08.05.2006

GELDANLAGEKatze im Sack

Mysteriöse Altaktionäre, Manager mit zweifelhaftem Ruf, Ungereimtheiten im Prospekt: Der Börsengang von Catoil ist der fragwürdigste seit Jahren.
Vorstandschef Manfred Kastner stand im Händlersaal und freute sich wie ein kleiner Junge. Gerade war die Aktie seines Öldienstleisters Catoil an der Frankfurter Börse gelistet worden und lag stolze 2,20 Euro über dem Ausgabepreis von 15 Euro. Kastner strahlte - mit einem Benzinkanister in den Händen. Das sollte witzig wirken.
Tatsächlich hat die Börse mit Kastners Firma am Donnerstag vergangener Woche einen hochexplosiven Neuzugang bekommen. Denn das Unternehmen mit Sitz im österreichischen Baden, das inzwischen einen Wert von fast 500 Millionen Euro hat, gilt als mit Abstand fragwürdigster Börsengang nicht nur dieses Jahres.
Verglichen mit Catoil ist der zweite Börsenaspirant der vergangenen Woche, Air Berlin, ein Ausbund an Auskunftsfreude und Transparenz. Aber während die Airline ihren Börsenstart dann kurzfristig verschieben musste, lernte Catoil an der Börse förmlich fliegen.
Dabei könnte schon die Entstehungsgeschichte des Unternehmens kaum undurchsichtiger sein: Machtkämpfe in der russischen Ölindustrie, ein ungeklärter Todesfall, fragwürdige Eigentumsverhältnisse, Manager mit zweifelhaftem Ruf - und ein Börsenprospekt, der zwar formal korrekt ist, aber den Anlegern wichtige Informationen vorenthält. Trotzdem übernahm die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein das Mandat, das die Schweizer Großbank UBS zuvor aus Imagegründen abgelehnt hatte.
Catoil, das laut Eigenwerbung heute großen russischen Energiekonzernen wie Lukoil und Gasprom mit einer speziellen Technik hilft, ihre Ölfelder effizienter auszubeuten, hat eine bewegte Vergangenheit. Seit die ursprünglich in Celle gegründete Firma 1991 ein Joint Venture mit einer sibirischen Tochter des Lukoil-Imperiums einging, erwarben russische Ölmanager über Treuhandverträge immer neue Anteile an der Firma. Zugleich wurde sie zu einem unüberschaubaren Konglomerat von Cat-Unterfirmen ausgebaut, dessen Ableger bald über Österreich bis nach Zypern reichten.
Mitte der neunziger Jahre soll Catoil im Umfeld des Lukoil-Konzerns zu einem weltweiten Firmengeflecht von laut Insidern bis zu 90 sogenannten Offshore-Firmen gehört haben. Unter so phantasievollen Namen wie Gingernut, Rosewood oder Sea Pearl wurden in Steuerparadiesen wie den Bermudas, der Isle of Man oder den Cayman Islands Millionengewinne erwirtschaftet. Vater des verschwiegenen Imperiums und Cat-Mitbegründer war der deutschstämmige Heinrich Schmidt. Anna Brinkmann, eine der beiden aktuellen Altaktionäre von Catoil und zugleich Vorstandsmitglied, fungierte als dessen rechte Hand.
Schmidt, einst Vizechef von Lukoil International, starb am 31. August 1997 im Alter von nur 48 Jahren in seiner Moskauer Wohnung. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, das zumindest glauben seine Erben belegen zu können, soll Schmidt 35,5 Prozent an der heutigen zypriotischen Obergesellschaft der Catoil AG gehalten haben. Was nach seinem Tod mit den Anteilen geschah, ist unklar - bei Schmidts Erben landeten sie jedenfalls nicht.
Zuletzt hielt neben Brinkmann ein gewisser Walter Höft als Altaktionär die Mehrheit an der zypriotischen Catoil. Der frühere Steuerberater von Heinrich Schmidt wurde indes erst vergangene Woche als Börsenmillionär geoutet. Dabei hatten sich die Catoil-Verantwortlichen alle Mühe gegeben, seinen Namen geheim zu halten. Im Börsenprospekt war anfangs nur von einem "Einzelinvestor westeuropäischer Nationalität" die Rede, der "aus familiären Gründen" lieber anonym bleiben wolle.
Beim Tarnen und Verschleiern half den Firmenjuristen eine Besonderheit des europäischen Gesetzesdschungels. Wer in Deutschland an die Börse geht, muss zwar im Prospekt seine Großaktionäre nennen - allerdings nur, wenn die Firma ihren Sitz hier hat. Womöglich deshalb entschieden sich die Catoil-Strategen, ihre Tochterfirma im österreichischen Baden zu benutzen, wo die im Haus lebende Frau Maier das Telefon abnimmt und an den Eingang der alten Villa mit Klebestreifen ein Klingelschild gepappt wurde.
Als Börsenvehikel müsste zwar auch ein österreichisches Catoil seine wichtigen Anteilseigner offenlegen - allerdings nur, wenn die Aktien auch in Österreich notiert würden. Doch der Trick der Paragrafen-Profis blieb nicht unentdeckt. Kurz nach Veröffentlichung des Propekts legte Vadim Schmidt, Sohn des verstorbenen Firmengründers, der Wiener Finanzaufsicht Dokumente auf den Tisch, die zumindest Zweifel an der grundsätzlichen Legalität der Eigentumsverhältnisse erlaubten. Damit droht der Firma nun womöglich eine juristische Schlacht.
Die Börsenaufseher sollen daraufhin gedroht haben, den Aktienprospekt zurück-
zuweisen. Also publizierte Catoil am 28.
April eilig einen Nachtrag, in dem Höft als Hauptaktionär präsentiert wurde. Ob der jedoch der wahre Nutznießer der fast 200 Millionen Euro ist, die durch den Börsengang an die Alteigentümer ausgezahlt werden, bezweifelt so mancher Banker und Kontrolleur.
Dem SPIEGEL liegt unter anderem ein Verteilungsschlüssel über den 16-Millionen-Dollar-Gewinn einer Cat-Firma aus dem Jahr Geschäftsjahr 1997 vor: Das Papier bezieht sich auf einen Treuhandvertrag vom 10. März 1998, wonach mindestens drei damalige Lukoil-Manager bedeutende Anteile an "Cat (Cyprus)" halten und aus dem Gewinn je 2,5 Millionen Dollar bekommen sollen. Die Führungskräfte dagegen haben immer jede private Verwicklung in Offshore-Geschäfte bestritten.
Unterschrieben wurde die Vereinbarung von Anna Brinkmann als Repräsentantin der Treugeber - und von Dr. Walter Höft. Der hanseatische Steuerberater wird in dem Papier als Treuhänder geführt. Warum soll Höft nun, im Jahr 2006, plötzlich selbst Mehrheitsaktionär der Firma sein - und wie ist er überhaupt an die Anteile gelangt? Wofür steht dieses Catoil überhaupt - außer für eine Katze im Sack? Höft jedenfalls ließ eine Anfrage des SPIEGEL unbeantwortet.
Mindestens ebenso fragwürdig wie die Rolle Höfts ist die der zweiten Altaktionärin, Anna Brinkmann. Ende der neunziger Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft Stade, auf eine Strafanzeige der Familie Schmidt hin, wegen des Verdachts der Untreue gegen die gebürtige Lettin, die über beste Kontakte in die Moskauer Lukoil-Führung verfügte. Zwölf Tage nach Schmidts mysteriösem Tod soll sie den Transfer von 322 873,62 Mark von dessen Konto bei der Sparkasse Celle auf ein Konto der Hellenic Bank Ltd auf Zypern veranlasst haben - was aber offenbar nicht zu beweisen war.
Im Sommer 2000 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Zahlung von 100 000 Mark an eine gemeinnützige Einrichtung ein. Im Börsenprospekt der Catoil wird zwar die Ermittlung erwähnt, aber nicht die Zahlung.
Was die Autoren des Börsenprospekts außerdem taktvoll verschweigen: Auch Brinkmanns Vorstandskollege Egbert Diehl, Kassenwart der Ölfirma, hat nicht unbedingt einen makellosen Ruf. Nach seinem Ausscheiden bei der inzwischen an die ABN Amro notverkauften Privatbank Delbrück & Co. musste er auf Druck der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) seine Bankerlaubnis zurückgeben. Für die deutsche Finanzbranche besitzt er bis auf weiteres keine Eignung als Geschäftsleiter. Faktisch bedeutet die BaFin-Sperre eine Art temporäres Berufsverbot.
Die Vorstandsspitze des Börsenneulings will zu den Ungereimtheiten keine Stellung nehmen. Weder Brinkmann noch Diehl sehen eine "Veranlassung, auf Ihre in den beiden Faxanschreiben vom 4. Mai 2006 formulierten Fragen einzugehen", heißt es. Der Höhenflug der Aktie ging derweil weiter: Am Freitagabend hatte das Papier einen Wert von 20,17 Euro erreicht. BEAT BALZLI, JÖRG SCHMITT
* Beim Börsengang am Donnerstag vergangener Woche in Frankfurt am Main.
Von Beat Balzli und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 19/2006
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