22.05.2006

Poldi auf Plüsch

Ortstermin: Das Schlosshotel im Berliner Grunewald präpariert sich für die deutsche Nationalmannschaft.
Ein bisschen ist Jürgen Klinsmann wie Uta Felgner, findet Uta Felgner. Ein Seiteneinsteiger, teamorientiert, ein Manager der direkten Ansprache, des klaren Wortes, durchaus: ein Könner.
Es ist Dienstag in Berlin. Draußen hängt bereits die grüne Fahne des Deutschen Fußball-Bundes, und in ihrem Hotel sitzt Frau Felgner, eine blonde Dame in Pink und mit Perlen. Ein halbes Salamibrötchen isst sie, Tee trinkt sie, "der Tisch wackelt", sagt sie, und schon kommt der Kellner und richtet den Tisch. "Ich bin das Hotel", auch das sagt Uta Felgner, Chefin des Schlosshotels im Grunewald, das bald das Zentrum der Republik sein wird, denn am 5. Juni ziehen Klinsmann und seine Nationalspieler ein, weil sie fünf Wochen später Weltmeister sein wollen.
Es wird ein pompöses Turnier, angereichert bis zur Sättigung mit nationaler, ach was denn: globaler Symbolik. Sehr schön war das gestern wieder zu beobachten, am Montag in Berlin, zur Stunde der Verkündigung. Da hingen in der Mercedes-Welt am Salzufer Limousinen von der Decke, Palmen und Nationalspieler aus Pappe standen neben dem Podium, und auch Herr Müller von Mercedes stand dort und wünschte den Spielern, dass sie "glücklich bestrahlt" sein mögen. Das Wort hatte dann der schwarzgekleidete Oliver Bierhoff, Manager. "Film ab, bitte", sagte der, bevor 23 Namen verkündet wurden, und Bierhoff sagte auch, dass "wir am 5. Juni mit der Mannschaft hier aufschlagen" werden, "wo wir uns zeigen wollen".
Nicht in Bergisch Gladbach wie einst geplant. In der Hauptstadt. Weil diese Nationalmannschaft ohne Kuranyi und mit Odonkor eine moderne Mannschaft sein soll, nicht verhuscht, sondern forsch, jung und deutsch und dennoch weltgewandt, eine Mannschaft wie Bierhoff, Klinsmann und Mercedes, eine Mannschaft wie ihr Hotel. Die Welt soll zu Gast bei Freunden sein im Sommer 2006, und deshalb wohnen Poldi und Schweini bei Uta Felgner.
Es wird Regeln geben, für alle. Die 81 Angestellten des Schlosshotels werden schwarze Hosen oder schwarze Röcke tragen und weiße T-Shirts - wie Deutschland auf dem Platz. Sie dürfen nicht nach Autogrammen fragen, aber sie hatten den König Juan Carlos und den Sultan von Brunei zu Gast, sie sind ganz unverkrampft mit den Wichtigen. Vielleicht werden sie Poldi und Schweini nach einer Niederlage von der Fuchsmama und ihren vier Jungen erzählen, die manchmal im Garten auftauchen. Fremde dürfen nicht mehr aufs Gelände, und vor das Nachbarhaus, das für den Juni von Paparazzi gemietet wurde, die es schätzen, dass Deutschland sich zeigen will, werden Wände gestellt.
Aber auch die Spieler müssen sich benehmen, denn sie werden das Hotel "nicht übernehmen", sie werden "hier wohnen", sagt Uta Felgner. Das heißt? Nun, man ist diskret, aber als beispielsweise der Herr Gebauer von Volkswagen die im Konzern damals üblichen Orgien auch im Schlosshotel feiern wollte - es gibt da einen hübschen römischen Pool, elf Meter lang, und auch einen Jacuzzi -, da erteilte Uta Felgner dem Herrn Gebauer von Volkswagen Hausverbot. Adiletten sind auch eher unüblich, aber doch gestattet, wenn Deutschland kommt. Im Garten werden drei Zelte stehen, mit Minigolf-Kurs und Kickertischen, und Fernseher werden überall aufgebaut und Billardtische. Im Restaurant Vivaldi, Spezialität "Zweierlei vom Charolais-Rind, das Filet rosa gebraten und die Backe in Pomerol geschmort", wird die Tischordnung ständig wechseln, mal rund, mal eckig, mal Hufeisen. "Viele Faxen mache ich", sagt Frau Felgner, denn solche Überraschungen wünscht Jürgen Klinsmann, damit kein Lagerkoller aufkommt.
Erbauen ließ das Haus von 1912 bis 1914 der Rechtsanwalt im Dienste des Kaisers, Dr. Walther Sigismund Emil Adolf von Pannwitz, dessen argentinische Frau Catalina Roth sich vom Gatten "etwas Französisches" erbeten haben soll. Catalina habe in ihren französischen Gemächern allerdings den Kaiser empfangen, wenn der Gemahl, der Rechtsanwalt, abwesend war; über die Löwentreppe sei Wilhelm II. zur wartenden Schönen gestiegen. Erzählt man so, unter dem Stuck getäfelter Hallen.
Das Schlosshotel hat 42 Zimmer und zwölf Suiten, Deutschland mietet alle. Rot ist der Grundton des Hauses, aber auch 5000 Blätter Gold wurden verarbeitet bei der Renovierung, geleitet von Karl Lagerfeld. Der schuf auch die Grunewald-Suite, Nummer 14, geschmückt mit schwarzweißen Fotos von Nadja Auermann, ebenfalls vom Meister gefertigt. Grün sind die Wände, beige-rosa die Möbel, Kronleuchter gibt es und viel Plüsch. Alles sehr barock, "ganz nach meinem eigenen Geschmack", sagte Lagerfeld, und hier könnte Jürgen Klinsmann nächtigen "wie ein Engelchen", das sagt der Herr vom Empfang, der die kleine Führung macht. Frei wird die Kaisersuite bleiben, 200 Quadratmeter, 3000 Euro die Nacht; dort dürfte wohl nur ein Kaiser wohnen, aber der muss das Turnier organisieren, und so wird in der Kaisersuite eine Lounge für alle entstehen.
1994 wurde das Hotel wiedereröffnet, es kamen und scheiterten und gingen elf Direktoren. Seit zwei Jahren führt Uta Felgner das Haus, das seither zum Berliner Ereignis wurde und trotzdem Geld einbringt. Es war ein Coup, als Frau Felgner diese Gäste gewann, die jedes Hotel des Landes wollte; bessere Werbung kann es nicht geben, wenn denn bloß die Gäste ihre Spiele gewinnen. "Wir sind Papst geworden, wir werden auch Weltmeister", sagt Uta Felgner, das Feuerwerk ist schon geordert. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 21/2006
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