24.04.2006

LINGUISTIK Leben ohne Zahl und Zeit

Das Volk der Pirahã kennt keine Vergangenheit, keine Farbwörter, keine Nebensätze. Das macht seine Sprache zur merkwürdigsten der Welt - und zum Zankapfel der Linguisten.
Einmal, bei einem seiner ersten Besuche, wollten die Pirahã Daniel Everett töten. Da war er noch nicht ihr "bàgìáì", Freund, und ein fahrender Händler hatte ihnen dafür jede Menge Whisky versprochen - der Mann fühlte sich von dem amerikanischen Forscher geprellt. Es war dustere Mitternacht an den Ufern des Maici, als die Pirahã-Kämpfer sich versammelten und ihren Mordplan ausheckten.
Was sie nicht ahnten: Everett, ein Linguist, lauschte - und verstand da schon genug vom kakophonischen Singsang des Amazonas-Volks, um die entscheidenden Wörter heraushören zu können.
"Ich sperrte meine Frau und unsere drei Kinder in den einigermaßen sicheren Verschlag unserer Hütte und ging geradewegs zu den Männern hin", erinnert sich Everett. "Mit einem Griff raffte ich alle Bögen und Pfeile zusammen, ging zurück und schloss sie mit uns ein." Die Pirahã waren nicht nur entwaffnet, sondern auch verblüfft - und ließen ihn am Leben. Unbehelligt reiste die Familie tags darauf ab.
Doch die Sprache der Waldbewohner - "ungeheuer schwer zu lernen", sagt Everett - hat ihn und seine Frau so fasziniert, dass sie zurückkamen. Von 1977 bis heute hat der Ethnolinguist von der University of Manchester zusammengerechnet sieben Jahre in der Gesellschaft der Pirahã verbracht - und seine Karriere der Erforschung ihres rätselhaften Idioms verschrieben. So sehr verunsicherte ihn, was er da hörte, dass er fast drei Jahrzehnte zögerte, seine Erkenntnisse zu publizieren: "Ich habe mich schlicht nicht getraut."
Everett ahnte, dass es Streit geben würde. Immerhin hat, was er herausfand, das Zeug, die ehrwürdigsten Theorien über die Sprachfähigkeit des Menschen zu stürzen.
Es kam, wie der Forscher es erwartet hatte: Inzwischen ist das etwa 310 bis 350 Menschen umfassende Jäger-und-Sammler-Völkchen aus den Dörfern am Maici Gegenstand erzürnter Debatten unter Linguisten, Anthropologen und Kognitionsforschern. Selbst Noam Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology und Steven Pinker von der Harvard University, zwei der einflussreichsten Theoretiker auf diesem Gebiet, zanken sich darüber, was es für das Wesen menschlicher Sprache bedeutet, dass die Pirahã keine Nebensätze bilden.
Es geht beim Streit um das Volk vom Maici-Fluss um nichts weniger als das große Rätsel, wie der Homo sapiens überhaupt zu seiner brillanten Begabung kam. Denn obschon Bienen tanzen, Vögel singen und Buckelwale sogar mit Syntax singen - des Menschen Sprache ist einzigartig. Allein schon deswegen, weil sie ihm erlaubt, aus endlich vielen Elementen mit unendlicher Kreativität nie zuvor Gedachtes zusammenzupuzzeln, so wie Shakespeare seine Dramen oder Einstein die Relativitätstheorie.
Basis der linguistischen Theorie sind in der Regel jene Eigenschaften, die alle Idiome dieser Welt teilen. Der Sprache der Pirahã aber - das macht sie jetzt so bedeutsam - fehlen wichtige Teile selbst dieses kleinsten gemeinsamen Nenners.
Überhaupt zeichnet sich ihre Sprache durch Sparsamkeit aus. So benutzen die Pirahã nur drei Pronomen. Sie kennen kaum Zeitwörter, ihre Verben keine Vergangenheit. Farben konkret zu benennen ist den Waldbewohnern anscheinend auch nicht wichtig. Unter all den Kuriositäten aber irritiert die Linguisten am meisten, dass Pirahã als vielleicht einzige Sprache der Welt komplett ohne Nebensätze auskommt. Statt "Wenn ich fertig gegessen habe, möchte ich mit dir reden" heißt es: "Ich esse zu Ende, ich rede mit dir."
Ebenso verblüffend: Der Alltag der Pirahã scheint keiner Zahlen zu bedürfen. Wörter wie "jedes", "alle" oder "mehr" hat Everett nie von den Dorfbewohnern gehört. Zwar existiert die Vokabel "hói", die der Zahl 1 nahe kommt. Aber sie bedeutet zugleich auch "klein" oder bezeichnet eine vergleichsweise geringere Menge, etwa zwei kleine Fische im Gegensatz zu einem großen. Nicht einmal wortlos, an den Fingern zum Beispiel, zählen sie ab, wie viele Piranhas sie fürs Abendessen grillen müssen, wie viele Tage das Fleisch des erlegten Ameisenbären vorhält oder was sie von dem brasilianischen Händler als Gegenleistung für ihre sechs Körbe Paranüsse erwarten.
Der Streit der Linguisten über das Fehlen allen Zählens hat sich entzündet, nachdem
Peter Gordon, ein Psycholinguist von der Columbia University in New York, die Pirahã besucht und ihre mathematischen Talente getestet hat. So sollten sie etwa vorgegebene Reihen von einer bis zehn kleinen Batterien nachlegen oder sich merken, ob Gordon drei oder acht Nüsse in eine Dose gesteckt hatte.
Das Ergebnis, veröffentlicht im Wissenschaftsblatt "Science", war niederschmetternd: Die Pirahã können mit Zahlen ungefähr so viel anfangen wie Tauben oder Schimpansen. Seine Studie lege nahe, meint Gordon, dass "ein Volk ohne Begriffe für Zahlen nicht die Fähigkeit entwickelt, exakte Anzahlen zu erkennen".
Mit dieser Schlussfolgerung ließ Gordon eine umstrittene Theorie des 1941 gestorbenen Linguisten Benjamin Whorf wieder aufleben, derzufolge der Mensch nur denken kann, wofür er auch Worte besitzt. Will heißen: So lange die Pirahã keine Zahlwörter kennen, können sie nicht einmal im Ansatz begreifen, was Zählen und Rechnen bedeuten.
Allerdings müssten die Waldbewohner dann die Grundzüge der Arithmetik verstehen lernen, sobald man ihnen zum Beispiel das portugiesische Einmaleins nahebringt. So haben die Warlpiri, australische Aborigines, deren Sprache auch nur das simple Zählsystem 1-2-viele hergibt, schnell und leicht auf Englisch zählen gelernt.
Ganz anders hingegen die Pirahã. Vor Jahren schon hat Everett versucht, ihnen das Rechnen beizubringen. Acht Monate lang lehrte er sie das um, dois, três der Brasilianer - vergebens. "Am Ende konnte nicht einer bis zehn zählen", berichtet der Forscher.
Dass das Dschungelvölkchen schlicht zu dumm ist, lässt sich ausschließen. "Die sind auch nicht langsamer im Kopf als der durchschnittliche Vordiplomstudent", sagt Everett. Außerdem leben die Pirahã nicht in genetischer Isolation; sie durchmischen sich mit den umliegenden Völkern. Insofern müsste ihr Intellekt dem der Nachbarn gleichen.
Am Ende fand Everett eine aufsehenerregende Erklärung für die Eigenheiten des Pirahã-Idioms: "Die Sprache kommt in die Welt durch die Kultur", sagt der Linguist. Und die Kultur der Pirahã lässt sich Everett zufolge mit einer schlichten Formel zusammenfassen: "Leben im Hier und Jetzt". Wichtig und damit mitteilenswert sei nur das unmittelbar Erlebte. "Alle Ereignisse sind verankert im Moment des Sprechens." Diese Carpe-diem-Kultur, glaubt der Forscher, lasse Abstraktion nicht zu, verbiete komplizierte Bezüge zur Vergangenheit und schränke entsprechend die Sprache ein.
Zum Leben im Moment passt, dass die Pirahã an keinen Schöpfungsmythos zu glauben scheinen. Wenn befragt, antworten sie etwa: "Alles ist das Gleiche, die Dinge sind schon immer." Auch erzählen die Mamas den Kleinen keine Märchen, überhaupt erfindet niemand Geschichten, niemand malt - Kunst gibt es nicht.
Auch in den Namen, die die Dorfbewohner einem Kind geben, steckt wenig Phantasie: Sie benennen es meist nach einem Stammesmitglied, dem es auf irgendeine Weise ähnelt. Was heute, jetzt, nicht wichtig ist, vergessen die Pirahã. "Sehr wenige erinnern sich an die Namen aller vier Großeltern", sagt Everett.
Der Forscher ist überzeugt, dass Linguisten, wenn sie denn danach suchten, allerorten einen ähnlichen Einfluss der jeweiligen Kultur auf die Sprache finden würden. Bisher allerdings verteidigen viele Wissenschaftler die gegenläufige These Chomskys, derzufolge jeder menschlichen Sprache eine universale Grammatik zugrunde liegt, eine Art Ur-Regelsystem im Kopf, das jedes Kind der Welt dazu befähigt, sich unausweichlich und ziemlich flott vom ersten Krähen und Kreischen aufzuschwingen zu Wortfolgen mit Syntax und Sinn.
Ob Phonetik, Signifikanz, Morphologie - was genau in dieser Universalgrammatik angelegt sein soll, ist umstritten. Auf einem "Herzstück" der menschlichen Sprachfähigkeit aber beharrt Chomsky, der inzwischen 77 Jahre alte Doyen der Disziplin: der Rekursion.
Dieses Phänomen, definiert als die Wiederholung einer Struktur als Teil von sich selbst, liegt dem menschlichen Denken zugrunde. Ohne Rekursion ließe sich Mathematik nicht denken, es gäbe weder Computer noch Philosophie, auch keine Symphonien. Der Mensch wäre prinzipiell nicht dazu fähig, einzelne Gedanken als untergeordnete Teile zu betrachten, aus denen er komplexe Ideen zusammenbastelt.
Und: Es gäbe keine Nebensätze. Denn auch die kann der Homo sapiens nur bilden, weil er rekursiv denkt. Beispiel: Das ist der Hund, der die Katze jagte, die die Ratte tötete, die in dem Haus lebte, das Andrea gebaut hat. Und immer so weiter: Durch Nebensätze übersetzt eine Sprache rekursive Gedanken in Grammatik.
Wenn aber die Pirahã keine Nebensätze bilden, meint auch der berühmte US-Psychologe Pinker, dann kann Rekursion nicht Quell der Einzigartigkeit menschlicher Sprache sein. Sie wäre nicht Teil einer universalen Grammatik. Was dann? Chomsky wäre widerlegt.
Jetzt käme es darauf an zu beweisen, dass die Pirahã sehr wohl, wie alle Artgenossen, rekursiv denken können. Laut Everett schlägt sich diese Eigenschaft des Geistes nur deshalb nicht in ihrer Sprache nieder, weil die Kultur ihnen dies verbiete. Das Problem ist nur: Derzeit kann niemand Everetts Beobachtungen widerlegen oder bestätigen. Denn niemand spricht Pirahã so gut wie er.
Trotzdem werden sich in diesem Jahr gleich mehrere Forscher auf die Reise zum Maici begeben, um Teile seiner Behauptungen zu überprüfen, darunter gleich zwei Linguisten aus Chomskys Umfeld.
Einem allerdings wird es jetzt "ein bisschen zu voll da unten": Peter Gordon. "Ich befürchte, dass die Pirahã nur eine weitere wissenschaftliche Kuriosität werden, die man ausbeutet und am Ende noch ihre Fäzes analysiert." RAFAELA VON BREDOW
Von Bredow, Rafaela von

DER SPIEGEL 17/2006
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