15.04.2006

KUNST

Wir brauchen Abenteuer

Von Knöfel, Ulrike

Der Maler Jonathan Meese über Radikalität, Konformismus und fehlende Risikofreude beim Künstlernachwuchs an den Hochschulen

SPIEGEL: Jonathan Meese, in London sind Sie kürzlich mit einer Galerieschau und einer wilden Performance im Museum Tate Modern aufgefallen. Nun folgt in den Hamburger Deichtorhallen Ihre bisher größte Ausstellung. Handelt es sich, selbst für Ihre Verhältnisse, um ein ereignisreiches Jahr?

Meese: Ja. Die Hamburger Schau ist für mich eine Zäsur. Das ist eine riesige Halle, ein enormer Maßstab. Ich fühle mich wie kurz vor der Explosion. Mir ist klar, nach dieser Ausstellung beginnt eine neue Etappe, und ich weiß noch nicht, wie die aussieht.

SPIEGEL: Es scheint, als hätten Sie bislang alles richtig gemacht. Sie sind mit 36 Jahren berühmt, ein Weltstar des Kunstbetriebs.

Meese: Ruhm ist eine Nebenerscheinung, uninteressant. Aber natürlich stimmt es, ich darf mir viel erlauben.

SPIEGEL: Das klingt bescheiden, Ihre Kunst aber ist es nicht. Sie ist monumental, voller Anspielungen aufs Böse und Obszöne. In Bild und Schrift tauchen Fieslinge der Geschichte auf oder Personen, die sich am Düsteren berauscht haben. Caligula, Hagen von Tronje, Wagner, Hitler, Stalin ...

Meese: Die Figuren stehen in meiner Kunst nicht mehr als Sinnbild für irgendetwas, sondern sie sind bloß noch Abziehbilder ihrer selbst. Wir machen den Fehler, einen Hitler, einen Stalin auf merkwürdig faszinierte Weise in unsere heutige Realität hineinzuziehen, sie immer näher zu holen.

SPIEGEL: Das tun Sie doch auch. Sie haben das Londoner Publikum mehrmals mit einem Hitlergruß verblüfft, beim Bühnenbild für das Theaterstück "Kokain" ist das dominierende Motiv ein Eisernes Kreuz.

Meese: Stalin hat sich selbst dermaßen produziert, da können wir nicht mithalten. Hitler hat sich selbst mehr abgefeiert als jeder andere Mensch. Wir müssen diesen Figuren die Selbstneutralisation gestatten. Ich will zeigen: Sie dürfen ihren Totentanz tanzen, aber in einer anderen Welt, dort sollen sie sich gegenseitig ausspielen. Mir geht es darum, sie in die Bedeutungslosigkeit zu entlassen. Stattdessen berauscht man sich an ihnen.

SPIEGEL: Sie werden als eine Art Superwüstling gefeiert. Vor ein paar Jahren hatten Sie einen Auftritt im Kinofilm "Sonnenallee". Ihre Rolle war die eines exzentrischen Künstlers. Sehen Sie sich selbst auch so?

Meese: Man kann sich als Künstler zurückziehen und verweigern, wenn es zum eigenen Naturell passt. Zu mir passt es nicht, ich kann mich nicht zügeln. Da bin ich wie ein störrisches Kind, ich will, dass etwas passiert. Ich produziere viel, und das fast manisch, ich zeichne, male, habe Tausende von Textseiten geschrieben, mache Bühnenbilder. Ich stehe, wenn ich Aktionen mache, selbst auf der Bühne. Mit einem Freund habe ich Platten gemacht. Demnächst schreibe ich ein Theaterstück. Es gibt natürlich Befindlichkeitsfanatiker, all diese Schulterklopfer, die mir Ratschläge geben wollen.

SPIEGEL: Zum Beispiel welche?

Meese: Es heißt, mach weniger, mach mehr, lass das mit den großen Skulpturen. Da solltest du Ausstellungen machen, dort nicht. Ich will das nicht hören. Und ich habe mich entschieden, ich mache alles. Alles muss hinaus in die Welt, und wenn es dort ist, kann damit geschehen, was will, das ist für mein Seelenheil nicht mehr wichtig. Aber ich wundere mich, denn was ich mache, ist das derzeit Radikalste in der Kunst. Warum kommt keiner und ist noch radikaler?

SPIEGEL: Es gibt das Beispiel Ihres Kollegen Santiago Sierra, der Abgase in eine ehemalige Synagoge leitete und die Besucher mit Gasmasken ausstattete. Die Aktion hat jüngst für viel Aufruhr gesorgt. Erscheint Ihnen sein Umgang mit der Vergangenheit radikal oder eher zynisch?

Meese: Ich bewerte die Freiheit der Kunst sehr hoch, aber wahrscheinlich war diese Aktion extrem unangebracht. Womöglich wurde der Künstler von sich

selbst überrumpelt, von seiner eigenen Idee. Das muss er aber mit sich selbst ausmachen. Unter radikal verstehe ich etwas anderes.

SPIEGEL: Radikalität ist ein Kampfbegriff der Sechziger und Siebziger, auch der damaligen Kunstszene. Ist er nicht überholt?

Meese: Nein. Radikalität in der Musik, auf der Bühne, in der Literatur, in der Kunst, in der Philosophie - die können wir geschehen lassen. Sie schadet niemandem. Aber damit können wir gewisse Versteinerungen, die unsere Gesellschaft prägen, aufbrechen. Man muss der heutigen Harmlosigkeit etwas entgegensetzen. Wir sollten wieder ein Abenteuer wagen. Kunst ist keine Frage des Geschmacks, sie darf stärker sein als man selbst, als der Künstler, als der Zuschauer. Doch sogar unter den 20-Jährigen gibt es, wenn überhaupt, nur noch simulierte Radikalitäten.

SPIEGEL: Ihnen erscheint der Künstlernachwuchs offenbar zu lasch?

Meese: Ja, und man kann nicht darauf warten, als Künstler in seiner Radikalität erst nach seinem Tod entdeckt zu werden. Ein Künstler sollte es schaffen, zu seinen Lebzeiten gefährlich zu sein, und wenn man nicht in jungen Jahren auf die Barrikaden geht, wann dann?

SPIEGEL: Wie wollen Sie junge Künstler dazu bringen, rebellischer zu sein?

Meese: Ich bin für die komplette und totale Abschaffung von Kunsthochschulen. Diese Zuchtanstalten haben keinen Sinn mehr. Von zehntausend Leuten, die in die Hochschulen hineingehen, kommen ohnehin nur zehn heraus, die akzeptabel sind, und darunter ist dann vielleicht ein richtiger Künstler. Das ist eine Form von Sozialdarwinismus, die viele vielleicht befürworten. Ich nicht, ich bin dagegen.

SPIEGEL: Diese Einstellung erinnert an Joseph Beuys, der wollte die Ausbildung auch völlig umkrempeln. Er hat dafür plädiert, alle Bewerber aufzunehmen, und er hat mit seinen Studenten die Düsseldorfer Kunstakademie besetzt.

Meese: Bei ihm ist es nicht weit genug gegangen. Er war nachsichtiger und glaubte, diese Institutionen sind zu reformieren, ich glaube das nicht. Ich habe mich an der Hamburger Hochschule verabschiedet, bevor ich mein Diplom hatte. Ein Diplom sagt nichts aus.

SPIEGEL: Warum eigentlich nicht?

Meese: Kunst ist weder lehrbar noch erlernbar. Die Masse der Professoren will ihr Mittelmaß weitertragen, geradezu ein

künstlerisches Mitläufertum erzeugen. Da bekommt man dann Ratschläge wie: "Da oben muss aber noch ein bisschen mehr Grün auf die Leinwand." Ansonsten: Immer mehr Benotungen, immer mehr Beglaubigungen, immer mehr Beurkundungen, da wird nichts riskiert, aber alles standardisiert, das ist doch zynisch. Das hat doch nichts mit Kunst zu tun.

SPIEGEL: Sie sind mit Künstlern wie Daniel Richter oder Jörg Immendorff befreundet, haben mit ihnen zusammengearbeitet: lauter erfolgreiche Maler - und Professoren.

Meese: Die haben eine Mission, und denen nehme ich das ab. Und trotzdem glaube ich nicht an die Zukunft dieser Ausbildungsstätten.

SPIEGEL: Wie oft hat man Ihnen schon eine Professur angeboten?

Meese: Immer mal wieder. Aber das kommt für mich nicht in Frage. Noch schlimmer als die Professoren sind die Studenten. Sie haben die Pflicht, sich aufzulehnen. Stattdessen gehen sie den vorgebahnten Weg. Ich kann mir doch nicht nach sechs Jahren an der Hochschule von einem Gremium sagen lassen: Ja, du bist ein toller Künstler. Das ist so ähnlich wie mit den Stipendien. Seltsame, komische, sperrige Künstler beantragen keine Stipendien, die können das gar nicht. Das ist denen viel zu bürokratisch. Also gelangen nur Leute an Stipendien, die stromlinienförmig sind, und das schon mit 23 Jahren.

SPIEGEL: Sie sind ein Vorbild der nachkommenden Generation, auch weil Sie - ganz kommerziell - für Erfolg stehen. Sammler wie der Brite Charles Saatchi reißen sich um Ihre Werke und geben dafür sechsstellige Eurobeträge aus.

Meese: Mir geht es nicht darum, mich selbst zu versilbern. Ich gebe zu: Ich habe keine weiße Weste, ich habe viel falsch gemacht. Wahrscheinlich bin ich zu den falschen Leuten viel zu freundlich gewesen. Das bleibt nicht aus, aber es ist erforderlich, sich auch mal selbst anzuklagen.

SPIEGEL: Das ist leichter, wenn man es bereits geschafft hat.

Meese: Was heißt das denn schon, es geschafft zu haben. Ich war noch mit Anfang 20 ein Träumer, habe in einer winzigen Wohnung angefangen, riesige Leinwände zu malen, ich konnte da nicht mehr schlafen, die Luft war terpentinverseucht. Und ich war ein manischer Sammler. Ich studierte an einer Hochschule, aber ich habe meine Energie auch daraus gezogen, kein Diplom zu machen, kein Stipendium anzunehmen. Wenn man will, kann man das eine Strategie nennen. Meine Mutter hat sich jahrelang größte Sorgen gemacht, zu Recht. Es hätte auch anders enden können. INTERVIEW: ULRIKE KNÖFEL

Trotz seiner Fixierung aufs Barbarische gilt Jonathan Meese als einer der gefragtesten deutschen Künstler. Auf Bildern, in Installationen und während rotweinseliger Happenings lässt er Tyrannen und Theatraliker der Welt-, Geistes- und Filmgeschichte auftreten: Nero, Nietzsche, Klaus Kinski. Meese, 36, stellte von Osaka bis New York aus. Nun sorgt er dafür, dass Hamburg als Kunststandort wieder auffällt. In den dortigen Deichtorhallen startet am 30. April auf 2500 Quadratmetern die Schau "Mama Johnny". In den Tagen zuvor führt die Berliner Volksbühne das Stück "Kokain" auf. Für dessen Inszenierung von Frank Castorf hatte Meese 2004 das Bühnenbild gestaltet. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines britischen Vaters kam in Tokio zur Welt, wuchs überwiegend in Ahrensburg nahe Hamburg auf und besuchte bis 1998 die Hamburger Hochschule für bildende Künste. Er lebt in Berlin und Ahrensburg.


* Gemälde "Jörg Immendorff II. in der Parteimaschine. Gedreidaddy" (l.); übermalte Fotos mit dem Titel "Erzlove", die Romy Schneider und Jonathan Meese zeigen.

DER SPIEGEL 16/2006
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