22.05.2006

LEBENSLÄUFEDer einarmige Zahnarzt

In einer bewegenden Biografie schildert der indische Schriftsteller Vikram Seth das Schicksal seines Großonkels im Europa der Nazi-Zeit.
Welch eine Geschichte! Shanti, der kleine, schüchterne Inder, der während der Nazi-Zeit in Deutschland studiert. Und Henny, die schöne und lebenskluge Berlinerin, die ihre Mutter davor warnt, ein Zimmer an Shanti zu vermieten: "Nimm den Schwarzen nicht." Die vor dem Holocaust nach England flüchtet, zu Shanti.
1951 haben die beiden geheiratet. Und Shanti hat Karriere gemacht - obwohl er im Krieg seine rechte Hand verloren hatte. Ein einarmiger Zahnarzt, wo hat man das schon gesehen?
Heute liegt Shantis Armprothese im Arbeitszimmer seines Großneffen. Die Prothese ist aus Holz, mit einem Handschuh aus Leder unten dran. Vikram Seth hat sie sich als Trophäe ins Regal gestellt, weil er, der indische Bestsellerautor, ein Buch über Onkel Shanti und Tante Henny geschrieben hat.
"Zwei Leben", so der deutsche Titel dieser Doppelbiografie, ist eine große und wichtige Erzählung über den Holocaust und die Verwüstungen, die er angerichtet hat im Leben von Shanti, Henny und ihren Berliner Freunden*.
Vikram Seth wohnt in einer Kleinstadt in der Nähe von London in einem riesigen Pfarrhaus aus dem 16. Jahrhundert, mit einer Kirche davor und weiten Wiesen dahinter. "Schreiben Sie nicht den Namen der Stadt", sagt er, "ich bin so oft in Delhi bei meinen Eltern, dann passt niemand auf das Haus auf." Er steht in seinem Arbeitszimmer, Shantis Prothese in der Hand: klein, drahtig, 53 Jahre alt, der bekannteste lebende indische Schriftsteller neben Salman Rushdie und Arundhati Roy.
Elf Jahre habe er an "Zwei Leben" gearbeitet, sagt Seth. Ein großer Teil des Buches basiert auf einer Reihe von Interviews mit dem Großonkel. Seth lässt Shanti berichten, wie er 1931 aus Benares nach Berlin kam, um Zahnarzt zu werden. Shanti blieb fünf Jahre. Einmal sah er Hitler aus der Nähe, aber ansonsten ließ die Politik ihn in Ruhe und er die Politik. Hitler war geschminkt, und Shanti dachte, vielleicht ist er schwul, dann merkte er, ach so, die machen Filmaufnahmen.
Bei einer jüdischen Witwe fand Shanti eine Unterkunft. Sie war Hennys Mutter. Henny fremdelte zunächst mit Shanti. Aber bald nahm sie ihn mit zu ihren Freunden, sie zelteten und gingen schwimmen, Shanti war immer dabei. Nur, irgendwann war klar: Im Nazi-Reich würde er nicht arbeiten können.
Er ging nach England und dort bald zur Armee. Bei Monte Cassino schossen ihm die Deutschen die Hand weg. Zahnarzt ist er trotzdem geworden, Henny hat er geheiratet. Sie war den Nazis entkommen; ihre Mutter und ihre Schwester wurden ermordet.
Seth wollte aus dieser Geschichte zunächst eine Familienchronik machen für die Verwandten in Indien. Als er 1994 mit Shanti sprach, war Henny längst tot.
Aber dann tauchte plötzlich dieser Koffer mit Briefen auf: die Korrespondenz zwischen Henny in London und ihren Berliner Freunden nach dem Zweiten Weltkrieg, in schwer zu entziffernden Handschriften. Nach Namen sortiert, liegen die Briefe bei Seth im Regal, 300 Stück, verteilt auf fünf Ordner. Ein Manuskript-Faksimile des "Faust" liegt auch da. Mit Goethes Handschrift trainierte Seth, diese Briefe zu lesen, von denen er viele in seinem Buch abdruckt, manche seitenlang.
Vikram Seth ist ein großer Erzähler, ein Mann für die vielstimmige, wuchtige Rekonstruktion der Vergangenheit. Sein Meisterstück heißt "Eine gute Partie": mehr als tausend Seiten über das Indien der fünfziger Jahre. Nun, in "Zwei Leben", lässt er den Leser teilnehmen an einer quälenden Selbsterforschung.
Was haben wir getan, fragen sich die nichtjüdischen Berliner Freunde nach Kriegsende, was haben wir nicht getan? Henny und Shanti sind weg, Hennys Schwester ist ermordet, und in den Briefen nach London zeigt sich, wie man 1946 als Deutscher über den Holocaust sprach. Die einen leugnen, die anderen sehen tragische Schicksalskräfte am Werk, manche greifen zur pathetischen Selbstanklage.
Seth rekonstruiert, wie verwirrend quer die Fronten standen. Der Mann von Hennys bester Freundin war vielleicht Nazi; Hans, Hennys Verlobter, hat eine Katholikin geheiratet. Nach dem Krieg schickte Hans Entschuldigungsgedichte nach London, und da steht nun Vikram Seth in seinem Arbeitszimmer in England, einen Brief in der Hand, eng beschrieben mit blassblauer Tinte, und rezitiert in seinem indischen Singsang auf Deutsch: "Ich weiß, Du magst mich nicht mehr leiden / Trotzdem will ich lieben Dich zu allen Zeiten!"
Absurdes, trauriges Europa. Um den ganzen Wahnsinn zu erfassen, muss man wohl wie Vikram Seth auf das Geschehen blicken. In "Zwei Leben" gehen Distanz und Nähe, der kalte Blick des Ethnologen und die Empathie des Lieblingsneffen ein wunderbares Bündnis ein. "Ich bin ein indischer Autor", sagt Seth, "aber soll ich deswegen nur über Indien schreiben?" Der Clash der Kulturen ist ja Thema vieler Schriftsteller, die aus Indien kommen, Salman Rushdie vornweg.
Mit seiner berührenden Liebesgeschichte hat jetzt auch Vikram Seth dieses Feld betreten. "Zwei Leben" handelt von Europa und Indien, den Überlebenden und den Toten, von der Zeit vor dem Holocaust und der Zeit danach. Und am Ende, mit Shantis Tod, wird es auch noch ein berührendes Buch über das Alter.
Shanti starb 1998. Er hat Hennys Briefe nie lesen wollen. "Ich glaube", schreibt Vikram Seth, "es war eine ungewöhnliche Ehe." MALTE HENK
* Vikram Seth: "Zwei Leben". Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 544 Seiten; 22,90 Euro.
Von Malte Henk

DER SPIEGEL 21/2006
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