15.05.2006

FUSSBALLDer unscheinbare Star

Der Bremer Miroslav Klose ist der Bundesligaspieler der Saison und Deutschlands Angriffshoffnung für die WM. Der gebürtige Pole strahlt Torgefährlichkeit aus, er gilt als Muster an Eigenmotivation und Natürlichkeit. Sein größtes Plus ist, dass man ihn dauernd unterschätzt.
Neulich im Weserstadion stellte sich ihm unversehens Boris Becker in den Weg, der große Becker leibhaftig. Der Tennisstar a. D. trug einen hellen, fast weißen Kamelhaarmantel, aber auch ein Mikrofon des Senders Premiere. Becker brauchte einen O-Ton. Miroslav Klose musterte ihn kritisch, es war, als sammelte nun der Papst die verschwitzten Trikots für die Wäsche ein.
Er überlegte kurz und ließ den Sporthelden der Vergangenheit ohne Aufhebens abblitzen. Als Becker Verwirrendes zu Klinsmann, Kahn und der Nationalelf fragte ("Als Nationalspieler muss ich Sie die Torwartfrage stellen"), bedeutete ihm der Torjäger von Werder Bremen bündig: "Es ist so, dass ich mich dazu nicht äußere."

WM 2006

Bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren war Miroslav Klose mit fünf Treffern zweitbester Schütze nach Ronaldo. Keiner aus der deutschen Elf hat sich seitdem als Profi so fortentwickelt wie der Bremer, zugleich ist er bodenständig und bescheiden geblieben. Eigenschaften, die der spanische Autor Javier Marías schätzt. Im WM-Gespräch beklagt der Fußballkenner das "Protagonistentum" von heute: "Früher gab es mehr Würde und mehr Respekt gegenüber dem Gegner" (Seite 146).
Es ist wohl immer noch so, dass man dem im polnischen Oppeln geborenen Stürmer mit dem scheuen Blick nicht viel zutraut, am wenigsten sein Selbstbewusstsein. Bei "Wetten, dass ...?" sprach Thomas Gottschalk mit Klose in einem Ton wie mit einem Kleinkind. Er sei ja einer "von den Stillen", stellte er den scheinbar verklemmten Gast vor. Der Nationalspieler korrigierte ihn mit fester Stimme: "Von den Ruhigen."
Manchmal leidet Klose, 27, darunter, dass man ihn dauernd unterschätzt, aber er weiß auch, dass er davon profitiert. Bei der Weltmeisterschaft 2002 wurde er so zum Shooting-Star, mit fünf Toren zweitbester Schütze nach Ronaldo. Vier Jahre später haben immer noch nicht alle gemerkt, welche Bedeutung der Spätaussiedler inzwischen für die deutsche WM-Mannschaft hat. Es ist ihm recht, wenn es die Gegner nicht wissen: Ohne Michael Ballack würde Jürgen Klinsmanns junger Garde der Halt fehlen, ohne Klose die Gefährlichkeit. Er ist gleichzeitig Anspielstation und Passgeber bei den Kombinationen am Strafraum, als Adressat wie als Absender von Flanken geeignet.
Sein Bremer Trainer Thomas Schaaf kennt in Deutschland "keinen kompletteren Stürmer im Moment", Werder-Manager Klaus Allofs hält ihn "bereits jetzt für einen Weltklasse-Spieler". Das ist ein großes Wort, aber klar ist auch das: Gäbe es jetzt keine WM, müssten ihn die Experten zum deutschen Spieler des Jahres küren. Er war - neben Torwart Jens Lehmann,
der in England zu Ehren kam - der Mann der Saison.
Klose sieht noch "Potential nach oben", das zeichnet ihn aus. Er gibt sich nicht so leicht zufrieden. Mit dem Mittelfinger deutet er Streckenabschnitte auf der Tischkante an. "Ich setze mir meine Schwerpunkte: Welche Marke ist mir wichtig?" Die 15 Treffer seiner ersten Bremer Spielzeit waren ihm nicht genug, so mussten es deutlich mehr als 20 in der zweiten sein.
Jetzt will er "die fünf Tore knacken", die Marke seiner ersten WM. "Ich bin ja jetzt vier Jahre weiter." Trainer begeistern derlei schlichte Methoden der Eigenmotivation. Thomas Schaaf erkennt große Spieler an der Fähigkeit, immer mit der gleichen Leidenschaft anzutreten - "gegen Barcelona wie gegen St. Pauli. Sie konzentrieren sich auf die persönlichen Ziele".
Im Pokalspiel beim FC St. Pauli war Klose derart motiviert, dass er sich auf gefrorenem Boden einen Sehnenanriss in der Schulter zuzog. Die folgende Zwangspause machte ihn bei der Jagd nach seinen "Marken" nur stärker.
"Man wird reifer", hat er festgestellt. Dazu zählt der selbstsichere Umgang mit großen Tieren, auf dem Platz und daneben. Den Interviewer Boris Becker, erzählt er, hätte er beinahe schon auf dessen unpassende Einstiegsfrage ("Wie geht's?") hin ins Leere laufen lassen. "Fast hätte ich gesagt: Und selbst so?"
Klose hatte da gerade alle drei Tore gegen Bayern München vorbereitet. Sogar an solchen Glanztagen ist er der unscheinbare Star, auch wenn er sich jetzt blonde Strähnen in die Frisur hat einbauen lassen. Auf dem Platz wirkt die Hose eine Nummer zu groß, die gebeugten Schultern und flügelhaft angewinkelten Arme verleihen seinen Bewegungen etwas Unreifes, Kindhaftes. Selbst sein Humor kommt so unauffällig angeschlichen, dass man ihn kaum bemerkt. Kürzlich hatte er mit dem linken Fuß ein Traumtor gegen den 1. FC Köln erzielt, und Journalisten übermittelten ihm das Lob des Teamkameraden Torsten Frings: "Der kann doch eigentlich mit links gar nicht schießen." Klose setzte seinen gleichgültigsten Gesichtsausdruck auf und erwiderte: "Ich kann schon auch was mit links. Ich kann mit links stehen."
An jenem Samstag hatte er auch zwei kunstvolle Maßflanken mit dem Außenrist des rechten Fußes geschlagen. Es war ein verwirrender Auftritt, bei dem Klose, Regisseur und Stürmer zugleich, fast alles gelang. Als er später von Reportern ausgerechnet auf jene Szene angesprochen wurde, in der er eine Torchance vergab, ertrug er es mit Fassung.
Auf Seiten des Gegners hatte Lukas Podolski, 20, gestanden, gebürtiger Pole, Stürmer und personifizierte WM-Hoffnung der Deutschen wie er. "Poldi", Liebling der Massen und für die Fachwelt der Talentiertere, trug Fußballschuhe in einer Signalfarbe, die an gelbe Textmarker erinnerten. Seine Anwesenheit war, ohne dass sie etwas bewirkte, ein einziges Ausrufezeichen.
Klose dagegen mit seinem gekrümmten Laufstil wirkte mal wieder verhuscht wie ein Fragezeichen, aber am Ende hatte er so viele Marken in seiner Scorerwertung geknackt, dass "Poldi" stolz sein durfte, beim obligaten Trikottausch sein Hemd erbeutet zu haben. "Mirek", wie Freunde den Miroslav nennen, warf es ihm zu, ohne sein Fernsehinterview zu unterbrechen, das er im Unterhemd gab. Im Gegenzug fing er das Trikot des Kollegen auf.
An der Perspektive, aus der er Podolski betrachtet, erkennt man seine Entwicklung. Klose, Hobbyangler, Skoda-Fahrer gemäß Werbevertrag und inzwischen Vater von Zwillingen, sieht sich im künftigen Münchner selbst: als jungen WM-Debütanten vor vier Jahren. "Da gibt es schon Parallelen", findet er und redet wie Podolskis Mentor. "Ich habe ihm neulich gesagt: Wenn ihr den Klassenerhalt schafft, kommst du mit Euphorie zur WM. Wenn ihr abgestiegen seid, willst du es allen beweisen und spielst auch sensationell."
Podolski kommt als Absteiger, Klose als erwachsen gewordener Spieler, im Dauer-Abstiegskampf des 1. FC Kaiserslautern bis vor zwei Jahren gestählt. Kaum einer hat zwischen zwei WM-Turnieren so große Sprünge gemacht. Jetzt sieht er sich als "absoluten Führungsspieler", auch in der Nationalelf. Er freut sich auf Podolski und "die anderen jungen hungrigen Spieler", sagt er, als wäre er der Trainer.
Klose startete meistens spät, aber immer senkrecht. "Er musste sich stets behaupten", sagt Schaaf. "Er ist noch ein richtiger Gossenkicker", sagt der ARD-Angestellte Alexander Schütt, ein früherer Bundesliga-Schützenkönig im Hockey, der ihn in Medien- und Marketingfragen berät.
Als Achtjähriger ohne Deutschkenntnisse über das Sammellager Friedland in die pfälzische Provinz gekommen, hatte er mit der Kugel zunächst wenig im Sinn. Mit 18 bezog der Sohn eines Fußballprofis und einer Handballnationalspielerin noch die 800
Mark Zimmermanns-Lehrgeld. Mit 19 kickte er noch bei der SG Blaubach-Diedelkopf in der siebten Liga. Mit 21 stand er, inzwischen Regionalligaspieler der Kaiserslauterer Amateure, bei Heimspielen der FCK-Profis im Fanblock 11, im Trikot von Olaf Marschall. Damals sah er "oben", bei der Bundesligamannschaft, regelmäßig beim Training zu und dachte: "Ich bin nicht schlechter als die. Ich kann das schaffen."
Der Ehrgeiz hatte ihn befallen wie ein Fieber. Ein Schlüsselerlebnis - er war 14 und zum einwöchigen Lehrgang der Südwestauswahl nach Edenkoben eingeladen worden - war dafür verantwortlich. Bis 12 Uhr war Anreise, um 15 Uhr das erste Training in der Halle. Um 16 Uhr fragte ihn der Trainer, ob er seine Eltern, die ihn hergebracht hatten, anrufen wolle. Sie könnten ihn jetzt wieder abholen.
Klose, damals einer der Jüngsten im Lehrgang, schwor sich noch auf der Rückfahrt: "Euch werde ich zeigen, dass ich doch noch Profifußballer werde." Er habe dann "geschuftet ohne Ende", sagt er.
Auch seine Sprungkraft ist kein Zufall, und die Geschichte seiner Salti, die er nach wichtigen Toren aufführt, belegt, wie sicher er sich seiner Sache war.
Ein Freund aus Diedelkopfs Jugendmannschaft beherrschte diesen Salto nach dem Tor. Klose bot die Wette an: "Wenn ich mal Bundesliga spiele, kann ich das auch." Ja klar, meinte abwinkend der Freund, und Klose verstand nicht, welchem Teil der Wette die Ironie galt. Er besorgte sich eine Sprungmatte und übte. Der Freund hatte eher den angekündigten Bundesligaeinsatz gemeint.
Nach seinem Treffer zum 2:0-Sieg gegen Bremen am 20. Oktober 2000 sprang der Kaiserslauterer Klose seinen ersten Salto.
Er lernte immer schnell. Nach der WM besorgte ihm Berater Schütt eine Medienschulung, der Anwalt Michael Becker, als Agent Michael Ballacks im Fach Karriereplanung eine Kapazität, die Klauseln für einen lukrativen Vereinswechsel. Die Abnabelung von der pfälzischen Heimat kam 2004 - ein Jahr zu spät, weiß Klose heute.
Denn er meinte, "es den Fans schuldig" zu sein, so lange zu bleiben, und dachte, es sei "wichtig, dort zu spielen, wo man akzeptiert wird. Weil man sich alles erst wieder erarbeiten muss". Er hatte wohl Angst.
Und er hatte recht. Er musste sich in Bremen seine Stellung wieder erkämpfen. Aus Kaiserslautern war er es gewohnt, dass der Ball hoch und weit nach vorn geschlagen wurde, da war er als Kopfballspieler gefragt. Bei Werder musste er sich seinen Platz in der Kette von Kombinationen suchen und sich ans Spieltempo gewöhnen: "Hier war alles viel schneller." Das Beste, das einem lernenden Talent passieren kann.
Klose jedoch kam eine Annäherung anfangs unmöglich vor: "Wie zwei Pluspole" hätten sich Mannschaft und Neuzugang zueinander verhalten. "Die Mannschaft hat meine Laufwege nicht gefunden." Die Mit-
spieler erwarteten einen wie seinen Vorgänger Ailton, der vorne lauerte. Klose wollte aber umherlaufen, "mal kurz, mal lang, mal rechts, mal links". Es hat dann doch noch gefunkt. "Die Mannschaft", sagt Klose, "weiß jetzt, wie ich ticke."
Das fällt vielen nicht leicht herauszufinden. Denn in der Branche wird schnell für naiv und beschränkt gehalten, wer einfach ungekünstelt und ehrlich ist. Auf Kloses Kosten meinte sich mancher schon Scherze erlauben zu dürfen. "Seine Antworten werden schon länger - so anderthalb Worte pro Satz", witzelte in einer Schein-Eloge der ZDF-Vielredner Rolf Töpperwien. Als Klose gegen Arminia Bielefeld auf einen Elfmeter verzichtete, indem er dem Schiedsrichter die Wahrheit sagte, trug ihm das zwar die Fair-Play-Trophäe der Sportjournalisten ein. Aber auch den Verdacht, nicht professionell genug zu sein.
Klose sucht nie das Rampenlicht. Mit dem ebenfalls aus Polen stammenden Behindertensportler Wojtek Czyz ist er nicht erst bekannt, seit der drei Goldmedaillen bei den Paralympics abräumte. Er hat ihn schon im Krankenhaus einfach angerufen, wo Czyz infolge einer Fußballverletzung der linke Unterschenkel amputiert werden musste. Klose hatte davon aus der Zeitung erfahren.
Er spielt keine Rollen. An seinem Vorbild Fritz Walter schätzt er, dass der "immer so geblieben ist, wie er wirklich war", und er selbst erscheint sogar noch in der Werbung glaubwürdig. In einer Kaugummi-Kampagne tritt Klose zusammen mit Nationalspieler Christoph Metzelder auf. Im TV-Spot kicken beide im Parkhaus, auf einer DVD, die dem Produktpaket beiliegt, spricht Metzelder davon, wie sehr er sich mit der Kaugummi-Marke identifiziere: "Ich esse täglich Airwaves."
Dass Klose sich derlei gewundene Bekenntnisse verkneifen dürfe, sei kein Zufall, sagt sein Berater. Allerdings erhält Metzelder für den gleichen Aufwand mehr Geld. Der Bremer ist eben widerstands- und leidensfähig. Ohne zu murren, setzt er sich zur Autogrammstunde in einem Discountmarkt vor eine rote Werbewand zwischen Boxershorts und Motoröl.
Die Leute mögen diese Bodenständigkeit. Am Spielerausgang des Weserstadions, wo die Autogrammjäger warten, trug er neulich auch nach dem Duschen wieder ein grünes Werder-Shirt. Er sah aus wie ein Fan. Dann sprach ihn ein Mann auf Polnisch an, ein Souvenirsammler, den er schon länger kennt. Klose schenkte dem Mann ein Trikot. Es war kein Werder-Hemd, sondern ein rot-weißes. Podolskis Trikot. JÖRG KRAMER
* Mit Thomas Gottschalk in "Wetten, dass ...?" am 4. März in Frankfurt am Main.
Von Kramer, Jörg

DER SPIEGEL 20/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.