08.05.2006

CHINAImmer nur lächeln

Mit Hilfe privater Jobbörsen kämpfen die Menschen im Reich der Mitte gegen eine versteckte Massenarbeitslosigkeit.
Als 1954 die Ausstellungshallen auf dem Messegelände von Peking eröffnet wurden, schien der Sozialismus noch in bester Ordnung: Hier konnten die Genossen Traktoren, Mähdrescher und all die anderen Beweise für die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts bestaunen. Vom Dach des Hauptgebäudes prangte ein goldener Sowjetstern.
Das waren die Zeiten, als jeder Chinese noch Teil einer Arbeitseinheit war, die ihn bis zum Grab umsorgte. Eiserne Reisschüssel nannte sich dieses staatlich garantierte Recht auf Lohn und Brot. Über ein halbes Jahrhundert später erinnert sich kaum noch jemand daran: Wenn das Volk heute nach Arbeit sucht, ist es auf sich selbst gestellt.
Und so drängeln sich an einem beliebigen Sonnabendvormittag Hunderte, zuweilen auch Tausende Arbeitsuchende vor den Messehallen. Eine Frau in knallroter Ferrari-Jacke verkauft Eintrittskarten zu zehn Yuan (etwa ein Euro) für die Jobbörse in den Hallen 4, 5 und 6. Organisiert hat die private Arbeitsvermittlung die Firma Dongfang Huibo.
Die Freundinnen Ma und Huang schieben sich an grau uniformierten Hilfspolizisten vorbei in die erste Halle. Beide werden in wenigen Wochen ihr Studium am Pekinger Informations- und Management- Institut beenden. "Wir suchen einen Job als Buchhalterinnen", sagen sie.
Die zierliche Ma stammt aus der Nordostprovinz Liaoning, ihre Kommilitonin aus Guangdong im Süden. Beide sind 23 Jahre alt. Außer theoretischen Kenntnissen in Marxismus-Leninismus, Mathematik, Buchführung und wenigen Worten Englisch bringen sie wenig mit für den Sprung in das Büroleben. "Wir haben keine Berufserfahrung", geben sie zu.
Nun drängen sie sich an den Ständen von rund hundert Firmen vorbei. Jedes Unternehmen bietet offene Stellen an - oft sind es allerdings nur wenige. Die Pharmafirma Tianjin Meilun braucht einen Marketing-Direktor und einen Manager für das Überseegeschäft. Das staatliche Nationale Sportunternehmen sucht unter anderem EDV-Spezialisten und einen Heizungsingenieur. Einstellungsalter: "30 bis 45 Jahre".
Wer einen Job will, übergibt seinen Lebenslauf. Besucher wie Ma und Huang hinterlassen ihn allerdings häufig ohne wirkliche Hoffnung, den begehrten Job auch zu erhalten. Den meisten Universitätsabsolventen fehlt praktische Erfahrung.
Sie kennen zwar ihre Bücher, doch der Drill im gewohnten Frontalunterricht bereitet sie kaum auf die wirkliche Welt vor: "Sie sind nicht in der Lage, Kritik zu akzeptieren, und sie sind nicht fähig zur Teamarbeit", klagt ein westlicher Fabrikant über die jungen Leute, die frisch von der Hochschule kommen.
Frau Chen Hui, 22, hat in der Yangtze-Stadt Wuhan Verwaltung studiert und sucht einen Job "am besten in einer Personalabteilung oder als Marketing-Managerin". Etwa 2000 Yuan im Monat, umgerechnet etwa 200 Euro, will sie in Zukunft verdienen. Aber sie muss die Konkurrenz fürchten: "Die Universitäten bilden immer mehr Studenten aus", sagt sie. Allein in diesem Jahr werden vier Millionen junge Leute die Hochschulen mit einem Abschluss verlassen, 620 000 mehr als 2005.
Die Hochschulabsolventen konkurrieren mit rund fünf Millionen Abiturienten und Mittelschülern sowie einer Million Arbeitern und Angestellten, die von den Staatsbetrieben entlassen wurden. Dazu kommen ehemalige Soldaten sowie 2,6 Millionen frühere Landbewohner, die auf der Suche nach besseren Jobs in die Metropolen drängen.
Insgesamt kämpfen nach Berechnungen der Regierung in diesem Jahr rund 25 Millionen Chinesen um 11 Millionen offene Stellen. "Dies ist die schlimmste Beschäftigungskrise des Landes", klagte die amtliche "China Daily". Zwar versichert die Partei-Propaganda, die Arbeitslosenrate liege in den Städten nur bei 4,2 Prozent. In Wahrheit aber dürften nach Schätzungen von Experten über zwölf Prozent der Chinesen keine Arbeit haben.
Natürlich vermitteln auch die staatlichen Bezirksarbeitsämter Jobs, doch offenbar wenig erfolgreich, weswegen die private Jobindustrie blüht. Hochbezahlte Head-Hunter fahnden nach Spitzenkräften. Auch im Internet bieten Personalvermittler Arbeitsplätze an. Einige Zeitungen haben sich auf Stellenanzeigen und Tipps für Bewerber spezialisiert: "Wenn Sie während des Interviews Tee bekommen, lächeln Sie stets die Serviererin an", heißt es da oder: "Klopfen Sie, bevor Sie eintreten."
Doch die zentralen Anziehungspunkte für die Millionen Arbeitsuchenden sind die Jobmärkte, die im ganzen Land Konjunktur haben. Nirgendwo sind sie größer als in Chongqing, jener Megastadt am Yangtze, in deren Großraum bereits 30 Millionen Menschen leben.
Internationale Firmen, die in der Regel besser zahlen als einheimische Unternehmen, suchen dagegen vornehmlich in Peking und Shanghai nach neuen Mitarbeitern. Bei ihnen würde auch Xue Gongsun, 23, gern arbeiten. Die Studentin der Universität für Politik und Recht fällt im Gedränge ihrer Mitbewerber auf: Sie trägt einen weißen Pullover und weiße Jeans, über ihrer Schulter baumelt eine Burberry-Tasche, ein Plagiat, wie fast alle "Markenartikel" hier.
An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht: "Ich habe gegenüber anderen Bewerbern drei Vorteile", sagt sie, "ich bin Parteimitglied, ich habe Erfahrungen im Studentenverband gesammelt und bereits vier Monate in einer Anwaltskanzlei gearbeitet."
Ein Stellenangebot hat sie schon erhalten, allerdings nur als Vertreterin für Ampeln und Schlagbäume. Die junge Frau versucht, ihre Enttäuschung zu verbergen. "Ich kann mir vorstellen, das eine Zeitlang zu machen", sagt sie: "Da kann ich praktische Erfahrung sammeln."
ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 19/2006
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