Technologen der Macht trennte. Gleichwohl spiegeln die Worte des ehemaligen Gestapo-Justitiars jene Bitterkeit und Enttäuschung wider, in die der Alltag des Dritten Reiches die Halbgötter der Führerdiktatur gestürzt hatte.
Was Best "Hitlers Prophetenwahn" nennt, ist in der Tat ein Schlüssel, ohne den das Verhalten der SS oder zumindest einiger ihrer Führer vor dem und am 20. Juli 1944 rätselhaft bliebe. Manche SS-Führer sind damals innerlich an dem Mann zerbrochen, dem sie blinde und fanatische Treue geschworen hatten: an Adolf Hitler.
Nur in der Fixierung auf dieses "größte Gehirn aller Zeiten", wie Himmler seinen Abgott nannte, sahen die SS-Führer Sinn und Aufgabe ihres Ordens. Das Leben Adolf Hitlers zu schützen, seine Befehle rücksichtslos auszuführen und dereinst Vollstrecker seines Vermächtnisses zu sein -- dies dünkte sie die heilige Mission der SS.
Das Weimarer Zerrbild der Demokratie mit ihrer scheinbaren Unordnung vor Augen, erträumten sich viele SS-Führer das Utopia eines völkischen Ordnungsstaates, gelenkt von einem genialen, sein Jahrhundert bezwingenden Führer, getragen von einer Technologen-Schicht, die unsentimental und "sachlich" (einer, ihrer Lieblingsausdrücke) die Forderungen der Staatsführung verwirklichte. "Der totalitäre Staat dünkte sie das einzige Heil, von ihm erhofften sie sich die vielberufene Ordnung und nationale Disziplin, nach der sie sich ebenso sehnten wie Millionen unpolitischer Deutscher.
Doch die allzu enge Berührung mit den Machtträgern des Regimes ernüchterte manche SS-Führer. Sie merkten bald: An die Stelle der demokratischen Parteikämpfe war nicht ein einheitlicher Wille der Führerdiktatur getreten, sondern die Kompetenzrangelei einer Vielzahl von NS-Hierarchen, denen Hitler zur Selbsterhaltung seiner Alleinherrschaft weiten Spielraum ließ.
Am ärgsten irritierte vor allem die im SD dienenden SS-Führer, daß sich der Diktator keineswegs als der realistische und überlegene Staatsschöpfer erwies, den sich die SD-Intellektuellen in ihrer Retortenwelt erdacht hatten. Statt der durchsichtigen Rationalität, statt der vom SD verabsolutierten Sachlichkeit" trat ihnen an der Spitze des Staates ein brutaler Eroberungswille entgegen, ein nicht mehr kontrollierbarer Machtrausch, inspiriert von dem plattesten biologischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und von einem kolonialistischen Herrenmenschen-Wahn, der auch jene Grenzen sprengte, die selbst noch die SS-Führer der nationalistischen Doktrin setzten.
Als der erfolgstrunkene Diktator das erste fremde Volk -- die Tschechen der Rest-CSR -- annektierte, erfuhr das Verhältnis zwischen Hitler und der SS-Führung eine leise und winzige, kaum wahrnehmbare Trübung. Der Griff nach dem Prager Hradschin machte nicht nur das Ausland, er machte auch einige SS-Führer nachdenklich.
Nie konnte der SS-Standartenführer Reinhard Höhn den Märztag von 1939 im Berliner Tiergarten vergessen, als ihm der Oberführer Best bei einem Morgenritt begegnet war. "Kamerad Höhn", sagte Best, "das ist das Ende. Bisher haben uns die Leute geglaubt, daß der Nationalsozialismus die völkische Idee verkörpert und daß diese völkische Idee Grenzen kennt. Mit dem Einmarsch in Prag aber wird der Nationalsozialismus zum Imperialismus."
Solche kurzlebigen Erkenntnisse hinterließen in den Gedanken und Taten der SS-Führer freilich keine sichtbaren Spuren; die Schutzstaffel folgte Hitler in seine Wahnwelt, folgte ihm in die Eroberungszüge und den Rassenmord. Dennoch war symptomatisch, daß selbst Himmler in dem starren Gehäuse seiner ekstatischen Hitler-Hörigkeit zuweilen Anzeichen eines unverkennbaren Unbehagens verriet -- schon im Sommer 1939.
Hitlers selbstmörderischer Ritt am Abgrund des Krieges irritierte den im Innersten seines Wesens furchtsamen SS-Chef. In der Sudeten-Krise von 1938 hatte Himmler noch in der vordersten Front der Kriegshetzer gestanden, die den Diktator in dessen aggressivem Kurs bestärkten; aber in dem von Hitler ausgelösten Streit um Danzig beschlich Himmler das Gefühl, der Diktator setze alles aufs Spiel.
Himmler verband sich mit Hermann Göring, der in der Danziger Frage einen von Hitlers Brachialpolitik abweichenden Kurs steuerte, und stellte sich gegen den AA-Chef Joachim von Ribbentrop, in dem er Hitlers unseligsten Berater sah. In den ersten Apriltagen reiste er nach Danzig, um dem kriegslüsternen Gauleiter Albert Forster, Danzigs Oberherrn, zur Mäßigung zu raten,
Der französische Generalkonsul in Danzig, Baron Guy de la Tournelle, meldete nach Paris, Himmler sei fest entschlossen, in Berlin die Absetzung Forsters zu betreiben. Doch der SS-Chef konnte sich nicht durchsetzen.
Auch der polnische Botschafter in Berlin rechnete Himmler damals eher zu den Gegnern eines Krieges. Und der schweizerische Danzig-Kommissar Burckhardt schrieb am 26. Juli 1939 an den Generalsekretär des Völkerbundes, man rede im Ausland "von der Isolierung Hitlers durch Himmler und Goebbels. Solche Bemerkungen entsprechen dem genauen Tatbestand nicht. Himmler hatte sich seit dem letzten Herbst, besonders seit den Judenverfolgungen im November, umgestellt, er hatte sich Göring genähert und stand zu Goebbels und seinen Propagandamethoden im Gegensatz".
Himmler schwenkte später eilfertig auf Hitlers Kriegskurs ein, gleichwohl bewahrte er sich eine Abneigung gegen von Ribbentrop, den er -- um nicht seinen Ersatzgott Hitler selber belasten zu müssen -- für die verhängnisvolle deutsche Kriegspolitik verantwortlich machte.
In Himmlers Umgebung gaben sich SS-Führer der Illusion hin, durch einen Sturz Ribbentrops könne das Reich zu einem schnellen Friedensschluß mit den Alliierten gelangen. "Das ist nicht unser Krieg, das ist Ribbentrops Krieg!" rief einmal Göring, und so dachte auch mancher in der SS-Führung. Der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassell, einer der führenden Männer des innerdeutschen Widerstandes, erfuhr davon im Oktober 1939.
Er traf den Grafen Welczek, Deutschlands ehemaligen Botschafter in Paris, der ihm erzählte, man wolle so rasch wie möglich den Krieg beenden. Hassell notierte sich: "Sein (Welczeks) Aktionskreis sind Leute der obersten SS-Führung -- Stuckart und Höhn -- von denen er behauptet, daß sie im Grunde so dächten wie wir (Widerständler) und besonders schon erwägen, ob man Ribbentrop der Gegenseite zum Fraß hinwerfen solle. Man überlege dort schön die Zusammensetzung eines neuen Ministeriums."
Diese Indizien, so sporadisch sie auch sein mochten, verrieten deutlich genug, daß die SS-Führung beileibe nicht immer die blinde Siegeszuversicht teilte. mit der sie Tausende und Abertausende junger SS-Männer in Grauen und Völkermord des Zweiten Weltkriegs stürmen ließ.
Nicht, daß sie etwa an der inneren Berechtigung der Hitlerschen Gewaltpolitik gezweifelt hätte. Wie stets stand die Schutzstaffel bereit, auch den barbarischsten Befehl ihres Führers in die Tat umzusetzen. Ob der Tod des jüdischen Volkes beschlossen war oder eine neue Offensive auf dem Schlachtfeld bevorstand, ob Benito Mussolini aus der Gefangenschaft seiner italienischen Feinde befreit oder der Abfall eines Satelliten Hitler-Deutschlands verhindert werden mußte -- die SS zögerte nie.
Aber manche 55-Führer irritierte. was schon öfter den Dienst für die Führerdiktatur beeinträchtigt hatte: die eigene Intelligenz. Die SD-Elite war einfach zu klug, um dem Gift jener plumpen Gewalt zu erliegen, die der völkische Lebensraum-Apostel -- im Führerhauptquartier predigte. In der Besatzungspolitik ließen sich einige Nuancen beobachten, durch die sich das Herrschaftsmuster des schwarzen Ordens von Hitlers simpler Herr-und-Sklaven-Politik abhob.
Die unsentimentalen Macht-Techniker, die mit ihren Polizeiapparaten das eroberte Europa beherrschen und zugleich befrieden sollten, sahen ihre Arbeit erschwert durch Hitlers undifferenzierten Raumimperialismus, dessen nackte Eroberer-Logik die beherrschten Völker eines Tages zum Widerstand gegen die deutschen Herren reizen mußte.
Was Hitler seinen Mitarbeitern über die Behandlung des besetzten Rußlands einschärfte, galt im Grunde auch für das übrige Europa: Es komme, so erklärte Hit grundsätzlich darauf an, "den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können". In dieser Welt gab es außerhalb Deutschlands keine autonomen Völker und Staaten mehr, sondern nur noch Satrapien einer zentralistischen Super-Diktatur.
Das "Kleinstaatengerümpel", erläuterte Hitler 1943 vor Reichs- und Gäuleitern, müsse so schnell wie möglich liquidiert werden, ein einheitliches Europa könne "eine klare Organisation nur durch die Deutschen erfahren". Den deutschbesetzten Staaten wollte er nicht einmal ein Mindestmaß an nationaler Autonomie zugestehen. Hitler warnte: "Der Weg der Selbstverwaltung führt kann". Denn: "Das Leben läßt sich nicht zwingen und nicht betrügen."
Best 1942 in der Zeitschrift "Reich, Volksordnung, Lebensraum": "Als stärkstes Volk eines Völkerkreises mit gleichem Raumschicksal in enger Zusammenarbeit mit seinen Bundesgenossen eine völkische Großraumordnung zu schaffen und sie als echtes Führungsvolk nach lebensgesetzlicher Hinsicht zu führen, ist für ein Volk die höchste erreichbare Stufe der Selbstentfaltung, weil sie Dauer in lebensgesetzlicher Entwicklung verbürgt statt des Niedergangs, der einem kurzen Herrenwahn unentrinnbar folgt."
Reinhard Heydrich war der erste, der eine SS-eigene Besatzungspolitik erprobte. Der SS-Obergruppenführer, Chef des SD und Leiter des Reichssicherheitshauptamts wurde im September 1941 zusätzlich zu seinen übrigen Posten zum stellvertretenden (in der Praxis: tatsächlichen) Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt. --
Heydrich führte sich bei den Tschechen mit einer Terrorwelle ein, die ihm zur Selbständigkeit; mit demokratischen Einrichtungen kann man nicht halten, was man mit Gewalt einst genommen hat."
Diesem Programm setzten die SS-Führer eine ebenso vom Machtwahn diktierte, aber in den Methoden intelligentere Politik entgegen, die sich mit dem Begriff "Zuckerbrot und Peitsche" umschreiben läßt. Durch ein Wechselbad von Härte und Milde wollten die Besatzungspolitiker der SS versuchen, einen dürren Consensus zwischen Herrschern und Beherrschten herzustellen.
Von Hitlers Hohn über das "Kleinstaatengerümpel" hob sich die Meinung des SS-Führers Best ab, im "Verhältnis des Führungsvolkes zu den übrigen Völkern" sei "zu beachten, daß Führung auf. die Dauer nie ohne oder gegen den Willen der Geführten ausgeübt werden den Namen "Schlächter von Prag" eintrug. Er arrangierte den ersten Schauprozeß der NS-Geschichte, in dem er den Tschechen-Premier Alois Eliás binnen weniger Stunden zum Tode verurteilen ließ, während Gestapo-Kommandos tschechische Widerstandsgruppen zerschlugen und Oppositionelle verhafteten.
Kaum aber hatte der. "Mann mit dem eisernen Herzen", wie Hitler den SS-Führer Heydrich nannte, sein Ziel erreicht, da zog er die. Standgerichte zurück. Den Terrorisierten präsentierte sich ein neuer Reichsprotektor. Dem "Schlächter" Heydrich folgte der "Wohltäter" Heydrich.
Er erklärte die politische Verfolgung für beendet und begann, den tschechischen Arbeitern und Bauern zu hofieren, die er gegen die bürgerliche Intelligentsia auspielte, in der Heydrich den Hauptherd des Widerstandes sah. Da er zudem Auftrag hatte, die tschechische Industrie- und Agrarproduktion zu steigern, baute er viele der Bestimmungen ab, die Tschechen zu Menschen zweiter Klasse degradierten.
"Zum ersten Male selbst für die demokratische Tschechoslowakei setzte er die gesellschaftliche Anerkennung der Arbeiter und Bauern durch", registriert Heydrichs britischer Biograph Charles Wighton. Gemeinsam mit Ehefrau Lina empfing der Protektor eine tschechische Delegation nach der anderen, die manchem Beobachter den irrigen Eindruck vermittelte, die -Tschechen hätten sich mit der deutschen Zwangsherrschaft abgefunden.
Die Meldungen von den Befriedungserfolgen des SS-Gouverneurs schockierten Eduard Beneschs tschechoslowakische Exilregierung in London. Die Friedhofsruhe im Reichsprotektorat drohte die Sache der demokratischen Exil-Tschechoslowaken zu lähmen, denn: Je passiver sich die Bevölkerung Böhmens und Mährens gegenüber den deutschen Herren verhielt, desto unhaltbarer würde die Stellung der Exilregierung bei Verhandlungen mit den Alliierten.
Daraus ergab sich für die Exiltschechen eine nüchterne Folgerung: Heydrich mußte liquidiert werden -- nur die Ermordung des mächtigen Reichsprotektors konnte jene deutsche Brutalität herausfordern, ohne die eine tschechische Résistance kein Ziel und keinen Schwung fand.
Im Dezember 1941 beschloß das Londoner Exilkabinett den Tod Heydrichs. Zwei tschechische Unteroffiziere, Jan Kubis und Josef Gabcik, wurden für die Aufgabe ausersehen, den Protektor zu ermorden. Kurz nach Weihnachten nahm ein britisches Flugzeug die beiden Tschechen an Bord und setzte sie über dem Protektorat ab. Kubis und Gabcik hatten den Plan, Heydrich auf seiner täglichen Fahrt von der Sommerresidenz Jungfern-Breschan nach dem nahegelegenen Prag zu ermorden.
Als Tatort wählten sie den Prager Stadtteil Holesovice, und zwar die Stelle, wo die Straße Dresden -- Prag in einer Haarnadelkurve zur Troja-Brücke hinunterführt. Beim Durchfahren der Kurve mußte der in seinem Wagen ohne Begleitschutz nach Prag fahrende Heydrich die Geschwindigkeit stark drosseln.
Diesen Augenblick wollten Kubis und Gabcik nutzen. Am Morgen des 27. Mai 1942 war es soweit. Die Attentäter verteilten sich an der Kurve, jeder mit (unter Regenmänteln versteckten) Sten-Maschinenpistolen und Handgranaten bewaffnet. Mitverschwörer Josef Valcik postierte sich 270 Meter vor der Kurve mit dem Auftrag, durch ein Pfeifsignal das Herannahen Heydrichs zu melden.
Die von den Attentätern ermittelte Ankunftszeit Heydrichs -- 9.30 Uhr -- verstrich, das grüne Mercedes-Kabriolett des Protektors. blieb aus. Eine Stunde verrann, die Männer wurden nervös. Da hörten Gabcik und Kubis das Pfeifsignal.
Gabcik knöpfte seinen Mantel auf, packte die MPi und sprang auf den Fahrdamm. Er legte an und zielte, als der Mercedes um die Ecke bog. Gabcik konnte alles sehen: das bleiche Gesicht Heydrichs, den Kopf des Fahrers Klein, davor die Windschutzscheibe. Der Attentäter drückte ab -- vergebens. Er lud noch einmal durch -- wieder vergebens. Wütend schrie der hinter ihm stehende Kubis auf. Er holte seine Handgranate hervor und schleuderte sie gegen den bremsend-schlingernden Mercedes. Die explosive Ladung traf den Fond des Wagens. Der Mercedes zersplitterte.
Doch scheinbar unverletzt sprang Heydrich aus dem Kabriolett, seinem Fahrer etwas zubrüllend. Schon bei dem Anblick des Gabcik hatte sich Heydrich im Wagen erhoben und seinen Dienstrevolver aus dem Halfter gezerrt. Jetzt taumelte er auf die Straße und setzte schreiend und schießend den fliehenden Attentätern nach . "Hauptfigur einer Szene, die einem Wildwestfilm entstammen konnte" (Wighton).
Heydrich kam dem Attentäter Kubis immer näher, als der Tscheche jäh seine Chance sah: Aus entgegengesetzten Richtungen fuhren zwei Straßenbahnen aufeinander zu -- Kubis konnte hinter der einen verschwinden, noch ehe ihn Heydrich erreicht hatte. Der Tscheche
In einem Konzert der Prager Musikwoche am 28. Mai 1942, dem Vorabend des Attentats. schwang sich auf ein bereitgestelltes Fahrrad und entkam.
Der Protektor wandte sich nun dem zweiten Attentäter zu: Gabcik zog einen Revolver aus der Tasche und lief feuernd zurück. Schuß um Schuß, jede Deckung ausnützend, floh er vor dem SS-Führer.
Da sah er, daß Heydrich seinen Revolver zu Boden warf; die Munition war ihm ausgegangen. Heydrich griff sich mit der rechten Hand an die Hüfte und wankte zurück. Auch Attentäter Gabcik konnte entkommen. Erst jetzt zeigte sich, daß Heydrich von den Attentätern doch nicht verfehlt worden war: Die Sprengladung des Kubis hatte Lederteile und Stahlspiralen der Sitzpolsterung in Rippen und Zwerchfell Heydrichs getrieben und sie verletzt; Partikel der Polsterwolle waren bis in die Milz gedrungen. Die Ärzte konnten Reinhard Heydrich nicht mehr retten. Am 4. Juni 1942 erlag er seinen Verletzungen.
London aber erhielt, was es erstrebt hatte. Über Böhmen und Mähren ging eine Terrorwelle nieder, eine der beklemmendsten in der Geschichte des Dritten Reiches. 10 000 Tschechen wurden verhaftet, mindestens 1300 erschossen, darunter auch sämtliche männlichen Bewohner des bei Prag liegenden Dorfes Lidice, das angeblich den Attentätern Hilfe geleistet hatte und nun dem Erdboden gleichgemacht wurde. Bei so· blind-fanatischem Zuschlagen war· es eher ein Zufall, daß auch die Heydrich-Attentäter den -- Verfolgern in die Hände fielen.
Heydrichs Besatzungspolitik fand einen Erben, der entschlossen war, in Zukunft derart barbarische Repressalien zu vermeiden. Die Ironie wollte, daß der Heydrich-Kurs von dem Mann fortgesetzt und verfeinert wurde, den der Ermordete gehaßt hatte wie kaum einen zweiten SS-Führer: von Dr. Werner Best, ehedem Mitbegründer des Gestapo-Apparates und seit August 1942 Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt.
Eine Krise zwischen Dänemark und dem Reich katapultierte Best Ende 1942 nach Kopenhagen. Hitler fühlte sich von Könighaus und Regierung Dänemarks, das unter deutscher Besetzung seine verfassungsmäßigen Institutionen hatte behalten dürfen, öffentlich beleidigt, weil der König ihm zum Geburtstag zu wortkarg gratuliert hatte; er wollte die Gelegenheit dazu benutzen, die kleine Gruppe dänischer Nationalsozialisten auf entscheidende Regierungsposten zu hieven.
Für diese Mission wählte AA-Chef Joachim von Ribbentrop den SS-Gruppenführer Best aus, dem der Ruf eines energischen Unterhändlers vorausging. Best aber erkannte bald, daß Hitlers Forderung die deutsche Besatzungspolitik in Dänemark ruinieren mußte. Niemals würde der dänische Reichstag NS-Minister akzeptieren.
Reichsbevollmächtigter Best tat, was noch nie ein Diplomat aus dem Hause Ribbentrop gewagt hatte: Er ignorierte den Ukas seines Führers. Der SS-Mann verständigte sich mit den dänischen Politikern. Sie bildeten ein neues Kabinett und verzichteten auf einige den Deutschen suspekte Minister, Best hingegen ließ die dänischen Nazis fallen. Als die Partei bei den dänischen Reichstagswahlen im März 1943 nur drei Mandate eroberte, überredete er den NS-Führer Frits Clausen, Kopenhagen zu verlassen und sich praktisch ins Privatleben zurückzuziehen.
Das Manöver war typisch für die unterkühlte Art, mit der SS-Führer Best einen lautlosen Kurs steuerte. Er wollte seiner Domäne Ruhe und Stabilität sichern und war bereit, gegen alle Störenfriede vorzugehen, gegen Alliierte, dänische Widerständler und -- Hitler.
Seine geschmeidige, mit eiskalter Logik vorangetriebene Politik stieß prompt auf den Widerstand Hitlers. Die Preisgabe der dänischen Nazis hatte das Führerhauptquartier noch hingenommen, die vermeintlich knieweiche Behandlung dänischer Widerständler aber empörte den Diktator.
Denn in Dänemark wiederholte sich nun, was Heydrich in Prag zu Fall gebracht hatte. Dänische Widerstandskämpfer entfachten in Werner Bests Musterprotektorat einen Kleinkrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht. Sie verfolgten nicht zuletzt das Ziel, harte Repressalien gegen die noch disziplinierte Bevölkerung herauszufordern.
Doch Best hatte aus dem Fall Heydrich gelernt. Er ließ die Sicherheitspolizei nur zu kurzen, gezielten Repressalien ausschwärmen. Der SS-Führer war sogar geneigt, in seinen Meldungen an das Auswärtige Amt den wahren Umfang des Widerstandes zu bagatellisieren, um jene grobschlächtige Reaktion Hitlers zu verhindern, die Best mehr als die Partisanen fürchtete.
Die Tagesmeldungen des deutschen Militärbefehlshabers Dänemark an den Wehrmachtführungsstab zeichneten indes ein so schwarzes Bild vom dänischen Widerstand, daß sich Hitler von seinem Reichsbevollmächtigten düpiert glaubte. Der aufgebrachte Diktator wies Best an, von der dänischen Regierung ultimativ zu fordern, daß sie Sondergerichte zur Aburteilung dänischer Widerständler bilde und die Todesstrafe für Angriffe auf die deutsche Besatzungsmacht einführe.
Reichsbevollmächtigter Best erklärte sofort, die dänische Regierung werde das Ultimatum niemals akzeptieren. Ein paar Tage später hatte er Gewißheit: Das dänische Kabinett lehnte ab und trat am 29. August 1943 geschlossen zurück. Daraufhin proklamierte der deutsche Militärbefehlshaber den Ausnahmezustand.
Dem nüchternen Sachverstand des Machttechnikers Best konnte nicht länger verborgen bleiben; daß Hitlers Gewaltpolitik nur den Partisanen nutzen konnte. Er mußte unweigerlich mit Hitler zusammenstoßen, als der Diktator dazu überging, auch in Dänemark die rüden Methoden deutscher Partisanenbekämpfung einzuführen.
Am 30. Dezember 1943 wurde Best ins Führerhauptquartier bestellt. Hitler erläuterte, der Terror in Dänemark könne nur durch verschärften Gegenterror gebrochen werden; er befehle daher, daß Sabotageaktionen dänischer Widerständler durch deutsche Terrorakte gegen Angehörige, Geldgeber und Helfer der Partisanen im Verhältnis 5:1 beantwortet würden. Best will eingewandt haben, der Gegenterror werde die Dänen nicht überzeugen; angesichts eines so rechtsstaatlich eingestellten. Volkes wie dem dänischen seien die Saboteure dann am wirkungsvollsten ins Unrecht zu setzen, wenn man deutscherseits nichts, anderes unternehme als verhaftete Terroristen nach geltendem Kriegsrecht abzuurteilen. Dennoch blieb es bei dem Gegenterror-Befehl Hitlers
In Dänemark überspülte eine Flut grausamer deutscher Repressalien das Land; die Vergeltungsaktionen verwickelten auch den Kritiker plumper Gewaltpolitik in die schuldhafte Mitverantwortung aller Spitzenfunktionäre des Dritten Reiches. Der SS-Gruppenführer Best mußte sich an einem Gegenterror beteiligen, dem er innerlich widerstrebte.
Gleichwohl versuchte er mehrmals, das Tempo des Terrorfeldzuges zu mindern. Er verkleinerte gemeinsam mit dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei Hitlers Vergeltungsschlüssel von 5:1 auf 1:1 und ließ allmählich deutsche Feldgerichte an die Stelle des wahllosen Gegenterrors treten.
Hitler entgingen die Abweichungen seines Reichsbevollmächtigten nicht. Am 3. Juli 1944 kabelte Ribbentrop an Best: "Auf Grund der Berichte über die Lage in Dänemark hat der Führer sehr scharfe Kritik an Ihrer bisherigen Politik gegenüber den Dänen geübt. Der Führer äußerte, daß an der Entwicklung in Dänemark die Einrichtung von Gerichten Schuld trage." Drohend verlangte Ribbentrop "sofortigen ausführlichen Bericht, insbesondere zu der Frage, warum Sie entgegen der Weisung des Führers die Sabotagetätigkeit nicht nur mit Gegenterror, sondern auch noch durch gerichtliche Verfahren bekämpft haben".
Abermals wurde der 55-Abweichler zu seinem Führer zitiert. Am 5. Juli stand er Hitler gegenüber. "Die Herren wollen immer kluger sein als ich", grollte der Diktator. Hitler wiederholte seinen Befehl über den Gegenterror und beharrte darauf, der Reichsbevollmächtigte habe keine eigene Politik zu betreiben. Als Best entgegnen wollte, schrie Hitler: "Ich will nichts hören!" SS-Gruppenführer Best salutierte und verließ das Zimmer.
Die Episode Best machte zum ersten Male deutlich: In der großdeutschen Besatzungspolitik waren die Vorstellungen Hitlers und jene der SS-Führung nicht immer identisch. Vor allem bei der Behandlung der sogenannten germanischen Völker zeigten sich erhebliche Unterschiede, die unter dem Mantel einheitlicher NS-Dogmatik zwei verschiedene Grundauffassungen entblößten.
Die Differenzen spiegelten wider, daß Adolf Hitler trotz aller germanischen Phraseologie der deutsche Nationalist der wilhelminisch-völkischen Ära geblieben war, der in jeder zwischenstaatlichen Form einen nationalen Verrat sah, die SS-Führer hingegen ernsthaft ein Großgermanisches Reich erstrebten, von dem sie sich verschwommen-gläubig ein Zeitalter nordischer Bruderschaft erhofften -- unter deutschem Vorzeichen, versteht sich.
Er könne sich durchaus vorstellen, daß der nächste Reichsführer-SS kein Deutscher sein werde, schwärmte Himmler einmal, während Hitler meinte, ohne ideologische Abrichtung müsse sich doch jeder germanische SS-Freiwillige "als Verräter an seinem Volk fühlen".
Die beiden Aussprüche lassen ahnen, daß im Gegensatz zu Hitlers nationalistischem Programm, wie der Historiker Paul Kluke formuliert, in der SS Ansätze "zu einer selbständigeren, in anderen Kategorien denkenden Politik" lagen. Bei Himmler entdeckte Kluke "die sehr viel größere Bereitwilligkeit, -- aus den nichtdeutschen Staatsbürgern die nordischen Elemente auszukämmen, d. h. jene biologischen Fischzüge bei anderen Völkern zu unternehmen, gegen die Hitler selbst so viele Bedenken entwickelte".
Der Zwiespalt zwischen SS und Hitler mußte fühlbarer werden, je mehr sich die SS-Führung auf ihr germanisches Programm versteifte und eine Schlüsselposition in der Besatzungspolitik der Länder gewann, die in der SS-Terminologie die nordisch-germanischen genannt wurden.
Der Ruf nach germanischen Freiwilligen für die Waffen-SS und das Gewirr einander befehdender NS-Cliquen in den deutschbesetzten Gebieten hatten Hitler veranlaßt, den SS-Chef zu einer Art Oberherrn für die germanischen Länder zu bestellen: "Für Verhandlungen mit den germanisch-völkischen Gruppen in den besetzten Gebieten über gemeinsame germanisch-völkische Belange ist ausschließlich der Reichsführer-SS zuständig."
Im SS-Hauptamt wurde eine "Germanische Leitstelle" (GL) unter Führung des Schweizer Militärarztes Dr. Franz Riedweg, eines Schwiegersohns des 1938 gestürzten Generalfeldmarschalls Werner. von Blomberg, eingerichtet. Die GL unterhielt Außenämter in den Hauptstädten Norwegens, Dänemarks, Hollands und Belgiens und legte ein Geflecht pangermanischer SS-Stützpunkte an. Die GL-Außenämter warben Rekruten für die Waffen-SS, sie beaufsichtigten die germanischen Ableger der Allgemeinen SS und spannen Fäden zu einheimischen NS-Führern, die in Opposition zu ihren offiziellen Parteileitungen standen.
Die fanatischen SS-Germanen sahen bereits das Großgermanische Reich entstehen. SS-Hauptamts-Chef Gottlob Berger gab die Parole aus: "Die germanischen Freiwilligen in der Waffen-SS ... werden einmal zusammen mit den Angehörigen der Germanischen Schutzstaffel das Fundament bilden, auf dem das Germanische Reich errichtet wird."
Die imperialen Illusionen der SS-Germanen zerstoben jedoch angesichts der nationalistischen Urinstinkte des Diktators, der keine "Miene machte, den germanischen Ländern wenigstens das Maß an Autonomie zu gewähren, das die SS-Führer konzedieren wollten.
Denn: Die meisten deutschbesetzten Länder befanden sich völkerrechtlich noch im Kriegszustand mit dem Reich. Solange Hitler nicht bereit war, diesen Ländern zu sagen, wieviel nationale Souveränität er ihnen in dem projektierten "Germanischen Reich deutscher Nation" einräumen werde, mußte vor allem die Werbung für die Waffen-SS wirkungslos verpuffen.
Gruppenführer Berger meldete 1943 über die Lage in Norwegen: "Der Zugang an Freiwilligen hat vollkommen aufgehört ... Trotz aller Mühe sind wir nicht mehr in der Lage, Freiwillige zu erhalten, weil die Grundlagen einer Werbung fehlen." Von Monat zu Monat stellten laut Berger norwegische SS-Männer dringlicher "die alte Frage: Was wird aus uns nach dem Kriege?"
Verzweifelt drängte Berger seinen Reichsführer, er solle Hitler bitten, mit dem besetzten Norwegen einen Friedensvertrag abzuschließen. Berger, am 25. September 1943, an Himmler: "Da wir die Wehrkraft der germanischen Länder ausschöpfen müssen, glaube ich berechtigt zu sein, diese Frage obwohl schon einmal vom Führer abgelehnt -- im Hinblick auf kommende Rekrutierungsmaßnahmen neu anschneiden zu dürfen."
Hitler lehnte abermals ab. Erst später verstand er sich dazu, den in Norwegen regierenden" Reichskommissar Josef Terboven eine Hitler-Erklärung verlesen zu lassen, die mit vagen Vokabeln dem norwegischen Volk innere Souveränität in einer noch nebulösen Zukunft in Aussicht stellte.
Hitlers Hinhaltetaktik verlockte SS-Führer, auf eigene Faust den germanischen Untertanen politische Versprechungen zu machen. Schon im Sommer 1942, hatte der Höhere SS- und Polizeiführer Ostland, Obergruppenführer Jeckeln, lettischen Offizieren zugesagt, "daß in einem großgermanischen Reich auch das lettische Volk seinen Platz an der Sonne" erhalten werde.
* Rechts: Direktor des dänischen Außenministeriums Nils Svenningsen.
Indigniert verbat sich das Ostministerium die politischen Extratouren der SS-Führer. Der stellvertretende Ostminister, Gauleiter Meyer, am 14. August 1942: "Es kann nicht Aufgabe eines Höheren SS- und Polizeiführers sein, über evtl. Möglichkeiten einer staatsrechtlichen Entwicklung Lettlands überhaupt nach außen hin in Ansprachen eine Anschauung mitzuteilen."
Jeckeln war nicht als einziger SS-Führer der Meinung, daß man Hitlers Generalbefehlen eigene Initiative entgegensetzen mußte, wollte man in den besetzten Gebieten nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Auch andere SS-eigene Statthalter bewegten sich auf dem schmalen Grat zwischen noch erlaubter Politik und schon entfachtem Hitler-Zorn.
Der SS-Gruppenführer Otto Wächter, Gouverneur von Galizien, trat für eine pflegliche Behandlung der Polen ein, obwohl die allerhöchsten Befehle ihm abverlangten, zugunsten deutscher Siedler Polen zu vertreiben, und sein Kamerad Curt von Gottberg, Generalkommissar in Weißruthenien, förderte eine russische Selbstverwaltung, obgleich Hitler predigte, jede innere Autonomie untergrabe die deutsche Herrschaft.
Die Schauplätze Baltikum, Galizien und Weißruthenien verbinden bereits die Geschichte der 55 mit dem letzten großen Drama, das geradenwegs in den 20. Juli 1944 hineinführt -- jenem Drama, das wie kein anderes das Band zwischen Hitler und 55 lockerte und in der Mentalität mancher Führer des schwarzen Ordens eine ungeahnte Wandlung auslöste: dem Krieg gegen Rußland.
Die Rußland-Konzeption Hitlers und der SS-Führung waren ursprünglich völlig identisch gewesen. Beide wollten den russischen "Riesenkuchen" ausschlachten, die Völker des Ostens dezimieren und den derart freigewordenen Raum mit Deutschen besiedeln.
Die weltanschaulichen Instruktoren der SS diffamierten Millionen von Slawen als kulturlose Untermenschen, denen man die Rolle eines Ungeziefers zuschrieb. Eine Broschüre ("Der Untermensch") aus der weltanschaulichen Werkstatt von Gottlob Bergers Hauptamt machte SS-Männern deutlich, daß im Grunde Slawen gar keine Menschen seien: "Der Untermensch, jene biologisch scheinbar völlig gleichgeartete Naturschöpfung mit Händen, Füßen und einer Art von Gehirn, mit Augen und Mund, ist doch eine ganz andere, eine furchtbare Kreatur, ist nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen -- geistig, seelisch jedoch tiefer stehend als jedes Tier. Im Innern dieses Menschen ein grausames Chaos wilder hemmungsloser Leidenschaften: namenloser Zerstörungswille, primitivste Begierde, unverhüllteste Gemeinheit."
Die Morde der Einsatzgruppen, die Massenerschießungen sowjetischer Kriegsgefangener, die Ausschreitungen einzelner Soldaten und Einheiten der Waffen-SS gegenüber der russischen Zivilbevölkerung -- sie bewiesen, daß bitterernst gemeint war, was da Zeile um Zeile stand. Die SS, wurde zur Geißel des deutschbesetzten Rußlands.
Aber auch die härteste Ideologen-Wachsamkeit konnte nicht verhindern, daß die Deutschen der russischen Wirklichkeit konfrontiert wurden. Zwei Jahre blutigsten, ernüchterndsten Rußlandkrieges genügten, die Mär vom Untermenschen auf eine grausame Art zu widerlegen.
Schon im August 1942 registrierte der SD in einer seiner "Meldungen aus dorn Reich", im deutschen Volk habe sich "das Gefühl herausgebildet, daß wir einer gewissen Täuschung zum Opfer gefallen seien. Die große Masse der (sowjetischen) Waffen, ihre technische Qualität, die riesige Industrialisierung seien der erste verblüffende Eindruck gewesen, der gegen wesentliche Argumente des bisherigen Bildes von der Sowjetunion gestanden habe ... Man frage sich, wie hat das der Bolschewismus alles zustande gebracht?"
Die Führer der Waffen-SS waren die ersten, die gegen die Untermenschen-Lüge aufbegehrten. SS-General Steiner erklärte Himmler, der Krieg sei nur zu gewinnen, wenn man Völkern wie den Ukrainern Eigenstaatlichkeit konzedlere und sie Seite an Seite mit deutschen Verbänden gegen den sowjetischen Gegner kämpfen lasse. Himmler lehnte ab: "Vergessen Sie es nicht, daß diese "lieben' Ukrainer 1918 den Feldmarschall von Eichhorn ermordet haben!"
Als Gunther d'Alquens Abteilung SS-eigener Kriegsberichter dazu überging, eine neue Europa-Konzeption zu fordern, wetterte Himmler gegen "das blöde Gewäsch von der Gemeinschaft Europas, in die also der Ukrainer und Russe miteingeschlossen sind". Himmler: Ich verbitte mir ein für allemal, daß die SS auch nur in irgendeiner Form diesen ... vom Führer klar abgelehnten Weg ... mitgeht."
Himmler scheute nicht nur den Zusammenbruch einer ganzen Weltanschauung, er fürchtete auch die Rügen des Diktators. der jedes Eingehen auf die nationalen Wünsche der Völker im Osten verbot, wie Himmler wußte. Er hatte einmal in Estland, Litauen und Lettland Rekruten für die Waffen-SS ausheben lassen wollen. Da ihm seine Völkerrechtler vorhielten, eine allgemeine Mobilmachung im Baltikum mache eine Änderung des Besatzungsstatus notwendig, setzte sich Himmler dafür ein, den drei Baltenstaaten eine Autonomie einzuräumen. Jeder Staat sollte eigene Souveränität unter der "Schutzherrschaft" des Großdeutschen Reiches erhalten, das Reich jedoch die Militär- und Außenpolitik der Baltenstaaten weiterhin kontrollieren.
Himmler vermochte sich im Führerhauptquartier nicht durchzusetzen. Am 8. Februar 1943 lehnte Hitler das Himmlersche Autonomieprojekt ab.
Indes, eine Art List der Vernunft verwickelte die SS immer mehr in die Problematik der deutschen Besatzungspolitik im Osten und ließ die antirussischen SS-Dogmen an der östlichen Wirklichkeit zerschellen. Der weitere Verlauf des Streits um die Balten-Autonomie bewies das: Im Baltikum strömten unter der Führung des ehemaligen lettischen Kriegsministers Rudolf Bangerskis so viele Freiwillige in die Waffen-SS, daß es Himmler seinen baltischen Brigaden schuldig zu sein glaubte, den Kampf für die Autonomie nochmals aufzunehmen.
Im November 1943 stand er wieder seinem Führer gegenüber, abermals lehnte Hitler ab. Der Ostminister "Alfred Rosenberg notierte: "Im Laufe der Unterredung warf auch der Führer mehrfach die Bemerkung ein, daß er selbstverständlich niemals auf diese Länder verzichten könne. Auch er sei innerlich dagegen, in schweren Zeiten ein so weitgehendes Entgegenkommen zu zeigen."
Himmler war wieder abgeschmettert worden, gleichwohl sollte, wie der amerikanische Historiker Alexander Dahin urteilt, "dieser erste Bruch mit der "antiöstlichen' Haltung der SS ein wichtiger Präzedenzfall werden". Der Appetit nach neuen SS-Rekruten aus der Bevölkerungsmasse des Ostens war einmal geweckt, jetzt gab es kein Halten mehr: Schritt um Schritt wich der Untermenschen-Ideologe Himmler zurück, ließ er ein Volk nach dem anderen in die Kolonnen der SS-Beutegermanen einscheren.
Nach den Balten waren die Ukrainer an der Reihe. Der Gouverneur von Galizien, SS-Brigadeführer Dr. Otto Wächter, hatte schon im Frühjahr 1943 begonnen, aus ukrainischen Freiwilligen eine SS-Division "Galizien" aufzustellen. Himmler sah keine Gefahr, weil für ihn Galizien und ukrainischer Nationalismus zweierlei waren: Galizien umfaßte die westukrainischen Gebiete, die früher zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört und von jeher im Rufe der Deutschfreundlichkeit gestanden hatten.
Als sich jedoch auf einen Schlag rund 100 000 Ukrainer freiwillig meldeten, beantragte Wächter bei Himmler, den Namen "galizisch" in "ukrainisch zu ändern. Himmler erschrak: Das klang nach Verrat an der deutschen Ostkolonisation. Was würde da der Führer sagen?
Am 14. Juli 1943 dekretierte Himmler: "An alle Hauptamtschefs. Bei der Erwähnung der galizischen Division verbiete ich, Jemals von einer ukrainischen Division oder vom ukrainischen Volkstum zu sprechen." Wächter opponierte:. Der Division den Namen "Ukraine" vorzuenthalten, schrieb er am 30. Juli an Himmler, würde einem deutschen Versuch gleichkommen, die Ukrainer zu entnationalisieren, und das liege nicht im Interesse Deutschlands, denn es würde den Widerstand der Ukrainer gegen bolschewistische Verlockungen schwächen.
Himmler hielt an seinem Ukas fest, wenn er auch zugleich konzedierte, er werde niemanden bestrafen, der den Begriff "Ukrainer" verwende. Als Wächter neue Einwendungen erhob, brach der SS-Chef den Briefwechsel ab. 1944 nahm er jedoch eine ideologische Frontbegradigung. vor: Himmler ließ zu, daß sich die galizische Division zur "1. Division -- der Ukrainischen National-Armee" erklärte.
-- Immer weitere Völkerschaften des Ostens Wurden nun für SS-würdig befunden. Zu den Ukrainern- stieß eine weißrussische SS-Division, während sich der Heeres-Generalleutnant von Pannwitz mit seinen Kosakenverbänden der SS unterstellte und auch sowjetische Mohammedaner -- in den Reihen der Waffen-SS. auftauchten.
Eine so dramatische Zerbröselung des Untermenschen-Dogmas lockte schließlich eine Gruppe osterfahrener Offiziere, Edel-Nazis und Rußland-Schwärmet an, die zwei Jahre lang vergeblich der politischen -- und militärischen Führung Großdeutschlands eine Geheimwaffe offeriert hatten, von der sie sich eine entscheidende Wende des Ostfeldzugs erhofften.
Generalstabsoffiziere des Heeres hatten frühzeitig gefordert, Deutschland müsse aus der Masse sowjetischer Kriegsgefangener eine russische Befreiungsarmee aufstellen; sie sollte nach Zusicherung voller Souveränität für das künftige Rußland gegen den gemeinsamen Feind, das Stalin-Regime, eingesetzt werden. Den Führer einer solchen Russenarmee gab es schon: Generalleutnant Andrej Andrejewitsch Wlassow, Verteidiger Moskaus in der Winterschlacht von 1941, Befehlshaber der 2. sowjetischen Stoßarmee am Wolchow und 1942 in deutsche Gefangenschaft geraten.
Doch das Projekt der Wlassow-Armee zerstob im Spott und Zorn des Diktators. Hitler verbat sich jedes Paktieren mit dem russischen Nationalismus das die nur auf Ausbeutung gerichtete Kolonialpolitik des NS-Führers störte. Hitler am 8. Juni 1943: "Ich baue nie eine russische Armee auf. Das ist ein Phantom ersten. Ranges. Es soll sich niemand bei uns einbilden, wir brauchten nur einen ... Staat zu gründen. Dann wäre alles in Ordnung. Dann bekämen wir eine Million Soldaten. Wir werden nichts kriegen, nicht einen Mann. Aber wir würden einen einzigen Wahnsinn begehen."
Die militärischen Freunde Wlassows kapitulierten. Nur ein kleiner Haufen unverbesserlicher Rußland-Enthusiasten glaubte weiterhin an die Möglichkeiten einer Wlassow-Bewegung. Zu ihm gehörte auch eine Frau namens Melitta Wiedemann, die nicht müde wurde. ihren Heros Wlassow immer wieder mit einflußreichen Männern des Dritten Reiches zusammenzubringen.
Der gebürtigen Petersburgerin Melitta Wiedemann, ehedem Sekretärin im Goebbels-Organ "Der Angriff" und Hauptschriftleiterin der Antikomintern-Postille. "Die Aktion", kam die verzweifelte Idee, der Wlassow-Bewegung könne nur noch deren "schärfster Gegner helfen: die SS. Sie arrangierte in der Wohnung ihrer Eltern eine Zusammenkunft zwischen Wlassow und dem Galizien-Gouverneur Wächter. Der SS-Gruppenführer war von dem Russen eingenommen; er versprach Hilfe.
Als sich Himmler den vorsichtig vorgetragenen Plädoyers der Wlassow-Freunde verschloß, stieß Melitta Wiedemann mit Briefen und Denkschriften nach.
"Die Untermenschen-Theorie gegenüber den Ostvölkern, vor allem gegenüber, den Russen, ist durch die Praxis widerlegt", schrieb die Cassandra am 26. Mai 1943 an Himmler. "Sie schlagen sich gut, sie opfern alles für ihr Vaterland, sie bauen z. T. Waffen, die mindestens so gut sind wie unsere ... Für den Einsatz von Millionenmassen von Ostarbeitern im Reich und morgen von Millionenheeren von Osttruppen an den Fronten ist also das Verschwinden der Untermenschentheorie aus unserer Propaganda absolut erforderlich."
Am 5. Oktober 1943: Die russischen Menschen "haben wir durch unsere Politik in die tragische Entscheidung hineingezwungen: entweder für Stalin zu kämpfen oder ihr eigenes Volk und damit sich selbst dem Schicksal eines auszurottenden, auszuplündernden Kolonialbereichs auszuliefern, dessen Einwohner," in Wahrheit eines der begabtesten Völker der weißen Rasse, zu Untermenschen proklamiert und zu generationenlanger Sklavenarbeit deklassiert werden sollen". Einziger Ausweg aus diesem Dilemma: eine neue -- deutsche Ostpolitik, Errichtung nationaler Staaten im Osten, Aufbau einer russischen Befreiungsarmee.
Als die Cassandra dem SS-Chef ihre Gedanken persönlich vortragen wollte, entzog sich Himmler ihrem herben Charme. Himmler verbarrikadierte sich, wie so oft in Stunden der Verlegenheit, hinter Führerbefehlen. "Im einzelnen", ließ er seinen Sekretär Rudolf Brandt an Frau Wiedemann schreiben, "möchte ich nicht näher darauf eingehen, da ich Ihnen mitteilen kann, daß der Führer gerade in der Wlassow-Angelegenheit klare Richtlinien gegeben hat."
Die Sache der Wlassow-Bewegung wäre in der SS vollends zum Scheitern verurteilt gewesen, hätte sich ihrer nicht der Standartenführer Gunther d'Alquen, Chef der SS-Kriegsberichter, angenommen, der die Kunst beherrschte, durch eine Mischung von Schocktherapie und Schlaumeierei Himmler Schritt für Schritt von der antirussischen Gedankenwelt seines Führers zu trennen.
Bei einem gemeinsamen Flug mit Himmler im September 1943 zeigte ihm der Reichsführer die "Untermensch" -- Broschüre. D'Alquen überlegte einen kurzen Augenblick, dann kehrte er den verbitterten SS-Landser hervor. Diese Schrift sei "eine Pleite", murrte er. Der Schriftsteller Jürgen Thorwald ("Wen sie verderben wollen") hat das Gespräch überliefert:
D'Alguen schimpfte: "Unsere Männer draußen wissen nicht, wo sie ihren Arsch lassen sollen. Und Sie können mir glauben, wenn unsere Männer die Broschüre hier sehen, dann werden sie sehr laut und einfach fragen: Die uns da so zusetzen und bessere Panzer haben als wir und auch sonst ganz gut in Taktik und
Strategie auf der Höhe sind, das sollen lauter Untermenschen sein? Was sind wir dann für schlechte Obermenschen!"
Himmler fuhr zurück: "Was ist denn das für ein Ton?"
D'Alquen: Reichsführer, das ist der Ton, den ich jetzt überall bei unseren Männern gehört habe. Wir können nicht nach zwei Jahren Krieg gegen den Gegner, der uns da gegenübersteht, noch länger mit solchen Theorien operieren."
Ärgerlich brach Himmler das Gespräch ab. D'Alquens Ausfall beschäftigte jedoch den SS-Chef weiter, denn schon ein paar Tage später rief er den Chef propagandisten zu sich und ermächtigte ihn, an der Front zusammen mit Angehörigen der Wlassow-Bewegung psychologische Kriegführung gegen die Sowjetarmee zu betreiben, freilich nur in dem von Hitler genehmigten Rahmen -- und das hieß: sowjetischen Überläufern den Eintritt in eine russische Befreiungsarmee zu versprechen, die es nicht gab und nach dem Willen Hitlers niemals geben würde.
D'Alquen behielt seine Bedenken gegen diese Marschroute für sich und ging an die Arbeit. Im Korpsbereich eines anderen Kritikers des Untermenschen-Dogmas, des Obergruppenführers-Steiner, begann d'Alquen sein "Unternehmen Wintermärchen", die erste von mehreren Propaganda-Aktionen, mit denen es gelang, sowjetische Überläufer in großer Zahl auf die deutsche Seite zu locken. "Wintermärchen" schlug zugleich eine Bresche in die ideologische Abwehrfront Himmlers, der allmählich vor den Argumenten seines Leibpropagandisten zurückwich. Immer prominentere Männer aus Wlassows Lager durfte d'Alquen in sein Propagandaheer einbeziehen, bis er Himmler überreden konnte, auch Andrej Andrejewitsch Wlassow die Hand zum Bunde zu reichen.
"Dieser Metzgergeselle ist ein gefährlicher Bolschewist", hatte Himmler noch im Oktober 1943 gewarnt. Ein Jahr später wußte er es anders. Himmler genehmigte Wlassow die Aufstellung von Zwei russischen Divisionen und schrieb an den einstigen "Untermenschen": "Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg im Interesse unserer gemeinsamen Sache."
Mochte Himmler auch nie die Furcht verlassen, sein Führer werde ihm noch einmal das Techtelmechtel mit dem russischen Nationalisten Wlassow übel vermerken -- die Allianz zwischen dem einstigen Sowjetgeneral und der SS im Zeichen der nationalsozialistischen Götterdämmerung ließ die Schutzstaffel zum letzten Rettungsanker aller jener Illusionisten werden, die noch an eine Wendung der deutschen Ostpolitik und eine· Besserung der Kriegslage glaubten.
Denkschrift auf Denkschrift -- in den Akten des Himmler-Stabes abgelegt -- bekundete, daß die nationalsozialistischen Kritiker Hitlerscher Eroberungspolitik nur noch in der SS ein Instrument der Reform sahen. Zugleich entwarfen freilich die Memoranden ein katastrophales Bild von Lage und Leistungsfähigkeit des NS-Regimes.
Melitta Wiedemann drängte abermals: "Das Tempo, in dem die Entwicklung der Wlassow-Aktion vor sich geht, hat nichts mit den Methoden eines autoritären Staates zu tun: Es ist ein Tempo der Entschlußlosigkeit und der verpaßten Gelegenheiten."
Noch resignierter klang, was der SS-Gruppenführer von Gottberg, Weißrutheniens Statthalter, schrieb: "Ich weise darauf hin, daß ich mündlich und schriftlich seit dem Winter 1941 bis 1942 immer wieder auf die Notwendigkeit einer Änderung grundsätzlicher Maßnahmen hingewiesen habe ... Denn m. E. sind, gerade bei der Mentalität der Ostvölker, die sich nur für die Gegenwart interessieren, die Voraussetzungen für eine schnelle Beendigung des Krieges im Osten so günstig gewesen, wie sie wohl noch nie eine. . . Nation vorgefunden hat."
Am schärfsten geißelte der ehemalige Gauleiter Alfred E. Frauenfeld, Generalkommissar der Krim, die Besatzungspolitik. Er sah in ihr "das Meisterstück falscher Behandlung und die ebenso ansehnliche wie erstaunliche Tat, binnen einem Jahr ein absolut deutschfreundliches Volk, das in uns den Befreier bejubelte, als Partisanen in die Wälder und Sümpfe zu treiben und damit den Verlauf der Ereignisse im Osten maßgeblich negativ zu beeinflussen".
Der Gauleiter zensierte: "Kurs einer rücksichtslosen Brutalität ... Methoden, wie sie in vergangenen Jahrhunderten farbigen Sklavenvölkern gegenüber angewandt wurden ... jeglicher vernünftigen Politik hohnsprechend ... Zeugnis von einer Instinktlosigkeit in der Behandlung von Fremdvölkern ... Gipfelpunkt der Verblendung ... zeigt, wie sehr die nach außen Brutalität und Herrenmenschentum zur Schau tragenden Personen innerlich Spießbürger ohne Format sind."
Der Parteikanzlei-Chef Bormann legte auch Himmler die Denkschrift Frauenfelds vor, die nicht zuletzt eine massive Kritik der antislawischen SS-Dogmatik darstellte. Himmlers Kommentar, am 26. März 1944 niedergeschrieben: "Frauenfeld hat nicht unrecht."
Zug um Zug enthüllte sich auch vor den Augen der gläubigsten Nationalsozialisten im SS-Rock das bittere Schauspiel eines totalitären Staates, der nicht einmal in der Lage war, die einfachsten Gesetze psychologischer Kriegführung anzuwenden. Unfähig zur Reform, in einen Laokoonkampf der führenden Machtgruppen des Regimes verstrickt, der wachsenden Übermacht der Alliierten in Ost und West ausgeliefert, torkelte Hitler-Deutschland dem Untergang entgegen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die SS und der 20. Juli 1944: Himmlers Gespräche mit der Widerstandsgruppe Beck/Goerdeler -- SS-Generale paktieren mit den Putschisten im besetzten Frankreich -- Himmlers Rachejustiz nach dem Putsch
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 7/1967
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