09.09.1968

MUSEEN / NATIONALGALERIEMagere Schultern

Vor dem Umzug bangte der Museums-Herr: "Es ist", sprach Werner Haftmann, 56, Chef der West-Berliner Neuen Nationalgalerie, "als ob ein armer Lehrling in einen Mercedes 600 stiege." Nun nimmt er die Luxus-Maschine in Betrieb.
Vom nächsten Sonntag an zeigt Haftmann die bisher provisorisch deponierten Galerie-Bestände im schönsten Kunst-Haus Deutschlands -- in einem Neubau, den der Primus der internationalen Architektur und einstige Bauhaus-Leiter Ludwig Mies van der Rohe, 82, in drei Jahren für 27 Millionen Mark am Berliner Tiergarten erstellt hat.
Im gleichen, nun grenznahen Viertel, in dem Mies selbst vor seiner Emigration 1937 residiert hatte, in Nachbarschaft der klassizistischen Matthäikirche und der neuen Philharmonie, richtete der betagte Prophet des Stahlskelett-Baus ein Muster-Werk auf, das mit modernen Mitteln ein altes Thema variiert. Er konzipierte das Museum -- den ersten deutschen Mies-Bau seit dem Krieg -- wie einen Griechen-Tempel als Säulenhalle auf flachem Sockel.
Das halb im Boden versenkte Sockelgeschoß (rund 90 Meter im Quadrat) beherbergt neben Verwaltungszimmern, Depots und Automaten-Restaurant den eigentlichen Schaubezirk der Sammlung, der aber nicht in herkömmliche Museums-Säle abgeteilt, sondern durch kulissenhafte Wandstaffelungen gegliedert ist. Tageslicht fällt nur im Westen, wo ein ummauerter Skulpturengarten anschließt, in das mit Mies-Sitzmöbeln vom Typ "Barcelona" ausgestattete Bilderreich.
Die obere Halle hingegen (55 mal 55 Meter), deren Flachdach durch eine neuartige Konstruktion von acht Stahlstützen getragen wird, ist rundum verglast. Sie wird nur mittels variabler Hängewände aufgeteilt und dient zunächst für Wechselausstellungen -- so ab 15. September für eine Mondrian-Schau. Später will Galeriechef Haftmann im Glashaus ausgesuchte Stücke seiner Sammlung würdig präsentieren.
Vorerst indessen ist der anspruchsvolle Mies-Bau für die Gemälde-Kollektion, so Haftmann, ein "Königsmantel", der um "recht magere Schultern" schlottert: Berlins Nationalgalerie, einst als Sammlung von Malerei seit 1800 führend in Europa, blieb nach Nazi-Eingriffen, Kriegsverlusten und einer Ost-West-Teilung ein Torso, der sich nur mühsam regeneriert. Zwar behielt das Museum beispielsweise bedeutende Bilder der deutschen Romantik und des französischen Impressionismus; die neuere Abteilung jedoch ist bislang nur zweiten Ranges. Zeitgenossenschaft aber gehört seit je zum Galerie-Programm. Schon der Ur-Stifter, ein Konsul Wagener, der 1861 dem preußischen Staat 262 Bilder als Museums-Grundstock hinterließ, hatte sich beim Sammeln auf seine eigene Epoche konzentriert; besonders schätzte er den großen Architekten und schwachen Maler Schinkel, doch barg sein Nachlaß auch wichtige Werke von Caspar David Friedrich.
In Staatsobhut vermehrte sich die Wagener-Sammlung, für die der Schinkel-Schüler Stüler auf der Berliner Museumsinsel einen (kürzlich renovierten) Tempel bauen durfte, anfangs zumeist um allerlei vaterländische Kolossal-Kunst. Doch der Österreicher Hugo von Tschudi, der 1896 Galerie-Direktor wurde, legte den nationalen Auftrag laxer aus und hob das Museum auf europäischen Rang.
Da der Ankauf-Etat allein der deutschen Kunst bestimmt war, warb Tschudi für welsche Ware einsichtsvolle Mäzene und ließ sich von ihnen gleich nach Amtsantritt ein Hauptwerk Manets ("Im Wintergarten") schenken. Auf gleiche Weise schaffte er -- als erster Museumsdirektor der Welt -- auch ein Cézanne-Bild an.
Wegen seiner undeutschen Sammel-Taktik zerstritt sich Tschudi mit der Kunstkommission des Kaisers und mußte 1908 gehen. Sein Nachfolger Ludwig Justi jedoch verfuhr genauso, trat gemalten Patriotismus gern ans Zeughaus ab und führte die Sammlung später bis zum Kubismus und Expressionismus weiter, bevor 1933 auch er entlassen wurde.
Die von der NS-Macht unverzüglich als "Brutstätte des Kulturbolschewismus" geschlossene moderne Galerie-Abteilung wurde 1937 mit System geplündert; sie verlor rund 500 Werke, darunter 170 Gemälde.
Ein Teil des Restbestandes, Gemälde des 19. Jahrhunderts, ging überdies bei Kriegsschluß durch Feuer zugrunde. Andere, ausgelagerte Bilder wurden von amerikanischen und russischen Besatzern konfisziert und erst später in der jeweiligen Hauptstadt-Hälfte zurückgegeben. Auf diese Weise wurden die Menzel-, Böcklin-, Thoma- und Marées-Bestände der Galerie gespalten, Cézanne geriet wieder in den Ost-Berliner Stüler-Bau, das Haupt-Kontingent ins Schloß Charlottenburg.
Der Wieder-Ausbau dieser lückenhaften Kollektion kam nur langsam voran, obwohl sogar einige Rückkäufe gelangen und 1966 einmal 1,6 Millionen für Edvard Munchs achtteiligen "Lebensfries" angelegt werden konnten. Nun, nach einer Fusion mit der städtischen Nachkriegsgründung "Galerie des 20. Jahrhunderts", hat das Museum pro Jahr einen -- international gleichwohl bescheidenen -- Kauf-Etat von einer Million Mark.
Mit diesen Geldern hat der neue Hausherr Haftmann ("Malerei im 20. Jahrhundert") seit seinem Amtsantritt 1967 zum Beispiel Bilder des Chilenen Matta sowie des Briten Bacon angeschafft und Böcklins "Meeresbrandung", die 1945 gestohlen worden war zurückgeholt. Für Plastik-Erwerbungen hingegen aktivierte er meist zahlungsstarke Kunstfreunde.
So schenkte die Firma Siemens eine Lehmbruck-Skulptur ("Büste der Frau L") für 115 000 Mark; das Doppelte gab Axel Springer für ein Calder-Stabile, das die Terrasse des Museums beleben soll; und die Schering AG ließ den Italiener Marini für 32 000 Mark ein Abbild des Baumeisters Mies in Bronze gießen.
Mit Mäzen-Hilfe hofft Haftmann auch in drei Jahren die auffälligsten Lücken der Gemälde-Sammlung zumindest symbolisch auszufüllen ("Zwei sehr" sehr gute Picassos" ein sehr guter Léger"), um dann, wie einstmals Tschudi, "mit der Zeit zu gehen".
Selbst bei gesteigertem Kunst-Zuwachs fürchtet der Museums-Chef keinen Platzmangel: Vorerst sollen die Neuanschaffungen schwächere Exponate der derzeit sehr gemischten Sammlung "'rausbeißen". Und später will Haftmann die Romantiker an die Gemälde-Galerie aus Dahlem abtreten, für die am Tiergarten gleichfalls ein neues Haus geplant ist.

DER SPIEGEL 37/1968
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