22.05.2006

„Trübe Suppe“

Der Bundesnachrichtendienst hat über Jahre das Gesetz gebrochen: Er observierte kritische Journalisten und setzte andere als Spitzel in der Medienbranche ein. Es ist eine Affäre des BND - aber auch des Journalismus.
Drei Jahrzehnte ist Volker Foertsch im Bundesnachrichtendienst (BND), zuletzt der Leiter der Abteilung 5, Spionageabwehr. Aber in Wahrheit ist er viel mehr als das: eine Legende. Den "bestinformierten deutschen Agenten" haben sie ihn in der Presse genannt, einen der "letzten Überlebenden" aus der Ära des BND-Gründers Reinhard Gehlen. Der Sohn eines hohen Wehrmachtoffiziers gilt als Spezialist für östliche Geheimdienste - ein Foertsch fährt nur noch zu Treffen hinaus, wenn es wirklich wichtig ist. Diesmal, kurz nach Ostern 1995, ist es wirklich wichtig. Er fährt zum Flughafen in München. Es soll um den SPIEGEL gehen.
Der Mann, den er am Flughafen erwartet, heißt "Bosch", so zumindest notiert es der Abwehrchef hinterher. Hinter "Bosch" verbirgt sich mit Klarnamen Erwin Decker, ein freiberuflicher Reporter, außerdem aber ein Zuträger des BND. Einer, der viele Kollegen kennt - und Informationen aus der Branche an den BND durchsticht, bei Treffen mit Foertsch. Foertsch will die Informanten des SPIEGEL enttarnen. Er hofft auf einen Durchbruch.
Der Agentenführer vermerkt: "Im Zusammenhang mit der SPIEGEL-Veröffentlichung Plutonium wurden vom SPIEGEL DM 60 000 an ,Dieter' oder ,Dietrich' gezahlt." Und: "SPIEGEL hat zwölf Leute auf die Plutonium-Story angesetzt."
Sechs Wochen später, am 12. Juni 1995, ein weiteres Treffen. Wieder notiert sich Foertsch vermeintliche Interna aus dem SPIEGEL. Hans Leyendecker, einer der Autoren der Plutonium-Geschichte, die einen vom BND getürkten Atomschmuggel entlarvte, habe inzwischen sein Gehalt auf circa 300 000 Mark gesteigert. Und ein Angebot von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, dass "Bosch" zum Magazin kommen könne, bestehe unverändert.
Heute, elf Jahre danach, gibt Decker Treffen mit Foertsch zu; er bestreitet aber, etwas über den SPIEGEL gesagt zu haben. Wie auch immer die vermeintlichen Interna in die Akten des BND gelangt sind - sicher ist, dass der Hinweis auf 60 000 Mark, die der SPIEGEL an einen "Dieter" oder "Dietrich" gezahlt haben soll, genauso falsch war wie die Behauptung, Decker habe ein Angebot vom SPIEGEL gehabt. Doch garantiert echt sind die Vermerke von Foertsch - Dokumente eines aus dem Ruder gelaufenen Geheimdienstes, der unter dem Vorwand, sich vor Verrätern in den eigenen Reihen schützen zu wollen, mehr als zehn Jahre die Pressefreiheit untergrub,
das Redaktionsgeheimnis verletzte und sogar das Privatleben von Journalisten ausschnüffeln ließ.
Es sind Szenen aus einem Überwachungsstaat, die sich nun in dem 175-Seiten-Geheimbericht wiederfinden, den der Ex-Bundesrichter Gerhard Schäfer für das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) des Bundestags verfasst hat: Der Auslandsgeheimdienst BND bespitzelte im Inland Journalisten - mehr noch: Er kaufte sogar welche. Er bestach sie mit Schecks und vertraulichen Akten. Er setzte sie auf Kollegen an, nur weil sich diese Kollegen die Freiheit der Presse herausnahmen, kritisch und mit Insider-Informationen über den BND zu berichten. Und wenn der Dienst dann seine willfährigen Zuträger abgemolken hatte, fertigte er auch noch Treff-Berichte mit Decknamen wie "Bosch", "Schweiger", "Kempinski", die an die Tage des DDR-Spitzelstaates erinnern.
Dass viele dieser Aktionen gegen Recht und Gesetz verstießen, ist unstrittig. Kanzlerin Angela Merkel als oberste Dienstherrin hat umgehend solche Einsätze von Journalisten als Informanten für die Zukunft explizit verbieten lassen. Doch zur politischen und juristischen Katastrophe kommt nun auch noch die Blamage. Viele der denunziatorischen Vermerke sind hanebüchen falsch.
Niemand im Kanzleramt will von diesen illegalen Aktionen erfahren haben. Dort aber saß, zwei Türen neben Einheitskanzler Helmut Kohl, der oberste Geheimdienstkontrolleur Bernd Schmidbauer, von dem Foertsch Schäfer gegenüber sagt, er sei natürlich über fast alles informiert ge-
wesen. Darf man, wenn Foertschs Version stimmt, dann glauben, dass August Hanning wirklich ahnungslos war? Der spätere BND-Präsident war damals Schmidbauers rechte Hand im Kanzleramt.
Es gehört sicher zu den schockierendsten Erkenntnissen dieser neuen Geheimdienst-Affäre, dass der BND, womöglich mit Deckung von ganz oben, jahrelang so ungehemmt gegen Journalisten vorgegangen ist, als wäre es ihm beinahe gleich, in welcher Staatsform er seine Arbeit verrichtet. Ein Geheimdienst ist ein Geheimdienst ist ein Geheimdienst ist ein Geheimdienst - die Spielregeln des BND, so sieht es nun aus, waren im Zweifel nicht die 146 Artikel des Grundgesetzes, sondern die Grundregeln aller Geheimdienste: Nimm, was du kriegen kannst, egal wie. Und halte dicht, solange es eben geht. Dass der Dienst damit die Axt an die Wurzeln der freiheitlich-demokratischen Grundordnung legte, die er schützen soll, nahm er in Kauf.
Es brauchte daher schon ein politisches Erdbeben, damit der BND merkte, dass es so eben doch nicht geht. Einen "Riesenskandal" machte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, aus, für FDP-Chef Guido Westerwelle hatten die Vorwürfe gar "eine ähnliche Qualität wie die SPIEGEL-Affäre" 1962, als die Staatsmacht SPIEGEL-Gründer Rudolf
Augstein wegen eines angeblich staatsgefährdenden Artikels 103 Tage in Haft nahm. Selbst Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gesteht ein: "Wir müssen in Ordnung bringen, was in Ordnung gebracht werden muss" (siehe Seite 36). So groß war schließlich die öffentliche Empörung, dass die Bundesregierung umgehend von "unehrenhaften Infiltrationen" sprach und den Sicherheitsbehörden ihr Verbot per Ukas diktierte.
Für die Regierung ist damit die Angelegenheit aber keineswegs erledigt - noch ist nicht klar, ob Hanning in seinem heutigen Amt als Innenstaatssekretär zu halten sein wird. Auch Ernst Uhrlau, jetzt BND-Präsident und unter Rot-Grün im Kanzleramt für die Kontrolle der Dienste zuständig, wird die Affäre kaum überstehen, sollte er eingeweiht gewesen sein oder die Praxis gar abgenickt haben. Beide bestreiten vehement, von der illegalen Pressearbeit des BND etwas gewusst zu haben.
Was immer noch alles herauskommen mag, schon jetzt ist der Schaden enorm: der BND - in Zeiten des Terrorismus mehr mit sich selbst als mit den wirklichen Gefahren der Welt beschäftigt. Die Pressefreiheit - ausgehebelt durch geheime Observationskommandos, die Rechercheuren über Jahre nachstiegen und die Interna von Redaktionen ausspähten. Und der Berufsstand der Journalisten - auch ziemlich arg lädiert angesichts der Sumpfblüten, die sich dem Dienst nur zu willig als Späher gegen ihre Kollegen andienten. Mehr Selbstkritik, mahnt Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU), würde den Medien "gut zu Gesicht stehen". 16 Jahre nach Öffnung der Stasi-Akten steht nun eine Debatte über Verrat und Verräter bevor, die nicht in einer Diktatur, sondern in einem freien Land zu Denunzianten wurden. Das Leben der anderen (West) wurde, so sieht es aus, mit den gleichen Methoden ausgespäht wie das Leben der anderen (Ost). "Deutschland - ein einig Spitzelland", höhnte bereits der vornehmlich im Ostteil Berlins gelesene "Berliner Kurier".
Vor allem für den BND wird der Skandal noch unabschätzbare Nachwirkungen haben. Gescheitert ist der Versuch, dem Dienst ein neues Gesicht zu verpassen, weg vom Image des "Dilettantenvereins", wie ihn Helmut Schmidt nannte, raus aus der politischen Bedeutungslosigkeit unter Kohl, der ihm so wenig traute, dass er nicht mal dessen Berichte las.
Seit 1998 hatte der neue Präsident Hanning, seit 2005 sein Nachfolger Uhrlau den Dienst technisch und personell für heikle Auslandsmissionen aufgerüstet. Sie wollten ihn zum Präzisionswerkzeug der Bundesregierung formen, zu einem Skalpell für besonders schwierige Operationen wie jüngst die Verhandlungen um die Freilassung der deutschen Geiseln im Irak. Außerdem aber sollte der BND so transparent werden, wie ein Geheimdienst nur sein kann, und unter voller Kontrolle des Parlaments arbeiten.
Doch so nah man sich schon am Ziel wähnte, so warm auch Kanzlerin Merkel vor wenigen Tagen die Pullacher Behörde zur Feier ihres 50-jährigen Bestehens als "kompetenten und unentbehrlichen Dienstleister" lobte: Das alles zählt nun nicht mehr. Erst manövrierte sich der Dienst in das Zentrum eines Untersuchungsausschusses hinein, indem er bestritt, aus Bagdad Informationen für den US-Einmarsch im Irak geliefert zu haben. Dann blieb ihm nur das Eingeständnis, dass er im Kampf gegen den islamistischen Terror in Guantanamo verhört hatte und auch in einem Folterstaat wie Syrien den Deutsch-Syrer Mohammed Zammar - nun
zeigte der BND wieder seine alte, hässliche Fratze.
Denn die Anfänge der aktuellen Journalisten-Spitzelei reichen weit zurück - selbst wenn man die besonders schmutzigen Tricks aus den Gründerjahren außer Acht lässt.
Mit dem Sozialdemokraten Konrad Porzner hatte der BND 1990 einen neuen Chef bekommen. Über den ging der Spott, er führe gar Selbstgespräche nur in abhörsicheren Räumen. So verschwiegen sei der Mann. In Wahrheit war Porzner aber auch deshalb so verschwiegen, weil er wenig erfuhr: Seine Abteilungsleiter, die wirkliche Macht im Dienste, verheimlichten ihm wichtige Informationen.
Und dann gab es ja am schönen Rhein auch noch den forschen Oberaufseher Schmidbauer. Der Gymnasiallehrer aus Pforzheim verstand sich nicht nur als oberster Kontrolleur der deutschen Geheimdienste, sondern zugleich auch als deren zentrale Figur, als Chefantreiber bei Präventivoperationen und oberster Agent. "Unsere 008", spöttelten Insider über den Selbstdarstellungstrieb des Baden-Württembergers, dessen Jiepern nach Aufmerksamkeit besonders Wolfgang Schäuble nervte, damals Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU.
Porzners Versuch, den altgedienten Foertsch im Jahr 1994 rauszuwerfen, weil der ohne sein Wissen Informationen zum neuen Geheimdienstkoordinator Schmidbauer ins Kanzleramt durchgestochen haben sollte, scheiterte kläglich. Nur die Degradierung vom Aufklärungs- zum Sicherheitschef konnte Porzner durchsetzen, zumal in der milieutypischen Vermengung aus vagen Andeutungen und windigen Beschuldigungen immer wieder der Verdacht aufkam, Foertsch sei in Wahrheit ein Maulwurf des KGB.
Foertsch verstand seine Versetzung als Demütigung, suchte auf seinem neuen Posten aber operative Betätigungsfelder und war bereit, dabei weit zu gehen. Als nun Mitte der neunziger Jahre klar wurde, dass der BND in den eigenen Reihen mindestens ein Leck hatte, vermutlich sogar eine
ganze Reihe, beschloss der Apparat, die Maulwürfe im Dienst ausfindig zu machen, indem er sich an die Abnehmer der Informationen heranmachte: die Journalisten.
Die hatten allerdings auch vorher schon beim BND nie als Unberührbare gegolten, im Gegenteil: Der Dienst sah manche von ihnen seit Jahrzehnten als Brüder und Schwestern im Geiste an, die das Geschäft mit den Informationen verstanden. War nicht auch im Journalismus die Informationsbeschaffung die Grundlage für beruflichen Erfolg? Mussten nicht auch die Journalisten Quellen auftun, sichern, tarnen? Und hatte man nicht Zugänge, von denen Journalisten profitieren konnten, so wie umgekehrt ein Geheimdienst von ihnen?
Die Wahrheit ist: Viele Journalisten machten gern mit, nicht nur Typen, die Berufsethos für hinderlich bis überflüssig halten, auch Leitartikler renommierter Blätter, die in ihren Zeilen notorisch an Ehre und Gewissen appellierten.
Ein hochrangiger BND-Mitarbeiter, jahrzehntelang im Aufklärungsgeschäft, erinnert sich an eine alte Weisung des Auslandsdienstes, dass man deutsche Journalisten durchaus als Zuträger nutzen könne, allerdings, feine Ausnahme, nicht Angehörige der Bundespressekonferenz. Selbst diese Einschränkung fiel den Agenten schwer: Einmal, in den achtziger Jahren, machten sich die Geheimen trotzdem an den Chefkorrespondenten eines Wirtschaftsmagazins heran. Der beschwerte sich über den Anwerbeversuch prompt beim damaligen BND-Chef Hans-Georg Wieck. Von dem erging daraufhin die Weisung, der Operativ-Einsatz von Journalisten sei nur erlaubt, wenn er von der Hausspitze genehmigt sei.
Manche Journalisten hofften auf Informationsgespräche, andere lieferten eifrig Berichte. Geradezu Panik brach deshalb im Dienst aus, als in den Siebzigern der damalige Kanzleramtschef Horst Ehmke eine Liste aller Journalisten anforderte, mit denen der BND Kontakt hatte.
Die Namen lasen sich wie eine Einladungsliste zum Bundespresseball. Einige hatten mit dem BND nur lose zu tun, bei Recherchen oder vor Auslandsreisen. Doch übrig blieben nach Angaben von Insidern immer noch rund hundert deutsche Journalisten, die sich bereitwillig einspannen ließen, vor allem für Berichte über das, was sie bei Auslandsreisen so erlebt hatten.
Chefredakteure seien darunter gewesen, Chefs vom Dienst, Grandseigneurs der Kommentarspalten. Einige ließen sich mit einem Abendessen beim BND-Präsidenten abspeisen, andere tauschten schriftliche Länderanalysen gegen nützliche BND-Papiere. Und manche nahmen einfach Geld, so wie jener Korrespondent, der darüber jammerte, dass seine Frau so einen teuren Geschmack habe, vor allem, was Kleider angehe. Ob der Dienst da nicht ein bisschen behilflich sein könne? Ein Nahostexperte reagierte auf den Anwerbeversuch mit einer Entschuldigung: "Schade, wärt ihr doch früher gekommen. Jetzt bin ich schon bei den Franzosen."
Mit etwa 20 deutschen Journalisten, so bestätigte auch Foertsch dem Sonderermittler Schäfer, habe man bis in die jüngste Zeit zusammengearbeitet: ein Geben und Nehmen auf dem grauen Markt des Wissens, auf dem Geheimnisse eine Ware sind, mit einem Wert und einem Preis.
Es ist dieser Markt, auf dem Foertsch großgeworden ist. Eines aber, etwas Entscheidendes, ist in den neunziger Jahren anders: etwas, das sich wohl nur mit der notorischen Nervosität von Geheimdiensten erklären lässt. Neu ist, dass Foertsch, womöglich mit Deckung von ganz oben, nun Journalisten auf Journalisten ansetzt. Es ist ein Dammbruch.
Dass der Dienst nicht ganz dicht ist, steht fest, seit der Weilheimer Publizist Erich Schmidt-Eenboom 1993 ein Buch über ihn veröffentlicht hat. Titel: "Schnüffler ohne Nase". Inhalt: eine intime Sicht auf die Behörde, eine Analyse ihrer Fehler, ihrer vertuschten Skandale, gespickt mit internen Vermerken und Lageeinschätzungen. Schmidt-Eenboom selbst rühmt sich anschließend, bis zu zehn Insider hätten ihn mit Informationen bedient.
Für den Dienst wird der Mann mit dem weißen Kinnbart zum Staatsfeind. Die Gegenattacke: eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung.
Um Feinde in den eigenen Reihen ausspähen zu können, hält sich der Dienst das Observationskommando "QB 30", das in einer Münchner Villa in der Schubertstraße unter der Tarnbezeichnung "Technische Revisionsstelle der Bundesverkehrsverwaltung" residiert. Die Wanzen- und Video-Experten unterstehen direkt dem Präsidenten. Zur Standardausrüstung jedes Observanten gehört eine Videokamera in der Bauchtasche. Weiter im Arsenal: ein Laser-Beleuchtungsgerät, mit dem man auch nachts Fotos schießen kann.
In Weilheim, einem 21 000-Einwohner-Städtchen südwestlich von München, rückt nun ein Team von "QB 30" an. Gegenüber von Schmidt-Eenbooms Haus, unter dem Dach eines Discounters, installieren die Techniker eine drahtlose Funkanlage. Dem Marktleiter haben die Beamten etwas von Ermittlungen gegen eine Rauschgiftbande erzählt, eine verdeckte Operation, hochgeheim. Dass eine türkische Spielhölle im Souterrain von Schmidt-Eenbooms Haus liegt, passt perfekt zur Legende.
Die Funkanlage im Dach des Markts haben die BND-Männer mit einem Auto gekoppelt, das sie auf dem Kundenparkplatz abgestellt haben. Jeder, der jetzt noch Schmidt-Eenbooms Institut für Friedensforschung betritt oder verlässt, wird aus dem Auto heraus gefilmt. Und jeden Donnerstag
um 22 Uhr sammeln zwei BND-Beamte das Altpapier vor der Haustür ein, auf der Suche nach verräterischen Notizen. Allein 98 "Kontaktleute" Schmidt-Eenbooms identifiziert der BND durch das Wühlen in Altpapier, unter ihnen etliche Journalisten. Aber kein einziger BND-Zuträger des Wissenschaftlers wird enttarnt.
Bis zu diesem Punkt, so hat es jetzt Sonderermittler Schäfer in seinem Bericht festgestellt, sei das Vorgehen tatsächlich legal gewesen; schließlich, so Schäfer, habe der BND ein berechtigtes Interesse gehabt herauszufinden, wer die Dienstgeheimnisse an Schmidt-Eenboom verraten habe. Doch dabei bleibt es nicht, der starre Blickwinkel auf die Haustür in Weilheim wird den BNDlern bald zu eng.
Schmidt-Eenboom wird in den folgenden Monaten zum Virus für Journalisten aus der ganzen Republik. Wer mit ihm in Kontakt tritt, wer sein Institut betritt, läuft Gefahr, selbst Opfer einer Observation zu werden - manchmal noch Jahre danach.
In einem Fall verfolgt der losgelassene BND-Trupp einen Journalisten bis in ein Hotel, in dem der nach der Rückkehr von Schmidt-Eenboom absteigt. Die Agenten der "QB 30" bedrängen den Concierge, den Meldebogen herauszurücken.
Wolfgang Krach, damals Redakteur beim "Stern", infiziert sich am 30. Januar und am 2. Februar 1996, als er mit dem Vorortzug aus München in Weilheim eintrifft; auch er hat ein unsichtbares Begleitkommando im Nacken, als er nach München zurückfährt.
Am härtesten aber trifft es Josef Hufelschulte, Redakteur bei "Focus". Drei Jahre lang, von Herbst 1993 bis Frühjahr 1996, steht der Reporter im Visier von "QB 30". Weil Hufelschulte im bayerischen Vaterstetten nur einen Steinwurf entfernt von einem früheren BND-Residenten wohnt, der als möglicher Informant gilt, interessieren die Späher nicht nur Name, Adresse, Familienstand Hufelschultes. Er wird observiert wie ein Schwerverbrecher.
Als Hufelschulte an einem Samstagmorgen den Laden seines Gemüsehändlers betritt, um fürs Wochenende einzukaufen, zögern die Beschatter. "Ist das interessant, ob die Zielperson Bananen als Belag kauft?", fragen sie per Funk. "Der Supermarkt könnte ein Treffort sein", antwortet der Kommandoführer. Weitermachen, heißt das, alles verdächtig, höchst verdächtig. Hufelschulte kauft Weintrauben.
In die "Focus"-Tiefgarage im Münchner Arabellapark schleichen sich die Observanten und prüfen die Autokennzeichen. Vor Hufelschultes Privatadresse murmeln zwei als Liebespärchen getarnte BND-Agenten die Autonummern in ein verstecktes Mikrofon. Erst knapp zehn Jahre später, im Dezember 2005, wird sich BND-Präsident Hanning für die "widerrechtliche Aktion" in einem persönlichen Gespräch entschuldigen. Aber reicht das aus für ein Verhalten, das so fatal an Big Brother erinnert, wobei noch nicht einmal der Vorstoß bis in die letzte Ecke des Privaten so empört wie die Feststellung, mit welcher Nonchalance, ja Selbstverständlichkeit das Gesetz gebrochen wurde?
Foertsch behauptet, er habe die Observation nicht angeordnet. Doch ganz gleich, ob das stimmt oder nur ein übereifriger Kommandoführer überzogen hat: Der Dienst hat längst die Grenze überschritten, die Grenze zwischen richtig und falsch, die Grenze zwischen dem, was man darf, und dem, was man trotzdem macht. So tief steht er nun schon in der Verbotszone, da kommt es offenbar auf einen weiteren Schritt nicht mehr an.
"Der Bombenschwindel des BND" heißt im April 1995 eine Titelgeschichte des SPIEGEL. Foertsch liest den Text und begreift, dass sie mit ihrer Maulwurfsjagd bisher nichts erreicht haben. Jetzt beschließt er, noch weiter zu gehen: Er schickt Journalisten an seine Front.
Der SPIEGEL-Artikel enthüllt, dass es zwei V-Leute des BND waren, die einen Plutoniumschmuggel angeschoben hatten. Das BND-Duo hatte so lange im Waffenschiebermilieu dreistellige Millionenbeträge für waffenfähiges Spaltmaterial geboten, bis sich eine Gruppe Ganoven fand, die aus Russland 363,4 Gramm Plutonium lieferte. Am 10. August 1994 kam der Stoff mit einer Lufthansa-Maschine von Moskau nach München. Die Geschichte ging um die Welt: "Plutonium zum Verkauf" titelte die "New York Times", und die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb von einem "apokalyptischen Alptraum".
Dann aber enthüllte der SPIEGEL mit Hilfe der streng geheimen Akten der "Operation Hades" die wahre Geschichte der Aktion: Der BND war demnach entgegen allen Beteuerungen als Agent provocateur aufgetreten. Um jeden Preis hatte er beweisen wollen, dass sich aus dem atomaren Arsenal der zerfallenen Sowjetunion Diktatoren und Terroristen bedienen könnten. Was folgte, waren Untersuchungsausschüsse in Bonn und München, später Strafbefehle gegen zwei BND-Agenten wegen Falschaussage - ein Desaster.
Der Dienst aber ist zu diesem Zeitpunkt nicht an Selbstkritik interessiert, er will wissen, woher der SPIEGEL die brisanten Akten hat. Tagelang brüten die Analytiker über jeder Zeile des Titelstücks und versehen sie penibel mit Nummern und Bewertung: Von 1 ("war nur der Einsatzleitung bekannt") bis 96: "Stimmt. Trifft zu." Fazit der Untersuchung: "Die gesamte Veröffentlichung dieses Artikels weist auf einen Maulwurf im BND hin."
Foertschs Sicherheitsabteilung startet umgehend eine Großaktion, "Operation Hasenfuß", aber bei rund 200 Verdächtigen verliert sich jede Spur. Dann streuen Kanzleramt und BND, der SPIEGEL habe die geheimen BND-Akten vom russischen Geheimdienst zugesteckt bekommen, Moskau habe die Geschichte "regelrecht placiert" (SPIEGEL 34/1997).
Doch Foertschs Truppe glaubt offenbar selbst nicht an solche Verschwörungstheorien. Denn warum sonst hätte der BND nun so besessen beginnen sollen, die Quellen des Blattes aufzuspüren?
Foertsch spricht im Kanzleramt vor und holt sich, so sagte er Vertrauten, von Schmidbauer die Genehmigung, Journalisten einzuspannen - Schmidbauer bestreitet das. Foertsch zumindest sieht sich ab sofort mit der Lizenz zum Auspressen ausgestattet: Die Presse soll ihm den Namen des Informanten liefern, den sein Apparat nicht ermitteln konnte. Dazu klopft er Journalisten in Gesprächen darauf ab, wie empfänglich sie sind - für Geld, für gute Worte, was sie wissen, was sie erzählen, wer plaudert, wer quasselt. "Die Dummen und Eitlen waren leicht zu knacken", sagt er.
Als Quellen, von denen sich nun in den Archiven Vermerke über den SPIEGEL finden, werden in Pullach registriert:
* der freie Journalist Decker alias "Bosch";
* der "Focus"-Mitarbeiter Thomas T. alias "Kempinski";
* der damalige "Focus"-Mitarbeiter Wilhelm Dietl alias "Dali" und "Schweiger".
Foertsch trifft sich oft mit ihnen. Es ist ein Geben und Nehmen - vor allem mit einem, den man schon ganz lange kennt: Wilhelm Dietl.
Als Quelle des BND ist dieser Dietl bereits ein Altgedienter. Seit August 1982 arbeitet er als V-Mann Nr. 068533, "reisenden Geschäftsaufklärer" nennen sie so einen in Pullach. Der Zwei-Zentner-Mann bewohnt eine Villa in Hanglage im oberpfälzischen Cham. Das Schwimmbad im Keller ist leergepumpt, dafür lagert im Becken ein Archiv, auf das manche Uni-Bibliothek stolz wäre. Allerdings ist der Hausherr selten zu Hause; Istanbul, Zypern, Kuweit, Beirut, Damaskus, Israel - die Liste seiner Auslandsstationen ist illuster, vor allem die im Nahen Osten.
"Dali" habe keine Aufträge gebraucht, heißt es im Dienst: "Normalerweise wusste er, was den BND interessiert." Dietl selbst bezeichnete sich jüngst als "freischaffenden Künstler" der Geheimdienstarbeit; er habe im Nahen Osten ein Agentennetz aufgebaut, selbst Abu Nidals "Fatah Revolutionärer Rat" oder die libanesische Hisbollah will er infiltriert haben.
Die Dossiers, die er schickt, sind interessant, aber aus Sicht des BND hat er als Agent nicht mehr die Klasse, die ihn noch in den achtziger Jahren auszeichnete. 1993 beschließt die Nahost-Abteilung, ihn abzuschalten. Aber man findet für den verdienten Mitarbeiter eine andere Verwendung. Er wird zum Spezialisten für die Medienbranche. Genau der Richtige für die neue Strategie, die Quellen des SPIEGEL und all der anderen Redaktionen zu jagen.
Dietl ist laut Schäfer-Report von nun an einer der Männer, die detailreich aus dem Innenleben des Magazins berichten. Er kennt, so soll er zumindest angedeutet haben, Klatsch und Tratsch. In Wahrheit sind die BND-Treffberichte allerdings nur kümmerliche Zeugnisse von Verdacht und Irrtum. Wenn die Qualität von V-Mann-Berichten im Durchschnitt so sind wie die Berichte von "Schweiger" an den BND, kann es um die Wahrung der äußeren Sicherheit nicht gut bestellt sein.
Foertsch ist nicht der Einzige, der Dietl abschöpft. Am 30. November 1995 kommt es laut Schäfer zu einem Treffen zwischen der Quelle und einem Agentenführer mit dem Decknamen "Gradl". Der Schäfer-Bericht beschreibt ein Tête-à-Tête, bei dem zwischen "Gradl" und Dietl eine phantasievolle Version davon entsteht, wie der SPIEGEL wohl an die Plutonium-Akten gekommen sein könnte.
"Gradl" vermutet laut Aktenvermerk nach dem angeblichen Gespräch mit Dietl, dass der frühere "Quick"-Journalist Paul Limbach das hochgeheime Dossier zugespielt bekommen hat, direkt aus dem BND. Limbach, einst selbst Kontaktmann des Dienstes, habe die Blattsammlung an den SPIEGEL-Chefredakteur Aust weiterverkauft, womöglich in der Erwartung, eine tolle Geschichte über die Arbeit des BND zu lancieren. Doch Aust habe den wahren Kern der Affäre erkannt und die wirklichen Hintergründe veröffentlicht.
Die Spekulation ist eine Mär. Nichts daran stimmt. Limbach bot Aust nie eine Akte an. Und übrigens zahlte der SPIEGEL für das Material nicht. Allerdings wird die Legende vom hochgeheimen Dossier zum Szenario, das die nächsten Wochen die Aufmerksamkeit des BND binden wird.
Und sie wird zur Vorlage für einen Operationsplan, der nun in Pullach anläuft: Der BND will wissen, wer Limbachs angebliche Quelle sein könnte.
Am 11. Dezember 1995 treffen sich "Gradl" und Dietl laut BND-Akten erneut. Dietl, notiert der BND-Mann, habe bei einer Veranstaltung neben Limbach gesessen und den Boden für einen Vorstoß bereitet. Dietl soll ein Angebot unterbreiten - der BND will Limbach dazu bringen, seine Quelle zu verraten. 50 000 Mark ist dem Dienst die Sache wert. Das Angebot, hält "Gradl" fest, "sollte weiterhin beinhalten, dass Limbach nicht als Zeuge vor Gericht geladen" würde.
Gleichzeitig wollen die Pullacher, dass Dietl beim damaligen SPIEGEL-TV-Mann Gunther Latsch bohrt. Am 12. Dezember 1995 treffen sich Dietl und Latsch in Hamburg, es geht wieder um die Plutonium-Akte. "Auf die Frage von Dietl, wann Latsch das Papier erhalten habe, habe dieser verdutzt gefragt, welches Papier Dietl denn meine", heißt es in einem BND-Vermerk. "Er würde nichts mehr sagen, er habe bereits zu viel gesagt." Dietl bestreitet, vom BND den Auftrag zur Ausforschung von Latsch bekommen zu haben; überhaupt habe er nie Kollegen bespitzelt. Auch den Instrukteur "Gradl" habe er nie gesehen.
Jedenfalls hält Foertsch die Quelle für so wertvoll, dass er beim damaligen BND-Präsidenten Hansjörg Geiger vorspricht. Am Nikolaustag 1996 berät eine Runde von Nachrichtendienstlern, wie mit der Perso-
nalie Dietl umzugehen sei. An dem Treffen nehmen Geiger, sein Vizepräsident Gerhard Güllich, Foertsch, der Leiter der Beschaffungs-Abteilung 1 und ein Unterabteilungsleiter sowie Mitarbeiter aus drei Referaten teil. "Unter Abwehrgesichtspunkten", beschließt der BND-Führungszirkel, dürfe Dietl ab sofort für die Sicherheit arbeiten - Foertsch hat sich wieder durchgesetzt.
Der Sicherheitschef ist dabei, ein System aufzubauen, das ihm laufend neue Puzzleteile aus der Medienszene liefern soll - wenn es sein muss, Tausende, bis sein Bild komplett ist. Je mehr er allerdings bekommt, desto mehr verändert sich dabei sein Blick. Langsam, aber stetig löst er sich von der Frage, ob irgendein Journalist für seine Geschichte einen vertraulichen Zugang in den BND hatte. Ihn interessiert nun alles Mögliche aus der Medienbranche. Was die Information einmal wert sein wird, soll die Zukunft zeigen.
Offen ist bis heute die Frage, ob Dietl sich nach der Plutonium-Affäre sogar im Auftrag des Dienstes beim SPIEGEL andient, um so endlich an echte Interna aus der Redaktion zu kommen. Als freier Journalist hat er, auch mit Erfolg, einige Male Informationen angeboten. Mitte der neunziger Jahre, sagt er, er wolle eine festere Anbindung, er fühle sich bei "Focus" nicht mehr wirklich wohl. Dietl bekommt daraufhin einen Vorvertrag. Dafür muss er alle Themen aus den Bereichen Terrorismus und Nahost zuerst dem SPIEGEL anbieten.
Der Kontrakt hält aber nur ein paar Tage. Chefredakteur Aust und die Redakteure Leyendecker und Georg Mascolo beschließen, Indizien für eine allzu große Nähe Dietls zum BND nachzugehen. Nach kurzer Zeit werden sie fündig. Unter anderem heißt es diskret von einem Kontaktmann im BND: "Der arbeitet für uns."
Der Vertrag wird gekündigt, der Spitzel klagt über "Rufmord". Sogar eine eidesstattliche Versicherung will er unterschreiben, dass er nichts mit dem BND zu tun habe. In den BND-Akten finden sich sogar die Details der Abfindung, die Dietl vom SPIEGEL bekommen hat. Auch von einer "Oppositionsgruppe um Leyendecker" ist in einem Vermerk die Rede. Und noch etwas notiert der BND nach einem Gespräch am 20. Februar 1997: In Bonn würden Gerüchte gestreut, das Kanzleramt habe Recherchen über angebliche Rotlicht-Kontakte von Oskar Lafontaine veranlasst.
Neben dem exklusiven Zugang zu Geheimmaterial dürfte für den "dicken Willy", wie sie ihn beim "Focus" nannten, auch Geld ein starkes Motiv für die mutmaßlichen Spitzeleien gewesen sein. 652 738,91 Mark zahlt ihm der BND bis zum September 1998, als Dietl endgültig abgeschaltet wird.
Der Dienst setzt aber nicht nur auf Dietl, um das Plutonium-Rätsel zu knacken. Der zweite Schnüffeljournalist ist nicht nur willig, anders als Dietl ist er sogar billig. Decker alias "Bosch" behauptet heute, er habe nie für Geld gespitzelt, und der Schäfer-Bericht sagt nichts anderes. Decker lässt sich wohl von den Akten verführen, geheimen Lageeinschätzungen, brisanten Hintergrundpapieren. Er hofft auf Zugänge bei Recherchen über illegale Waffenexporte, Geldwäsche und Organisierte Kriminalität. Aber während andere peinlich darauf achten, sich nicht instrumentalisieren zu lassen, sitzt Decker nach kurzer Zeit ganz tief im Sumpf.
Deckers Agentenkarriere beginnt über Schmidbauer, der heute sagt, dass er nach seinem Amtsantritt als Geheimdienstkoordinator die Bespitzelung von Journalisten nicht "angeordnet oder gebilligt" habe. Decker ruft ihn an, fragt, ob er ihm nicht einen Zugang zum BND öffnen könne.
Schon kurz darauf sitzt Decker im Kanzleramt, und er sitzt nicht allein mit Schmidbauer. Foertsch ist gekommen, die beiden reden miteinander, tasten sich ab. Man kommt überein, sich künftig gegenseitig nützlich sein zu wollen. Für den BND heißt das: Der Mann lässt sich benutzen.
Nach und nach vertraut man sich mehr und traut sich auch was, die Informationen fliegen hin und her. Decker bekommt
Material über die Geschäfte des ehemaligen Boris-Becker-Managers Ion Tiriac. Der Journalist tauscht auch Recherche-Ergebnisse über Geldwäsche gegen entsprechende BND-Erkenntnisse. Und er lernt, dass er mehr bekommt, je mehr er gibt.
Als sich der BND-Sonderermittler Schäfer nun die Akten von "Bosch" vorlegen ließ, stieß er auf 28 handschriftliche Punkte, die offenbar aus der Quelle "Bosch" gespeist worden waren. Bosch habe Foertsch "bedenkenlos" eine "Fülle hochsensibler Details aus dem Medienbereich" geliefert.
Im Gegenzug darf Decker, nach eigenen Angaben, BND-Dossiers lesen. Zweimal gibt ihm der Dienst angeblich sogar Dokumente mit. Einmal geht es darin um die Befreiung einer Geisel in Kolumbien; der BND will sich dafür offenbar feiern lassen. "Sogar Fotos hatten sie mitgebracht. Das war wie bei einem Termin in der Pressestelle", sagt Decker.
Decker verliert anscheinend alle Hemmungen. "Dafür schäme ich mich in Grund und Boden. Ich fühle mich, was das angeht, wie das letzte Stück Dreck", sagte Decker vergangene Woche. Gemeint waren seine Gespräche mit Foertsch über "Focus"-Mann Hufelschulte.
Decker selbst wendet sich an Foertsch und warnt ihn vor einem Leck im BND. Der Maulwurf liefere an Hufelschulte; Foertsch, der so verzweifelt nach dem Verräter fahndet, glaubt, dass er endlich ganz nah am Ziel ist. Vier- oder fünfmal trifft er Decker, hinterher notiert er, was Sonderermittler Schäfer nun für seinen Bericht gefunden hat: Hufelschulte treffe einen BND-Kontakt im "Zamdorfer Hof" in München. Hufelschulte habe mit einer Quelle beim bayerischen Verfassungsschutz geprahlt. "Sie sammelt Orientteppiche oder hat in anderer Weise Orientteppiche zum Hobby, deswegen schenkte Hufelschulte diesem Menschen einen Bildband über Orientteppiche à 160 DM", heißt es im Schäfer-Bericht.
Den entscheidenden Hinweis auf die Quellen des SPIEGEL allerdings, den kann Decker seinem Quellenführer Foertsch dann doch nicht liefern. Nur ein Schmankerl aus der SPIEGEL-Redaktion petzt er angeblich noch, in einem Telefonat am 6. März 1997: Die von "Focus" verbreitete Story, wonach der SPIEGEL bei seiner Plutonium-Enthüllung dem russischen Auslandsgeheimdienst SWR aufgesessen sei, habe dem SPIEGEL und ganz besonders Leyendecker geschadet. "Aust macht Leyendecker nun verantwortlich dafür, dass der SPIEGEL in ein schiefes Licht geraten ist ... Für Aust stellt sich dies in eine Reihe mit dem Reinfall Leyendeckers in der Berichterstattung über Bad Kleinen" - gemeint ist der Tod des Terroristen Wolfgang Grams und des GSG-9-Polizisten Michael Newrzella auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Leyendecker werde deshalb zunächst einen Autorenposten angeboten bekommen, "danach einen Pauschalvertrag, danach abgefunden werden und still ausscheiden". Und weiter heißt es: "Leyendecker hat seine Quellen an Mascolo abgegeben. Mascolo wird insgesamt die Rolle von Leyendecker einnehmen. Aust protegiert Mascolo."
So steht das nun im Schäfer-Bericht. Decker, der in den vergangenen Jahren bisweilen für SPIEGEL und SPIEGEL-Online arbeitete, bestreitet das. Aber interessanter als der Inhalt ist der Geist, den diese Sätze atmen. Es ist der Geist eines Spitzelstaates, in dem sich Zuträger wichtig machen, mit Lügen und halben Wahrheiten, die sich, erst mal amtlich vermerkt, in Wahrheiten und nichts als Wahrheiten verwandeln. Die Quelle der SPIEGEL-Geschichte lag nicht in Russland; Chefredakteur Aust kannte die wirkliche Quelle und hatte deshalb keinen Grund, dem Redakteur Leyendecker vorzuwerfen, er habe sich vom russischen Geheimdienst einwickeln lassen.
Und noch auf einem dritten Weg versucht Foertsch das Plutonium-Geheimnis zu lüften - über den "Focus"-Rechercheur Thomas T., den Foertsch "Kempinski" nennt und der für den BND besonders interessant ist, weil er ein ehemaliger Major der DDR-Staatssicherheit ist.
Laut Schäfer trifft sich der BND-Mann zwischen November 1997 und Juni 1998 fünfmal mit "Kempinski", meist in Hotels in und um München, und nach den Treffen fertigt Foertsch Vermerke, die viel über russische Geheimdienste, aber auch einiges über den SPIEGEL enthalten. Am 1. Dezember 1997 geht es Foertsch noch immer um die Plutonium-Affäre, er will wissen, ob "Kempinski" jemanden kenne, "der mir sagen kann, woher Mascolo und Leyendecker die Unterlagen zur Plutonium-Affäre aus dem Dienst erhalten haben". Foertsch fertigt später einen Vermerk, "Kempinski" kenne die Version, dass ein BND-Mann aus der Führungsspitze der Behörde die Quelle sei. Das ist bereits die dritte Version, wie die Plutonium-Akten zum SPIEGEL gekommen sind, die Foertsch zu Papier bringt. Sie ist so falsch wie die ersten beiden.
Und dann noch ein Hinweis: Am 5. Februar 1998 notiert Foertsch, ein "Focus"-Mann werde "mit Material gegen Mascolo und Leyendecker versorgt, vor allem mit extrem kompromittierenden Fotos". Am 22. Februar 1999 legt schließlich der damalige Vizepräsident des BND fest, es solle "keinen Kontakt mehr zu ,Kempinski'" geben. Thomas T. selbst sagt, er sei offenbar bei normalen journalistischen Gesprächen "abgeschöpft" worden und habe nie wissentlich als Quelle gearbeitet.
Seinen vielleicht größten Coup landet Foertsch aber, kurz bevor er 1998 seinen Posten beim Dienst verliert - ein Mann mit dem Nachnamen Bessel schafft es, ausgerechnet
jenen Experten zu gewinnen, mit dem die Suche nach den Löchern im Dienst erst begonnen hatte: Schmidt-Eenboom.
Es zählt vermutlich zu den Eigenarten der geheimdienstlichen Grauzone, dass selbst Opfer der Überwachung ins Zwielicht geraten und ihre Strahlkraft einbüßen. Schmidt-Eenboom hätte nun dieser Held sein können, die Bloßstellung seines Lieblingsgegners BND sein Triumph. Und doch geht auch Schmidt-Eenboom schwer angeschlagen aus der Affäre hervor.
Von 1997 an trifft er sich mit Bessel, von dem sein Ex-Chef im BND sagt, er sei "ein begabter Hund". Bessel macht aus dem Opfer Schmidt-Eenboom einen Komplizen. "Ich habe zu viel erzählt," räumt Schmidt-Eenboom jetzt ein, "ich habe schwere Fehler gemacht."
Bessel kommt immer gegen 17 Uhr ins Weilheimer Büro, dann ist Schmidt-Eenbooms Sekretärin gegangen. Es sei doch wirklich Zeit, das "Feindverhältnis abzubauen", sagt der BND-Mann. Er verspricht einen Kopierer, Bargeld, eine Einbauküche, wenn Schmidt-Eenboom wirklich hilfreich ist. Dann fragt der BND nach den Fahnen des Enthüllungsbuches, das sein Ex-Agent Norbert Juretzko geschrieben hat. Diesmal lehnt Schmidt-Eenboom noch ab.
In anderen Fällen nicht. Bessel will Kopien von Akten aus dem Nachlass eines Münchner Journalisten bekommen, der enge Verbindungen zum BND unterhielt und für die Stasi spionierte. Schmidt-Eenboom fertigt sie an, das Stück für zehn Pfennig, und schickt dem Dienst eine Rechnung. Er nennt den Namen eines Anwalts, der ihm einen als "geheim" eingestuften Brief des früheren BND-Präsidenten Porzner an das Kanzleramt gab. Freimütig plaudert er über Gespräche mit einem gefeuerten BND-Agenten.
Im März 2003 bittet Schmidt-Eenboom um einen dringenden Termin in Pullach: Ein alter Bekannter aus dem afghanischen Geheimdienst, der bei München im Exil lebt, könne angeblich eine alte Quelle im Umfeld Osama Bin Ladens reaktivieren.
Zwei Decknamen, "März" und "Gladiator", tragen ihm diese Grenzüberschreitungen ein. Und Bessel revanchiert sich mit kleinen "Spenden" an das Institut. Insgesamt 1000 Euro gehen seit 2003 bei Schmidt-Eenboom ein; Bessel vergisst nicht, daran zu erinnern, dass es viel mehr werden können, wenn der Friedensforscher vorbehaltlos kooperiere.
Zumindest lässt sich Schmidt-Eenboom auch noch als Köder in einer Angelegenheit benutzen, die er heute als "Katz-und-Maus-Spiel" bezeichnet. Dabei geht es im Frühjahr 2002 um viel: um die Zukunft mehrerer BND-Beamter, um einige zehntausend Mark und um die Kontakte des Publizisten Peter-Ferdinand Koch.
Koch, der Ende der sechziger Jahre auch beim SPIEGEL gearbeitet hat, gern Jaguar fährt und eine Agentur besitzt, ist Geheimdienstexperte. Nach der Wende hat er dem BND einen hochrangigen Stasi-Überläufer zugeführt und mehrere Bücher geschrieben. Seitdem verfügt er über exzellente Drähte in die Behörde.
Er und Schmidt-Eenboom fachsimpeln gelegentlich über den BND, auch über einen kleinen Kreis von Beamten, die Koch angeblich regelmäßig Informationen zuspielen. Unter den Konspirateuren seien frisch pensionierte Referatsleiter, berichtet Schmidt-Eenboom nach dem Gespräch seinem BND-Mann, die Treffen fänden regelmäßig im Hotel Arabella in München statt. Welch guten Zugang der Geheimzirkel zu brisanten Akten hätte, zeige schon ein Foto des SPIEGEL-Chefredakteurs Aust auf dessen Pferdehof bei Hamburg.
Der BND-Mann protokollierte Schmidt-Eenbooms Erzählungen über die angebliche Observation des SPIEGEL-Chefredakteurs und nahm sie zu den Akten. So wanderten Informationen aus dem BND über zwei Ecken wieder zurück zum Dienst - und schließlich in den Untersuchungsbericht des Aufklärers Schäfer. Tatsächlich gibt es Fotos von Aust auf seinem Hof. Ob diese aber wirklich von BND-Oberservanten geschossen wurden und was damit beabsichtigt war, ist bisher ungeklärt. Der Dienst bestreitet es. Zur Ermittlung von undichten Stellen im BND jedenfalls kann ein solcher Einsatz kaum geeignet gewesen sein. Mit der Ausspähung des Privatbereichs eines Chefredakteurs jedoch hätte der BND die Grenze zum MfS-ähnlichen Spitzeldienst deutlich überschritten.
Schmidt-Eenboom hatte seinen BND-Vertrauten aber noch mehr als Gerüchte zu melden. Der Kreis um Koch biete ein Dossier über die Foertsch-Affäre an. Angeblicher Preis: 20 000 Mark.
Der BND entwickelt einen kühnen Operationsplan: Schmidt-Eenboom soll für ihn nach Hamburg fahren und das Dossier begutachten. Sollte Koch das Papier nicht dabeihaben, heißt es in einem Vermerk des BND, müsse er animiert werden, es "über seine Kanäle besorgen zu lassen". Dabei, so hofft der Dienst, fliegen die Pullacher Maulwürfe in flagranti auf. Bis auf 10 000 Mark haben sich die Informanten bereits herunterhandeln lassen.
Die Koch-Observation im Mai 2002 dauert sieben Tage, aber Schmidt-Eenboom wartet umsonst. Zu dem avisierten Treffen kommt es nicht, weil Koch wegmuss aus Hamburg: dringende Recherche über die Pullacher.
Im Juli 2005 endet Schmidt-Eenbooms Kooperation. Er hat von der Observation Mitte der neunziger Jahre gegen sich erfahren, wütend verlangt er von Bessel die Herausgabe der Akten und eine öffentliche Entschuldigung des BND-Präsidenten
Hanning. Kurz darauf, so Schmidt-Eenboom, sei in seinem Institut ein anonymer Anruf eingegangen: "Wenn Sie das öffentlich machen, schlachten wir Sie."
Am vergangenen Donnerstag war der Publizist mit dem Doppelleben nun zwei Stunden bei Sonderermittler Schäfer, Berlin, Dorotheenstraße 97, Raum 105. Zwei Stunden hat er dem Richter a. D. seine Version der Geschichte erzählt, Widersprüche benannt, Korrekturen diktiert. Die Veröffentlichung des Berichts wollte er zunächst verhindern, inzwischen hat er es sich anders überlegt: "Ich muss das aushalten."
Anfang 2001 häufen sich mal wieder die Gerüchte, dass wichtige Papiere aus dem Haus heraussickern. Vor allem das Ergebnis der internen Untersuchung über einen möglichen Maulwurf des KGB gilt als hochsensibel. Der Jäger - Foertsch selbst - war zum Gejagten geworden. Die Vorwürfe, in Moskaus Diensten zu stehen, stellen sich als haltlos heraus - aber Foertschs Karriere war 1998 dennoch beendet.
Aus Sorge, der peinliche interne Ermittlungsbericht könnte an die Presse herausgehen, beginnt am 1. März 2001 die "Operation Muskelkrampf". Es geht darum, so heißt es im Operationsplan, "unautorisierten Informationsabfluss aus dem BND" zu stoppen. Der Einsatz gilt der Zielperson Bodo Wegmann; der Dienst hat ihm den Codenamen "Muskelkrampf" verpasst.
Der Berliner Historiker ist ein ausgewiesener Kenner der Dienste - besonders der russischen. In der deutschen Geheimdienstszene gilt er als BND-freundlich, mit guten, aus Sicht der BND-Sicherheitsabteilung womöglich zu guten Kontakten nach Pullach. Sie vermutet, "Muskelkrampf" könne Zugang zum geheimen Foertsch-Untersuchungsbericht haben.
Für die Operation gegen Wegmann nutzt der BND einen Spitzel, der eigentlich als Aufschneider gilt: den Leipziger Uwe Müller. Der schlägt sich mit einem "Auswärtigen Nachrichten- und Forschungsbüro" durch und erstellt für einen ausgewählten Empfängerkreis regelmäßig Analysen zur Sicherheitspolitik.
Müller ist einer jener sogenannten Nachrichtenhändler, für die es keine passende Berufsbezeichnung gibt: nicht Journalist, nicht Wissenschaftler, oft so geld- wie geltungssüchtig. Die Geheimen geben ihm den Tarnnamen "Sommer" und 200 Mark, für den Anfang.
An einem kühlen Samstag im Februar 2002 findet endlich jenes Treffen statt, auf das der BND schon lange gehofft hat: ein persönliches Gespräch zwischen Müller alias "Sommer" und Wegmann. Die beiden treffen sich im Berliner Europa-Center.
Man redet, so halten es die V-Mann-Führer später in ihrem Vermerk fest, über den BND-Abschlussbericht in der Foertsch-Affäre. Auch über Andreas Förster wird geplaudert, einen Redakteur der "Berliner Zeitung" - aber nicht über Maulwürfe. "Muskelkrampf" wird zum Misserfolg.
Auch das anfängliche Bild, das der Dienst von seiner Quelle "Sommer" hat, trübt sich nach und nach ein. Anfangs jubeln die Geheimen noch: "Sommer erweist sich als Global-NDV, die über viele den BND betreffende Themen" Material beschaffen könne. NDV, das steht im Jargon der Geheimen für "Nachrichtendienstliche Verbindung". Doch nach einem Treff am 17. Dezember 2003 notiert der V-Mann-Führer: "Sommer ist nicht das, wofür er sich selbst hält. Er ist ein kleiner Fisch in der trüben Suppe von Nachrichtenhändlern, die sich mühsam über Wasser halten müssen und dabei nicht immer auf die Seriosität ihrer Quellen und der gelieferten Informationen achten können."
Als "Sommer" allerdings angeblich das noch unveröffentlichte Buchmanuskript des BND-Aussteigers Norbert Juretzko in Aussicht stellt, wird der BND wieder neugierig und ruft mehrfach am Tag in Leipzig an. Müller soll das Manuskript über Andreas Förster beschaffen.
Am 20. Oktober 2005 erkundigt er sich auffällig direkt nach dessen aktuellen Recherchen. "Sommer teilt heute mit, dass er Andreas Förster auf dessen Handy erreicht und diesen gefragt habe, ob es zutreffe, dass Förster an einer BND-Story arbeite", notiert der Dienst nach dem Treffen. Der BND erfährt so, dass seine Journalistenspitzel auffliegen werden.
In Berlin streitet man sich nun darum, ob der in Teilen durchgesickerte Schäfer-Bericht überhaupt veröffentlicht werden soll. Einerseits könnte das fatale Folgen für die künftige Arbeit des Dienstes haben, wie Schäuble warnt: "Wir erreichen irgendwann den Punkt, an dem die Partnerdienste sagen: Gebt dem BND nichts, denn ihr könnt nicht sicher sein, ob es nicht eines Tages in der Zeitung steht."
Andererseits schrumpft selbst in der Regierung das Mitleid mit dem BND, so dass es auch der Kanzlerin schwerfällt, sich noch schützend vor ihn zu stellen. Merkel wurde vor ihrer Rede zur 50-Jahr-Feier des
BND nicht gewarnt, welche Blase unmittelbar danach mit dem Schäfer-Bericht platzen werde. Während die BND-Spitze schon die Stunden bis zum Skandal zählte, pries Merkel in ihrer Rede die vorzügliche Arbeit der Geheimen. Gegenüber Vertrauten klagt sie bereits, sie würde sich in ihrer Amtszeit gern auch mal mit etwas anderem beschäftigen als mit der jeweils neuesten Affäre des Auslandsnachrichtendienstes.
Immerhin hat sich Merkel noch pflichtschuldig vor BND-Chef Ernst Uhrlau und Innenstaatssekretär August Hanning gestellt. Doch in der Regierung scheint ausgemacht, dass sich niemand für die Geheimdienst-Granden verkämpfen wird, sollte einer der Beteiligten am Ende nicht blütenweiß aus der Affäre hervorgehen. Zu viel Kredit haben Hanning und Uhrlau schon verspielt, weil sie sich im November, als der Skandal erstmals hochkochte, nur zu einem Teil des Überwachungsprogramms äußerten - das ganze Ausmaß aber unerwähnt blieb. So hat sich in Berlin der Eindruck verfestigt, dass der Dienst immer nur das zugibt, was ohnehin bekanntgeworden ist.
Es hat das typische Wegducken begonnen, wie in so vielen Affären. Foertsch hat Schäfer gegenüber immerhin eingeräumt, Journalisten selbst ausgehorcht und außerdem gezielt zur Ausforschung von Redaktionsinterna eingesetzt zu haben. Eine Observation habe er jedoch nie angeordnet. Auch will er Dietl nicht aufgefordert haben, sich beim SPIEGEL zu bewerben oder das Magazin auszuspähen. Dietl habe sich von selbst angeboten. Pullachs bester Mann - vom Verdacht, Moskaus Agent zu sein, in einem Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gänzlich befreit - ging 1998 verbittert in den Ruhestand. Ihm kann nichts mehr passieren.
Der Geheimdienst-Pensionär belastet Schmidbauer durch seine internen Aussagen schwer, dazu noch Geiger, den Präsidenten von 1996 bis 1998. Beide seien von der Aktion gegen die Journalisten unterrichtet gewesen. Schmidbauer dementiert umgehend: "Ich habe gewusst, dass Foertsch Hintergrundgespräche mit Journalisten führte, um undichte Stellen zu finden", räumt er ein. Aber die Ausforschung von Journalisten? "Habe ich nie angeordnet oder gebilligt."
Schmidbauer lässt nun immerhin seinen Sitz im Parlamentarischen Kontrollgremium ruhen. Doch seine Verteidigung, er habe "keine Kenntnisse von den Vorgängen gehabt, die Gegenstand heutiger Erörterungen sind", steht auch für das Paradoxon dieser Affäre: dass der BND zwar alles wissen wollte, nun davon aber keiner etwas gewusst haben will.
Schmidbauer wiederum zeigt auf Geiger, der sei doch informiert gewesen. Geiger dagegen will nicht einmal gewusst haben, dass Agent Dietl gezielt auf seine Berufskollegen angesetzt worden sein soll. Dabei saß Geiger beim Nikolaus-Treffen 1996 mit am Tisch, als sich Foertsch den altgedienten Spitzel Dietl als Quelle für die Medienbranche sicherte. Heute behauptet Geiger, dieser Verwendung Dietls nie zugestimmt zu haben. Er erinnere lediglich, dass Foertsch vorgeschlagen habe, Dietl nicht ganz abzuschalten, weil er dem Dienst mit seinem internen Wissen schwer schaden könne. Vielleicht habe es Missverständnisse gegeben, räumt Geiger gegenüber Vertrauten ein: "Ich war doch ein nachrichtendienstliches Greenhorn."
Was von solchen Unschuldserklärungen zu halten ist, muss nun die Parlamentarische Kontrollkommission ergründen oder der bereits eingesetzte BND-Untersuchungsausschuss, der unter Erfolgsdruck steht. Denn immer mehr Parlamentarier haben das Gefühl, die Geheimdienste "tanzen uns auf der Nase herum" (Wolfgang Thierse).
Die Gefahr, dass es auch im aktuellen Fall wieder so laufen wird, ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.
Am 19. Dezember 2005 trafen die Geheimen ihren Spitzel Müller noch einmal in Leipzig. Ein paar Wochen zuvor hatte sich Hanning bereits bei Schmidt-Eenboom und beim "Focus"-Mann Hufelschulte entschuldigt, er hatte Rechtsverstöße eingeräumt und seinem Apparat bescheinigt, weit über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Die Arbeitsebene sah das offenbar nur widerstrebend ein.
Das Treffen fand in einem französischen Restaurant statt; es war kurz nach 18 Uhr, als sich Müller Gans bestellte, dazu ein Glas Rotwein. Die beiden redeten etwa zwei Stunden, es ging um Gasprom und die Pläne von RWE. Als die Teller abgeräumt waren, packte der BND-Mann einen BND-Kugelschreiber, ein BND-Mousepad und ein BND-Outdoormesser aus - Geschenke für den Spitzel. Der Agentenführer sagte, man müsse in der Zusammenarbeit nun kürzertreten, er hoffe, dass Müller seinem Haus dennoch wohlgesinnt bleibe.
In den Akten heißt es kühl, der Geheime habe Müller an diesem Tag gebeten, "sich nicht mehr beim BND zu melden".
Müller selbst erinnert sich, der Quellenführer habe ihm noch zugerufen: "Wenn sich die Sache gelegt hat, werden wir weitersehen." DOMINIK CZIESCHE,
JÜRGEN DAHLKAMP, OLAF IHLAU, GUNTHER LATSCH, GEORG MASCOLO, HOLGER STARK

Observationsziele SPIEGEL und "Focus"
1995 deckt der SPIEGEL auf, dass V-Leute des BND einen Plutonium-Schmuggel aus der ehemaligen
Sowjetunion geradezu inszeniert haben. Die Nachrichtendienstler lassen nichts unversucht, die Quellen des SPIEGEL auszumachen. Der freie Journalist Wilhelm Dietl soll helfen, das Leck zu stopfen. Auch der "Focus"-Redakteur Josef Hufelschulte wird Ziel der Spitzeleien, ihn verfolgt ein Observationskommando sogar bis ins Privatleben: Selbst ein Supermarkt, argwöhnen die Geheimdienstler, könnte ein Treffpunkt für vertrauliche Informanten sein.

Observationsziel "Berliner Zeitung"
Der Redakteur Andreas Förster wurde zum Zielobjekt eines Freiberuflers mit dem Decknamen "Sommer", der ihn im Auftrag des BND ausfragen sollte. "Sommer" wurde beauftragt, von Förster das noch unveröffentlichte Manuskript eines BND-Enthüllungsbuches zu beschaffen.

Erich Schmidt-Eenboom
gilt dem BND lange als Staatsfeind. Der Dienst reagiert mit einer Rund-um-die-Uhr-Überwachung des Wissenschaftlers und Buchautors. Von 1997 an aber bewegt ihn der BND zur Zusammenarbeit, er wird vom Opfer zum Komplizen.
* Anlässlich des Festakts zum 50-jährigen Bestehen des BND am 11. Mai in Berlin.
* Stefan Aust, Georg Mascolo und Wolfgang Krach am 19. September 2001.
* Am 17. März 2003 in Bagdad.
Von Dominik Cziesche, Jürgen Dahlkamp, Olaf Ihlau, Gunther Latsch, Georg Mascolo und Holger Stark

DER SPIEGEL 21/2006
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