10.04.2006

EPIDEMIEN„Tanz auf dem Minenfeld“

Ein Masern-Ausbruch in NRW lässt Seuchenexperten vor einer unterschätzten Gefahr warnen: Zu viele Eltern verweigern ihren Kindern Impfungen - aus teils absurden Gründen.
Sie haben Laptops, gelbe Aufklärungszettel und 1200 Interviewbögen angeschleppt. Sie fragen, ob die Schüler geimpft sind, welche Menschen sie trafen und mit welchen Bussen sie zur Schule fuhren. Sie wollen alles wissen - alles über den Infektionsweg dieses Virus, das in Nordrhein-Westfalen von Jahresbeginn bis Ende vergangener Woche mehr als 500 Menschen erwischt hat.
Das Virus ist der Masern-Erreger, und eigentlich sollte die altbekannte Krankheit den Epidemie-Ermittlern längst keine Arbeit mehr machen. Dennoch mussten vergangene Woche Mediziner, Biologen und Gesundheitswissenschaftler unter anderem vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) ausrücken. In der Gesamtschule Duisburg-Süd, an der mindestens 32 Schüler erkrankt sind, sammelten sie Daten über den neuen Masern-Ausbruch - einen Ausbruch, so der Infektionsepidemiologe Daniel Sagebiel, wie es ihn in den alten Bundesländern inzwischen "jederzeit an jeder weiterführenden Schule geben könnte".
Der Grund, da sind sich RKI-Forscher Sagebiel und seine Kollegen einig, ist ebenso simpel wie erschreckend: Zu viele Eltern weigern sich aus teils absurden Gründen, ihre Kinder impfen zu lassen. Sie fürchten sich vor einem angeblichen Komplott der Pharmaindustrie oder wissenschaftlich unbewiesenen Nebenwirkungen.
So ist landauf, landab eine fast gespenstische Szene entstanden, mit selbsternannten Experten, Aktionen und Internet-Seiten voller Halbwahrheiten. Dabei geht es nicht nur um die kombinierte Masern-Mumps-Röteln-Impfung, sondern auch um die Sechsfachimpfung unter anderem gegen Keuchhusten, Tetanus und Diphtherie. Die Folgen des obskuren Treibens sind fatal: Jedes heute nicht geimpfte Kleinkind vergrößert die Ansteckungsgefahr, auch für die älteren Jugendlichen, die nicht geimpft sind.
Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) blickt inzwischen kritisch auf Deutschland. Um etwa die hochansteckenden Masern auszumerzen, müssten laut WHO 95 Prozent aller Menschen die Erst- und Zweitimpfung erhalten haben. Tatsächlich hatten 2004 im Bundesdurchschnitt zwar über 90 Prozent der Schulanfänger die Erstimpfung - aber nur 66 Prozent die notwendige Zweitimpfung, im Westen weniger, im Osten mehr (siehe Grafik).
Vor allem drei Gruppen von Verweigerern hat Georg Vogt vom Gesundheitsamt Duisburg ausgemacht: die "einfachen Impfmuffel", die "ideologisch verhärteten Anthroposophen" und die "oberkritischen Gebildeten". In Duisburg, wo mehr als 90 Prozent der Erkrankten nicht oder nur unzureichend geimpft waren, macht er vor allem die erste und die letzte Gruppe für den Ausbruch verantwortlich.
Petra Grunau etwa, Hausfrau aus Duisburg, hatte ihren 18-jährigen Sohn nur einmal und ihre 14-jährige Tochter überhaupt nicht gegen Masern impfen lassen. Wegen Erkältungen, sagt sie, sei die Impfung der Tochter mehrfach verschoben worden, schließlich habe sie "nicht mehr daran gedacht". Tochter Yvonne erkrankte Ende Februar heftig an Masern.
Als besonders gefährdet gelten nach Erfahrungen des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte freilich die Sprösslinge etwas hysterischer Akademiker sowie Waldorf-Schüler. So erkrankten beispielsweise im November 2001 im Kreis Coburg in Oberfranken fast 1200 Menschen an Masern, Ausgangspunkt war eine anthroposophische Schule.
Bei einer Masern-Welle im Frühjahr 2005 in Oberbayern traten 62 der insgesamt 242 Fälle an einer Montessori-Schule auf. Die örtlichen Behörden haben sogar den Verdacht, Eltern hätten dort "Masern-Partys" organisiert, bei denen kranke Kinder gesunde anstecken sollen, um sie so auf natürliche Weise zu immunisieren. Ein großer Leichtsinn: Im Wetterau-Kreis starb 2005 ein 14-jähriges Mädchen an den Folgen einer Masern-Infektion.
Impfkritiker initiierten im vergangenen September in München eigens einen sogenannten Tag der Impfaufklärung, um ihre kruden Ansichten zu verbreiten. Da predigten dann selbsternannte Experten, es gebe einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Rheuma, Diabetes sowie Allergien - nichts davon ist wissenschaftlich bewiesen.
Vor allem das Internet hilft dabei, wackelige Theorien zu verbreiten und Angst bei Eltern zu schüren. Eine Mutter behauptet auf einer einschlägigen Webseite sogar, ungeimpfte Kinder seien "weniger manipulierbar", und die Droge Fernsehen sei für sie "kaum ein Thema". Auch die
reiche Bücherauswahl zum Thema verunsichert Eltern von kleinen Kindern: "Impfen - das Geschäft mit der Angst" heißt ein in der alternativen Szene verbreiteter Ratgeber. Gemeint ist die Pharmaindustrie, die die Angst vor Erkrankungen ausnutze und die Kinder für schnöden Profit quasi vergifte.
Komplizierter - und für Väter und Mütter schwerer durchschaubar - wird es bei Büchern wie "Impfen - Pro & Contra" des Münchner Kinderarztes Martin Hirte. Das gutverkaufte Werk gibt sich differenziert, legt aber nahe, dass die Masern-Impfung Autismus und die Darmerkrankung Morbus Crohn verursachen könne - was wissenschaftlich bislang nicht erhärtet wurde.
Es war vor allem eine 1998 im Fachblatt "Lancet" veröffentlichte Untersuchung eines britischen Forscherteams, die einen Zusammenhang zwischen der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln sowie Autismus herstellte. Das Werk löste in Großbritannien einen erheblichen Wirbel aus - zumal später noch herauskam, dass auch Premier Tony Blair seinen jüngsten Sohn zunächst nicht hatte impfen lassen.
Im Jahr 2004 aber zogen zehn der zwölf Autoren die Studie, die ohnehin nur auf zwölf Fällen beruhte, zurück - es wurde bekannt, dass einer der beteiligten Ärzte Geld von einer Opferinitiative autismuskranker Kinder bekommen hatte.
Gegen die ebenfalls weit verbreitete Behauptung, Impfungen verursachten Allergien, spricht die Situation in der DDR: Dort galt Impfpflicht - und trotzdem waren die Allergieraten niedrig.
Die Argumente des harten Kerns der Impfgegner werden in verträglicheren Dosen auch von vielen Hebammen weitergereicht. Das trägt dann dazu bei, dass neben den Impfmuffeln und den Anthroposophen offenbar auch eine dritte Gruppe auf lebenswichtige Impfungen verzichtet: gebildete Eltern vor allem aus dem Ökomilieu.
"Manchmal reicht eine einzige Hebamme, und in einem ganzen Stadtteil sinkt die Impfquote ab", klagt der Duisburger Mediziner Vogt. Eine verunsicherte Mutter schreibt in einem Internet-Forum: "Ich war bisher immer Pro Impfen eingestellt. Meine Hebamme hat meine Meinung ganz schön ins Wanken gebracht."
Längst sind die Fronten zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern völlig verhärtet. "Beide Seiten werden in dieser Diskussion ganz schnell unsachlich", sagt Klaus Hartmann, Gutachter bei Prozessen, in denen die Eltern von nach Impfungen erkrankten Kindern etwa auf staatliche Hilfen klagen. Derzeit laufen nach Auskunft des Impfschutzverbands bundesweit über hundert derartige Verfahren.
So ist auch die Mehrheit der Kinderärzte, die Impfungen befürwortet, nicht völlig schuldlos an der Misere. Viele Mediziner reagieren auf kritische Nachfragen schon derart genervt, dass sie am Ende die Eltern den Impfgegnern in die Arme treiben.
Auch objektives Aufklärungsmaterial ist Mangelware. In vielen Praxen liegen lediglich Broschüren der Pharmaindustrie aus - was Verschwörungstheoretiker befeuert. 50 Prozent der Eltern, meint deshalb auch Heinz-Josef Schmitt, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am RKI, fühlten sich "nicht gut informiert".
Zwar gibt es bei Impfstoffen tatsächlich die Gefahr von Nebenwirkungen. Ein Kind kann einen sogenannten anaphylaktischen Schock erleiden, es kann Lähmungserscheinungen haben oder eine Gehirnentzündung davontragen. Aber das Risiko ist gering: Bei der Masern-Impfung erleidet weniger als ein Kind von einer Million eine Lähmung, die dann wieder verschwindet.
Dagegen gibt es jedes Jahr weltweit eine Million Masern-Tote. Hinzu kommen Krankenhausaufenthalte wegen Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen und Pseudokrupp sowie bleibende Behinderungen durch Hirnentzündungen. Allein von den bislang mehr als 500 jetzt an Masern erkrankten Menschen in NRW mussten 20 Prozent ins Krankenhaus, mindestens 10 Patienten bekamen als Begleiterscheinung eine Lungen- und 7 eine Mittelohrentzündung. Sorglos Masern-Infektionen zu riskieren, sagt denn auch der Hamburger Kinderarzt Michael Zinke, sei "ein Tanz auf dem Minenfeld".
Gerade Kleinkinder sind bei Masern-Infektionen besonders gefährdet. 200-mal häufiger tritt bei ihnen etwa eine chronische Hirnentzündung als Spätkomplikation auf. Und die ist immer tödlich.
Aber vielleicht bahnt sich ja ein Bewusstseinswandel an. Zumindest zwei Schüler aus der Duisburger Gesamtschule, die den RKI-Wissenschaftlern assistierten, haben bei der Aktion fürs Leben gelernt: Wenn die Elterngeneration sich zu wenig fürs Impfen interessiere, sagt Benjamin Driessen, 16, "dann müssen wir es halt tun". Mit einem Klassenkameraden will er nun den Masern-Ausbruch an seiner Schule selbst untersuchen - für das Projekt "Jugend forscht". ANDREA BRANDT,
VERONIKA HACKENBROCH, CORDULA MEYER
Von Andrea Brandt, Veronika Hackenbroch und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 15/2006
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