15.04.2006

KERNKRAFTPompeji des Atomzeitalters

Tschernobyl ist die Chiffre für die größte technische Katastrophe in der Menschheitsgeschichte. Starben 56 oder 34 499 oder gar 50 000 Menschen? 20 Jahre nach dem Reaktorunglück erforschen Wissenschaftler noch immer das Ausmaß des Unfalls. Von Walter Mayr
Der Zugang zur Todeszone ist versperrt. Die Straße zum Tschernobyl-Reaktor riegeln Polizisten mit Maschinenpistolen und Geigerzählern ab. Nur wer eine Sondererlaubnis vorweisen kann, wird durchgewinkt.
Zu beiden Seiten der asphaltierten Trasse wuchert der Wald. Zwischen Birken, Kiefern und Pappeln ins Dickicht geduckt, sind fensterlose Ruinen einstöckiger Häuser zu sehen. Meter um Meter holt sich die Natur nun zurück, was ihr die Siedler von Tschernobyl einst abrangen.
"Bewahre die Umwelt für deine Nachfahren" steht auf einem rostigen Schild, das erhalten geblieben ist inmitten menschenleerer Wildnis, ein grotesker Imperativ aus versunkener Zeit. Für die Nachfahren chassidischer Juden, die in und um Tschernobyl jahrhundertelang siedelten, und für die Kinder der sowjetischen Kraftwerksarbeiter, die ab 1970 kamen, gibt es hier keine Zukunft mehr.
Die letzten Alten, die noch verstreut in den Wäldern der 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl hausen, klagen über Wölfe, die ihnen inzwischen bis in die Vorgärten folgen und die Wachhunde fressen. Durchs Zentrum der Geisterstadt Pripjat, vorbei am verlassenen Gebäude der Kommunistischen Partei, wo die Türen aufgebrochener Aktenschränke im Wind knarren, traben Wildschweine in Richtung Ruine des Kulturpalasts "Energetik".
Es ist totenstill, im Pompeji des Atomzeitalters. Die Uhren sind angehalten worden am 26. April 1986, nachts um 1 Uhr 24.
Da barsten im Inneren von Block 4 des Lenin-Kraftwerks die Brennstäbe, der tonnenschwere Deckel über dem Reaktorkern hob sich, und radioaktiver Staub wurde hoch in die Atmosphäre geschleudert. Seitdem sind die Böden ringsum mit Cäsium, Plutonium, Strontium verseucht, und der Name Tschernobyl ist zur Chiffre geworden
für die größte technische Katastrophe in der Geschichte der Menschheit.
Mit Stahlplatten gepanzert, von einem mächtigen Schlot überragt, gleicht der explodierte Meiler heute einem schwerbewehrten Dampfschiff im Trockendock. Aus 300 000 Tonnen Beton, das entspricht weit über einer Million Schubkarrenladungen, und aus 7000 Tonnen Stahl haben sie dem Monstrum in den Monaten nach der Kernschmelze einen Schutzmantel verpasst. Darunter begraben liegen bis heute: eingestürzte Betonträger, tonnenweise strahlender Staub und kegelförmige Häufchen rötlich brauner radioaktiver Lava.
Nur drei bis vier Prozent des im Reaktor eingesetzten Kernbrennstoffs seien bei der Explosion in Tschernobyl entwichen, behauptet die Internationale Atomenergieagentur (IAEA). Die G 7-Länder fordern für die strahlende Altlast einen neuen, mehr als eine Milliarde Dollar teuren "Sarkophag", um dessen Bau sich führende westliche Konzerne bewerben.
Bis zu "50 Prozent des Brennstoffs" könnten 1986 in die Atmosphäre gedrungen sein, vermutet hingegen der ukrainische Radiologe Wiktor Pojarkow. Wissenschaftler des renommierten Moskauer Kurtschatow-Instituts vertreten nach Erkundungen im Reaktorsarg sogar die These, fast das gesamte radioaktive Material sei vor 20 Jahren freigesetzt worden.
Es geht bei diesem Streit nicht nur um den Verbleib von 180 Tonnen hochradioaktiven Materials. Es geht auch um die Zahl der Todesopfer, der bisherigen und derer, die noch folgen werden. Denn der "body count", wie Amerikaner das nennen, ist von entscheidender Bedeutung für die Frage, ob der Super-GAU von Tschernobyl als Argument taugt gegen künftige Milliardengeschäfte mit der Kernkraft.
Von bisher 56 Toten - 47 Katastrophenhelfern und neun Kindern mit tödlich verlaufenem Schilddrüsenkrebs - sprechen die Atomexperten der IAEA. 34 499 verstorbene Rettungshelfer verzeichnet hingegen allein die ukrainische Kommission für Strahlenschutz. Nach Schätzungen der Uno-Gesundheitsorganisation WHO lag die Zahl der an Strahlenschäden oder durch Selbstmord gestorbenen Einsatzkräfte von Tschernobyl schon vor sechs Jahren bei 50 000.
Wie kaum ein anderes Ereignis mit globalen Folgen spaltet die Tragödie im Lenin-Kraftwerk bis heute Wissenschaft und Politik. Mit dem Beispiel Tschernobyl ließ sich lange Zeit so gut wie jede Weltanschauung belegen - weil verlässliche Daten über Ursachen und vor allem Folgen der Havarie fehlten und weil die KPdSU-Führung unter Michail Gorbatschow eisern schwieg oder log. Durch den Zerfall der Sowjetunion 1991 verschwanden zusätzlich Spuren und Krankenakten der Opfer sowie Beweismittel gegen die Schreibtischtäter in den neuen unabhängigen Republiken.
20 Jahre nach dem Reaktorunglück aber gibt es für eine wahrheitsnahe Bewertung des Geschehenen ausreichend Beweise, Indizien und Dokumente. Sie verbergen sich in Moskauer Parteiarchiven und in Krebsregistern weißrussischer Kinderärzte, in Tagungsprotokollen internationaler Kernkraftkonzerne und ihrer Lobbyisten wie in
den Leidensgeschichten der umgesiedelten Atomarbeiter.
Es sind Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Zusammengefügt ergeben sie das Bild ein und derselben Tragödie.
Als in Reaktor 4 des Lenin-Kraftwerks Tschernobyl die Brennstäbe bersten, schläft Nikolai Ryschkow, Regierungschef der Sowjetunion, noch in seiner Datscha vor den Toren Moskaus. Dreieinhalb Stunden vergehen, ehe sein elfenbeinfarbenes Diensttelefon zum ersten Mal läutet. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Minister für Energie: In Tschernobyl habe es ein "Unglück" gegeben, die Leute vor Ort sprächen von einer "Explosion".
Ryschkow ordnet an, um neun Uhr morgens sei ihm ein detaillierter Bericht zu erstatten, und lässt sich in den Kreml fahren. Kaum dort angekommen, erhält er den nächsten Anruf: "Es war der Reaktor, Genosse. Es gibt Opfer, es gibt Verstrahlte."
Ryschkow reagiert sofort. Und zwar so, wie er es gelernt hat. Er ruft eine Kommission ins Leben und setzt sich selbst an deren Spitze. Den ersten Mann im Staat, Michail Gorbatschow, seit 13 Monaten Generalsekretär der KPdSU, informiert er vorläufig nicht. Und auch nicht das Volk.
Ryschkow ist ein Mensch, der zu einmal gewonnenen Überzeugungen steht. Auch heute noch, 20 Jahre und Hunderttausende Strahlenopfer nach Tschernobyl. Mitglied des russischen Oberhauses ist Ryschkow inzwischen, 76 Jahre alt und optisch gleichermaßen im Gestern wie im Heute zu Hause. Zur Kassenbrille im Sowjetgeschmack trägt er, in der Linken versenkt, ein winziges, schwarzsilbriges Handy.
Verschleierung nach dem Reaktorunglück müsse er sich nicht vorwerfen lassen, sagt der einst zweitmächtigste Mann der Sowjetunion: "Was hätten wir denn damals in den Zeitungen schreiben sollen? Der Tod war ja nicht sichtbar. Wir haben schnell gehandelt und keinerlei Fehler gemacht."
Worauf Ryschkow bis heute stolz ist: Sofort nach dem Reaktorunfall hat er Menschen und Material mobilisieren lassen, in bester sowjetischer Tradition und gewaltiger Stückzahl. Noch am Unglückstag setzen sich Nuklearingenieure von Moskau aus in Bewegung. 6000 Soldaten folgen, 40 000 Mann von den Chemischen Spezialtruppen, dazu erfahrene Hubschrauberpiloten - einige kommen direkt vom Kampf gegen die Mudschahidin auf den Schlachtfeldern Afghanistans.
Am 26. April 1986 abends weiß Ryschkow noch nicht, dass in Tschernobyl die 400fache Radioaktivität der Hiroshima-Bombe freigesetzt worden ist und große Mengen der Trillionen Becquerel durch die Atmosphäre um den Erdball driften. Er weiß nicht, dass über dem Schlund von Block 4, in dem rotglühend vor Hitze der Reaktordeckel liegt, Feuerwehrleute, junge Polizisten und Soldaten ohne ausreichende Schutzkleidung abwechselnd in 90-Sekunden-Schichten ihr Leben ruinieren, um den Brand einzudämmen.
Aber er ahnt, instinktiv, dass die Sache für ihn und die Partei nicht günstig läuft.
Denn aus Tschernobyl, wo sechs Meiler mit je 1000 Megawatt zum damals leistungsstärksten Kernkraftwerk der Welt zu-
sammengespannt werden sollen, hagelt es seit Jahren Warnungen. Gorbatschows Vorvorgänger als Generalsekretär, Jurij Andropow, hatte noch in seiner Funktion als KGB-Chef am 21. Februar 1979 Alarm ans Zentralkomitee der Partei gefunkt.
In Andropows Bericht über "Mängel beim Bau des AKW Tschernobyl", Aktenzeichen Nr. 346-A, "geheim", werden Verstöße gegen Bauauflagen angeprangert, "die zu technischen Pannen und Unglücksfällen führen könnten". Die Sicherheitsvorschriften im Werk würden nicht eingehalten. 170 Arbeiter seien innerhalb von neun Monaten verletzt worden.
Das zuständige Ministerium reagiert wie gewohnt: Eine Kommission wird eingesetzt. Vier Jahre später, am 31. Dezember 1983, beurkundet Wiktor Brjuchanow, Chef des AKW Tschernobyl und Genosse, die fristgerechte Fertigstellung des vierten Reaktorblocks. Obwohl der Meiler, der später explodieren wird, noch nicht einmal fertig gesichert ist. Im Dezember 1985 erzählt der Werksdirektor einem Vertrauten: "Gott behüte, dass etwas Ernstes bei uns passiert - ich fürchte, nicht nur die Ukraine, sondern die ganze Sowjetunion würde mit so einem Notfall nicht fertig."
Die Dachkonstruktion der Reaktorhalle ist aus leicht brennbarem Material hergestellt. Am Berstschutz aus Beton, an Evakuierungsplänen, Schutzanzügen und Geigerzählern wurde gespart, weil es der Partei plötzlich nicht schnell genug gehen konnte. Unter den Einpeitschern profiliert sich ab seinem Amtsantritt im September 1985: Ministerpräsident Ryschkow.
Das Energieministerium der UdSSR, so donnert er ganze acht Wochen vor der Reaktorkatastrophe auf dem 27. Parteitag der KPdSU, habe es "während des 11. Fünfjahresplans zugelassen, dass die angepeilte Energieproduktionssteigerung der Atomkraftwerke nicht erfüllt wurde". So könne es nicht weitergehen - eine Steigerung der Atomstromproduktion um das Zweieinhalbfache binnen fünf Jahren hatte Gorbatschow
gefordert. Der Afghanistan-Krieg in seinem siebten Jahr, der Rüstungswettlauf mit den USA und der dramatische Verfall der Rohölpreise haben die UdSSR an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht. Die Partei will die Devisenbringer Öl und Gas am heimischen Verbrauchermarkt durch mehr Kernenergie ersetzen.
In der drei Kilometer vom Reaktor entfernten Stadt Pripjat, wo 49 000 Menschen von und mit der Kernkraft leben, gehen die Dinge weiter ihren Gang. Der Samstag ist ein warmer Apriltag, die Straßen sind voll von Müttern mit Kindern und von Männern, die sich an Ständen mit Bier und Kwas eindecken.
Dabei ist den Parteiführern in Pripjat, wie es in einem späteren Augenzeugenbericht ans ZK - Dokument 2585, "geheim" - heißt, bereits eine Stunde nach dem Unglück das Ausmaß der "Strahlenbelastung klar". Doch keiner wagt ohne Befehl aus Moskau ein Wort ans Volk. Gegen Mittag werden die Straßen mit Seifenlauge gewaschen. Nur Männer, die Nachtschicht hatten am Reaktor, wissen, warum. Ihre Familien zumindest haben sie vorgewarnt.
Der Betriebsleiter des Kernkraftwerks Tschernobyl lässt am Samstag die Hochzeit seiner Tochter mit einem rauschenden Fest begehen, während im Zentrum der Stadt bereits das Mehrtausendfache der normalen Strahlung herrscht - keiner der diensthabenden Kollegen warnt ihn.
Am Samstagabend lässt Ministerpräsident Ryschkow in Moskau die Evakuierung Pripjats für den nächsten Tag anordnen. 1100 Autobusse aus Kiew erreichen am Sonntagnachmittag die Stadt der Atomarbeiter. Wer nicht aus dienstlichen Gründen zurückbleiben muss, reist ab mit Gepäck "für zwei bis drei Tage". So hat es die Partei verordnet.
Am Montag tagt in Moskau das Politbüro, am Dienstag riskiert die Regierungszeitung "Iswestija" eine dürre Acht-Zeilen-Meldung. Es habe eine "Havarie" in Tschernobyl gegeben, "einer der Atomreaktoren wurde beschädigt", mehr nicht.
Zu diesem Zeitpunkt sind mehr als drei Tage vergangen seit dem Reaktorunglück. Das Ausmaß der Katastrophe ist den Verantwortlichen bekannt, die am schlimmsten betroffenen Rettungsarbeiter sind längst im Moskauer Klinikum 6 zu besichtigen - ihre Haut ist von der Strahlung dunkelbraun gefärbt und blättert ab, die Haare fallen aus. Die Mehrheit der Bürger aber wird weiter in Sicherheit gewiegt. "Wir hatten Angst, es könnte Panik ausbrechen. Und das in Millionenstädten wie Kiew und Minsk", wird Gorbatschow später sagen. Ausgerechnet er, der noch auf dem März-Parteitag mit Lenins Worten "immer und unter allen Umständen die Wahrheit" gefordert hatte.
Durch Studien des Minsker Arztes Jewgenij Demidschik ist inzwischen erwiesen, dass Hunderte Fälle von Schilddrüsenkrebs bei weißrussischen Kindern, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch nicht oder gerade geboren waren, auf Verseuchung mit Jod 131 in den ersten Tagen nach der Katastrophe zurückzuführen sind.
Mit Beschluss vom 8. Mai 1986 lässt das Politbüro die zulässigen Strahlendosen um das 10- bis 50fache anheben und verfügt, "Geheimer Anhang zu Punkt 10" des Protokolls, die Verwurstung radioaktiv verseuchten Fleisches im Verhältnis 1:10 auf dem Territorium der meisten Unionsrepubliken, auch Russlands - "außer Moskau".
Am 27. Juni 1986 werden per Erlass, Aktenzeichen U-2617 C, alle Daten über Tschernobyl, über die Behandlung der Opfer und über Art und Ausmaß ihrer Verstrahlung dem Prinzip "verschärfter Geheimhaltung" unterworfen. Signiert ist das Papier von Jewgenij Schulschenko, Dritte Hauptabteilung im Ministerium für Gesundheit der UdSSR, gedeckt ist es von oberster Stelle. Es ebnet den Weg zur Unterdrückung, Fälschung und Vernichtung von Beweismaterial.
Eine Karte der verseuchten Gebiete, die zeigt, dass 70 Prozent des Fallouts über Weißrussland niedergegangen sind, der Rest vor allem über der Ukraine und dem Süden Russlands, wird erst 1989 in der "Prawda" veröffentlicht. So lange leben fünf Millionen Menschen in Tausenden verstrahlter Dörfer und einigen größeren Städten der Sowjetunion ohne genaues Bild von der Gefahr. Viele sammeln weiter Beeren und Pilze im Wald, pflanzen und essen selbstangebautes Gemüse.
Im Bericht des Zentralkomitees vom 10. Juli 1986 über das Unglück von Tschernobyl, Aktenzeichen Nr. 20-34, "streng geheim", wird für den internen Dienstgebrauch eingeräumt, im Falle Tschernobyl habe es sich um "einen der schlimmsten Unglücksfälle in der Geschichte der Atomenergie" gehandelt - 26 Tote, 135 000 Evakuierte, 800 000 Menschen, die medizinischer Behandlung bedürften.
Als in Reaktor 4 des Lenin-Kraftwerks Tschernobyl die Brennstäbe bersten, ist Swetlana noch nicht auf der Welt.
Ihre Eltern leben gemeinsam in Kiew, bis zu dem Tag, da der Vater zu Aufräumungsarbeiten an den explodierten Reaktorblock 4 in Tschernobyl abkommandiert
wird. 600 000 bis 800 000 sogenannte Liquidatoren aus der ganzen Sowjetunion treten dort in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nach der Katastrophe als Helfer an, um die Folgen der Katastrophe zu beseitigen. Swetlanas Vater überlebt den Einsatz. Zurück kommt er schwer verstrahlt und traumatisiert.
Swetlana selbst, im Jahr nach der Reaktorkatastrophe geboren, ist heute 19 und lebt in einem Heim für behinderte Kinder und Jugendliche in Snamianka, Kreis Kirowgrad. Schon bei der Geburt wird ein Gehirntumor festgestellt, die rechte Gesichtshälfte ist derart verformt, dass das Mädchen nur auf einem Auge sieht. Heute, mehrere Operationen später, ist Swetlana noch immer so entstellt, dass sie aus Scham den Kontakt zur Außenwelt scheut. Lieber lässt sie ihre Hände sprechen.
Sie malt, schreibt Gedichte und kümmert sich um jüngere Heiminsassen. Es gibt ja Kinder in ihrer nächsten Umgebung, denen geht es schlimmer. Grischa etwa, auch er wenige Monate nach dem Unfall in Tschernobyl geboren und inzwischen beinahe 20, hat missgebildete Beine und das Aussehen eines Dreijährigen.
Die Mediziner vermuten bei ihm und anderen Kindern mit ähnlichen Symptomen eine Wachstumsstörung durch eine genetisch bedingte Fehlfunktion der Hirnanhangdrüse. Solche Erbgutschäden gab es in dieser Gegend auch vor der Atomkatastrophe, immer mal wieder.
Im vergangenen Jahrzehnt aber beobachten nach Angaben der Stiftung "Kinder für Tschernobyl" Ärzte bei den jungen Patienten aus besonders stark verstrahlten Gebieten Weißrusslands und der Ukraine einen dramatischen Anstieg an Missbildungen - an verkrüppelten Gliedmaßen, fehlenden Ohren, Hasenscharten und Füßen mit bis zu acht Zehen. Um Rückschlüsse auf die Ursachen ziehen zu können, müssen die Krankengeschichten auf Geburtsort und -datum der Kinder geprüft werden.
Die Genetikerin Hava Weinberg etwa hat Hunderte Kinder von nach Israel ausgewanderten Rettungshelfern aus Tschernobyl untersucht. Die nach dem GAU geborenen hatten, verglichen mit den vor 1986 zur Welt gekommenen Geschwistern, eine um 700 Prozent höhere Quote bei Erbgutmutationen. Wolodymyr Wertelecki wiederum, Chefgenetiker an der Universität von Süd-Alabama, lässt mit amerikanischen Regierungsgeldern in einer Langzeitstudie durchschnittlich 14 000 Neugeborene pro Jahr in den ukrainischen Provinzen Wolyn und Rowno untersuchen. Die Zahl der Säuglinge mit "Spina bifida" (offenem Rücken), so eines der Ergebnisse, ist um fast das 20fache gestiegen.
Die Kinder mit Erbgutschäden stehen bereits für die zweite Generation von Tschernobyl-Opfern und für eine Neuauflage der Meinungs- und Materialschlacht zwischen Medizinern und Wissenschaftlern der rivalisierenden Lager - der Internationalen Atomenergiebehörde und ihrer Gegner. In der ersten Runde ging es um Schilddrüsenkrebs.
Fred Mettler, Radiologe von der Universität New Mexico und Veteran der atomindustriefreundlichen Bewertung von Strahlenschäden, hatte ab 1990 im Auftrag der IAEA nach Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl geforscht - und am Ende in einer Studie 1991 behauptet, es gebe keine, auch keine Kinder mit strahlenbedingtem Schilddrüsenkrebs.
Im Jahr darauf zeigten im britischen Fachblatt "Nature" veröffentlichte Untersuchungen einen dramatischen Anstieg von Schilddrüsenkrebs in verseuchten Gebieten unweit Tschernobyls, und es wurde bekannt, dass auch Mettler entsprechende Daten aus Weißrussland und der Ukraine zur Verfügung hatte. Natürlich war das peinlich, für Mettler und die IAEA. Aber nicht peinlich genug, als dass die Zusammenarbeit hätte beendet werden müssen.
Im jüngsten Bericht vom September 2005, den die IAEA unter dem Dach des "Tschernobyl-Forums" der Vereinten Nationen vorstellte, ist zum Thema Gendefekte zu lesen: "Es wurden keinerlei Beweise gefunden für angeborene Missbildungen, die einer Strahlenbelastung
zugeschrieben werden könnten." Als Autor zeichnet, unter anderen: Fred Mettler.
"Ja, diese Leute von der Atom-Behörde", sagt Professor Igor Komissarenko in Kiew kopfschüttelnd, "bei uns waren die natürlich auch, aber die wollen nichts Neues hören. Die sagen nur immer - so kennen wir das von Hiroshima her nicht."
Professor Komissarenko, Doyen der ukrainischen Endokrinologie, ist ein kleiner energischer Herr jenseits der Sechzig. Er ist nicht für und nicht gegen Atomkraft, nur gegen Schilddrüsenkrebs und allein deshalb schon eine vertraueneinflößende Quelle. "Sehen Sie sich die Zahlen an", sagt er und deutet auf eine handgemalte Grafik an der Bürowand: "Schilddrüsenkrebs bei Kindern, zwischen 1986 und 1990 verzehnfacht, inzwischen abfallend. Dagegen nun die Erwachsenen: 38 Fälle im Jahr 1990, inzwischen schon 308."
Jod 131, schuld am Schilddrüsenkrebs, gehört zu den kurzlebigen unter den Isotopen, die beim Reaktorunfall in Tschernobyl ausgestoßen wurden. Cäsium 137 dagegen hat 30 Jahre Halbwertszeit, von Plutonium ganz zu schweigen. Krankheiten, die durch Strahlung ausgelöst oder befördert werden, könnten Jahrzehnte schlummern, sagen Mediziner.
Der Tod durch Strahlung kommt leise, geruchlos und unsichtbar. Das sagen die Männer, die in Tschernobyl an vorderster Front und dem Tod nahe waren. Als Trümmerräumer am Reaktorgebäude, als Feuerwehrmänner, Sanitäter, Hubschrauberpiloten. Die ersten 28 von ihnen, die an akuter Verstrahlung starben, liegen seit zwei Jahrzehnten unter schweren Bleiplatten begraben auf dem Friedhof von Mitino bei Moskau.
Von denen, die noch leben, haben einige bis zu acht Sievert Strahlung in kürzester Zeit erhalten. Das überschreitet die zulässige Jahreshöchstdosis um 16 000 Prozent. Die Unterlagen aber, die das Erlittene belegen könnten, seien vielfach auf Druck der Partei gefälscht oder im Sommer 1986 aus einem Safe im AKW Tschernobyl gestohlen worden, sagt der ukrainische Strahlenexperte Wladimir Usatenko.
Mit ihrem Interesse an der Wahrheit stehen die Betroffenen weitgehend allein. Die zur Fürsorge verpflichteten Staaten, Weißrussland vor allem und die Ukraine, tragen schon so schwer genug an den Folgelasten des Unglücks, die sie seit dem Zerfall der Sowjetunion selbständig zu schultern haben. Mehr als 300 000 Schwerstversehrte wollen versorgt werden.
Im Kiewer Stadtteil Darniza am linken Dnjepr-Ufer, wo es zwölfstöckige Hochhäuser mit je 546 Wohnungen gibt, in denen ausschließlich Tschernobyl-Vertriebene angesiedelt wurden, sterben inzwischen reihenweise die Mittfünfziger. Ausweislich ihrer Totenscheine werden sie in den Opferstatistiken der IAEA keine Spur hinterlassen. "90 Prozent von uns hier sterben kerngesund", spotten die, die noch leben, und klagen über chronische Müdigkeit, Kopfschmerz und den Metallgeschmack auf der Zunge, den die Strahlung als bleibendes Andenken hinterlässt.
Der Mann in Wohnung 328 immerhin, ehemals Leitender Ingenieur in Block 1 des Atomkraftwerks Tschernobyl und in der Unglücksnacht auf Schicht, hat Hoffnung geschöpft. Im Oktober haben sie ihm innerhalb kürzester Zeit beide Beine bis zum Oberschenkel amputiert. "Arteriosklerose", sagten die Ärzte - kein Bezug zu Tschernobyl. Jetzt lernt er wieder laufen. Ein Gerüst, auf das er sich stützen kann, bauten ihm ehemalige Schlosser aus dem Atomkraftwerk. Seine Prothesen kommen aus Deutschland. Sie waren für Invaliden des Afghanistan-Kriegs vorgesehen.
Als in Reaktor 4 des Lenin-Kraftwerks die Brennstäbe bersten, hat Sergej Paraschin Nachtschicht. Er ist Erster Betriebsparteisekretär des Atomkraftwerks Tschernobyl. Der verlängerte Arm der Partei also, im Zukunftslabor der Sowjetunion.
Rund um den Meiler herrscht Chaos. Der Direktor des Kraftwerks, der mit einer Stunde Verspätung eintrifft, weigert sich, den Messgeräten zu glauben, die schon außerhalb des Reaktors bis zu zwei Sievert
Strahlung pro Stunde anzeigen. Er weigert sich, entsprechend den Vorschriften des Zivilschutzes Katastrophenalarm auszulösen.
Die verzweifelten Ingenieure rennen zu Paraschin, dem Parteisekretär: "Sergej Konstantinowitsch, der Direktor wirkt geistig verwirrt. Reden Sie mit ihm!" Paraschin aber sagt: "Was sollte ich mit ihm reden. Ich bin schließlich kein Strahlenexperte." Und wendet sich ab.
Der Mann der Partei übersteht die Schreckensnacht und ihre Folgen, anders als viele seiner Kollegen, unbeschadet. Er wird in der Folge selbst Direktor des Atomkraftwerks, dessen dritter Block weitere 14 Jahre in Betrieb bleibt. Und er steigt schließlich auf zum unangefochtenen Herrscher der 30-Kilometer-Todeszone - zum Leiter des Staatlichen Amts für Umsiedlungs- und Evakuierungsfragen.
In dieser Funktion vertritt Paraschin bis heute die Ukraine auf internationalen Konferenzen. In seinem Schlepptau ist zumeist Wolodymyr Holoscha, einst Paraschins Stellvertreter als kommunistischer Parteisekretär, heute Vizeminister im Katastrophen-Ministerium.
Die beiden Agitprop-Experten aus den Tagen der Einparteienherrschaft nehmen wie selbstverständlich am Tisch Platz, als am 6. September 2005 in Wien der mehr als 600-seitige Bericht vorgestellt wird zu den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl, 20 Jahre danach.
Den Rapport verantwortet das Tschernobyl-Forum der Vereinten Nationen, in dem sich unter Federführung der Internationalen Atomenergiebehörde auch Vertreter der Weltgesundheitsorganisation, fünf weiterer Uno-Organisationen sowie der Weltbank und der Regierungen Weißrusslands, Russlands und der Ukraine zusammengeschlossen haben.
Das Expertengremium kommt nicht nur zu dem günstigen Schluss, bis dato seien lediglich 56 Todesopfer zu beklagen. Es signalisiert Entwarnung auf breiterer Front. Der WHO-Vertreter Michael Repacholi formuliert das in Wien mit Worten, die auch Laien verstehen: "Die Hauptbotschaft des Tschernobyl-Forums lautet - keine Beunruhigung." Die über Jahrzehnte gewachsene, Systemgrenzen übergreifende Partnerschaft zwischen den Eliten der sowjetischen Atomforschung und ihren Kollegen im Westen hat Früchte getragen.
Als Galionsfigur der Gesinnungsgemeinschaft macht sich von Beginn an Hans Blix verdient. Der schwedische Berufsdiplomat mit der professoralen Ausstrahlung führt von 1981 an im Rang des Generaldirektors die IAEA. Am 8. Mai 1986 überfliegt Blix als erster westlicher Augenzeuge den Torso des Reaktorblocks. Für seine Eindrücke findet er Worte, die ihm den Dank der Sowjetführung eintragen: "Wir konnten Menschen auf den Feldern arbeiten sehen, Vieh auf den Weiden, fahrende Autos auf den Straßen", funkt Blix hinaus in die Welt. Rund um den Reaktor sehe es auch nicht übel aus: "Die Russen sind zuversichtlich, dass sie in der Lage sein werden, das Gebiet zu säubern. Es wird wieder landwirtschaftlich nutzbar sein." Am Kiewer Institut für Strahlenmedizin hängt bis heute eine Ehrentafel, mit der die Regierung der Sowjetunion Hans Blix würdigt für seine Rolle bei der Bewältigung der Katastrophe von Tschernobyl.
Blix tritt 1997 als IAEA-Direktor zurück. Tschernobyl aber bleibt er verbunden. Er führt nun den Vorsitz in der Versammlung der Geberländer, die unter dem Dach der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung eine Milliarde Euro für einen neuen Reaktorsarg aufbringen.
Deutschland liegt dabei mit direkten und EU-gebundenen Beiträgen von 127 Millionen Euro unter den Einzahlern an vorderer Stelle. Doch obwohl die Finanzierung gesichert ist, kommt das Projekt auch nach mehr als acht Jahren nicht recht voran. An einzelnen Studien, die dem Gremium vorliegen und eine neue, milliardenteure Schutzhülle für verzichtbar erklären, weil kaum radioaktiver Brennstoff im Meiler verblieben sei, liegt es nicht.
Der quälende Fortgang des Bauvorhabens scheint eher jenen Vorgängen hinter den Kulissen geschuldet, die der damalige ukrainische Vizepremier Mykola Tomenko im April 2005 als Verschleuderung "unglaublich hoher Summen" für Berater- und Expertenhonorare durch ukrainische Regierungsbeamte und Vertreter internationaler Organisationen brandmarkt. "Tschernobylski bisnes", das Geschäft mit Tschernobyl, ist beim ukrainischen Volk zum Schlagwort geworden.
Es geht dabei um ein Geschäft, dessen Grundlage die Angst des Steuerzahlers vor strahlendem Müll abgibt. Um die Profite streiten sich zwei Parteien.
Auf der einen Seite stehen die führenden Konzerne der Geberländer, die auf Aufträge in der verseuchten 30-Kilometer-Zone hoffen: die RWE-Nukem-Gruppe für Deutschland, die Baukonzerne Bouygues und Vinci für Frankreich und vor allem die amerikanische Firma CH2M Hill.
Auf der anderen Seite stehen die Interessenvertreter der Ukraine. Das Problem mit den Altlasten Tschernobyls garantiert Tausende Arbeitsplätze auf dem Reaktorgelände und dazu satte Margen für Berater. Die Bauvorhaben der internationalen Kernkraftkonzerne wiederum versprechen Beschäftigung auf längere Sicht.
Die Ukraine hat sich unter der Führung des orange Revolutionärs Wiktor Juschtschenko für einen beschleunigten Weg in eine Zukunft mit Kernenergie entschieden. Elf neue Atommeiler, so hat der Präsident angekündigt, sollen gebaut werden. Der gleichfalls erwogene, devisenträchtige Import verbrauchter Brennstäbe aus dem Ausland zur Endlagerung in der Todeszone von Tschernobyl ist nach massiven Protesten der Bevölkerung vorläufig von der Tagesordnung genommen worden.
Und die 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktorsarg? Der staatliche Oberaufseher der Zone, Ex-Betriebsparteisekretär Paraschin, verwaltet aus Sicht von Kernenergieexperten und Wissenschaftlern ein Kleinod - ideal für genetische Experimente, botanische Feldversuche und Forschungsprojekte zur Strahlensicherheit.
Pläne für ein gewaltiges Freiluftlabor im Umkreis von zehn Kilometern um den geborstenen Reaktor gibt es bereits. Ein "Internationales Versuchsgelände für Strahlenschutzforschung" ist im Entstehen, abgeschirmt von der Außenwelt.
Gleich dahinter, bis hin zu jenem Punkt, wo jetzt noch Polizisten mit Maschinenpistolen und Geigerzählern die Zufahrt versperren, soll eine Touristenattraktion entstehen. Gedacht ist an einen Nationalpark, mit Wildtieren und seltenen Pflanzen.
* Parteichef Michail Gorbatschow, der frühere Außenminister Andrej Gromyko und Regierungschef Nikolai Ryschkow bei der Feier zum 1. Mai 1986.
Von Mayr, Walter

DER SPIEGEL 16/2006
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