03.06.2006

KARRIERENWeißes Haus statt Wall Street

Bushs designierter Finanzminister Henry Paulson ist einer der reichsten Manager der USA und überzeugter Umweltschützer. Bekommt Washington eine neue Wirtschaftspolitik?
Kein Schild am Eingang deutet darauf hin, dass an der Adresse 85, Broad Street eines der mächtigsten Geldhäuser der Welt residiert: Goldman Sachs. Diskretion herrscht auch weit oben in der Chefetage mit Blick über Manhattan. Dicke Teppiche gibt es da, holzvertäfelte Wände und einen Vorstandschef, der beim Interview erst einmal selber Fragen stellt.
Was wird aus Schröder?, wollte Henry ("Hank") Paulson beim Gesprächstermin im vergangenen Oktober wissen. Citibank oder Gasprom als Arbeitgeber? Der Banker witterte schon damals, dass der Altkanzler die russische Karte ziehen würde. Nun wechselt er selbst den Job, die Seite und die Gehaltsklasse - was in seinem Fall mit deutlichen Abstrichen verbunden ist.
An der Wall Street lagen seine Bezüge allein 2005 bei astronomisch anmutenden 38,8 Millionen Dollar. Künftig erhält er 183 500 Dollar. Das dürfte indes nicht der Hauptgrund gewesen sein, dass es doch einiger Überredungskunst bedurfte, bis er George W. Bushs Ruf folgte und sich zum neuen US-Finanzminister nominieren ließ.
Paulson könne "in klaren Worten ökonomische Zusammenhänge darstellen", begründete der Präsident seine Entscheidung. Das scheint bei Bush auch vonnöten. Aufklärung über seine Wirtschaftspolitik ist dringend erforderlich.
Zwar zeigt die US-Ökonomie seit Jahren ein gesundes Wachstum; im ersten Quartal legte sie gar um 5,3 Prozent zu. Die Arbeitslosenquote beträgt 4,7 Prozent. Doch für Bush zahlt sich das nicht aus. Seine Umfragewerte rutschen auf immer neue Tiefststände. Und schuld daran ist nicht allein der Irak-Krieg.
Die milliardenschweren Steuergeschenke aus Washington helfen vor allem den Konzernen und der rasch wachsenden Kaste der Milliardäre und Multimillionäre in den USA. Bei den mittleren und unteren Schichten dagegen stagnieren die Einkommen oder gehen gar zurück.
Zwischen Arm und Reich reißt die Kluft immer weiter auf. Wie angespannt die Stimmung bereits ist, hat sich beim Aufruhr um den jüngsten Anstieg der Benzinpreise gezeigt: Mit hektischen Gesetzesinitiativen versuchten Bushs Republikaner, die Wut der Verbraucher zu lindern.
Im November stehen Wahlen für den US-Kongress an. Da mussten Signale her, gerade was die Finanzpolitik angeht, die von dem früheren Eisenbahn-Manager John Snow im US Treasury drei Jahre lang wie von einem farblosen Pressesprecher dirigiert wurde. Der einflusslose Finanzminister wurde abwechselnd von den Demokraten und dem eigentlich Bush-freundlichem "Wall Street Journal" attackiert.
Henry Paulson, 60, ließ sich denn auch längere Zeit umwerben. Es gab Einladungen zum Staatsbankett mit Chinas Präsident Hu Jintao und zum Wochenendbesuch im Weißen Haus. Erst danach sagte er zu, obwohl politisches Engagement bei Goldman Sachs durchaus zum Geschäft gehört.
Ex-Bankchef Jon Corzine ist zurzeit Gouverneur von New Jersey. Der einstige Co-Chairman Robert Rubin wurde in den neunziger Jahren zu Bill Clintons Finanzminister.
Paulson sah sich wohl in die Pflicht genommen. Dennoch war für ihn Vorsicht angebracht. Schließlich ist er seit Jahren der Erste im Washingtoner Machtzirkel, der nicht aus Bushs ideologischem Dunstkreis stammt.
Was aber steht auf der Agenda des Bankers, der Goldman Sachs jahrelang Rekordergebnisse bescherte? Lässt sich einer der mächtigsten Wirtschaftsführer Amerikas überhaupt in den straff geführten Regierungsapparat integrieren?
Selbstverständlich ist Paulson, seit 1974 bei Goldman Sachs, ein entschiedener Verfechter von Freihandel und Globalisierung. Strafzölle gegen chinesische Billigimporte wären für ihn Teufelszeug. Die Abhängigkeit des Dollars von den Chinesen, die Exportschwäche der Vereinigten Staaten, das historisch einmalige Außenhandelsdefizit - all das ist für ihn kein Problem, solange die US-Wirtschaft weiter anzieht und damit auch die Weltkonjunktur in Schwung bleibt. "Das alles ist mir lieber als kein Defizit - und gleichzeitig auch kein Wachstum", sagt Paulson.
Trotzdem dürfte er versuchen, in Bushs Wirtschaftsprogramm ein paar bislang ungewohnte Akzente zu setzen. Schon dass er ein überzeugter Umweltschützer ist, macht ihn rund ums Weiße Haus zur Ausnahmefigur. Erst kürzlich spendete er 100 Millionen Dollar aus seinem auf insgesamt 700 Millionen geschätzten Privatvermögen für den Naturschutz.
"Regierungen haben die Pflicht, das Armutsproblem anzugehen", sagte Paulson im SPIEGEL-Gespräch. In für einen Investmentbanker fast warmherzigen Worten spricht er über Kranken- und Altersversicherung sowie die gesellschaftlichen Schattenseiten der Globalisierung. Das in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" zu besichtigende Elend war für ihn "ein Schock", der ihn sogar nach einer stärkeren Rolle des Staates rufen ließ. So viele Demokraten-Töne hat man in Bushs Nähe lange nicht gehört.
"Wir sprechen hier über die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den Habenichtsen, den Reichen und Armen", sagt er: Da sei in den USA noch viel zu tun. Noch vorigen Dienstag sagte Paulson in Washington, die Vereinigten Staaten müssten nun "Schritte unternehmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten".
Die Analysten seiner eigenen Bank sehen die US-Wirtschaft ohnehin seit einiger Zeit eher kritisch. Sinkendes Verbrauchervertrauen, wachsende Probleme auf dem Immobilienmarkt, das gewaltige Doppel-Defizit - "das Wirtschaftswachstum wird sich deutlich abkühlen", orakelt ein erst eine Woche altes Papier. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 23/2006
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