22.05.2006

KIRCHE„Wir sind keine Wurstfabrik“

Der katholische Bischof von Trier, Reinhard Marx, über den Beistand für Arbeitslose und die Neuausrichtung seiner Kirche
Marx, 52, ist Gastgeber des Deutschen Katholikentags, der vom 24. bis 28. Mai in Saarbrücken stattfindet.
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SPIEGEL: Herr Bischof, Sie erwarten zum Katholikentag Horst Köhler und Angela Merkel. Was sollen Politiker auf dem Treffen zum Thema "Gerechtigkeit" lernen?
Marx: Sie sollen mit uns darüber nachdenken, wie es um die Gerechtigkeit in einem Land mit mehr als 20-jähriger Massenarbeitslosigkeit bestellt ist. Wenn die Kapitalrendite zum höchsten Gut wird und die Arbeit an Wert verliert, kann die Gesellschaft doch nur ins Rutschen geraten. Wenn es so weitergeht, wird das System an die Wand gefahren.
SPIEGEL: Ihre Systemkritik klingt nach Karl Marx, der ja wie Sie in Trier lebte.
Marx: Der alte Marx hat ja nicht nur unrecht gehabt mit seiner Kritik am ungebremsten Kapitalismus. Seine Frage, was einem die bürgerliche Freiheit nutzt, wenn man nichts zu essen hat, ist berechtigt.
SPIEGEL: Sie haben Karl Marx gelesen?
Marx: Ich habe viel von Marx gelesen während des Studiums und dabei gelernt, dass die sozialen Menschenrechte und die bürgerlichen Freiheiten zusammengehören. Man darf nicht die einen gegen die anderen ausspielen. Die Freiheit des Marktes, die Freiheit, Geschäfte zu machen, und die Pressefreiheit - all diese Freiheiten sind absolut notwendig. Aber es muss die soziale Gerechtigkeit dazukommen. Freiheit beginnt auch hierzulande damit, dass ein Mensch auf seinen eigenen Füßen stehen kann.
SPIEGEL: Haben Sie schon mitdemonstriert, als Arbeitsplätze gestrichen wurden?
Marx: Wenn ich Pfarrer wäre, würde ich mich bei sozialen Konflikten durchaus sehen lassen. Ich habe es selbst in Dortmund gemacht, in den neunziger Jahren, als es die Auseinandersetzung über die Schließungen bei Hoesch und Krupp gab. Da bin ich natürlich hingefahren zu den Arbeitern und habe auch andere Pfarrer aufgefordert: "Lasst euch da sehen, hört euch das an, zeigt euch als Seelsorger."
SPIEGEL: Sie sprechen von seelsorgerischer Begleitung, aber nicht von Protest.
Marx: Es hat damals beides gegeben. Wenn die Leute sagen, wir haben Angst um unseren Arbeitsplatz, würde ich auch heute als Pfarrer mit ihnen demonstrieren. Man darf sich natürlich nicht instrumentalisieren lassen. Wenn man eine Rede hält, muss man genau überlegen, was man als Kirche sagen kann.
SPIEGEL: Soll die Kirche politischer sein?
Marx: Papst Benedikt XVI. hat in seiner Enzyklika sehr schön gesagt, die Kirche ist kein politischer Akteur, sie soll nicht direkt Politik betreiben, aber versuchen, Gewissen zu schärfen. Man darf die Autorität der Kirche nicht für parteipolitische Positionen benutzen. Wir sollten aber als Kirche den Mut haben, politisch tätig zu sein in dem Sinne, wie es der Papst gesagt hat.
SPIEGEL: Was bekommen Unternehmer von Ihnen zu hören?
Marx: In einer Gesellschaft, in der das Religiöse stark abnimmt und die materielle Orientierung zunimmt, da wachsen
die notwendigen Sensibilitäten für den Nächsten nicht nach. Die Wirtschaft bietet aus sich heraus zu wenig Werte an. Ich bin besorgt, dass die Kapitalrenditen immer mehr zur einzigen Orientierungsmarke werden. Doch Marktwirtschaft ist mehr, sie besteht aus Arbeitnehmern und Arbeitgebern, nicht nur aus Aktiengesellschaften und Börsenkursen. Sie ist Teil der Gesellschaft.
SPIEGEL: Wollen Sie die katholische Soziallehre wieder neu beleben?
Marx: Sie ist lebendig, auch wenn dies nicht immer wahrgenommen wird. Gemeinsam mit der evangelischen Kirche, mit Leuten wie Bischof Wolfgang Huber, müssen wir das Thema wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Das gemeinsame Wort der beiden Kirchen zur sozialen Lage in Deutschland war in dieser Hinsicht eine wichtige Initiative, die weitergeführt werden muss.
SPIEGEL: Ist das auch ein Versuch, die katholische Kirche neu aufzustellen?
Marx: Unser Land ist ganz klar in einer weltanschaulich offenen Gesellschaft angekommen. Wir müssen in einem Wettbewerb deutlich machen, dass Christsein die beste Alternative ist.
SPIEGEL: Sehr alternativ wirkt Ihre Kirche aber gerade nicht.
Marx: Ja, wir sind manchmal zu träge, verhaftet im Status quo nach dem Motto: Wir sind immerhin noch 26 Millionen in Deutschland. Aber nicht die Zahl gibt uns Bedeutung, sondern ob wir etwas Wichtiges für die Menschen im Lande zu sagen und anzubieten haben. Und dazu braucht es eine mentale Wende in der Kirche. Ich erlebe bei vielen Menschen, dass sie sagen, modern sein und katholisch sein ginge nicht zusammen. Dieses verheerende Missverständnis müssen wir durchbrechen. Wir wollen nicht zu einer Gefühlsreligion werden, mit etwas esoterischem oder folkloristischem Klimbim. Ich will, dass der Glaube auch vor der Vernunft standhält. Das ist es ja gerade, was den deutschen Papst bewegt: ein christlicher Glaube, der reflektiert und gleichzeitig ganz stark auch von Erfahrungen geprägt ist.
SPIEGEL: Der neue Papst und die Aufregung um ihn hat Ihnen nicht mehr Mitglieder beschert - nur medialen Rummel?
Marx: Die Aufmerksamkeit gerade bei jungen Leuten ist doch gewachsen. Die jungen Leute, die zu uns kommen, fühlen sich nicht als die letzten Mohikaner der Geschichte. Der Weltjugendtag in Köln hat viele Katholiken erst einmal selbst gestärkt und ist der Beginn der mentalen Wende. Sicher, das löst unsere Probleme noch nicht, gar keine Frage. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Wir sind keine Wurstfabrik, die ein neues Label druckt, Marketingunternehmen bestellt und sagt, jetzt wollen wir mal wieder.
INTERVIEW: PETER WENSIERSKI
* Beim Papstbesuch 2005 in Köln.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 21/2006
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