22.05.2006

IRAN

Die süße Sünde Musik

Von Koelbl, Susanne

Eigentlich ist es nur ein Festival in Osnabrück, aber die Einladung an das Teheraner Symphonieorchester macht daraus ein Politikum. Lässt Präsident Ahmadinedschad das Ensemble reisen?

Damals, bei der Revolution vor 27 Jahren, war noch eindeutig klar, wo die Sünde beginnt: "Demjenigen, der Musik hört, wird in der Hölle heißes Blei in die Ohren gegossen", predigte Ajatollah Ruhollah Chomeini.

Sarah Bejram Sadegan kennt natürlich das Urteil des verstorbenen Revolutionsführers. Sie gehört zur jungen Generation, sie ist 23 Jahre alt und in der Islamischen Republik geboren, in der radikale Kleriker sagen, Musik sei "ghenaï", und damit "verderbt, verkommen" meinen.

Die Violinistin des Teheraner Symphonieorchesters sitzt im Büro ihres neuen Chefdirigenten im Zentrum von Teheran, sie trägt einen bodenlangen, blauen Rock und hat, wie es das Gesetz verlangt, ein Kopftuch um ihr schmales Gesicht gebunden. Sie kommt von der Probe zu "Peter und der Wolf", dem musikalischen Märchen von Sergej Prokofjew, sie glüht noch ganz verzückt: "Wie kann ein so süßer Ausdruck der Gefühle Sünde sein?"

In Iran ist das Süße meistens Sünde, wenn es aus dem Westen kommt, und vor allem in Zeiten des weltpolitischen Machtkampfs, bei dem es um Nuklearenergie und Atombomben, um Krieg und Frieden geht. Und Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven gelten extremistischen Klerikern in Iran bis heute als Repräsentanten des Westens, der den Islam kulturell unterminieren will - so wie Europa und die USA Iran das Recht auf die Bombe bestreiten.

Immerhin, das Teheraner Symphonieorchester hat die Revolution und alle anderen Wirren leidlich überlebt. Für neue Instrumente und gute Dirigenten gibt es kaum Geld, attraktive Engagements sind selten, schlechte Bezahlung ist obligato-

risch. Höchstens umgerechnet 300 Dollar verdienen Profi-Musiker wie die Violinistin Sadegan im Monat, die meisten von ihnen gehen ein oder zwei Nebenjobs als Fahrer, Verkäufer oder Mitglied in einem anderen Ensemble nach.

Die Teheraner Symphoniker waren einmal Weltklasse, einzigartig im orientalischen Raum. Sie spielten für Staatsgäste des Schahs Mohammed Resa und Königin Farah. Der Schah ließ avantgardistische Kunstfeste arrangieren und Größen wie John Cage, Herbert von Karajan und Arnold Schönberg einfliegen, um zu zeigen, dass Persien international en vogue ist. Das waren spektakuläre Veranstaltungen mit ausgesuchtem Publikum und zur Schau gestelltem Protz.

Auch diese Arroganz der Macht trug zur Revolution und zum Fall des Regimes bei. Im Nebenflur des Übungsraums für das Symphonieorchester, hinter der Kantine, steht noch ein riesiges Foto aus den alten Zeiten: blonde, hochtoupierte Frauen, Männer in Frack und Fliege, sie singen Beethovens Ode "An die Freude" aus der 9. Symphonie. Kurz darauf spielten die Spitzenmusiker als Militärkapelle für die Soldaten an der irakisch-iranischen Front.

Nun aber hofft das Ensemble auf einen neuen musikalischen Höhepunkt seines Schaffens, und zwar in Deutschland. Der künstlerische Leiter des "Morgenland Festival Osnabrück", Michael Dreyer, hat das Orchester eingeladen, es soll im August bei einem hochkarätigen orientalischen Ereignis spielen, in dessen Mittelpunkt Iran steht. Der Musikfestchef versteht seine Offerte auch als politische Geste. In Iran ist heute alles ein Politikum. In Teheran warb Dreyer vorvergangene Woche für

sein Projekt, ziemlich erfolgreich, auch wenn er bis zuletzt bangen muss, ob das Orchester wirklich reisen darf. Die Kamarilla um Präsident Mahmud Ahmadinedschad muss die Einladung für gut befinden oder zumindest keine Einwände erheben.

Die Zeit für den Dreyer-Besuch war ungünstig. Der Präsident hatte gerade seinen 18-Seiten-Brief an George W. Bush abgeschickt, er höhnte über die Vorschläge der Europäer, die seiner Regierung für das Aussetzen der Urananreicherung offenbar den Bau eines Leichtwasserreaktors anbieten: "Ihr denkt, ihr habt es mit einem vierjährigen Kind zu tun, dem ihr Walnüsse und Schokolade geben könnt und dafür Gold bekommt?"

In der politischen Szene in Teheran gilt Dreyers Projekt als kleine Sensation. Als die EU-Botschafter zum Europatag am 9. Mai ein britisches Barock-Ensemble nach Teheran holen wollten, bekamen sie dafür von der heimischen Bürokratie keine Erlaubnis. Der Auftritt der Freiburger Pianistin Christina Brandner, für Anfang Mai in Isfahan geplant, immerhin Freiburgs Partnerstadt, wurde abgesagt, als das Goethe-Institut den Wunsch vortrug, dass auch Männer im Publikum zugelassen werden sollten.

Mohammed Hussein Homafar trägt wie sein Präsident die Jackettjacke mit offenem Hemdkragen. Krawatten sind verpönt. Er leitet in Teheran den für das Orchester zuständigen Musikverein und unterstützt die Festivalidee. Homafar gibt sich moderat und weltoffen: "Wir sind tolerant gegenüber anderen Kulturen, und das wollen wir zeigen", sagt er. Zwei große Fotos hängen in seinem Büro, auf einem ist der geistliche Führer Ajatollah Ali Chamenei zu sehen, auf dem anderen Chomeini, beide in strengem Talar.

Auch die deutsche Diplomatie findet Gefallen an der Idee, dass die Kunst ein bisschen die Kluft überbrücken soll, die in der Politik klafft. Außenminister Frank-Walter Steinmeier übernahm vorige Woche überraschend die Schirmherrschaft für das persisch-deutsche Musik-Event. Die Kulturstiftung des Bundes will es mit 50 000 Euro unterstützen. Daniel Barenboim bietet den Teheraner Kollegen seine Berliner Staatsoper Unter den Linden als Spielort an, die politisch in Teheran wie in Berlin gut vernetzte Stiftung Schloss Neuhardenberg bittet die persischen Künstler zum Auftritt in die Neuhardenberger Schin-

kelkirche, rund 60 Kilometer östlich von Berlin, mit anschließendem Empfang für Vertreter aus beiden Ländern.

Aus dem kleinen Festival in Osnabrück könnte ein politisches Ereignis werden, das - wenn es denn wirklich zustande kommt - international Beachtung finden dürfte.

Die Künstler und Intellektuellen Teherans haben größte Mühe, ihre Kunst vor der Politik zu retten. In dieser Szene ist der atomare Ehrgeiz der Mullahs wenig populär. Ihre Weltsicht gleicht eher der No-Future-Mentalität, die im Europa der achtziger Jahre in solchen Kreisen vorherrschte. Der Fotograf Siaian Peschman, 35, nennt seine Installation im Künstlercafé nahe der Teheraner Universität "3.5, Sex, Drugs, Farben". Er thematisiert, sagt er, die vier größten Probleme der iranischen Jugend: Bedrohung der Natur durch Umweltzerstörung und Atomenergie, unterdrückte Sexualität, Zerstörung durch Drogenmissbrauch und der Überlebenskampf in Metropolen wie Teheran. "Warum sollen auch wir noch eine Bombe bauen?" Die Zahl 3,5 steht für den Grad an angereichertem Uran: Diese wissenschaftliche Errungenschaft mache Iran zur Atommacht, hatte Präsident Ahmadinedschad pompös verkündet.

Eine halbe Autostunde weiter nördlich, dort, wo sich die Stadt ins Albors-Gebirge zieht, empfängt Mohammed Dschawad Ardaschir Laridschani im angenehm kühlen Chefbüro seines Instituts für Theoretische Physik und Mathematik. Mit der runden Lesebrille, der Zigarre und dem etwas strubbeligen Haar sieht er aus wie ein Filmboss, der Hauptrollen vergibt. Er ist der ältere Bruder des Atom-Unterhändlers Ali Laridschani, er ist Kleriker, Politiker und war Student der Mathematik an der Berkeley University in Kalifornien, von wo er rechtzeitig zur Revolution nach Teheran zurückkehrte. Laridschani gehört zur exklusiven Klasse der modernen Theokraten in Iran, und er hat für jede Frage eine Antwort.

Der Atomkonflikt mit dem Westen? Iran werde das Programm natürlich fortsetzen, doch sei er "optimistisch", dass man sich gütlich einigen werde - entweder auf Inspektionen wie in Japan oder auf die Teilhabe verschiedener Nationen am Programm, die sich dann selbstverständlich auch in seinem Land von den friedlichen Absichten überzeugen könnten. Er nimmt noch einen tiefen Zug von der Zigarre und sieht sehr entspannt aus.

Die Grenzen der Musik? Sündig sei, wenn Musik erotisiere, "sexuelles Verhalten befördert". So einfach ist das.

In der Rudaki-Hall übt das Teheraner Symphonieorchester. Der neue Chefdirigent Nader Mashayekhi, 48, ermahnt die Streicher zu mehr "piano", als Peter sich vor dem bösen Wolf versteckt. Auf Mashayekhi, einen iranischen Komponisten, der 28 Jahre in Wien gelebt hat und nun nach Teheran zurückkehrte, setzen die Künstler ihre ganze Hoffnung für einen Neuanfang. Derzeit komponiert Mashayekhi ein Zwölf-Minuten-Stück, die Übermalung traditioneller persischer Musik durch ein westlich symphonisches Werk.

Er will es bald uraufführen mit seinem Orchester - drüben in Deutschland, in Osnabrück, bei diesem Festival, das ungeahnte Bedeutung bekommen hat.

SUSANNE KOELBL

* Vor dem Azadi-Turm in Teheran.* Bei einer Wahlveranstaltung des Präsidentschaftskandidaten Haschemi Rafsandschani 2005.

DER SPIEGEL 21/2006
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