24.04.2006

POP„Härte ist ein Aberglaube“

Jochen Distelmeyer, Sänger der Hamburger Rockband Blumfeld, über das neue Album „Verbotene Früchte“, deutungsgierige Fans und die angebliche Weichheit seiner Musik
SPIEGEL: Herr Distelmeyer, im Videoclip zur neuen Blumfeld-Single "Tics" turnen Sie und Ihre Kollegen als Knetfiguren herum. Eifern Sie der virtuellen britischen Band Gorillaz nach, deren Musiker nur als Comicfiguren präsentiert werden?
Distelmeyer: Auf keinen Fall. Ich kann den Wirbel um das Prinzip dieser sogenannten virtuellen Band eh nicht nachvollziehen. Mich interessiert erst mal nur, ob die Musik gut ist oder nicht. Wenn ich mir den Clip mit uns als Knetfiguren anschaue, denke ich eher an Pan Tau oder Tim Burtons "Nightmare Before Christmas". Die Idee gefiel uns, weil sie das Prinzip des Weicherwerdens illustriert. Dieses Weicherwerden, vielleicht auch auf musikalischer Ebene, spielt sicherlich auf unserem neuen Album "Verbotene Früchte" eine gewisse Rolle.
SPIEGEL: Wollen Sie jene Kritiker bestärken, die Ihrer Band schon seit Jahren vorwerfen, Ihre Musik sei zu weich, zu schlagerhaft geworden?
Distelmeyer: Gerade wegen dieser Vorwürfe fand ich es lustig, uns als Knetfiguren zu präsentieren. In den letzten Jahren haben sich auch viele unserer Fans beklagt, wir seien nicht mehr hart genug. Ich habe nichts gegen Härte im Sinne von Sound oder Spielweise. Aber die in der Musikkritik immer gern vorgenommene Gleichung, wonach eine verzerrte, laute Gitarre gesteigerten Protest und Authentizität bedeute, akzeptiere ich nicht. Derartige Konzepte von Härte, Kraft und Stärke sind für mich auch über die Musik hinaus Teil eines irrwitzigen Aberglaubens.
SPIEGEL: Blumfeld gilt seit vielen Jahren als führende Intellektuellenband, Fans und Journalisten begutachten jedes neue Werk wie eine Doktorarbeit. Stört Sie diese Bedeutungssuche?
Distelmeyer: Natürlich ist es schön, wenn unsere Songs den Leuten etwas bedeuten, aber gerade in Interviews bemerke ich häufig, dass ein Überbau-Begriffsnebel den direkten Zugang zu unserer Musik erschwert. Ständig sollen wir erklären, auf welche Wirkung wir es abgesehen haben. Dabei geht es uns erst mal nur um etwas ganz Einfaches: um Rock'n'Roll.
SPIEGEL: Heißt das, dass Sie ohne ausgetüftelten Plan ins Studio gehen?
Distelmeyer: Nein, die Stücke werden natürlich geprobt, und die Texte sind geschrieben. Jedes neue Blumfeld-Album ergibt sich auch immer aus dem vorangegangenen. Erst beim nachträglichen Hören der Alben ergibt sich dann oft doch eine Ordnung. Lieder öffnen Türen, durch die man zu neuen Liedern gelangt.
SPIEGEL: Ist es in Ordnung, wenn wir manche Lieder auf dem neuen Album wie zum Beispiel die kindliche Hymne auf den "Apfelmann" seltsam heiter finden für eine so ernste Band wie Blumfeld?
Distelmeyer: Das darf man absolut. "Der Apfelmann" ist ein Song voller Freude, die aus der Musik heraus bedingt ist. Aber natürlich sind nicht alle Lieder so heiter. Sehen Sie, ein Problem der Wahrnehmung unserer Band war von Anfang an: Die Leute merken, dass sie gemeint sind, und reagieren vielleicht deshalb manchmal überempfindlich. Wenn wir mal ausgelassen sind und einen gutgelaunten Song aufnehmen, heißt es gleich: Jetzt finden die von Blumfeld alles Spitze!
SPIEGEL: Dürfen wir trotzdem staunen, dass Sie in einem der neuen Lieder "Kleines Lied liegt in der Luft, ist in allen Dingen" singen und damit auf die Zeile "Schläft ein Lied in allen Dingen" des Romantikers Joseph von Eichendorff anspielen?
Distelmeyer: Das ist nur ein Zufall. Ich habe erst durch Interviews erfahren, dass das an Eichendorff erinnert. Jetzt fragen mich Journalisten also nach der Romantik, aber leider bin ich mit dieser Literaturgattung nicht vertraut. Ich lasse sie mir aber gern erklären und werde mich einlesen, wenn ich mal Zeit habe.
SPIEGEL: Sie haben Ihr neues Album im Studio der altgedienten deutschen Folklore-Band Ougenweide aufgenommen. Ist das eine Respektsbezeugung gegen-über einer heimischen Musiktradition?
Distelmeyer: Nein. Dafür müsste ich mit den Platten von Ougenweide wirklich vertraut sein. Ich gebe zu: Folk-Anklänge auf unserer Platte sind vorhanden. Aber sie sind eher zufällig.
SPIEGEL: Was ist deutsch an Blumfeld?
Distelmeyer: Nichts. Ich habe Musik immer unabhängig vom jeweiligen Entstehungsort wahrgenommen. Es ist doch eine überflüssige künstlerische und musikalische Selbstbeschränkung, sich in irgendeine Ahnengalerie einzureihen. Mir ist egal, ob ein gutes Lied von Schubert, The Fall oder Antonio Carlos Jobim kommt. Wenn die ersten Takte von Jobims "Aguas de Março" aus den Lautsprechern fließen, bin ich glücklich. So habe ich das, was wir mit Blumfeld erreichen wollen, auch immer verstanden.
SPIEGEL: Aber sind nicht die Texte bei Blumfeld enorm wichtig? Verpasst nicht ein Japaner, der die neue Platte hört und kein Wort versteht, ganz Wesentliches?
Distelmeyer: Bei guter Musik vermittelt sich immer eine Haltung. Die Songs von Jobim begeistern mich ja auch, ohne dass ich die Texte verstehe. Wir haben unsere Platten unübersetzt bei einem englischen Label veröffentlicht und waren weltweit auf Tournee, das hat immer funktioniert. Die Leute gehen mit, auch wenn sie die Texte nicht verstehen.
SPIEGEL: Sie sind Sänger und Autor der Blumfeld-Lieder. Wozu braucht Jochen Distelmeyer eine Band?
Distelmeyer: Blumfeld war von Anfang an eine Band. Und das Tolle an einer Band ist, dass man nie allein ist mit dem, was man macht. Ohne die Band hätten meine Lieder nie ins Leben gefunden. INTERVIEW:
CHRISTOPH DALLACH, WOLFGANG HÖBEL
Von Christoph Dallach und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 17/2006
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