22.05.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEEcht falsch oder falsch falsch

Wie mit dem Namen Konrad Kujau viel Geld verdient wird
Das Bild steht auf einer Staffelei in der Mitte des Schaufensters: Konrad Kujau ist darauf zu erkennen, klein, rund, wie er jene Ausgabe des "Stern" in die Kamera hält, die ihn berühmt machte: "Hitlers Tagebücher entdeckt" steht da in roter Signalschrift, dahinter eine Kladde mit den goldenen Initialen F. H.
Kujau strahlt auf dem Bild. Fälschen macht Spaß, sagt es. Gabriele Sauler, groß, schlank, lange blonde Haare, hat es nach einem Foto gemalt. Man kann es kaufen in ihrer kleinen Galerie in Stuttgart, aber sie hat den Preis so hoch gesetzt, dass niemand es haben will.
Sauler ist Malerin. Mit 19 stellte sie sich mit ein paar ihrer Bilder in Kujaus Stuttgarter Galerie vor. Er ist ihr Vorbild, sie bezeichnet sich selbst als "Konrad Kujaus einzige Meisterschülerin". Sie hätte nicht gedacht, dass sie jetzt, mit 37, seine Ehre als Fälscher retten müsste.
Von Kujau hatte Sauler gelernt, worauf es beim Fälschen ankommt. Man müsse ein paar Regeln beachten, hatte er ihr eingeschärft. Erstens: Der kopierte Maler muss seit mindestens 70 Jahren tot sein, sonst gibt es Ärger mit dem Urheberrecht. Neben der Signatur des toten Malers muss, zweitens, der eigene Name stehen, sonst gibt es Ärger mit der Polizei. Und, drittens: Die Details müssen stimmen - Kujaus "Stern"-Coup scheiterte unter anderem an den falschen Initialen.
Gabriele Sauler wollte berühmte Vorbilder abmalen, Klimts, Schieles, Gauguins, und sie wollte seriös dabei bleiben, jedes Bild mit ihrem Namen zeichnen. Eine ehrliche Fälscherin, das war die Idee.
Es ist ein anspruchsvolles Gewerbe. Die Kunden wollen Ähnlichkeit und gleichzeitig Einzigartigkeit. Sie bestellen Kopien, aber sie verlangen, dass ihre Kopie ein Original ist. Sie bezahlen Handwerk, aber sie erwarten Kunst.
Im Juni 2003 begann Gabriele Sauler, ihre Bilder bei Ebay zu verkaufen. Bald fiel ihr auf, dass sie eine Konkurrentin hatte: Unter dem Ebay-Namen "galery" bot jemand von Dresden aus "Echte Kujau's" an, "Echtheitszertifikat der Galerie Konrad Kujau inkl.".
Hinter "galery" verbarg sich Petra Kujau, ehemalige Serviererin in Kujaus Stuttgarter Kneipe und nach eigenen Angaben die Großnichte des Meisters. Sie hatte sich am 29. November 2000 bei Ebay registrieren lassen, zweieinhalb Monate nach Kujaus Tod, war als gewerblicher Verkäufer angemeldet und hatte es in der Zwischenzeit zum "Powerseller" gebracht, machte also mindestens 3000 Euro Umsatz im Monat. Jede Woche verkaufte sie ein Bild, häufig zwei.
Es war ein ungleicher Wettbewerb: auf der einen Seite die Meisterschülerin, die ihre Klimts und Cézannes selbst malte, aber korrekt mit "Sauler" signierte; auf der anderen Seite die Nichte, die ebenfalls falsche Meisterwerke verkaufte, allerdings gekennzeichnet als gefälscht von Konrad Kujau persönlich und deshalb teurer. Blieb die Frage, woher sie die vielen Kujaus hatte.
Gabriele Sauler wurde stutzig, als jemand seinen bei "galery" ersteigerten Kujau zum Wiederverkauf anbot. Sie entdeckte, dass hinter Kujaus Signatur auf dem Bild eine Jahreszahl steht. Kujau, sagt Gabriele Sauler, habe seine Fälschungen nie datiert; auf einen van Gogh etwa die Jahreszahl 1991 zu setzen, fand er plump. So wurde aus dem Unbehagen ein Verdacht.
Im Frühjahr 2005 eröffnet Petra Kujau in Pfullendorf das Kujau-Museum: etwa 60 Gemälde, dazu ein Shop mit Tassen und T-Shirts, im Keller ein Kujau aus Wachs, der unter einem Hitler-Skelett am Tagebuch arbeitet. Zur Eröffnung kommen Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz.
Ende September fährt Gabriele Sauler nach Pfullendorf. Immer häufiger rufen Sammler bei ihr an, wollen wissen, ob sie für die Kujau-Schwemme verantwortlich sei und so die Preise verderbe. Es geht jetzt auch um ihren Ruf. Gabriele Sauler braucht nicht lange. Die ausgestellten Bilder findet sie "schlampig gemacht", die Farben matschig und tot. Im ganzen Museum entdeckt sie keinen einzigen Kujau. Sie erstattet Anzeige.
Während die Beamten ermitteln, versorgt Petra Kujau die Kundschaft weiter mit Originalware. "Wie nicht anders zu erwarten, alles perfekt", lobt der Käufer "ollidoe" am 11. März dieses Jahres. Drei Tage später schlägt die Polizei zu.
Sie stellt 250 Leinwände sicher und Kaufquittungen für 380 Bilder, Petra Kujau habe "im asiatischen Raum" Kopien von bekannten Ölgemälden gekauft, sie in ihrem Dresdner Lager auf Rahmen getackert und mit Kujaus Signatur versehen, lauten die Vorwürfe. Etwa 10 Euro kostet so eine Kopie in China, bei Ebay zahlten die Käufer bis zu 3500 Euro, die Polizei schätzt den Schaden auf 550 000 Euro. Petra Kujau äußert sich nicht zu den Vorwürfen.
Die Käufer ließen sich so gut wie alles andrehen. Selbst als sie, leichtsinnig geworden, offenbar gegen die Fälscherregeln eins, zwei und drei verstieß, als sie sich um Jahreszahlen, Signaturen und Details nicht mehr kümmerte, fiel das nicht sonderlich auf. Unter der Artikelnummer 6 583 445 868 etwa bot Petra Kujau das Gemälde "Die Verführung" an, Öl auf Leinwand, "gemalt und signiert von: Konrad Kujau 1991".
Bei aller Fälscherkunst - das konnte unmöglich stimmen. Die Vorlage stammt vom schottischen Maler Jack Vettriano, und zwar aus dem Jahr 1994.
HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 21/2006
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