08.05.2006

KRIMINALITÄTSpaß mit Hintergrund

Eine Hamburger Sponti-Gang plündert Wohlhabende - angeblich um den Armen zu helfen. Die Polizei ist ratlos.
Das "FrischeParadies Goedeken" an der Großen Elbstraße in Hamburg gilt als Pilgerstätte für jene Gourmets, denen nichts zu teuer ist. In dem angesagten Feinkostladen treffen sich Profi-Gastronomen im Schlabberlook von TV-Koch Tim Mälzer sowie gegelte Hobbyköche, die mit hochgeschlagenem Hemdkragen und ins Haar gesteckter Sonnenbrille ihr Yuppie-Image pflegen.
Am vorvergangenen Freitag aber kamen Besucher, die schon optisch nicht ins Bild passten: Eine Horde junger Leute, verkleidet als Comic-Helden, stürmte das Geschäft und schleppte haufenweise Delikatessen hinaus - ohne zu bezahlen. Der verdutzten Kassiererin überreichten die Plünderer statt Geld einen Blumenstrauß, dann posierten sie noch schnell für ein Foto und verschwanden mit ihrer Beute. Die Polizei schickte zwar 14 Streifenwagen sowie einen Hubschrauber, doch das Großaufgebot kam zu spät.
Seit Jahren schon geht das so. Immer wieder kommt es in der Hansestadt zu ähnlichen Aktionen, mit denen die Täter gegen die ungleiche Verteilung des Wohlstands demonstrieren, woraus sie das Recht zur Selbstbedienung ableiten. "Die fühlen sich wie Robin Hood", mutmaßt Bodo Franz, Leiter der Staatsschutzabteilung im Hamburger Landeskriminalamt. Ebenso wie der Verfassungsschutz mühen sich seine Spezialisten vergebens um Erkenntnisse über die Gruppe.
Bis zu 30 Leute sind an den Aktionen beteiligt, doch verhalten sie sich sehr konspirativ, bislang mit Erfolg. Diesmal hatten sie sich den Edelsupermarkt am Elbufer ausgesucht, in einer Gegend, die sich seit einigen Jahren vom tristen Gewerbegebiet zum angesagten Erlebnisraum wandelt. Wo einst nur Fischhändler, Seemannsheime und ein paar Spelunken angesiedelt waren, entstanden in den vergangenen Jahren teure Einrichtungshäuser, schicke Lokale und luxuriöse Lofts.
Und die Täter wussten genau, was in diesem Ambiente gut und teuer ist. "Die hatten sich schon gefüllte Einkaufswagen und -körbe bereitgestellt", vermutet Betriebsleiter Carsten Sievers. Darin lagen Hirschkeulen, Valrhona-Schokolade, Champagner für 99,53 Euro die Flasche und Filetstücke vom Kobe-Rind.
Die japanischen Rindviecher sind etwas ganz Besonderes für Kenner. Die Tiere führen ein Leben, das mancher der Spontis vermutlich ebenfalls verlockend fände. Zur speziellen Kraftnahrung gibt es reichlich Bier, außerdem werden die Rinder täg-
lich bis zu zwei Stunden per Hand massiert - angeblich wird das Fleisch so besonders zart und erhält seine feine Maserung. Je nach Herkunft und Qualität werden pro Kilogramm Preise erzielt, die dem Regelsatz eines Hartz-IV-Empfängers entsprechen können.
Den Beziehern von Stütze und anderen Verlierern der Gesellschaft fühlen sich die "Superhelden", die sich in ihrem Bekennerschreiben "Spider Mum" oder "Santa Guevara" nennen, angeblich verpflichtet: Ihre Aktion gelte besonders Menschen in "prekären" Arbeitsverhältnissen, es gehe ihnen um bessere Lebensumstände für die "vollvernetzte Dauerpraktikantin", die "aufenthaltslose Putzfrau" und den "ausbildungsplatzlosen Ein-Euro-Jobber", deren Arbeitsbedingungen immer schlechter würden. "Ohne die Fähigkeiten von Superhelden ist ein Überleben in der Stadt der Millionäre nicht möglich", heißt es auf dem Zettel, den die Bande im geplünderten Paradies hinterließ.
Der Verfassungsschutz zählt die Täter zu einer losen Gruppe, die sich "Hamburg-Umsonst" nennt. Die Spontis verteilten beispielsweise offiziell aufgemachte Flyer in der U-Bahn mit Tipps für Schwarzfahrer oder schummelten sich mit gefälschten Tickets ins Kino. Sie seien "im studentischen Milieu und im Randbereich von Autonomen" angesiedelt, vermutet Staatsschützer Franz - auf jeden Fall "spaßorientiert mit politischem Hintergrund".
"Die fetten Jahre sind vorbei", stand denn auch süffisant auf einem Plakat, das die Täter vor einem Jahr in einem Nobel-Restaurant auf dem Süllberg im Elb-Stadtteil Blankenese entrollten - in Anlehnung an den gleichnamigen Film. Vor den Augen pikierter Gäste leerten die Spontis dann das Büfett. Dazu schwenkten sie überdimensionale Messer und Gabeln aus Pappe, die mit Alufolie umwickelt waren.
Angesichts solcher Aktionen kann sich ein erfahrener Ermittler eines Schmunzelns nicht erwehren. "Immerhin gehen die Täter ein hohes persönliches Risiko ein", meint er anerkennend. Kritik gibt es dagegen in der Szene. In einem Internet-Forum heißt es, die Aktionen seien nicht im Geringsten antikapitalistisch. Das Ganze sei doch nichts anderes als "Betteln nach regulierter Ausbeutung in Normalarbeitsverhältnissen". ANDREAS ULRICH
* Oben: am 28. April beim Hamburger "FrischeParadies"; unten: am 1. Mai 2005 in Blankenese.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 19/2006
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