Von Matussek, Matthias
Man kann den Glücksfall, den Heinrich Heine für die deutsche Literatur bedeutet, nicht oft genug feiern. Und was ist besser, als es dadurch zu tun, dass man einen Preis nach ihm benennt. Womöglich macht dieser Einzelgänger dann doch Schule.
Heine war Dichter und Journalist, einer, der genau hinschaute und recherchierte und trotzdem sang. Heine, der Jude, der Außenseiter, der an den Mächtigen vorbei zum Publikum sprach, frivol und witzig und hinreißend einzelgängerisch.
Der Heine-Preis funkelte. Jetzt ist er tot. Die Prozedur gelang ziemlich schnell, mit dem klassischen Dreischritt: Zündung, in Deckung gehen, rums!
Unter Anführung der Kritikerin Sigrid Löffler hatte die Jury den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf an den Dichter Peter Handke vergeben, den einigermaßen leergeschriebenen Klotzfuß deutschsprachiger Rätselhaftigkeit und Inbegriff monumentalster Humorlosigkeit, der sich letzthin als Trauergast am Grabe des Massenmörders Milosevic ins öffentliche Bewusstsein geschoben hat.
Handke, der Anti-Heine, der Klimasturz.
Nach einer ersten verträumten Schockpause hatte es die zu erwartenden Proteste gehagelt. Juror Christoph Stölzl, als Politiker mit Ambitionen zu blitzschnellen opportunistischen Absetzungs- und Umgehungsmanövern bestens in der Lage, distanzierte sich öffentlichkeitswirksam. Auch Historiker Julius H. Schoeps machte sein Votum gegen Handke publik.
Handke, der Publikumsbeschimpfer. Nun wurde er vom Publikum beschimpft, und nicht immer war es Fachpublikum, denn wenn Politiker sich einen Reim auf Dichter und deren Verantwortung machen, dann wird es immer schlimm. Fritz Kuhn rief "schäbig". Fritz Kuhn!
In das anschwellende Geprassel hinein dementierte Handke, irgendwie erschütternd, er habe die Massaker in den Balkan-Kriegen zwischen 1991 und 1995 nie geleugnet und habe Slobodan Milosevic nie als ein Opfer bezeichnet. Die Korrektur war insofern ergreifend, da der Preispott mit 50 000 Euro nicht schlecht dotiert ist und Handke bereits die Hand ausgestreckt hatte, obwohl er zuvor versichert hatte, nie wieder einen Preis anzunehmen. Wie war nun diese Geste wieder zu deuten? Reuig? Oder doch nur finanziell bedürftig?
Politische Irrtümer sind in der deutschen Literatur durchaus keine Seltenheit. Von der Nazi-Begeisterung Benns bis zu Brechts Stalin-Verehrung gab es durchaus enormere Vorbilder.
Deshalb auch eilte Botho Strauß seinem Dichterkollegen zu Hilfe. Gegen das wüste Gemaule mobilisierte er noch einmal die Erinnerung - daran nämlich, dass Handke durchaus als einer der großen Wortzauberer deutscher Sprache gelten kann.
Ganz sicher, es gab Zeiten, in denen man Handke las. Goldene Zeiten, diese siebziger und achtziger Jahre. Da erschienen Bücher wie "Der kurze Brief zum langen Abschied", in denen Sätze standen wie
dieser: "Ich schaute hin und sah einen Schmetterling, der gerade die Flügel zusammenfaltete; zugleich senkte Judith die Wimpern." Was neben allem anderen durchaus auch eines der schönsten Semikolons der deutschsprachigen Literatur enthielt.
Dann gab es Zeiten, in denen Handke weniger gelesen als verehrt wurde. Zeiten, in denen sein Verleger ein Manuskript wie eine Monstranz vorsichtig durchs Wohnzimmer trug und einer zufällig anwesenden Schriftstellerin zuhauchte: "Es ist das Neue. Von Handke."
Schließlich dann Zeiten, in denen Handke nicht mehr verehrt wurde, aber immerhin wieder gelesen, allerdings nur noch kopfschüttelnd. Das waren die Tage seiner Reportagen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den neunziger Jahren, in denen der Dichter in seiner Eigenschaft als "großer Eigenwilliger" mit eigenwilligen Texten zu den Konflikten auf dem Balkan Stellung nahm.
Er schrieb von den ernsten serbischen Menschen und den "andersgelben" Nudelnestern, von den Landschaften, von harter Arbeit und schließlich dem Vernichtungskrieg gegen diese Menschen durch den Rest der Welt. Tatsächlich aber trieben in jenen Tagen, Monaten und Jahren serbische Soldaten und Milizen Tausende zusammen und ermordeten sie, erschossen Oppositionelle, liquidierten Nonkonformisten in den eigenen Reihen (siehe Kasten Seite 142).
Wer als Reporter im Kosovo-Krieg im Tal des Todes stand, nördlich von Skopje, und die von serbischen Milizen Zusammengetriebenen dort im Schlamm sah und die Güterwaggons in der Mitte, diese absolute Endstation des Menschseins, der konnte und kann im sogenannten "poetischen Nonkonformistenton" Handkes nur blasiertes Gewäsch erkennen. Dieser Ton erfordert keinen Mut, sondern eine ganz erhebliche Portion an Kaltschnäuzigkeit und zynischer Provokationslust.
Das alles war bekannt. Es war besonders bekannt durch den erst ein paar Wochen zurückliegenden Auftritt des Dichters am Grabe von Milosevic und die prompt erfolgte Absetzung eines Handke-Stücks in Paris. Klar war: Die öffentliche Person Handke ist kein Dichter, sondern ein politischer Fall.
Natürlich ist es eine Versuchung für jede Kulturbetriebsnudel, so einen zu nominieren. Der Skandal ist garantiert, und jede Menge Geschnatter und Bohei gleich
mit. Sigrid Löffler war zu schwach, um zu widerstehen; sie und weitere.
Natürlich ist der Fall Handke in erster Linie ein Fall Sigrid Löffler und dann ein weiterer Fall in einer Reihe von Juroren-Missgriffen, die ja bekanntermaßen selbst den Nobelpreis nicht auslassen.
Kritikerin Löffler also, die einst als eingeschnappte Handtasche im "Literarischen Quartett" der Gestalt gewordene Vorwurf gegen Altmeister Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek und deren literarischen "Populismus" war, favorisiert eine Literatur der Schwerfälligkeit, der Abwesenheit von Witz, der Langeweile, und besonders gern, wenn sie aus Österreich kommt. Mit einem Wort: Jelinek.
Seit dem Eklat im "Quartett", als sie Reich-Ranicki Sexismus vorwarf und er ihr Prüderie, leitet Löffler das Magazin "Literaturen" und sitzt überdies in diversen Jurys. Sie ist einflussreich. Ihre Vorstellung von Mut ist der literarische Skandal, und damit war Handke die logische Wahl.
Ihr Kulturbegriff ist eine pure Betriebsnudel-Vorstellung, die nichts mit Mut zu tun hat, sondern immer nur mit der Provokation. Es ist immer die gleiche Falle. Der erste Impuls ist natürlich der, dem Nonkonformisten beizuspringen, so lange und ausdauernd, bis er kein Nonkonformist mehr ist, weil er mittlerweile die Mehrheit hinter sich hat. Das Ergebnis dieses Prozesses ist dann der "bejubelte Nonkonformist", der bisweilen auch "Querdenker" genannt wird.
Kabarettisten schwärmen für solche Leute. Oder Wiglaf Droste, der gute alte "taz"-Haudegen, der meistens mit hochrotem Kopf an seinem Stammtisch steht und schwankend rauszukriegen versucht, was nun das Gegenteil zu allem ist, was er bisher gelesen hat.
Das Prinzip Droste ist heute das Mehrheitsprinzip im Kulturbetrieb. In diesem Fall fordert die antizyklische Peilung: für Handke sein, kann auch gern grob sein. Droste also, so wie er, verschwommen, den Fall Handke sieht: "Handke aber fuhr nach Serbien, schrieb nicht die allseits verlangten Gräuelgeschichten, und nach dem Tod von Milosevic sprach er an dessen Grab. Na und?" Platsch.
So ist das mit diesen Preisvergaben. Jeder darf sich erleichtern und riskiert überhaupt nichts dabei. Preisvergaben sind hübsche Gelegenheiten, den Betrieb aufzumischen mit seinem Brimborium aus Ordensketten, Interviews, Festansprachen und möglichen Aberkennungen, Minderheitenvoten, Skandalen. Sie messen die Temperatur. Sie sind Stichworte des nationalen Selbstgesprächs.
Im Büchner-Preis für Benn 1951 wurde der große Dichter in seinen politischen Irrtümern und seinen Halbheiten exkulpiert. In Benn klopfte sich die demoralisierte Nachkriegsgesellschaft selbst auf die Schulter.
Ein erster großer Skandal dann die Zuerkennung und anschließende Wiederaberkennung des Bremer Literaturpreises 1960 an Günter Grass. Der "Blechtrommel"-Autor war beim zweiten Hingucken zu pornografisch, und alle Welt wusste: Dies ist kein Grass-Problem, sondern ein Bremen-Problem. Stürmisch das Toben anlässlich der Verleihung des Goethepreises an Ernst Jünger 1982. Die Konservativen von der CDU fanden Jünger einen jugendverderbenden Kiffer, und die Grünen um Jutta Ditfurth sahen in ihm einen "Träger des Nationalsozialismus". Für alle aber war er ein herrlicher Anlass, politisch Krach zu schlagen.
So was geschieht auch gern mit Verzögerung, denn es dauert bisweilen, bis die Skandalsucht Betriebstemperatur hat. Martin Walsers Friedenspreisrede 1998, in der er von der Instrumentalisierung Auschwitz' als "Moralkeule" sprach, war von Rhetorik-Professor Walter Jens in Aufbau und argumentativem Ebenmaß bewundert worden, bevor sie allgemeine Empörungsstürme auslöste.
Das Totaldesaster des Heine-Preises 2006 ist immerhin ein guter Anlass, ein paar Fragen zu stellen.
Erstens: Warum hat man den Preis nicht an eine Person verliehen, die, wie Heine, nicht nur als brillante Erzählerin bekannt ist, sondern auch als Journalistin, die recherchieren kann und im Prinzip eher auf der Seite der Unterdrückten zu finden ist - nämlich an die Jüdin Irene Dische?
Zweitens: Wann endlich werden die Durchstechereien und Schiebungen unserer Betriebsnudel-Jurys mal ganz aufgedeckt und transparent gemacht, welche Kritiker welchen Freunden welche Preise zugeschoben haben, durchaus unter Einbeziehung Österreichs samt Löffler, Jelinek und Handke?
Drittens: Warum kann wahrscheinlich wieder mal kaum einer aus der Jury ein Heine-Gedicht auswendig?
Jetzt aber muss nach vorn gedacht werden. Der Heine-Preis ist nicht durch Handke beschädigt worden, sondern durch jene, die ihn benutzten, um sich selbst zu profilieren, entweder als Königsmacher oder als Königsmörder.
Nicht der Dichter hat hier Schiffbruch erlitten, sondern die Betriebsnudeln. Als Wiedergutmachung sollten sie schweigen. Für mindestens ein Jahr. Und keinen Jurys beisitzen. Und das ist für sie die wohl härteste Bestrafung, die es nur geben kann.
Und das Geld? Wie wäre es mit einer Spende für die Opfer des Milosevic-Regimes?
DER SPIEGEL 23/2006
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