10.04.2006

FUSSBALL

Ein bisschen Demut

Von Kramer, Jörg

Entscheidung in der Torwartfrage: Ausgerechnet Oliver Kahns mächtige Fürsprecher spielten dem Rivalen Jens Lehmann in die Karten.

Zuletzt wurde jede Geste, jeder Wimpernschlag der Beteiligten irgendwie als Zeichen gedeutet. Als die Entscheidung näherrückte in der Frage nach dem Torwart der Nation, mit Spannung beobachtet wie das Konklave von Rom, da enterte Jens Lehmann, 36, das TV-Studio in Turin, japsend wie ein Biathlet am Schießstand.

So auffällig kurzatmig hechelte der Keeper von Arsenal London vergangenen Mittwoch nach Erreichen des Halbfinales der Champions League, dass auch hier die Botschaft unschwer zu erkennen war: So wie Lehmann das Torwartspiel interpretiert, kommt man schon mal mächtig aus der Puste. Lehmann, ein moderner Schlussmann, wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihn für seinen Tempostil mutmaßlich braucht: immer auf der Hut und auf Achse, mehr Teil der Abwehr denn Einzelgänger zwischen den Pfosten.

Und wie er dann, als der Puls sich auf wundersame Weise sogleich wieder beruhigt hatte, über die Lernfähigkeit einer unerfahrenen Abwehr dozierte wie Klinsmanns Echo ("Man muss das eben üben"), da ahnten die Experten: Die Wahl des Bundestrainers konnte nur auf Lehmann fallen.

Oliver Kahn, 36, dreimal "Welttorhüter des Jahres", hatte verloren. Er stand von 1998 bis 2004 bei großen Turnieren der Nationalelf im Tor. Doch schien seine Regentschaft so unerschütterlich lang wie die Helmut Kohls im Kanzleramt. Auch hier wirkte der Wachwechsel wie eine historische Zäsur.

Klinsmann, hatte Kahn noch im Februar seltsam ungerührt festgestellt, registriere "alles ganz genau". Doch eben solche Beobachtungsgabe war ihm selbst am Ende abhandengekommen. Allzu störrisch trotzte der Badener den Signalen. Er sei in guter Verfassung, wiederholte das in die Jahre gekommene Reflexwunder, "und in dieser Verfassung muss ich mir persönlich über gar nichts Gedanken machen".

Bei der Nationalmannschaft hatten Augenzeugen vergangenen Monat in Düsseldorf den gegenteiligen Eindruck. Zwei Tage vor dem Test gegen die USA in Dortmund (4:1) übte Klinsmanns junge Abwehr sich in der Kunst des Stellungsspiels. Als ihr Hintermann und Befehlshaber, der die Feldspieler auch mal eigenhändig über den Rasen schob wie Schachfiguren übers Brett, wirkte Lehmann. Für das anstehende Länderspiel war indes Kahn nominiert, und so ahnten die staunenden Mitspieler schon: Hier wurde nicht für die Partie gegen die Amerikaner geprobt, sondern für die Weltmeisterschaft.

Schließlich passe Lehmann "besser zu unserer Spielphilosophie", formulierte der DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke. Doch vor allem gab die größere Gelassenheit des Herausforderers gut 60 Tage vor der WM den Ausschlag.

Ausgerechnet "Mad Jens", wie ihn die Engländer wegen seines Hangs zur Gereiztheit auf den Plätzen der Premier League nennen, gab auf der Zielgeraden den coolen Zocker. Der gebürtige Essener, viermal Turnierteilnehmer ohne Einsatzminute für den DFB, wandelte sich zuerst geschickt zum Anhänger der Klinsmannschen Fußballdoktrin und plädierte öffentlich für "attraktive Spiele". Zunehmend gab er sich als Mutter der Kompanie in der bubenhaften Londoner Erfolgstruppe - und im Kreis der Nationalelf als Ausbund an Zuversicht: Er könne sich "nicht vorstellen", was gegen ihn spreche.

Zum ersten Mal wurde eine Position in einer WM-Mannschaft nach einer Art Wahlkampf vergeben. Kahn, von Lehmanns Eigenwerbung irritiert, verlor zusehends die Nerven. Hinweise auf die Stärken des Rivalen etwa bei der Ballbehandlung mit dem Fuß wehrte er ab wie lästige Fliegen: "Es gibt auch Leute, die sagen, es gebe Außerirdische." Und im Bemühen, auf dem Gebiet des modernen Torwart-Laufspiels zu glänzen, krachte er im Dortmunder Länderspiel auf einen Gegner und fiel unsanft auf den Rücken.

Mit geprellter Rippe und lädiertem Steiß griff Kahn dann gegen den Abstiegskandidaten 1. FC Köln am Ball vorbei. Münchens Manager Uli Hoeneß, der den Bayern-Angestellten gegen den erhöhten Leistungsdruck schützen wollte, lieferte ungewollt das letzte Argument, als er keifte: "So spielt ein überehrgeiziger Torwart, der Angst hat, den Platz zu verlieren."

Lehmann spielt dagegen wie einer, der keine Angst hat.

Der Arsenal-Keeper, für den "Evening Standard" ein "Leuchtturm teutonischer Effizienz und Stetigkeit", hatte nach einigen Fehlgriffen im November 2004 für zehn Spiele aussetzen müssen. In jenen schweren Wochen habe er viel gelernt, sagt der Familienvater aus London-Hampstead. "Sogar ein bisschen Demut", meint die

"Daily Mail". Denn der vermeintlich so hitzige Keeper, der schon einen Gegenspieler aus seiner Getränkeflasche bespritzte, zeigt plötzlich als Ruhepol "sein extensives Repertoire", wie der "Daily Telegraph" nach dem gewinnbringenden 0:0 im Rückspiel gegen Real Madrid jubelte.

Gerade die Auftritte in der Champions League bescherten Lehmann in der Gunst des Publikums ungeahnte Punkte. Der Kandidat mit dem zunehmend lichteren Haar brillierte mit souveränen Interviews - und auch auf Kahns Terrain auf der Linie. In den Umfragen holte der Herausforderer folglich auf.

Seither haben Lehmanns Fürsprecher Rückenwind. Wegbegleiter Klinsmanns hatten immer schon mal durchblicken lassen, der Bundestrainer bevorzuge Lehmanns teamorientierten Stil. Jetzt, in der Woche nach Kahns Patzern gegen Köln und Lehmanns Triumph gegen Juventus Turin, war der beste Zeitpunkt gekommen, sich entsprechend zu bekennen. Dass ausgerechnet die Kahn-Fürsprecher vom FC Bayern auf eine Entscheidung in diesen Tagen drängten, spielte dem Widersacher in die Karten.

Klinsmann wollte eigentlich, gegen den ursprünglichen Rat Köpkes, erst Anfang Mai weißen Rauch aufsteigen lassen. Aus Sorge, bis zum Saisonfinale könne sich der Sieger noch verletzen, hatte er sich nicht vorher festlegen mögen. Doch die Münchner Bosse machten aus falsch verstandener Fürsorge Druck: "In den nächsten Tagen bitte", verlangte am Donnerstag Clubchef Karl-Heinz Rummenigge ein Urteil. Denn: "Irgendwann muss Schluss sein!"

Tags darauf wurde eine Entscheidung bekanntgegeben, wie sie zu diesem Zeitpunkt wohl ausfallen musste. Kahn bekam keine Chance mehr, den Trend umzukehren.

Das Münchner Gepolter über vermeintlichen "Psychoterror" (Hoeneß) in der Torwartfrage lässt nun für die WM kein gedeihliches Klima erwarten. Das Ultimatum aus München belegt die Unmöglichkeit, unter den immer mächtigeren Bayern heutzutage Bundestrainer zu sein. Je deutlicher sie den nationalen Fußballbetrieb beherrschen und je erfolgloser die DFB-Elite durch die Fußballwelt geistert, desto unverfrorener kommentieren sie jede Handlung und jede Trainingseinheit der DFB-Leute, sobald ihre Clubinteressen berührt sind.

Oliver Kahn, "maßlos enttäuscht", zählt nun die fragwürdigen Freunde, die ihm einen Bärendienst erwiesen. Die "Bild"-Zeitung hatte dem Rivalen Lehmann im Endspurt eine Hinterhältigkeit anhängen wollen. Vergangenen Mittwoch veröffentlichte das Blatt Auszüge eines Lehmann-Interviews aus Brasilien. Demnach wisse Lehmann schon, dass sich Klinsmann entschieden habe. Überschrift: "Torwart-Chaos eskaliert".

Tatsächlich war im fraglichen Interview mit dem Internet-Dienst "GloboEsporte" von einer getroffenen Entscheidung nur in einer Frage die Rede. Lehmann sagte dazu nichts.

Auch die Hilfestellung des Münchner Teamgefährten Michael Ballack war für Kahn im Rückblick nichts wert. Die Äußerung des DFB-Kapitäns, Klinsmann kenne seine Meinung, war vor knapp drei Wochen allgemein als Parteinahme gewertet worden - für Kahn.

Schon damals raunte ein Ballack-Intimus aus dem Umfeld der Nationalmannschaft allerdings: Auf Kahns Seite stehe der nach England abwandernde Star nur offiziell - und nur, "solange er im gleichen Verein spielt". JÖRG KRAMER


DER SPIEGEL 15/2006
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