10.04.2006

Noch mal mit Gefühl

Emotionen sind das neue Lieblingsthema der Denker. Jahrhundertelang intellektuell geächtet, gelten Empfindungen nun als Merkmal echter Menschlichkeit.
Hat ein Säugling Angst wie Erwachsene? Was heißt es, sich vor sich selbst zu schämen? Und warum pfeift jemand auf Gewinne, nur weil er den Geschäftspartner nicht mag?
Für Eva-Maria Engelen, 43, liegen solche Fragen eng beieinander. "Immer geht es dabei um Emotionen - auch Lust und Unlust sind ja sehr komplexe Stimmungen", erklärt die Konstanzer Philosophin. Dass sich oft "keine ganz klaren Grenzen" zeigen, findet sie spannend. Obenan steht für sie, was den ganzen Menschen als sensitives Wesen beansprucht: die Liebe, über deren "Kultur und Natur" sie gerade ein Buch veröffentlicht.
Damit passt die neugierige Gelehrte derzeit perfekt ins Bild. Ob Ärger oder Melancholie, Freude oder Eifersucht: Nie zuvor studierten so viele Denker weltweit das kunterbunte Reich der Gefühle. Auf den Fluren philosophischer Institute herrscht derzeit Aufbruchstimmung wie lange nicht mehr: endlich ein Thema, das alle interessiert und jeden beschäftigt.
Von Studien über "Ahnung und Erkenntnis" reicht das Buchangebot bis zu einem "Emotionalen Gesetzbuch" samt neuem "Dekalog der Gefühle". Diskussionsrunden tagen zu Themen wie: "Existieren kann man nur mit Leidenschaft". Junge Autoren blicken auf die "fundierende Rolle" der Sinne oder buchstabieren "von Achtung bis Zorn" gleich die ganze "Philosophie der Gefühle" durch.
"Der blaue Reiter", ein vielseitiges "Journal für Philosophie" aus Stuttgart, widmete den Gefühlen unlängst über hundert großformatige Seiten. Auch der Reclam Verlag, geistiger Grundversorger für Studenten, hat ein Büchlein herausgebracht, das schlicht "Gefühle" heißt.
Zwar liefert sein Autor, der trendbewusste Rostocker Philosoph Heiner Hastedt, 48, nur einen flinken Rundblick - aber schon der zeigt, weswegen Scham, Lust oder Ekel bei Theoretikern wieder ankommen. Emotionen reichen nun mal von Spinnenfurcht bis zur Amour fou. Wer möchte darüber nicht mitreden?
Philosophen jedenfalls nur zu gern. Was gäbe es Besseres als ein Arbeitsfeld, "wo man mit allen möglichen Leuten gewinnbringend zusammenarbeiten kann", meint Eva-Maria Engelen und trifft die Stimmung ihrer Zunft, die schon lange unter selbstverschuldeter Isolation leidet.
Mit publikumsfernen Theorie-Debatten um Gerechtigkeit, Bewusstsein oder ethische Abstrakta waren die akademischen Denker in den vergangenen Jahren ins Abseits geraten. Heute sieht die Lage kritisch aus. Auf der einen Seite geben weiterhin postmoderne Wortjongleure den Ton an; auf der anderen tummeln sich emsige Programmierer oder, noch schlimmer, Laborforscher, die siegessicher ihre Hirnsonden in Position bringen.
Diesen Engpass könnte die neue Gefühligkeit aufbrechen. Vom hartgesottenen Mainzer Systemtheoretiker Thomas Metzinger, der über die schaltplanartige Erklärung "mentaler Repräsentation" allen Ernstes eine "Neuroethik" anpeilt, bis zum Bonner Aristoteles-Fachmann Christoph Horn und weiter setzen viele Denker darum aufs Emotionale.
"Der Anstoß kam ja aus der Analytischen Philosophie", erinnert Eva-Maria Engelen. Wenn diese globale Mehrheitsfraktion angelsächsisch geprägter Sprachsezierer etwas für wichtig erklärt, ziehen andere nach. Zudem ist das Thema weit über Fachzirkel hinaus aktuell. So hat die Jerusalemer Soziologin Eva Illouz, 44, noch ganz andere, prekäre Aspekte modernen Gefühlslebens dargestellt.
Illouz beginnt ihr Buch über "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" mit der scheinbar harmlosen Beobachtung, dass Emotionen heute geldwerte Größen sind. Wer Kunden und Mitarbeiter bei Laune hält, macht messbar mehr Umsatz. Die Kehrseite: Angeblich private, ja selbst intime Kontakte werden "immer mehr zu Dingen", nämlich kalkulierten Produktionsgrößen. In solcher "Sprachideologie" gefangen, trimmen bedrohlich viele Menschen ihr Gefühlsleben wie ein Unternehmen auf Konkurrenzfähigkeit.
Vom Boom der Motivationstrainer und Selbsthilfeseminare bis zum Bekenntnisritual in Talkshows - überall bemerkt Illouz eine fatale Normierung.
Ohne gestyltes Foto und Selbstbeschreibungen wie "aufgeschlossen" oder "humorvoll" hat man auf Single-Börsen im Internet keine Chance. Letztlich, warnt Illouz, wird bei Aktionen wie diesen das Selbst ein "verpacktes Produkt", noch dazu ein austauschbares - ziemlich genau das Gegenteil dessen, was Aufklärer einmal von einer freien Gesellschaft charaktervoller Individuen erträumten.
Dabei hatte die emotionale Wende hoffnungsfroh begonnen. Antonio Damasio, ein Neurologe an der Universität von Iowa, erklärte René Descartes' alten Leitsatz "Ich denke, also bin ich" zum Irrtum und setzte dagegen "Ich fühle, also bin ich" - ein entscheidendes Stichwort für den Bestsellerautor Daniel Goleman, dessen Formel von der "Emotionalen Intelligenz" in Personalbüros und Selbsthilfegruppen allgegenwärtig ist.
Hirnforscher wie der Bremer Professor Gerhard Roth ("Fühlen, Denken, Handeln")
stimmen Damasios These prinzipiell zu. Experimente zeigen Richtungsentscheidungen im "limbischen System", gewissermaßen dem Bauch des Gehirns, lange bevor die Ratio anspringt. Selbst die Erinnerung sei weithin gefühlsgebunden, erklärt Roth. Sein Münchner Kollege Ernst Pöppel nennt Lust und Schmerz "Urphänomene" und Emotionen den "Klebstoff" der Identität - das, was den Menschen erst zum Menschen macht.
Philosophen freilich müssen erst einmal verkraften, dass ihre alten Domänen, Geist und Vernunft, ins Hintertreffen geraten gegen etwas so Schwammiges wie Empfindungen. Rieten nicht schon antike Lehrmeister, die bösen Leidenschaften zu besiegen? Hatte nicht der große Kant die Emotionen bloß zu den "niederen Erkenntniskräften" zählen mögen? Und galten nicht für Hegel Gefühle als "tierische Weise des Geistes" und allzu "einfaches Hausmittel" auf dem langen, triumphalen Weg zum Absoluten?
Zugegeben: Schon zu Kants und Hegels Zeiten verteidigten Dissidenten wie Johann Gottfried Herder und Friedrich Heinrich Jacobi das Fühlen als eigenständigen Weltzugang. Doch solche Einwürfe waren rasch vergessen. Erst um 1900 brachte Friedrich Nietzsche den wilhelminischen Kult der selbstgewissen Ratio ins Wanken: "Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen - immer dunkler, leerer, einfacher als diese."
Aufgeschreckt von solchen Hammersätzen, sahen sich einige Philosophen die Empfindungssphäre wieder genauer an. Vor allem die sogenannten Phänomenologen nahmen nun die "ergänzende Abstraktion" (Edmund Husserl) der Gefühlsregungen ernst - und bei dieser Denktradition knüpfen deutsche Theoretiker jetzt wieder an. So sinniert etwa der Bochumer Philosoph Bernhard Waldenfels über "die leiblichen Register unserer sinnlichen Erfahrung" und das "Pathos" aller Wahrnehmung - bis zum feinen Unterschied von Zornesröte und Schamröte.
Eigentlicher Triumphator aber ist der Kieler Philosoph Hermann Schmitz, 77. Jahrzehnte hatte der fast übermenschlich belesene Beinahe-Autist an einem zehnbändigen "System der Philosophie" gezimmert, das die "leibliche Erfahrung" zum Mittelpunkt des Weltbegreifens macht. Nun sieht der selbsternannte Herkules seinen Widerspruch gegen die "fürchterliche Einseitigkeit" des abendländischen Denkens bestätigt.
Leicht macht es Schmitz den Kollegen nicht. Gefühle seien "Atmosphären", doziert er, die gewöhnlich "Subjekt und Objekt umgreifen", eine Art Wetterlage des Daseins. Vernebelnder Kummer, erhebende Freude, süß-dämmrige Wonne - solche Stimmungen seien "ergossen" vom Horizont bis ins Unbewusste.
Noch immer lächelt die Mehrzahl der Kollegen über solche Ausdrücke. Auch Liebeskundlerin Engelen hält Schmitzens Beobachtungen für international "kaum anschlussfähig". Schmitz hingegen bleibt hart: Gruseln, Sehnsucht, Ahnungen oder die Gewalt von Blicken, das seien doch leibhaftig "ergreifende Mächte".
Therapeuten und Psychologen geben ihm darin recht. Und neuerdings macht Schmitz, unterstützt von einer Jüngerschar namens "Gesellschaft für Neue Phänomenologie", auch im eigenen Fach Schule. In Berlin etwa unterrichtet seine Adeptin Hilge Landweer, 39 ("Scham und Macht"). Und in Rostock gibt es seit wenigen Monaten eine eigene "Hermann Schmitz Professur für Phänomenologie".
Ob solche Aktionen am Ende auch das sterile Gefühlsleben vieler Zeitgenossen neu beleben? Bislang tasten manche Denker sich im ungewohnten emotionalen Dickicht eher zaghaft voran. Aber denen fehlt wohl nur noch das richtige Feeling. JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 15/2006
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