15.05.2006

IRAN

Kontakt zum Großen Satan

In Teheran sorgt der künftige Umgang mit dem Erzfeind USA für Konfliktstoff. Durch den Brief von Staatschef Mahmud Ahmadinedschad an US-Präsident George W. Bush fühlen sich sowohl die erzkonservative Gefolgschaft des iranischen Obereiferers als auch das gegnerische Reformlager provoziert.

Der erste Kontakt eines iranischen Führers mit dem Erzfeind Amerika seit der Revolution 1979 sei der "Bruch eines traditionellen Tabus", empörte sich der frühere Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi. Auch der Sprecher des von den Konservativen dominierten Parlaments ließ eher Ablehnung erkennen. Der Brief dürfe auf keinen Fall "als Beginn eines Heilungsprozesses" der Beziehungen gewertet werden, spielte Gholam-Ali Haddad Adel die Bedeutung des Präsidentenvorstoßes herunter. Tatsächlich hatte Ahmadinedschad in dem 18-seitigen Schreiben über Saddam Hussein und Jesus Christus schwadroniert und prophezeit, dass "die Ideologie und das Gedankengut liberaler demokratischer Systeme zerbrechen und untergehen".

Der liberalen Fraktion wiederum, die auf ein Comeback hofft, fehlt ein konkretes Angebot an Washington. Ganz im Sinne des Reformlagers forderte Ex-Staatschef Mohammed Chatami seinen Amtsnachfolger eindringlich auf, "den Dialog weiterzuführen". Chatamis eigenen Versuch einer Annäherung hatten die Konservativen seinerzeit torpediert. Noch während seines Staatsbesuchs in Indonesien Mitte vergangener Woche legte Präsident Ahmadinedschad nach und versprach "einen Dialog ohne Grenzen". In Teheran kündigte ein Regierungssprecher "weitere Schreiben an andere Staatschefs" an.

Bestärkt sieht sich der fanatische Präsident durch Rückendeckung von der höchsten Instanz des Gottesstaates, Ajatollah Ali Chamenei. Der religiöse Führer, dem in Teheran seit geraumer Zeit durchaus eine gewisse Altersweisheit zugeschrieben wird, hatte direkten Kontakten zu dem "Großen Satan" schon vor Wochen seinen Segen gegeben. Ahmadinedschad kann sich bei seiner Initiative zudem auf ein historisches Vorbild berufen, das für gläubige Muslime geradezu sakrosankt ist: Auch der Prophet Mohammed hatte an die Herrscher der damaligen Großreiche geschrieben - um sie zum Islam zu bekehren.


DER SPIEGEL 20/2006
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