24.04.2006

REKORDEGegen die Nebelwand

In den Annalen der deutschen Leichtathletik stehen 51 Bestleistungen, die zu Zeiten des DDR-Staatsdopings erzielt wurden. Athleten von heute können dagegen kaum antreten. Die Ex-Sprinterin Ines Geipel will nun ihren Rekord getilgt haben - und schürt den Zorn einstiger Kollegen.
Wenn Menschen das gleiche Ziel verfolgen, an dieselbe Sache glauben, dann können sie sehr verschieden sein - und trotzdem als Team funktionieren. Einmal, im Trainingslager 1984 in Mexico City, bildeten die vier jungen Frauen aus Jena sogar so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Ines Geipel, die blonde Startläuferin mit den langen Beinen, hatte einen mexikanischen Leichtathleten kennengelernt. Sie schlich nachts heimlich aus dem Teamquartier, um ihn zu treffen. Ihre Zimmergenossin Bärbel Wöckel bekam das natürlich mit, genauso Marlies Göhr und Ingrid Auerswald, die beiden anderen Sprinterinnen, mit denen Geipel in der Staffel lief. Doch alle hielten dicht.
Heute packt Marlies Göhr die Wut, wenn sie nur den Namen Ines Geipel hört. Sie sagt: "Mit der bin ich fertig." Auch Bärbel Wöckel und Ingrid Auerswald, die jetzt Lange heißt, sind nicht gut auf die einstige Kollegin zu sprechen. Lange sagt, "die Ines" sei ja "immer schon ziemlich anders" gewesen, was wohl heißen soll: nicht normal.
Die vier Frauen haben kein gemeinsames Ziel mehr. Seit einigen Monaten streiten sie über das, was sie zusammen erreicht haben. Es geht um einen Rekord, von dem man auch sagen kann, dass er nichts weiter war als ein großer Betrug. Das kommt ganz darauf an, welche der Frauen darüber spricht.
Deshalb ist die Geschichte der 4 x 100-Meter-Staffel des SC Motor Jena vor allem ein Stück aus der unverarbeiteten deutschen Sporthistorie. Es zeigt, wie unterschiedlich mit der DDR-Doping-Vergangenheit umgegangen wird. Und man erkennt, wie zerrissen der Sport hierzulande noch immer ist.
Am 2. Juni 1984 liefen die Sprinterinnen Geipel, die damals noch ihren Mädchennamen Schmidt trug, Wöckel, Auerswald und Göhr bei den DDR-Meisterschaften in Erfurt die Stadionrunde in 42,20 Sekunden. Mit dieser Zeit hätten sie bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die Silbermedaille gewonnen. Die Marke steht noch heute in den Annalen als schnellste Zeit, die je eine Vereinsstaffel gelaufen ist.
Rekorde sind wichtig für Sportler. Sie streicheln ihr Ego, im besten Fall sind sie ein Vermächtnis. Über den Wert des Laufs von Erfurt gehen die Meinungen jedoch weit auseinander.
So schrieb Geipel dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) voriges Jahr einen Brief, in dem sie darum bat, man möge ihren Namen aus der Rekordstaffel streichen. Zur Begründung verwies sie knapp auf das "hinlänglich geklärte" Doping-System der DDR.
Seither prallen die Welten aufeinander.
Ines Geipel, 45, sitzt im Literaturhaus in Berlin. Sie ist aufgewühlt. Vorhin hat sie gehört, dass Marlies Göhr im Fernsehen aufgetreten sei. Es muss schlimm gewesen sein. Göhr soll sie als "Wichtigtuerin" beschimpft haben.
Keine der ehemaligen Staffelkameradinnen hat sich so weit vom Sport entfernt wie Ines Geipel. Die Professorin aus Berlin ist eine beachtete Schriftstellerin und eine radikale Aufklärerin in Sachen DDR-Doping. Mit ihrem Brief löste Geipel im DLV eine Generaldebatte darüber aus, ob man die 51 zu DDR-Zeiten erzielten Rekorde, die noch heute in der deutschen Bestenliste geführt werden, generell streichen sollte. Seit Jahren beschweren sich Nachwuchsathleten, dass sie offensichtlich dopingbegünstigten Höchstmarken hinterherjagen müssen.
Marlies Göhr, 48, bläst die Backen auf, so wie früher auf der Tartanbahn. Dieser Brief! Diese Rekorddebatte! Für sie ist das alles "sinnloses Gequatsche".
Die heutige Kinderpsychologin war eine der großen DDR-Athletinnen, größer als Ines Geipel. Sie gewann zwei Goldmedaillen bei Olympia. Sie war die erste Frau, die die 100 Meter unter elf Sekunden lief. Es gibt einen positiven Doping-Test aus ihrer Jugendzeit und die Einlassung eines ehemaligen Trainers, der angibt, auch ihr "unterstützende Mittel" gegeben zu haben. Doch sie behauptet, nie gedopt zu haben. Man müsse Pillen, die man bekommt, ja nicht schlucken.
Man kann sagen, Marlies Göhr ist der Gegenentwurf zu Ines Geipel.
In den vergangenen Wochen ließ Göhr die alten Zeiten wieder öfter hochleben. Über den Lauf von Erfurt sagt sie: "Wir haben Deutschland Ehre gebracht." Es ist ihre Art, Geipel und der Rekorddebatte etwas entgegenzusetzen. Göhr lässt sich ihr Bild in der Geschichte nicht demolieren. Sie sieht sich nicht als Opfer, nicht als Täter - sondern als Gewinner.
Aber es wird immer schwieriger, heil durch die Geschichte zu kommen.
Die Sprintgruppe des SC Motor Jena war eine Elitetruppe. Es wurde sogar ein Dokumentarfilm über das Team gedreht. Darin sieht man die Heldinnen beim Training oder wie sie in Geipels Küche Kuchen backen. Die Jenaer Athletinnen waren aber auch eine Art Versuchsprojekt. Unterschiedliche Präparate wurden verabreicht. "Blaue Steaks", so nannten die Sportler die Oral-Turinabol-Tabletten, ein Mittel zum Muskelaufbau. Die Medikation der Jenaer Staffel für das Jahr 1984 ist überliefert. Geipel: 1291 Milligramm. Wöckel: 1670 Milligramm. Lange: 1375 Milligramm. Göhr: 1405 Milligramm.
Das alles kam zuletzt hoch. Die Zeitungen schrieben vom "Doping-Rekord". Und im DLV trat eine Kommission zusammen, um zu prüfen, wie man die Altlast loswerden könnte. Aber es ist komplizierter, als man dachte, weil sich die Vergangenheit nicht einfach abschütteln lässt.
Ingrid Lange trägt die Haare immer noch so kurz wie früher. Auch sie hat Jena nie verlassen, sie arbeitet seit 1993 als Übungsleiterin im Fitness-Club Ringwiese. Die Diplomsportlehrerin, die in Erfurt an Position drei lief, ist immer noch gut mit Marlies Göhr befreundet, aber sie hat nicht deren Härte. Bei Lange findet sich ein Funke von Selbstzweifel, etwa wenn sie sagt: "Wir haben doch auch gut trainiert, wir hatten gute Trainer. Das alles nur auf Doping zu reduzieren ist doch abartig." Aber auch diese Haltung ist nur eine andere Form des Leugnens. Und tatsächlich ist niemand aus der Staffel auf so beklemmende Weise noch mit den alten Tagen verkoppelt wie Ingrid Lange.
Einer ihrer Chefs ist Jürgen Falkenthal. Der Heilpraktiker, der nach der Wende mit einem Partner den Fitness-Club Ringwiese eröffnete, war Speerwerfer und später Trainer beim SC Motor Jena. Vor fünf Jahren berichtete die Jenaer Geschichtswerkstatt
in ihrem Heft "Gerbergasse 18" über Falkenthal. Gerbergasse 18 lautete die Adresse der örtlichen Stasi-Zentrale.
Falkenthal hat als Führungs-IM "Ilja Vogelberg" Athletinnen des SC Motor Jena bespitzelt. Er berichtete über Geipels Lebenswandel, über angebliche Fluchtpläne von Göhr. Falkenthal war ein Doping-Befürworter. Und das trotz des Wissens um die "Folgeerscheinungen", die er einem Stasi-Offizier einmal in einem Dossier schilderte. So komme es bei manchen Sportlerinnen zu "Veränderungen wie die Stimmvertiefung, den Hirsutismus". Stammelnd berichtete Falkenthal, der vergangene Woche nicht für eine Stellungnahme zu erreichen war, auch über das Phänomen der "krankhaft gesteigerten Libido bei der Frau", der "natürlich die jungen Mädchen oder jungen Frauen sehr für sexuelle Befriedigungen im Prinzip süchtig macht".
Dass Lange heute ausgerechnet für Falkenthal arbeitet, also für einen der Täter, zeigt, wie sehr manche DDR-Sportgrößen in einer eigenen Realität leben. Die dunklen Seiten der Vergangenheit werden bewusst ausgeblendet, damit man in der Gegenwart besser klarkommt.
Göhr und Lange haben nie eine offizielle Aussage über die Verhältnisse in Jena gemacht. Vor zwei Wochen hätte es eine Gelegenheit dazu gegeben. Der DLV hatte 47 Rekordhalter zu einem Treffen eingeladen. Es war Geipels Idee. Man hätte offen reden können, doch es kamen nur vier von den Bestleistern; von den Stars aus dem Osten erschien niemand.
Der Verband steht nun vor einem Dilemma. Marita Koch und Frank Emmelmann, deutsche Rekordhalter über 400 Meter und 100 Meter, kündigten über ihren Anwalt Peter-Michael Diestel bereits juristische Schritte an für den Fall, dass sie aus den Bestenlisten gestrichen werden. Im DLV heißt es jetzt, nur wenn sich ein Athlet selbst des Dopings bezichtigt, könne ein Rekord getilgt werden.
Aber wer beschuldigt sich schon selbst?
Bärbel Wöckel sagt, sie wäre gern hingegangen zum Treffen der Rekordhalter, aber leider habe sie ein dringender Termin daran gehindert. Wöckel, 51, lief in Erfurt an Position zwei. Die vierfache Olympiasiegerin, die in Montreal 1976 und in Moskau 1980 jeweils die 200 Meter und mit der 4 x 100-Meter-Staffel gewann, war ein Laufapparat mit mächtigen Muskeln. Das einstige Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig führte Wöckel unter der Codenummer "S35".
In einem Dossier aus dem Jahre 1986 analysierten die Wissenschaftler die "u.M."-Konzeption von Wöckel. Das Kürzel "u.M." stand für unterstützende Mittel. Die Mediziner schrieben über die "auffällig hohen Dosierungen von Depot-Testosteron" bei "S35". Dann wiesen die Autoren auf "die Vorgehensweise 1984" hin, wo "während der Oral-Turinabol-Applikation die genannten Präparate zusätzlich verabreicht wurden". Womit gemeint war, dass "S35" zusätzlich zu den Anabolika-Pillen auch noch Testosteron-Injektionen bekam.
Bärbel Wöckel ist ein Phantom. Sie lebt heute im Odenwald. Unsichtbar. Sie tritt kaum öffentlich in Erscheinung. Wenn man mit Wöckel über DDR-Doping und ihre Laufbahn spricht, dann ist es, als rede man in eine dichte Nebelwand. Alles verschwindet hinter Sätzen wie: "Och, is' doch lange her."
Das Schweigen Wöckels birgt eine gewisse Brutalität, weil sie sich damit einer Verantwortung entzieht, die sie eigentlich aufbringen sollte. Wöckel arbeitet seit über 15 Jahren beim DLV. Sie ist Referatsleiterin der Jugendabteilung und gibt Anti-Doping-Workshops. Darüber redet Wöckel gern. Sie sagt, der Kampf gegen Doping sei "sehr wichtig". Sie sagt, es sei erstaunlich, wie wenig die Jugendlichen über Doping wüssten. Erzählt sie ihren Schülern von ihrer eigenen Geschichte? "Es geht doch nicht um früher", sagt Wöckel.
Dann zieht der Nebel wieder auf.
Bärbel Wöckel wird einfach so weitermachen. Der DLV hat sie nie zu einer Stellungnahme gedrängt. Anfang Mai wird beim Verbandstag über den Vorschlag der Rekord-Kommission beschlossen, was mit den Bestmarken geschehen soll. Geplant ist, die alten Höhen, Weiten und Zeiten aus Ost und West als Jahrtausendrekorde einzufrieren und eine neue Bestenliste ab dem Jahr 2000 zu beginnen.
Wöckel, Göhr und Lange könnten mit dieser Lösung leben. Geipel nicht. Sie vermag in dem Vorschlag keine "sichtbare Distanz" des DLV zum Staatsdoping der DDR erkennen. Ein Gericht, so will sie beantragen, soll nun ihren Namen aus den Rekordbüchern tilgen. Denn eine echte Zäsur stellt der angestrebte Kompromiss nicht dar. Alte, saubere Rekorde werden diskreditiert, jüngere, womöglich unsaubere Rekorde erhalten die Gnade der neuen Gelegenheit.
Die künftige Rekordhalterin über 400 Meter wäre zum Beispiel Grit Breuer. Sie wurde 1993 wegen Medikamentenmissbrauchs vom DLV für ein Jahr gesperrt, 2001 stellte sie eine neue Bestleistung auf. Ihr Lebenspartner und Ex-Trainer, Thomas Springstein, ist kürzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, wegen Weitergabe von Doping-Mitteln.
GERHARD PFEIL
* Bärbel Wöckel, Marlies Göhr, Ingrid Auerswald und Ines Schmidt am 2. Juni 1984 in Erfurt.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 17/2006
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