15.04.2006

FILMWem die Stunde schlägt

Frankreichs ewiges Kino-Wunderkind François Ozon, 38, hat einen kurzen Film über das Sterben gedreht: „Die Zeit die bleibt“.
Ruck, zuck geht es los, nach einem ersten, fast traumverlorenen Blick aufs leere Meer: ein Modefoto-Shooting mit der ganzen Hektik, die für Professionalität zu bürgen scheint - schöne junge Models und ein schöner junger Fotograf in blendendem Sonnenlicht. Dann ein Blackout, der Mann mit der Kamera ist kollabiert, vielleicht hat er doch einen Espresso zu viel gekippt oder sich zu oft eine Linie Koks reingezogen, um sich kreativ auf Touren zu bringen.
Als Nächstes, im Gespräch mit dem jungen Fotografen, ein Arzt, betont freundlich-nüchtern: Da genügt das Wort "Metastasen", um ein Todesurteil anzukündigen. Keine falschen Hoffnungen, keine trügerischen Therapien, auch wenn man erst dreißig ist, kommt das vor. "Die Zeit die bleibt", ein paar Monate - mehr gibt es nicht, basta.
Regisseur François Ozon macht keine Umschweife, diesmal nicht. Von der Verschwendungslust, die vor ein paar Jahren den kleinen Krimi "8 Frauen" in eine große Star-Show hochjubelte, hat Ozon sich losgesagt; er erzählt, wenn auch in schönen, oft lyrischen Bildern, denkbar knapp, rigoros, minimalistisch von diesem jungen Mann namens Romain, dem die Stunde geschlagen hat. Alles, was bisher sein Leben war, ist in Frage gestellt. Er hat keine Gewissheit mehr vor sich als den Tod.
Ozon ist anspruchsvoll, also ungefällig mit sich, seinem Schmerzensmann und seinem Publikum. Er wirbt um Zuneigung für einen Mann, den man lieber nicht lieben möchte, weil die abweisende Oberfläche seines Charmes auf den ersten Blick spüren lässt: Dies ist kein sonderlich wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Ozons Mut, aufs Ganze zu gehen, liegt darin, dass sein Film nicht von einem Heldentod handelt, sondern von einem Jedermannstod. Auch seine Geschichte ist eine Passion, doch Sterben adelt nicht.
Natürlich war dieser Romain ein Erfolgstyp par excellence, ein sonniger Egoist also, und sein verführerisch sanfter Darsteller Melvil Poupaud gibt ihm in den kurzen ersten Minuten genug von diesem Strahlen, um daraus Fallhöhe zu gewinnen: "Ich bin kein netter Kerl."
Er hat wohl schon immer so wenig teilen mögen, dass er nun auch seinen Tod für sich allein behalten will. Rundum Befreiungsschläge: Er bricht beim gewohnten sonntäglich-bürgerlichen Familientisch mit Vater und Mutter und Schwester einen Krach vom Zaun, um endlich nichts mehr mit ihnen zu tun zu haben; er setzt den anhänglichen Lebensgefährten kurzerhand vor die Tür - und andererseits begeht er in befreitem Leichtsinn ein paar Verrücktheiten, die er sich zuvor niemals zugetraut hätte.
Nur mit der Großmutter ist das eine andere Sache, weil Großmütter fast immer leichter zu lieben sind und weil er sich ausmalt, sie müsse dem Tod so nah sein wie er. Natürlich findet die alte Dame das ganz und gar nicht, und Jeanne Moreau mit ihrer exzentrischen Lebendigkeit macht aus diesem Großmutter-Auftritt in ihrem Knusperhäuschen das "Herzstück" (Ozon) des Films, eine wahre Märchenszene - dieses Momentchen Unsterblichkeit, das es nur im Kino gibt.
Natürlich kann man genauso gut einfach nicht wissen wollen, wie sich Ozons Jedermann ungetröstet und doch ohne pathetisches Wehgeschrei vom Leben verabschiedet. Aber wenn man sich auf den leisen, zärtlichen Sog der Erzählung einlässt, lernt man, fast wider Willen, diesen ungeselligen Kerl Romain zu lieben und um ihn zu trauern. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 16/2006
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