29.05.2006

TV-UNTERHALTUNG„Du willst es doch auch“

Im Fernsehen reißt der Strom immer neuer Movies nicht ab, aber spielt nicht immer nur der eine ewig gleiche Film, zum Mitsingen, zum Mitgähnen, zum Totschlagen der Zeit?
Eine Betrogene sagt zum Fremdgänger, na, was wohl? Richtig: "Lass uns endlich reden." Wir sind im Fernsehfilm. Wir kennen die ewig gleichen Worte. Wir können mitsingen.
Sie: "Seit wann geht das?" Er: Guckt dumm. Sie: "Ist es ernst?" Er (in die Ferne blickend): "Ich glaube, ja." Sie: "Warum gerade jetzt?" Er: "Ich weiß es ja auch nicht." Sie: "Was soll werden?" Er: "Gib mir Zeit."
Dann sieht man den Mann mit einem Koffer das Haus verlassen. Movie-Manns Habe passt immer in einen Koffer. Draußen regnet es gern, der Himmel heult. Dass nur die Musik weint, reicht ja nicht. Doppelt, dreifach, vierfach - Movisch ist auf Redundanz gebaut. Movisch?
Kommt von "Movie". Wir alle verstehen Movisch, die Sprache des Fernsehfilms, denn wir sind abgerichtet. Unsere Spracherzieher heißen Rosamunde Pilcher und Inga Lindström. Der Landarzt spricht es uns vor, der Förster aus Falkenau lässt es aus seinem Mund rauschen: "Der Wald war schon vor uns Menschen da." Auf Movisch klingen selbst die Themen der Ökologie so schlicht, dass wir gutgläubigen Rehlein sie sofort verstehen. Wenn nicht, hilft die Musik - bum, bum und Moll-Akkord, die Genindustrie ist ja so was von böse.
Überhaupt: Kompliziertes, Uneindeutiges, wissenschaftliche Vorbildung Erforderndes - für Movisten kein Problem. Ein platt-goldenes Wort ("Du musst an dich glauben", "Du musst es einfach nur wollen"), schon geht die Sonne über den Dunkelheiten auf. Drüsen, Därme, Depressionen - der Blick in das Gesicht von Professor Simoni, dem Klinikchef aus der Serie "In aller Freundschaft", sagt mehr als tausend Diagnosen. Ach ja, die Gretchenfrage aus den meisten Doktorspielen, Movisch in seiner ganzen Reinheit: "Wird er/sie/es durchkommen?" "Im Moment können wir nicht mehr tun." Aha.
Und wer jammert über Sinnkrise? Der Fernsehfilm weiß doch die Antworten. "Auf das Herz kommt es an." "Einen Ausweg gibt es immer." Eben.
Gender-Streit, Frauenemanzipation, Patriarchat? Bitte nur all den tollen, patenten, ungewöhnlichen Frauen zuhören, die ab 20.15 Uhr in den Gefilden der Liebe herummoven, den Julias aus Schmäh, den Uschis aus Glas, den Hannelores aus Eis. "Ich will mich nicht noch einmal verlieren"; "Das Einzige, was ich von dir verlange, ist, dass du mir sagst, wenn es vorbei ist"; "Ich habe mir eins geschworen: Ich möchte niemals mehr von einem Mann abhängig sein". Sorry, Männer, aber was ist dagegen eure Liebeseinladung: "Du willst es doch auch." Altmovisch wie die Formel: "Willst du sehen, wie ich wohne?"
Wo immer ein Thema, ein Problem, ein Anliegen zu fiktivem Programm verarbeitet wird, Movisch ist schon da. Es braucht nicht übersetzt zu werden, denn es ist längst fest verankert im Zuschauerhirn.
Auf dem Ölfilm der Musik gleiten die Stereotypen in den Zuschauer hinein und zwingen ihm sanft ihre Präsenz auf. Movisch hat ein triviales Geheimnis: Es verweist
auf keine andere Welt, es verweist nur auf sich selbst. Die Wahrheit dieser Kunstsprache besteht in der dauernden Wiederholung. Hauptsache, die Plappermühlen am rauschenden Flachsinn stehen nicht still.
Movisch funktioniert nicht nur als sprachliches, es ist auch optisches Geplapper. Zu den Dialogfloskeln gehören die Stereotypen der Drehorte und Filmbilder. Die Lofts, die Riesenweingläser, die schicken Sofas, die penetrante Aufgeräumtheit - trotz Kritik, die Prunksucht des Moviemilieus ist ungebrochen. Auch das Licht spricht fließend Movisch. Es hält sich nicht an Realitäten wie Fenster oder Lampen, viel zu simpel. Es kommt imaginär von irgendwo her und soll für das sorgen, was sonst fehlt: die tiefere Bedeutung, das Unheimliche. Licht spart dramaturgische Arbeit. Licht, wir wissen es seit Einstein, ist eine schnelle Angelegenheit.
Und schnell muss es gehen. Movisch liebt es, sich in die Büsche zu schlagen, wenn es richtig ernst und kontrovers wird. Dann wählt die zum Ziel eilende Szenenführung den Sidestep. Bloß vorbei an verzweifeltem Stillstand. Movisch ist die Sprache der Schonung und der Dämpfung. Es dient der Bequemlichkeit des Königs Zuschauer, damit es ihm gutgehe auf seinem Sessel als Beobachter. Er soll sitzen, da die Spötter sitzen, die Voyeure, also im Abseits, allerdings ohne es zu merken.
So führt in unserer Trennungsgeschichte das Movie den Zuschauer fest an der Hand. Mit seinen Bildern und Schnitten zieht es ihn elegant und immer zügig um Untiefen herum. Gefühle werden gestreichelt, aber nicht aufgewühlt. Der Mann ist gegangen, jetzt gehen die verzweifelten Mondgesichter der Zurückgebliebenen auf. Wir blicken etwa in ein besorgtes Kinderantlitz. Oder der Kamerablick fällt auf eine Träne, wie sie aus dem Auge der Frau rinnt.
Für das reale Lästige der Realität ist leider keine Zeit. Für Verdutztheit, für Gestammel, für Wutgebrüll, für Kontrollverlus-
te, für Übersprungshandlungen wie hysterisches Lachen oder das Erstarren und Verstummen. Auch nicht für alle Versuche der Akteure zu begreifen, was geschehen ist. Das würde letztlich die liebe alte Litanei stören, würde unflott und ungewohnt wirken, also irgendwie unprofessionell.
Ein guter Scheidungsrichter ist das Movie nicht. Die Suche nach dem Schuldigen erfordert Dialoge, mutet dem Sesselgott Zuschauer Gedankenarbeit zu. Besser ist es, die Trennung allgemein zu bejammern. Da stimmen viele zu. Tränen sind wahrer als Ursachen und viel leichter zu vermoven.
Die Schablonen der Movieästhetik sind unser heutiges Barock. Rituelle Szenen, ewig gleiche Dialogmuster rumpeln heran, wo Abgründe des Entsetzens klaffen. Wenn Movisch im Krimi mit dem Tod zu tun bekommt, stellt sich eine gusseiserne Unberührtheit ein.
Die TV-Filmsprache, die sonst wenig mit Routine anfangen kann, schwelgt auf einmal in bürokratisch-kumpelhafter Schachtelhuberei. Und wieder können wir mitsingen: "Spätestens morgen bekomme ich deinen Bericht", sagen die TV-Ermittler zu dem Typen im Pathologen-Drillich, der muckt und funktioniert. Gegen Leichen hilft Kommissars-Zynismus: "Dabei habe ich noch nicht gefrühstückt."
Überbringt die Polizei eine Todesnachricht, darf der Unterhaltungskunde sicher sein, dass für Ausbrüche von Verzweiflung nur sehr begrenzte Zeit bleibt. Mit Verlust kann die konfektionierte Filmsprache wenig anfangen. Da geht nichts vorwärts, keine Bewegung. Da gerät der Geschichtenmotor ins Stottern. Darf nicht sein.
Die Zeit in den Movies gehört nämlich nicht den Besonderheiten einer Person, sondern es ist umgekehrt: Personen müssen in den Zeitablauf der Moviedramaturgie passen. Das Movieleben währet 90 Minuten, keine 70 oder 80 Jahre, von denen der Psalm weiß. Und es darf nie eine Mühe und Arbeit gewesen sein, sondern nur köstlich eingepasst in die Sendezeit.
Es ist der Rhythmus, der den Personen ihr Movieleben einhaucht. Jeder Zuschauer kennt diesen Rhythmus. So gibt es die 21.15- Uhr-Krise, die regelmäßig vom Rosamunde-Pilcher-Cornwall bis zum alpinen Bergspiel die Hauptakteure befällt. Alles läuft eigentlich schon auf ein schönes Ende zu, die Helden haben einander gefunden, Christine Neubauers herrliches Dekolleté bebt irgendeinem Toni oder Hansi von der Alm entgegen. Die Welt movierund und schön.
Doch da ist ja noch die fehlende halbe Stunde, die mit anderem als Brust gefüllt werden muss. Um Viertel nach neun, ihr Auftritt, Frau Krise. Ein Missverständnis der Liebenden, falsche Eifersucht, Unerledigtes aus ausgedienten Liebeskellern. Der Moviezug mit dem Ziel Happy End läuft fahrplanmäßig und trotzdem unerwartet in den Sackbahnhof. Da lässt er Dampf ab, pathetisches Gewölk aus lauter letzten Worten, die deshalb so viel Genuss bereiten, weil sie nicht zutreffen werden. "Mir ist einiges klar geworden", sagt jemand. "Es war schön, aber es war ein Traum", ein anderer. Ach Gott, auch ein solcher Satz aus dem Mittelhoch-Movischen stirbt nie aus: "Lass uns Freunde bleiben."
Ojemine. Das wirklich Erstaunliche und der Beleg für die Durchsetzung des Movischen besteht darin, dass wir uns als Zuschauer von der 21.15-Uhr-Krise beeindrucken lassen. Obwohl wir wissen, dass es sich um einen Trugschluss handelt, um ein Spiel mit dem Ende.
Denn alles klärt sich auf. Aber die Zweikriegen-sich-Gewissheit muss zuvor noch in die letzte Prüfung: Zielsprint. "Wenn Sie sich beeilen, kriegen Sie die Fähre noch", schon sehen wir den Liebestollen hinterherrasen. Auch das Finale furioso in der Kirche ist seit Dustin Hoffmans "Reifeprüfung" ("Please, Mrs. Robinson") Abiturpflichtfach des TV-Movie geblieben.
Priesters Aufforderung an die Braut "So antworte mit Ja" löst heute Spannung aus: Stürmt da nicht gleich ein liebestoller Kerl herein und will das Jawort verhindern?
Gegen solche movische Wendung hilft - Movisch: "Entspann dich, und lass uns reden." NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Mit Filmpartnern Martin Feifel, Horst Janson, Max Tidof, Francis Fulton-Smith.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 22/2006
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