03.06.2006

TALKSHOWSÖder als Schröder

Unter der Harmonie der Großen Koalition leiden vor allem die politischen TV-Plauderrunden. Wo sich niemand mehr streitet, regiert schnell Langeweile. Deshalb laden Christiansen, Illner, Maischberger und Co. immer seltener Mandatsträger ein.
Nur mal angenommen, Harald Schmidt hätte recht gehabt, als er neulich bei "Sabine Christiansen" diesen einen Satz so locker in die Runde warf. Es war eine Replik auf FDP-Mann Wolfgang Gerhardt, der gerade große Linien gefordert hatte statt des kleinen Karos der Großen Koalition. Er müsse ihn enttäuschen, sagte daraufhin Schmidt: Das Volk wolle nicht nur seine Ruhe und keinen Streit. "Das Volk will auch keine Konzepte." Da lachten alle. Und es klang so befreit, dass fast was dran sein muss.
Eigentlich hätte man das Studio danach auch dichtmachen können. Denn mit diesem einen Satz schien die ganze Wahrheit endlich auf Christiansens Glastischchen zu liegen. Und die Wahrheit lautete: Das alles hier macht keinen Sinn. Geht nach Hause, oder lasst es bleiben! Schaltet ein oder aus! Ist alles egal.
Schmidts Befund jedenfalls ist schlagend. Wenn das Volk klare Konzepte wollte, hätte es vielleicht anders gewählt. Wenn das Volk richtigen Streit wollte und nicht das aktuelle fade Geplänkel, hätte es besser die alte Regierung im Amt gelassen. Nun hat es weder das eine noch das andere bekommen, sondern das große, halbgare Nichts. Und alles ist noch öder als bei Schröder.
Das Volk, das keine Konzepte will, könnte abschalten. Aber das Volk ist nicht allein. Es hat immer noch Sabine Christiansen, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Es hat Frank Plasberg mit "Hart aber fair" vom WDR, "Das Duell" auf N-tv und "Was erlauben Strunz?" auf N24. Und die müssen ihre Sesselchen jede Woche füllen.
Aber mit wem reden? Und worüber? Politiker im Fernsehen sind inzwischen so aufregend wie die Beobachtung trocknender Dispersionsfarbe.
Wo sich vor ein paar Monaten noch Showgrößen wie Joschka Fischer, Friedrich Merz und Guido Westerwelle eifersüchtige Gefechte lieferten, wo Edmund Stoiber aufgeregt stotterte und das Testosteron aus des Kanzlers Anzug zu quellen schien, herrscht nun lähmende Harmonie. Der deutsche Polit-Talk hat sich selbst ad absur-
dum geführt. Mit all seiner TV-gerechten Konfliktgier, seinen ewig gleichen Phrasen und dem manischen Drang, jedes Tabu zu knacken, solange man dafür nicht mehr als 30 Sekunden Sende-/Redezeit braucht, lockte er erst Zuschauer an und stößt sie nun genauso kraftvoll wieder ab. Und beide, Wahlvolk wie Moderatoren, erwischt der große Kater.
Die neue Sachlichkeit ist Gift - auch und vor allem für das unter allen Medien am meisten auf Action und Krawall gebürstete Fernsehen. Talkshow heißt das Genre. Doch die Show ist aus. Zurück bleibt der Talk, der nun oft derart spröde wirkt, dass auch die Quoten zu leiden beginnen.
Zumindest "Sabine Christiansen", die Mutter aller TV-Polit-Runden, merkt das längst. Marktanteil von Juni bis September 2005: 18,0 Prozent. Marktanteil in den vergangenen sechs Monaten: 12,9 Prozent. Polit-Theater ohne Schurken und Helden ist auf Dauer so fesselnd wie Torwandschießen ohne Ball.
"Die Kleinen möchten sich gern mit den Großen streiten. Die Großen möchten sich aber nicht mit ihnen streiten. Sie decken die Streitthemen mit Harmonie zu", sagt Sabine Christiansen. Darum lade ihre Redaktion verstärkt Nichtpolitiker als Gäste ein. "Mehr Politiker bringen nicht unbedingt mehr Erkenntnisgewinn", glaubt die öffentlich-rechtliche Talk-Diva.
Sandra Maischberger hat in ihrem täglichen Talk auf N-tv Hunderte Interviews mit Politikern geführt. Dass sie die Sendereihe kürzlich beendete, hat auch mit dem Ausgang der letzten Bundestagswahl zu tun. Bei einer anderen Konstellation hätte sie womöglich weitergemacht.
So talkt sie nun über andere Themen. In den vergangenen beiden Wochen waren das: "Du sollst den Mann ehren - Kehrt das Patriarchat zurück?" Und: "Freud ist schuld: Schluss mit dem Sexwahn."
Auch bei ihrer verbliebenen "Menschen bei Maischberger"-Runde in der ARD sitzen oft Politiker auf dem Sofa, aber möglichst wenige. Sie setzt nicht mehr auf den Schlagabtausch nach Parteibuch, eher auf skurrile Paarungen. Da sitzt dann etwa Alt-Kommunarde Rainer Langhans neben der traditionsbewussten Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn.
Hauptsache, es kommt nicht zu dieser speziellen Begegnungsroutine, die Politikern so entsetzlich eigen geworden ist, weil sie sich untereinander ohnehin ständig sehen - und alle das Gleiche reden.
"Wir müssen schauen, dass es mehr Arbeit in Deutschland gibt", sagt Saarlands Ministerpräsident Peter Müller in "Berlin Mitte" im ZDF. "Richtig", sagt Moderatorin Maybrit Illner. "Dazu haben wir jetzt ungefähr schon 200 Sendungen gemacht."
Immer die gleichen Leute. Immer dieselben Sprüche. Dabei ist das Klagelied über die Polit-Talkshows nicht mal neu. Im Bauch der Fernsehnation rumpelt und rumort es seit Jahren. Doch statt Langeweile war das vorherrschende Gefühl zuletzt eher die Wut.
Der Kabarettist Georg Schramm hat das im Jahr 2003 versucht zu kanalisieren. Damals ließ er seine Figur des zornigen Rentners Lothar Dombrowski über die "Bühne der Berliner Puppenkiste" schimpfen. Die Politiker würden "in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren". Es sollte ein Einmal-Gag sein für den ARD-"Scheibenwischer". Etwas später nahm Schramm den Satz dann in sein Tourprogramm auf. "Ich habe gespürt, dass die Leute auf diesen Satz gewartet haben. Und für keinen anderen Satz habe ich regelmäßig so viel Begeisterung geerntet wie für diesen", sagt er.
Meist kam er gar nicht bis zum Ende, weil er vom Applaus unterbrochen wurde. Nach der Show bedankten sich die Zuschauer bei ihm. Für diesen einen Satz. Irgendetwas müssen diese ritualisierten Polit-Plauderrunden also an sich haben, das die Zuschauer rasend macht.
Vielleicht sind Politiker und ihre Gastgeber gar nicht so weit voneinander entfernt in diesem Fall. Vielleicht haben Langeweile und Wut einen gemeinsamen Grund. Ein Gefühl der Ohnmacht.
Dazu muss man etwas tiefer in die Befindlichkeit der Fernsehnation eindringen, dorthin, wo es rumort und grummelt. Der Psychologe und Buchautor Stephan Grünewald ("Deutschland auf der Couch") macht das. In seinem Kölner Institut Rheingold führen er und sein Team tiefenpsychologische Interviews mit Konsumenten. Zu einem großen Teil geht es dabei um Fernsehgewohnheiten. Rund 5000 Deutsche werden jährlich befragt. Eineinhalb Stunden dauert so ein Gespräch.
Das hat seinen Grund. In der ersten halben Stunde erzählen die Interviewten nur das sozial Erwünschte. Erst wenn sie allmählich Vertrauen fassen, geben sie auch das persönlich Peinliche preis. Wozu man nachts die Erotikfilmchen tatsächlich nutze zum Beispiel. In diesen Interviews bekommt Grünewald auch heraus, wie das so abläuft, abends im Kopf des Zuschauers bei "Sabine Christiansen" & Co. Sagt er.
Nach politischer Bildung klingt das eher nicht. In den ersten 15 Minuten erwarte
der Zuschauer eine echte Lösung für ein politisches Problem. "Er will den gordischen Knoten tatsächlich lösen. Doch dann geht ihm irgendwann der Faden verloren zwischen Details und Expertenkauderwelsch, und er versteht nichts mehr." Frustriert wechsle der Zuschauer dann sein Interesse und schaue sich "Sabine Christiansen" an wie einen Boxkampf. Er suche sich einen Freund und einen Feind und schaue, wie die sich schlagen.
Doch am Ende der Sendung gebe es ja, anders als beim Sport, niemanden, der zum Sieger des Kampfs erklärt wird. Dann erinnere sich der Zuschauer wieder, weshalb er die Sendung überhaupt gucke. Und aus dem Chaos ziehe er den Schluss: Es gibt keine Lösung. "Also lohnt es sich auch nicht, dass wir überhaupt irgendwas verändern. Alles kann bleiben, wie es ist." Jetzt, da selbst das Entertainment des verbalen Boxkampfs verschwunden ist, bleibt nur noch der Frust. Das Nichtverstehen. Die Öde.
Doch die Polit-Talks reagieren auf die neue Situation seit Monaten mit den alten Reflexen. Wenn sich aus den Plauderrunden überhaupt keine Originalität mehr pressen lässt, werden immer häufiger Einspielfilmchen gezeigt, in denen das Straßenvolk kurz sagen kann, was ihm stinkt. Zur Erhellung trägt das nicht bei. Aber es gäbe eine gute Materialsammlung ab für eine Doktorarbeit über die Deutschen und ihre Ressentiments.
Das ist die Antwort des hiesigen Fernsehjournalismus auf die Große Koalition: Nebenkriegsschauplätze, Scheingefechte, Spiegelfechterei. Wo die Politik den TV-Leuten die Aufreger nicht mehr frei Haus und gut portioniert ins Haus liefert, kommt nicht etwa irgendwer auf die Idee, mal wirklich etwas Neues zu machen. Man hofft einfach weiter.
Zurzeit kracht es gerade ein bisschen in der Großen Koalition, SPD und Union sind sich auch öffentlich ein klein wenig böse. Doch wer glaubt, die Flaute in den Talkshows sei damit passé, könnte sich irren. Weder Mehrwertsteuererhöhung noch Hartz-IV-Krach vermögen das Fernsehvolk zu elektrisieren.
Und die Stimme der Opposition? Ist so leise geworden, dass man ihren Widerspruch kaum hört. Leider zeigt sich, dass dem Fernsehen eine Stimme des Widerspruchs überhaupt fehlt. Anders als in der Tageszeitungslandschaft gibt es im deutschen TV-Journalismus keine Streitkultur, die über das Abfragen von Statements hinausgeht. Es sei denn, man zählte den ritualisierten Ärmelschonerkommentar in den nächtlichen "Tagesthemen" schon dazu.
Die Politik allein jedenfalls liefert die nötige Streitkultur nicht mehr. Sabine Christiansen vermisst "Politiker mit klaren Positionen, um die gerungen wird". Früher habe man auch nur Horst Seehofer gegen Ulla Schmidt stellen müssen und Friedrich Merz gegen Oskar Lafontaine. "Doch wenn heute Herr Beck sagt, wir stehen fest an der Seite der CDU, dann verwischen Konturen bis zur Unkenntlichkeit." Alles richtig, alles wahr. Doch was folgt daraus? Dass man statt dieser Langweiler eben andere einlädt?
Sicher ist, dass es die Politik den Talkshows nicht leicht macht. Die Redaktion von "Sabine Christiansen" etwa hat für diesen Sommer eigentlich mehrere Sendungen im sogenannten Townhall-Format geplant, bei der Politiker quasi mit dem eigenen Wahlvolk konfrontiert werden, ein direkter Schlagabtausch zwischen Volk und Politik gewissermaßen. Doch die angefragten Politiker bis hoch zum Bundespräsidenten hätten fast alle abgesagt. "Die Politik", vermutet man in Christiansens Redaktion, "fürchtet sich davor, mit dem Bürger zusammenzutreffen." Denn da unten, das merken auch sie, scheint etwas zu brodeln.
Man mag die Feigheit vor dem Wähler tadeln. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, Abteilung politische Volksbildung, ist gefesselt in seiner Moderatorenrolle: Wenn sich die Parteien nicht gegenseitig beißen, sieht man erst, wie zahnlos es ist.
Doch das ist kein Gegenentwurf zu einer Regierung, die letztlich auch nur eine Talk-Runde repräsentiert, moderiert eben von Angela Merkel nach dem Motto: Ich glaube, jetzt sollten wir mal Herrn Müntefering zu Wort kommen lassen, und dann ist Herr Glos dran. MARKUS BRAUCK
* Journalist John A. Kantara, Politiker Matthias Platzeck, Daniel Cohn-Bendit und Günther Beckstein am 21. Mai in Berlin.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 23/2006
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