29.05.2006

THEORETIKERBrock rockt!

War Goethe der erste Generalist der Deutschen und Helmut Kohl in seinen besten Jahren der bekannteste, so ist der Wuppertaler Ästhetik-Professor Bazon Brock der letzte.
Der Professor sieht vital aus. Er trägt einen rustikalen Janker-Anzug aus Loden, mit Enzian und Edelweiß-Emblemen am Revers. Die Haare sind dicht und lang, kaum zu bändigen. Am 2. Juni wird er 70 Jahre alt. Er steht in der Frankfurter Schirn und stellt - im Rahmen einer Wanderausstellung, die bis zum Jahresende in elf Städten gastiert - eigene und fremde Kunstwerke aus. Die sind völlig unwichtig. Er ist das Kunstwerk.
Er ist ein anstrengendes Kunstwerk. Eines, das redet. Er spricht schnell. Er spricht abstrakt. Früher schien es leichter. Früher war er der Mensch, der so schön vermitteln konnte, zwischen Publikum und Kunst, zum Beispiel, in der "Besucherschule" der Documenta. Er erklärte, warum Beuys 7000 Eichen pflanzt oder mit einem Kojoten übernachtet, ja, warum es für ihn gar keine andere Übernachtungsmöglichkeit geben kann als die mit einem Kojoten.
Doch jetzt rauscht es. Er scheint mitgekriegt zu haben, dass er den Gesprächspartner abgehängt hat, und er fängt an sich zu langweilen. Wohl deshalb beginnt er seine Sätze zu modulieren, zu plärren, zu flüstern. Es sind Sätze aus über vier Jahrzehnten Lehrtätigkeit. Fragen sind nicht zugelassen.
Brock ist der Großmeister der Pop-Theorie. Er hat sie erfunden. Er switcht von der Molekularbiologie zur Kunstgeschichte, zu Mode und Esskultur und wieder zurück.
Er hat sie alle beeinflusst, die Heroen des Kunst- und des Theoriebetriebs, die Kippenberger und die Neuen Wilden der Malerei, Gerhard Merz, Neo Rauch, Christian Boros. Diedrich Diederichsen wäre ohne Brock nie zu jenem einzigen, alleinigen Satz in der Lage gewesen, der ihn berühmt gemacht hat, nämlich: "Wolf Wondratschek ist Uschi Glas."
Brocks Wirkung auf die heutigen Entscheider der Medienwelt ist beispiellos. Trotzdem ist der Superstar der sechziger und siebziger Jahre vom öffentlichen Radar verschwunden. Warum? Irgendwann, wenn er einmal Atem holt, müsste man ihn fragen!
Es gibt Gerüchte. Brock, der alte Charmeur und Womanizer, soll einst den Zorn von Diederichsens Frau erregt haben, einer ganz besonders blutrünstigen Radikalfeministin ("die grausame Jutta"), und er soll dies mit dem Satz geschafft haben: "Mit solchen schönen Beinen dürfen Sie immer in mein Auto einsteigen." Seither gilt Brock in politisch korrekten Kreisen als out. Allerdings wollte Brock sowieso nie in sein. Er lebt souverän auf seinem eigenen Planeten.
Er redet über Navigatoren, Radikatoren, Moderatoren. Mal spricht er griechisch, mal lateinisch, mal aramäisch, meistens aber kommt er aufs Deutsche zurück.
Nach Stunden wechseln wir über in ein Café. Der Professor kommt nun, da der private und somit gemütliche Teil des Tages beginnt, so richtig in Fahrt. Der Barbar als Kulturheld, Tourismus und Geschichte, der Malkasten als extemporale Zone. Seine Klugheit ist gnadenlos.
Abschied gegen Mitternacht. Das Lokal schließt. Die Bedienung blinzelt ihn frivol an beim Gehen. Brock sagt den unfassbaren Satz: "Sie hat mir schon alle ihre Tattoos gezeigt, bis auf eines. Aber das zeigt sie mir auch noch." Hat er denn aus dem Drama der Geschichte gar nichts gelernt?
Tage später ein neuer Versuch, Brock zu verstehen. Der Taxifahrer, der vor seiner Haustür zum Stehen kommt, macht eine Bewegung mit den Fingern, die Geld bedeuten soll. Brock schreitet den Kiesweg ab, breitet die Arme aus. "Willkommen!"
Herrliches Wetter. Man befindet sich im Bergischen Land nahe Wuppertal. Überall geht's rauf und runter, man glaubt sich in den Alpen, mindestens
Norditalien, alles sehr dreidimensional und schön. Eine schmale Straße ohne Autos. Alles dampft und suppt so urig vor sich hin.
Der Professor behauptet, genau diesen Feldweg seien die Nibelungen entlanggegangen, 18 Leute mitsamt Schatz, Hagen, Treue, Ehre, Verrat, genau hier, Schritt für Schritt, bis nach Soest hinein, zu dem Grundstück, auf dem heute die Sparkasse stehe. Dort hätten sie innegehalten, hätten den Schatz kurz abgesetzt und seien niedergemetzelt worden. Es sei alles bewiesen. Die echten Nibelungen, vor Brocks Buntglastür! Er merkt, dass er Wirkung hinterlassen hat, und nutzt das zu einem kleinen Vorstoß in eigener Sache:
"Wissen Sie, junger Mann, das Einzige, was ich mir in meinem ganzen Leben immer gewünscht habe, ist, einmal eine Darstellung meiner Persönlichkeit zu erleben, wie sie wirklich ist." Er möchte also endlich so gesehen werden, wie er sich selbst sieht. Es kann darauf nur eine Antwort geben: Nicht einmal Gott werde so gesehen, wie dieser sich selbst sehe; es sei a priori nicht möglich. Aber der Professor besteht darauf.
Wir erreichen die Sparkasse von Soest. Brock macht mit einem Stock ein Kreuz in den Boden: "Hier genau hat man dem Ersten von den 18 den Kopf abgeschlagen." Das ist traurig. Wir teilen uns einen Flachmann. Und das ist die Gelegenheit, ihm jene Frage zu stellen, die wohl allen in Deutschland in diesen Tagen auf der Zunge liegt: "Dr. Brock, viele Ihrer Schüler nutzten Ihre ungeheure theoretische Potenz, die ständig neue Gedankenverbindungen ausstößt, und viele sind erst durch Ihre Fähigkeit zur historischen Kontextualisierung in den Olymp der Künste gelangt, von Albert Oehlen bis Christian Boros. Warum dankt man Ihnen das nicht?"
"Oh, Boros tut es!"
Zum ersten Mal wirkt er richtig glücklich und redet noch schneller weiter über seine "besten Freunde", über Burda, Handke ...
Schließlich das Finale, wie es größer und grandioser nicht sein kann. Wir fahren nach Köln zu einer Party. Er wird zwar erst am 2. Juni 70, aber er feiert schon jetzt solche Partys. Brock setzt uns in einen nagelneuen 50 000-Euro-BMW-Jeep und fährt los.
Der BMW macht Eindruck in Köln, auf dem Ring. Mittlerweile erzählt man sich, dass der Ring zu bestimmten Tagesstunden von "Pimps" beherrscht werde, also sogenannten Armani-Türken. Wer als deutscher Jugendlicher dort auftauche, müsse definitiv mit Stress rechnen, also mit Schlägen. Brock sagt wie aus der Pistole geschossen den einzigen Satz, den man zu diesem Problem klugerweise sagen kann. Nämlich: "Blöde gibt es viele, am Rhein wie auch am Nile."
Er ist wirklich cool, immer noch, auch mit 70. Bazon Brock, Deutschland braucht Sie mehr denn je. Alles Gute zum Geburtstag! JOACHIM LOTTMANN
Von Joachim Lottmann

DER SPIEGEL 22/2006
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