24.04.2006

Lächelnd beim Tischgebet

Kinder, Kirche, Karriere: Mit frommem Eifer kämpft Familienministerin Ursula von der Leyen für ihr Ideal von einem besseren Deutschland. Die Frauen sollen mehr Kinder bekommen, die Väter zu Hause bleiben, und der Nachwuchs soll nach christlichen Werten erzogen werden. Im Kabinett rumort es.
Das Haus der Bundespressekonferenz ist ein lichtdurchfluteter Neubau, der in der Mitte einen großen und beidseitig verglasten Sitzungssaal beherbergt. Die Architektur erinnert an ein Theater.
Normalerweise ist das ein Ort, an dem die Politik ihr oft heimliches Dasein beendet und öffentlich wird. Es ist der Raum für Worte und Symbole, die von hier direkt in die Wohnzimmer der Deutschen strahlen. Reformen werden angekündigt und Rücktritte erklärt, dreimal in der Woche, immer montags, mittwochs und freitags, erläutert ein Regierungssprecher die neuesten Pläne von Kanzlerin Angela Merkel. Die Sprache, die hier gepflegt wird, ist von nüchterner Sachlichkeit.
Am vergangenen Donnerstag schien es so, als wäre der Herrgott persönlich im Pressesaal erschienen. Ministerin Ursula von der Leyen, 47, war gekommen, und mitgebracht hatte sie einen älteren Mann in schwarzer Priesterkleidung und eine Frau, um deren Hals ein schweres Kreuz baumelte. Es waren der katholische Kardinal Georg Sterzinsky, 70, und die evangelische Bischöfin Margot Käßmann, 47. Sie saßen da, wo sonst Franz Müntefering und Angela Merkel ihre Plätze einnehmen.
Eigentlich wollte die Ministerin über die Betreuung von Kleinkindern reden, aber je länger sie sprach, umso mehr drängte sich der Eindruck auf, sie habe zu einer Bibelstunde geladen. "Die Artikel des Grundgesetzes fassen im Prinzip die Zehn Gebote zusammen", sagte sie, und der Kardinal kam mit dem Nicken kaum nach. "Christliche Werte wie Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt und Gerechtigkeit sind die Basis unserer Gesellschaft", schwärmte von der Leyen. Die Bischöfin lächelte selig.
Die beiden Geistlichen konnten ihr Glück kaum fassen. Da saß eine veritable Ministerin, vereidigt auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, und erteilte der Nation Nachhilfestunden in christlicher Theologie. Eine "wertegebundene
Erziehung" sei ihr großes Ziel, und wo diese Werte wurzelten, wurde auch schnell klar - im Humus der beiden Kirchen: "Das ist das Fundament."
Mit dem Erziehungsgipfel will die Ministerin eine moralische Grundversorgung für den Nachwuchs sicherstellen. Auf der Einladung zu dieser denkwürdigen Pressekonferenz hätte auch stehen können: Die Reizfigur der deutschen Innenpolitik bittet zum Tanz.
Es war ein französischer Journalist, der am Ende der Veranstaltung verdutzt fragte: "Gibt es in Deutschland eigentlich noch die Trennung von Staat und Kirche?"
Während Kanzlerin Angela Merkel ih-ren Urlaubskoffer auspackte, stieß von der Leyen mit ihrem irritierenden Auftritt beherzt in das Nachrichtenvakuum. Der Streit, den die Ministerin damit entfacht hat, könnte schnell zum Kulturkampf eskalieren und einen Konflikt neu beleben, der seit Jahrhunderten in Deutschland schwelt.
Wie viel Macht und Einfluss haben die Kirchen im Staat? Wo verläuft die Trennungslinie? Wo steht der Thron? Wo der Altar? Welche Aufgaben dürfen oder müssen die christlichen Glaubensgemeinschaften der Gesellschaft abnehmen, welche Dienstleistungen übernimmt der Staat im Gegenzug für sie?
Anders als in Frankreich, wo die Trennung von Staat und Kirche seit 1905 in der Verfassung verankert ist, ist das Terrain in Deutschland nicht klar abgesteckt. In Frankreich und in vielen anderen europäischen Ländern wird Religion als Privatsache betrachtet, aus der sich die Politik und das öffentliche Leben tunlichst herauszuhalten haben. Statt auf christliche Tugenden berufen sich französische Politiker - mit Ausnahme des rechtsextremen Frontnational-Chefs Jean-Marie Le Pen - auf die "republikanischen Werte".
Das linke und liberale Deutschland - sonst eher wenig kompatibel - vibrierten denn auch vor Empörung. "Deutschland ist kein Gottesstaat", meldete sich die FDP zu Wort. Die Grünen sprachen vom "christlichen Erziehungsdogma", das verhindert werde müsse. Die Wortführerin der SPD-Linken, Andrea Nahles, sah das "Denken dieser Frau" erstmals öffentlich freigelegt. "Unglaublich ungeschickt" fanden selbst wohlmeinende Unionisten den nachösterlichen Paukenschlag der Ministerin.
Es war nicht ihr erster. Gerade einmal fünf Monate ist von der Leyen im Amt, doch die politische Bühne bespielt sie am liebsten im Alleingang. Die Mehrheit der Wähler kennt inzwischen die Frau mit dem stählernen Lächeln - Wirtschaftsminister Michael Glos kann davon nur träumen.
Bei Helmut Kohl und Gerhard Schröder rangierte das Familienministerium unter ferner liefen. Die neue Amtschefin hingegen drängelt sich nach vorn wie keine zuvor. Sie sieht ihr Ressort als "Querschnittsministerium" und leitet daraus das Recht ab, die Gesundheits- und Sozialpolitik ebenso aufzumischen wie die Finanz- und Bildungspolitik.
Im Kanzleramt ist ihr politischer Mut gleichermaßen gefürchtet wie bewundert. "Es gibt Minister, die gehen keinen Meter ohne Rückendeckung", sagt ein Merkel-Berater, "Ursula von der Leyen aber marschiert auf eigene Rechnung los."
Auch ihre Kollegen im Kabinett haben Gegner und Neider, müssen sich gegen Kritik wehren, befinden sich in einem täglichen Abwehrkampf, der zur Routine eines jeden Ministers gehört wie der Chauffeur vor der Tür und die schwarz-rot-goldene Flagge hinterm Schreibtisch. Kritik und deren Abwehr zählten nun mal zum Kerngeschäft der Politiker.
Ursula von der Leyen ragt aus diesem Schlachtengetümmel weit heraus. Ihr ist das zweifelhafte Kunststück gelungen, sich mit nahezu allen Gruppen und Grüppchen der Gesellschaft zeitgleich anzulegen. Ihre Gegner bilden die größtmögliche aller Koalitionen, die von der Linkspartei bis ins Hauptquartier der bayerischen CSU reicht und sogar Muslime und Juden miteinander verbindet. Das gemeinsame Fundament der Kritiker lässt sich in einem Satz von großer Schlichtheit zusammenfassen: Diese Frau nervt.
Unklar ist nur, was mehr irritiert - ihr Programm oder ihr Ton. Der Politikerin und Mehrfachakademikerin fehlt, wie vielen Begabten, jedenfalls das feine Gespür für die eigene Außenwirkung.
Sieht sie sich fachlich im Recht, legt sie sich argumentativ ins Zeug, sie redet dann schnell und leicht schrill - und übersieht, dass die Mitmenschen bereits aufgehört haben, ihr zuzuhören.
Es ist dieses Eifernde, das Kanzlerin Angela Merkel zunächst sehr imponiert hatte, bevor es auch sie zu stören begann. Kein anderes Pferd aus dem Stall der Union legte sich derart für die Gesundheitsprämie ins Zeug. Die Frau aus der Nähe von Hannover parlierte in den Talkshows, lächelnd, stur, angriffslustig.
Auch wenn es um das vermeintlich Unsoziale im CDU-Programm ging, setzte sie ihre Expertise als Mutter von sieben Kindern gekonnt ein. Angesichts der großen Kinderarmut im Lande, die in der Führung der CDU ihre Repräsentation findet, stieg von der Leyen schnell zur Geheimwaffe der Konservativen auf.
Wen hätte die Parteichefin auch sonst an die Interviewfront schicken sollen, wo doch viele ihrer Getreuen, von Fraktionschef Volker Kauder und Bildungsministerin Annette Schavan bis zur Chefin der Frauen-Union Maria Böhmer, so kinderlos leben wie die CDU-Chefin selbst? Ursula
von der Leyen verband die alte, die kinderreiche Union mit der neuen, in der das Streben nach beruflicher Karriere eine deutliche Aufwertung erfahren hat.
Kinder, Kirche, Karriere: Das sind die drei Grundbegriffe, um die das politische Reden und Handeln der Ministerien kreist. Während die liberal geprägte Regierungschefin sich in Fragen der persönlichen Lebensstile erkennbar zurückhält, besitzt von der Leyen ein klares Vorbild für die Verbesserung der Gesellschaft: sich selbst.
Sie hegt keinen Zweifel daran, dass es dem Land sehr guttun würde, gäbe es mehr von ihrem Schlage. Lächelnd präsentiert sie sich als Ideal des modernen Menschen, dem tunlichst nachzueifern sei. Ich bin Deutschland, so strahlt es aus ihr heraus - zumindest müsste so Deutschland sein, wenn aus diesem Land noch was werden soll.
Nun ist es unter Berufspolitikern seit längerem schon durchaus üblich, Privates in der Öffentlichkeit preiszugeben. Gerade in Wahlzeiten sollen die Bürger auch die menschliche Seite kennenlernen. Der eher nüchterne FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt ließ sich gern beim Tennisspiel ablichten, um dem Eindruck fehlender Dynamik entgegenzuwirken. CSU-Chef Edmund Stoiber, im Verdacht, ein Aktenfresser zu sein, kurvte mit seinen Enkeln durch Legoland und begutachtete bunte Bauklötze.
Doch Ursula von der Leyen geht weiter. Ihr Privatleben existiert nicht neben der politischen Bühne, sondern darauf. In ihren zahlreichen Talkshow-Auftritten verbindet sie Schilderungen ihres familiären Alltags geschmeidig mit ihren politischen Vorstellungen. Kein Gesetzesplan, der sich nicht trefflich mit Anekdoten aus dem privaten Erfahrungsschatz untermauern ließe.
So versucht sie, die Prinzipien ihres eigenen Lebens für allgemein verbindlich zu erklären. Ursula von der Leyen hat als Akademikerin nicht auf Kinder verzichtet - da sollen sich die anderen studierten Frauen doch bitte nicht so anstellen. Ursula von der Leyen ging arbeiten, und ihr Gatte blieb zeitweise bei den Kindern daheim - die passenden "Vätermonate" sollen demnächst auch andere verordnet bekommen. Am Küchentisch der Familie von der Leyen werden Gebete gesprochen - das würde auch den restlichen Familien in Deutschland guttun. Ginge es nach ihr, würde das im konfessionslosen Kindergärten bevorzugte: "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb - guten Appetit" wohl bald schon durch ein Tischgebet ersetzt.
Die Ministerin erhebt den Anspruch, sie stehe für eine moderne Familienpolitik. Tatsächlich aber verkörpert sie den überfürsorglichen Staat, der sich in die Privatangelegenheiten seiner Bürger kräftig hineindrängt.
Von der Leyen möchte Einfluss darauf nehmen, welcher Elternteil wie lange auf die Kinder aufpasst. Zwölf Monate Elterngeld sollte es nach ihrem Willen nur dann geben, wenn Vater und Mutter sich die Arbeit teilen. Andernfalls werde die staatliche Alimentation nach zehn Monaten gestrichen.
Liberal wäre es, die Entscheidung über die Kinderbetreuung den Familien zu überlassen. Die "kopernikanische Wende" in der Familienpolitik, ein kompletter Systemwechsel, den ein Regierungssprecher zu entdecken glaubte, ist in Wahrheit eine Rolle rückwärts. Mal wieder meint der Staat, er müsse in das Leben der Bürger lenkend eingreifen, um diese zu ihrem Glück zu zwingen.
Dabei war die Bundesregierung doch eigentlich mit dem Plan angetreten, die Eigenverantwortung der Bürger zu stärken. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel hat des Öfteren betont, die Politik dürfe den Menschen nicht mehr, sondern müsse ihnen weniger Vorschriften machen. Auch in der SPD schien die Sehnsucht nach dem "Nanny-State", wie die Briten allzu gouvernantenhafte staatliche Einmischung bezeichnen, seit der Schröder-Regentschaft weniger ausgeprägt als früher.
Doch je mühsamer das Werkeln auf den Reformbaustellen Arbeit, Gesundheit und Staatsfinanzen vorankommt, desto brennender interessiert sich die Große Koalition für die weichen Themen. Geld spielt dabei offenbar keine Rolle. In Zeiten knapper Kassen will die CDU-Ministerin einmal mehr das Füllhorn ausschütten.
Der von ihr behauptete Zusammenhang zwischen einem staatlichen Lohnersatz und der höheren Gebärfreudigkeit hingegen ist wissenschaftlich kaum belegbar. Sicher ist bisher nur die Kostspieligkeit des Unterfangens.
Die derzeitigen Steuereinnahmen des Bundes von rund 190 Milliarden Euro reichen gerade noch aus, um die Zinslast (40 Milliarden), die Kosten von Hartz IV (40 Milliarden) und den Zuschuss zur Rentenkasse (80 Milliarden) sowie für den Bundeswehretat (24 Milliarden) zu begleichen. Und da sollen nun neue Sozialleistungen hinzukommen - in Milliardenhöhe und zu hundert Prozent auf Kredit finanziert.
Vor allem Akademikerinnen soll das Elterngeld dazu bewegen, mehr Kinder zu gebären. In Deutschland bekommen etwa ein Drittel der Frauen mit Hochschulabschluss keinen Nachwuchs, bei Hauptschulabsolventinnen bleiben nur rund 20 Prozent kinderlos. Bildung und Beruf, das immerhin ist inzwischen belegt, wirken in der Bundesrepublik wie ein besonders wirksames Verhütungsmittel.
Das geplante Elterngeld in seiner jetzigen Fassung sieht vor, dass berufstätige Frauen zehn Monate lang 67 Prozent (maximal 1800 Euro) ihres letzten Nettogehalts vom Staat bekommen, wenn sie für ihr Baby zu Hause bleiben - und es gibt weitere zwei Monate Geld, wenn auch der Mann zeitweise aus dem Beruf aussteigt.
So gesehen ist das Elterngeld eine radikale Abkehr von der bisherigen Familienpolitik: Nicht nur Bedürftige werden gefördert, sondern der Staat will dafür sorgen, dass der produktive Kern der Gesellschaft sich reproduziert. Erstmals soll Ernst gemacht werden mit dem Satz, dass Familienpolitik nicht gleichbedeutend ist mit Sozialpolitik. Deswegen wurde im Koalitionsvertrag ausdrücklich festgehalten, dass andere Transferleistungen auf das Elterngeld
angerechnet werden - etwa das Arbeitslosengeld II.
Schon jetzt aber steht fest, dass genau diese Bedingung fallengelassen werden wird. Sozialpolitiker aus Union und SPD haben dafür gesorgt, dass die Koalitionsvereinbarung in diesem entscheidenden Punkt gebrochen wird. Sie haben aus dem gezielten Elterngeld für wenige ein Wohlfahrtsprogramm für alle gemacht.
Egal ob Doppelverdiener-Paar oder Hausfrauenehe, egal ob Multimillionärshaushalt oder Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft - wer ab dem nächsten Jahr ein Kind bekommt, erhält nach jetzigem Stand der internen Feilschereien ein Mindest-Elterngeld von 300 Euro. Darauf hat sich die Koalition schon vor längerer Zeit verständigt. Die Kanzlerin stimmte zu, wenn auch widerwillig.
Nicht nur wegen dieses Sockelbetrags ist das Elterngeld ein schwer zu kalkulierendes Risiko für Finanzminister Peer Steinbrück. Vier Milliarden Euro sind bisher pro Jahr eingeplant. Die werden aber nur reichen, wenn das Elterngeld nicht wirkt. Steigt die Zahl der Geburten wie erhofft an, steigen auch die Kosten - Steinbrück graut davor.
Ob das Elterngeld tatsächlich die Kinderlosigkeit in Deutschland wirksam bekämpfen hilft, ist allerdings völlig unklar. Zwar haben skandinavische Länder, in denen diese Art der finanziellen Unterstützung eingeführt wurde, deutlich höhere Geburtenziffern als Deutschland. In Schweden bringt jede Frau im Schnitt 1,8 Kinder auf die Welt, in Deutschland liegt die Zahl bei 1,4. Das nordische Land hat allerdings auch deutlich mehr Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder als die Bundesrepublik.
Auch die höhere Geburtenziffer in Frankreich wird von allen seriösen Studien als Erfolg der Kita-Versorgung gewertet. Kein Vorbild für Deutschland - auch nach der Einführung des Elterngeldes würde die Kindergartenlandschaft einer Wüste gleichen: Für nicht einmal drei Prozent der Kleinsten ist in den westdeutschen Flächenstaaten ein Betreuungsplatz vorhanden. Die eigentlichen Probleme fangen also nach dem ersten Kinderjahr an, das jetzt so reichlich subventioniert werden soll.
Die Ministerin ficht das nicht an. Sie hält ihr Elterngeld nicht für eine möglicherweise wirkungslose Ausgabe, sondern für eine historische Notwendigkeit. Es kommt, sagt sie und lacht. Es ist das Erste, was den meisten Menschen auffällt, wenn sie Ursula Gertrud von der Leyen sehen: ihr Lächeln. Es ist ein makelloses, einnehmendes Lächeln. Sie kann es an- und ausknipsen wie eine Lampe. Es ist das Lächeln einer selbstbewussten Frau. Es sagt: Hier bin ich. Und ich weiß, dass ich etwas besonders bin. Und wenn sie den Schalter mal umlegt, wird es sehr kalt in ihrer Gesellschaft.
Ursula von der Leyen ist eine Ausnahmefrau. Von Geburt an. Sie ist privilegiert aufgewachsen, in einer großbürgerlichen, protestantischen Familie. Als ihr Vater, der spätere niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, noch bei der EWG-Kommission in Brüssel war, ging sie dort auf die Europäische Schule und lernte schon als kleines Kind neben ihrer Muttersprache auch Englisch und Französisch.
Nach dem Abitur studierte sie unter anderem an der London School of Economics Volkswirtschaftslehre. Als ihr das zu langweilig wurde, schob sie gleich noch ein zweites Studium hinterher. Sie wurde Ärztin, promovierte über den "vorzeitigen Blasensprung" und das "therapeutische Entspannungsbad" in der Geburtsvorbereitung. Später erwarb sie im kalifornischen Stanford zusätzliche Diplome in Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen.
Wenn Ursula von der Leyen über Werte spricht, spricht sie auch über ihr eigenes Leben. Über Fleiß, Disziplin, Perfektion. Sie war nie ein böses Mädchen, hat nie gegen den Ministerpräsidenten-Vater von der CDU rebelliert. Als viele ihrer Kommilitonen Ende der siebziger Jahre in Göttingen in Wohngemeinschaften hausten, Haschisch rauchten und gegen die Atomkraft demonstrierten, büffelte sie lieber Makroökonomie. Zwar lebte auch sie in einer WG. Aber ihr Mitbewohner war der eigene Onkel.
Noch heute ist für von der Leyen Vater Ernst das große Vorbild. Er nennt sie stolz "Röschen". Und eigentlich lebt sie auch ganz ähnlich wie der Papa - in einem scheinbar perfekten Familienidyll. Am Wochenende wird im Einfamilienhaus musiziert. Die Kleinen spielen auf der Flöte zu Weihnachten "Ihr Kinderlein kommet", der Gatte, ein Medizinprofessor, betätigt die Orgel. Die Mutter, was sonst, sie singt.
Zugleich spielt im Leben der von der Leyens die Religion eine große Rolle: Sie beten vor dem Essen, man geht regelmäßig in die Kirche. Es sei ihr ein Wunsch, "die Rituale als gut erfahrene Traditionen weiterzugeben", sagt sie. "Religion und Religiosität helfen, Vertrauen in die Zukunft zu haben."
Die Verbundenheit mit den christlichen Werten brachte von der Leyen zur CDU. Aber auch die Bewunderung für den Vater spielte eine Rolle. Sie trat der Partei bei, als Ernst Albrecht in Hannover abgewählt wurde. Das Parteibuch war für sie ein Zeichen der Solidarität mit ihm.
Natürlich hat ihr der Name des Vaters beim Aufstieg in der Union geholfen. Aber nicht nur. Von der Leyen ist vor allem auch ehrgeizig. Und sie kann sich in Szene setzen. Sie weiß genau, wie sie politische Botschaften am besten an ihre Biografie knüpft. Ihre sieben Kinder waren für sie stets auch ein Mittel, ihren Bekanntheitsgrad und ihre Sympathiewerte zu steigern. Sie ließ sich mit ihnen fotografieren, sie lud Journalisten für Homestorys zu sich nach Hause ein.
Sie geht zu Illner, zu Christiansen, zu Beckmann. Dort plaudert sie dann nett und einnehmend über ihr Leben. Die Familie ist immer ein Thema. Viele Kinder zu haben macht sympathisch.
Als von der Leyen im Dezember 2004 auf dem CDU-Parteitag in Düsseldorf zum Mitglied des Präsidiums gewählt werden sollte, ging sie an das Rednerpult, um sich vorzustellen. Damals kannte sie noch kaum jemand im Saal. Sie sagte: "Mein Name ist Ursula von der Leyen. Ich bin Sozialministerin in Niedersachsen. Mein Mann und ich haben sieben Kinder." Die Delegierten wählten sie mit 94,1 Prozent der Stimmen, was hätten sie auch sonst tun sollen?
Ursula von der Leyen ist stolz auf ihr Leben, auf ihre Karriere und die Kinder. "Ja, soll ich die Kinder denn verstecken?", fragt sie.
Ihre Kinder sieht die Ministerin meist abends, wenn sie nach einem terminvollen Tag nach Hannover zurückkehrt. Sonst kümmern sich Ehemann Heiko oder eine Tagesmutter um den Nachwuchs. Die Mutter hält telefonisch Kontakt.
So wie neulich. Da musste sich ihr Hund vor einer Kabinettssitzung erbrechen. Die Kinder seien ganz aufgeregt gewesen und hätten immerzu auf ihrem Handy angerufen. Sie glaubten, er sterbe, sagt von der Leyen. Sie habe die ganze Zeit an nichts anderes denken können. Am Ende sei alles gut gewesen. Der Hund hat überlebt, die Kinder waren glücklich.
Von der Leyen erzählt häufig solche Geschichten. Es wirkt dann, als wolle sie beweisen, dass sie eine gute Mutter ist, die sich um ihre Kinder kümmert. Sie rechtfertigt ihr Lebensmodell. Sie habe schon viele Anfeindungen erleben müssen, sagt sie. Erst neulich fragten sie ein paar Journalisten, ob sie sich denn nicht als "Rabenmutter" fühle.
Das hört sich keine Mutter gern an. Wahrscheinlich ist es deshalb auch ein bisschen so, dass sie jede Kritik nur als neuen Ansporn empfindet, für ihr Lebensmodell zu werben. Das ist ihre Mission. "Verletzungen machen auch stärker", sagt sie dann. Oder: "Ich möchte in diesem Land etwas bewegen."
Über politisch verlässliche Freunde verfügt von der Leyen nur in überschaubarer Zahl. Alle gehen mit ihr nur eine pragmatische Kurzzeitbeziehung ein. Die Familienpolitiker in der SPD lieben das Elterngeld, weil es ihre Erfindung war. Die klerikalen Anwandlungen der Ministerin bekämpfen sie dagegen voller Leidenschaft.
Selbst in der eigenen Partei weckt die von der Leyen vor allem Argwohn - wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen. Da sind die Sozialpolitiker, die nicht einsehen,
warum eine Volkspartei wie die CDU ein Elterngeld einführen soll, das ausgerechnet jene Frauen fördert, die durch Bildung und Beruf ohnehin privilegiert sind. Jürgen Rüttgers ist so einer, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen: "Jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein", sagt er.
Auf der anderen Seite stehen liberale CDU-Politiker wie der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus, der zwar nichts gegen das Elterngeld hat, wohl aber gegen von der Leyens Plan, Männer mit den sogenannten Vätermonaten zu einer Jobpause fürs Kind zu locken. "Es ist absolut inakzeptabel, wenn der Staat in private Lebensentscheidungen eingreift", sagt Althaus.
Und dann gibt es noch die konservativen Bataillone in der CSU, die zum Aufstand blasen. Sie sehen sich als eine Art Gegenbewegung zu den Einflüsterungen des 68er Zeitgeistes. Als die bayerische Frauen-Union, sonst nicht gerade Hort ungestümer Fortschrittlichkeit, im vergangenen Februar eine Revision des CSU-Familienbildes verlangte, gingen sechs Bundestagsabgeordnete auf die Barrikaden und verlangten, das "traditionelle Familienbild als unverrückbares Leitbild der CSU aufrechtzuerhalten".
Eine der Verfasserinnen der Resolution war Dorothee Bär, 28. Vor ein paar Wochen nahm sie auf einer Vorstandssitzung Parteichef Edmund Stoiber zur Seite und erklärte ihm, warum die Vätermonate beim Elterngeld eine Zwangsverordnung seien. Seither darf auch der CSU-Chef als Gegner des Projekts gelten. Vergangene Woche ließ er seinen Generalsekretär Markus Söder erklären: "Der Staat sollte nicht vorschreiben, von wem die Kinder erzogen werden."
Die Sozialdemokraten dagegen sind beim Elterngeld regelrecht aus dem Häuschen. Denn maßstabsgetreu exekutiert die christdemokratische Nachfolgerin die Ideen der sozialdemokratischen Vorgängerin, darunter auch solche, die die Union im Wahlkampf noch heftig bekämpft hatte.
Ministerin von der Leyen streitet für Elterngeld und Vätermonate, sie hat die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung verbessert, und sie sucht die Wirtschaft als Kooperationspartner für ihre Projekte. "Inhaltlich bin ich sehr zufrieden", bekennt die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese, Vorsitzende des Familienausschusses. "Sie war in den Koalitionsverhandlungen eine richtige Leistungsträgerin", lobt die Wortführerin der SPD-Linken, Andrea Nahles.
Die Anerkennung der Sozialdemokraten endet da, wo das Weltbild der Ministerin sich verengt. Der Auftritt am vergangenen Donnerstag in der Bundespressekonferenz erregte die Genossen sehr. "Das Bündnis für Erziehung nur mit den beiden großen Kirchen zu starten ist ein kleines Problem", sagt die Pfarrerstochter und Kirchenbeauftragte der SPD-Fraktion Griese. "In Zeiten, in denen wir über Integration reden, wäre es besser gewesen, sie hätte die Juden, Muslime und großen Wohlfahrtsverbände einbezogen."
Und Andrea Nahles sagt: "Die anderen Religionen erst im Herbst an den Katzentisch zu laden war kein kleiner Vorfall. Das spricht für die Denke der Frau."
Der Streit über das Verhältnis von Staat und Kirche ist fast so alt wie das Christentum selbst. Mit der Französischen Revolution wurde die Macht der Kirchen rigoros eingeschränkt. Klöster wurden enteignet, Kirchen zu Markthallen und Pferdeställen umfunktioniert.
Kurz darauf trieb Napoleon Bonaparte auch in einigen deutschen Ländern die Trennung von Staat und Kirche voran - nachdem er geschlagen und verbannt wurde, erstarkte die katholische Restauration und mit ihr die Macht des Klerus in Deutschland wieder.
Auch Reichsgründer Otto von Bismarck lernte die Macht der Geistlichkeit kennen. Der Eiserne Kanzler wollte den Kirchen Fesseln anlegen. Sie sollten nicht mehr darüber bestimmen, wer an den staatlichen Schulen das Fach Religion lehrt.
Der Streit ging als "Kulturkampf" in die Geschichtsbücher ein. Am Ende siegte der Klerus: Die Religionslehrer wurden weiterhin von der Kirche ausgewählt, aber vom Staat bezahlt.
Der Preußen-Kaiser und sein Kanzler mussten einen Großteil ihrer gegen die Kirche gerichteten Gesetze wieder zurücknehmen und den seit Jahrhunderten unvollendeten Kölner Dom zum größten Teil auf Staatskosten zu Ende bauen. Ihr Wahrzeichen, 1880 von Wilhelm I. eingeweiht, gilt den Kölnern heute als Symbol für den Sieg des subversiven rheinischen Katholizismus über das "heidnische Preußen", so Konrad Adenauer.
In Westdeutschland etablierte sich die "Christlich Demokratische Union" (CDU) seit 1949 unter ihrem Gründervater Adenauer zur tonangebenden Regierungspartei. Er hatte aus den Weimarer Fehlern gelernt und es geschickt verstanden, nicht nur Katholiken aus der alten Zentrumspartei, sondern auch Protestanten aus dem bürgerlichen Lager in die CDU einzubinden.
Adenauer war für die Kirchenoberen ein verlässlicher Partner: Garant für eine konservative, christlich geprägte Gesellschafts- und Familienpolitik. Die Bischöfe dankten es ihm, indem sie regelmäßig vor Bundestagswahlen empfahlen, CDU zu wählen.
Franz-Josef Wuermeling, Adenauers erster Familienminister, stand - wie die jetzige Amtsinhaberin - einem kinderreichen Haushalt vor. Er erfand den sogenannten Wuermeling-Pass, der es dem
Nachwuchs kinderreicher Familien erlaubte, zum halben Preis Zug zu fahren. Bekannt wurde er vor allem durch seine Appelle, Frauen sollten am Herd bleiben, statt berufstätig zu sein. "Eine Mutter daheim ersetzt vielfach Autos, Musiktruhen und Auslandsreisen."
Es war auch dieses erzkonservative Weltbild, gegen das sich der Protest der 68er Generation wendete. Sie rebellierten gegen die drei magischen "K": Kinder, Küche, Kirche. Was folgte, ist heute zu besichtigen: Die Küche bleibt häufig kalt, Kinder werden kaum noch geboren, und die Kirche verliert ihre Mitglieder - obwohl zumindest im Bundeskabinett die Zahl der bekennenden Gläubigen jüngst sprunghaft gestiegen ist.
In der ersten rot-grünen Regierung verzichteten noch 8 von 16 Ministern, darunter auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf die religiöse Formel ("So wahr mir Gott helfe"). 2002 waren es prozentual schon weniger: 8 von 14 schworen bei Gott. 2005 beim Amtsantritt der Regierung Merkel/Müntefering schnellte der Anteil der Bekennenden auf 94 Prozent: Nur Brigitte Zypries, die Justizministerin, verzichtete auf die Anrufung des Höchsten.
Was im Kabinett - mit einer Ausnahme - so fabelhaft demonstriert wurde, möchte Ursula von der Leyen nun der gesamten Bevölkerung verordnen: Gottvertrauen.
Ob ihr demonstrativer Auftritt mit den Kirchenoberen der von vielen (und nicht nur von Christen) gewünschten Wertediskussion in Deutschland gedient hat oder diesem Ziel nicht vielleicht sogar entgegenwirkte, ist vorerst nicht entschieden.
Dass der selbstgeschaffene zeitliche Zusammenhang mit dem längst noch nicht ausgestandenen Streit um das Eltergeld ihr schaden könnte, glaubt sie nicht. Von der Leyen hofft nun, dass sich die konservativen Kritiker in ihrer Partei und der linke SPD-Flügel neutralisieren werden.
Sie muss darauf bauen, dass Angela Merkel ihre Politik bei den mächtigen Jungs in der CDU durchboxt. "Unbedingt", sagt sie auf die Frage, ob sie sich von der Kanzlerin unterstützt fühle. Aber von der Leyen weiß auch, dass Merkel eine Politik des Machbaren betreibt. Die Regierungschefin verausgabt sich nicht für ein hoffnungsloses Vorhaben.
Von der Leyens dauernder Versuch, die eigene Biografie zum Modell für Deutschland zu stilisieren, hat Kanzlerin und Ministerin einander entfremdet. Erst kürzlich lauschte Merkel von der Leyen beim Morgeninterview im Deutschlandfunk und war nicht sehr amüsiert.
Wieder einmal hatte die Ministerin ihren eigenen Lebensweg ins Ikonenhafte stilisiert. Wie lange sie denn pausiert habe mit ihren Kindern, wollte die Kanzlerin später wissen. Sieben Jahre für sieben Kinder, antwortete von der Leyen wahrheitsgemäß. Merkel leicht säuerlich: "Dann sagen Sie das doch auch den Leuten." Die Ministerin bekam den dringenden Rat, sich doch künftig mit Annette Schavan zu konsultieren. Die Bildungsministerin ist eine Expertin für den lautlosen Auftritt. Von der Leyen und sie treffen sich seither regelmäßig. Es wurde eine Duzfreundschaft geschlossen.
Wer Ursula von der Leyen in diesen Tagen trifft, erlebt eine kämpferische Frau. "Die Debatte geht in die Tiefe", sagt sie und fügt schnell hinzu: "Aber das ist gut und wichtig so."
Natürlich hat sie die Wucht der Angriffe und die Breite der Gegenbewegung überrascht. Regelrecht konsterniert sei sie zunächst gewesen: "Dass es eine absichtlich unsachliche Kritik gibt, daran musste ich mich gewöhnen", sagt sie, für viele sei sie nur die Projektionsfläche.
Ihr Engagement will sie sich von der Phalanx der Gegner nicht austreiben lassen. Und leise zurückstecken will sie schon gar nicht. Es gebe ein Recht auf Leidenschaft, sagt sie, auch in der Politik: "Ich bin ein Mensch, kein Apparat."
HORAND KNAUP, ROLAND NELLES,
ALEXANDER NEUBACHER, HARTMUT PALMER,
RENÉ PFISTER, GABOR STEINGART
* Tochter Ursula, Ernst und Heidi-Adele Albrecht, Söhne Barthold, Donatus und Lorenz in Burgdorf bei Hannover.
Von Knaup, Horand, Nelles, Roland, Neubacher, Alexander, Palmer, Hartmut, Pfister, René, Steingart, Gabor

DER SPIEGEL 17/2006
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