03.06.2006

Wegweiser ins Paradies

Archäologen haben in der Osttürkei Spuren einer 11 000 Jahre alten „goldenen Epoche“ der Steinzeit entdeckt. Gazellenjäger schufen dort mächtige Schlangentempel und lebten wie im Garten Eden. Der Verdacht: Adam gab es wirklich, im Gleichnis vom Sündenfall steckt ein wahrer Kern.
Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden, gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein." So harmlos beginnt die Geschichte. Lauschig sitzen Adam und Eva in einem Park, umgeben von Bäumen, "verlockend anzusehen". Es ist der Anbeginn aller Tage.
"Garten der Freude" hat das Mittelalter die Heimstatt der ersten Menschen genannt. Bei Dürer und Rubens turnen sie nackt und proper durch blumiges Gelände "und schämten sich nicht".
Ungeheure Wirkung erzielte die Schöpfungsgeschichte, es ist ein Kerntext der Christenheit. Die Kelten hatten Avalon, den Apfelgarten, die Griechen die Inseln der Seligen. Aber nur in Eden sind Sexualität und Geist so schuldhaft verstrickt.
Denn die Sache geht schlimm aus: Verführt durch die Schlange, greift die "Männin" (Luther) zur verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Das Obst macht die Esser "klug" und neugierig ("und beiden wurden die Augen aufgetan") - aber auch lüstern.
Als Gott die Fehltat bemerkt, wirft er die beiden Sünder hinaus. So ungeheuerlich ist ihr Verbrechen, dass es sich wie eine ansteckende Krankheit auf alle Nachkommen überträgt. Der Mensch ist für immer unrein geworden - so jedenfalls sah es der Apostel Paulus, der um 50 nach Christus die Theorie der Erbsünde entwarf.
Nur 50 Zeilen umfasst der gleichnishafte Bericht über das Paradies. Trotz abnehmender Bibelfestigkeit kennt ihn immer noch jedes Kind. Doch was bedeutet er?
Philosophen haben ihn als Mythos vom Erwachen des menschlichen Bewusstseins gedeutet. Sigmund Freud sah darin eine "Massenphantasie von der Kindheit des Einzelnen". Der Tabubruch symbolisiere jenen Entwicklungspunkt des Vierjährigen, an dem "die Scham und die Angst erwachen".
Oder ist alles ganz anders? Verbirgt sich hinter der Geschichte aus der Genesis eine historische Botschaft? Enthält sie einen steinzeitlichen Faktenkern?
Eine erstaunliche Debatte ist da im Gange. Geologen und Klimaexperten, die sich vom Offenbarungscharakter der "Urkunde Gottes" nicht schrecken lassen,
glauben: Das Paradies hat Koordinaten, es war ein realer Ort, und das Alte Testament enthält den Wegweiser dorthin.
Vor allem die Erforscher der Jungsteinzeit (12 000 bis 4000 vor Christus) hegen den Verdacht, dass die Erzählung aus dem Ersten Buch Mose ("Genesis") eine reale Basis hat.
Der Grund: Leitmotivisch zieht sich das Thema Feldbau durch die biblische Urgeschichte. Aus "Erde vom Acker" formt Gott den ersten Menschen. Nach der Vertreibung aus Eden muss Adam im Schweiße seines Angesichts "das Kraut auf dem Felde" essen. Sein Sohn Kain wird Bauer, Abel ist der erste Viehzüchter.
Deren tödlicher Streit spiegelt Probleme einer neuen Daseinsform, die vor über 10 000 Jahren wirklich den Orient erschütterten: Der Mensch wurde damals sesshaft, er hatte Besitz und Eigentum erfunden. Die Folge: Krieg. Schon die erste Hochkultur der Sumerer war geprägt von blutigen Territorialkämpfen und Sklaverei.
Dass die Heilige Schrift wahre Einsprengsel enthält, ist zudem lange bekannt.
Der Ararat, an dem die Arche Noah strandet, ist ein Berg in der Türkei. Die Mauern von Jericho gab es ebenso wie den Turm zu Babel.
Doch gab es auch das Paradies? Auf den Seychellen wurde es schon vermutet und im Industal. Elmar Buchner, Geologe an der Universität Stuttgart, brachte die Legende jüngst mit dem Klimaumschwung am Ende der letzten Eiszeit zusammen. Eden sei infolge des vielen Schmelzwassers im Persischen Golf versunken.
Weit spannender ist der Vorschlag, den der Brite David Rohl vorgelegt hat. In seinem Bestseller "Legend" (eine deutsche Ausgabe liegt nicht vor) verortet er Adams Wonneland in Nordiran in der Nähe des Urmiasees**. Sumerische Keilschriftarchive
hat der Mann aus London durchstöbert. Er prüfte geografische Hinweise aus der Bibel und fuhr mit dem Jeep bis nach Kurdistan.
Rohl stützt sich bei seiner Fahndung auf die Kapitel zwei und drei der Genesis, die den Garten Eden fast wie ein irdisches Ferienziel behandeln. Himmelsrichtungen werden genannt und umliegende Gebiete. Vier Flüsse entspringen im Paradies. Zwei davon sind Euphrat und Tigris. Sie stecken Rohls Zielkorridor ab.
Und er scheint auf einer heißen Spur zu sein: Ausgerechnet am Oberlauf von Euphrat und Tigris, wo Adam laut Bibel erstmals sein Korn drosch, wurde tatsächlich der Ursprung der Landwirtschaft ausgemacht. Erst in jüngster Zeit haben die Forscher neue entscheidende Einblicke in diese "neolithische Revolution" gewonnen.
Es war das sanft ansteigende Vorland des Taurus- und Zagrosgebirges, im Grenzgebiet zwischen Iran, dem Irak und der Türkei, wo sich vor rund 11 000 Jahren der kulturelle Umsturz vollzog. Homo sapiens, bis dahin Nomade und Wildbeuter, legte die Jagdwaffen weg.
Über eine Million Jahre lang hatte der Mensch bis dahin Großwild, vor allem Waldelefanten und Flusspferde, getötet und sich von deren Fleisch ernährt. Er lauerte im Unterholz, ein Nomade - und Raubtier.
Nun plötzlich begann er damit, Schafe und Ziegen in Pferche zu sperren (um 8400 vor Christus) und Schweine zu züchten. Er erfand Bett und Hütte, den Kochtopf aus Keramik (um 7000 vor Christus) und aß zum ersten Mal Schleim aus selbstgeerntetem Getreide.
Wo genau dieser Wandel einsetzte, wo mithin die erste Kornkammer der Menschheit lag, konnten Biologen vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln ermitteln. Sie verglichen das Erbgut von 68 modernen Einkornsorten und führten es auf einen gemeinsamen Urhalm zurück.
Die Wildpflanze, gleichsam der Ahnherr allen Getreides, wächst noch heute an den Hängen des erloschenen Vulkans Karacadag (siehe Karte). Wenn Adam wirklich als Erster Mehlspeisen aß, dann also hier.
Aber auch im Detail stimmt die Geschichte vom Sündenfall gut mit den wahren Geschehnissen überein. Erst die neuen Grabungen in Syrien und der Türkei zeigen, in welchen Schritten sich die Sesshaftwerdung vollzog:
* Noch um 10 000 vor Christus lebten die Wildbeuter des "Fruchtbaren Halbmonds" in einer reichgesegneten Natur. Üppig wucherte das Gras, es gab riesige Tierherden.
* Um 7500 vor Christus erschöpften sich jäh die Wildbestände. Danach erst schlossen sich die Menschen, vom Hunger gezwungen, in Dörfern zusammen und begannen die harte Fron des Feldbaus.
Vor allem in dieser Übergangszeit kam es offenbar zu Nahrungskrisen und Hungersnöten. Die Leute mussten ihren Alltag komplett umstellen. Überall taten sich dabei Probleme auf. Brot zum Beispiel ist zwar nahrhaft, doch von der Aussaat bis zum Backen sind rund 40 Arbeitsschritte nötig.
Alles musste erlernt, erfunden, ausgetüftelt werden. Mit knurrendem Magen begann ein Zeitalter der Innovationen.
Mit Feuersteinsicheln, deren Griff mit Asphalt verklebt war, kappten die Bauern die Halme und droschen die Körner aus den Ähren. Frauen zerraspelten auf Knien hockend das Korn auf Mahlsteinen. Die Arbeit war so anstrengend, dass sich dabei ihr Skelett deformierte.
Auch die Viehzucht lief anfangs schlecht. Zwar ließen sich Schafe und Ziegen leicht einfangen, doch die Wildtiere reagierten auf die Gefangenschaft mit einem Schock. Fast alle wurden unfruchtbar. Wer sich dennoch vermehrte, brachte mickrigen Nachwuchs zur Welt.
Der Vergleich der Skelette von steinzeitlichen Jägern und ersten Bauern beweist:
Die frühen Farmer schufteten härter, sie litten häufiger an Krankheiten und starben jünger.
Die Bauern aus dem Urdorf Nevali Çori (um 8500 vor Christus) zeugen von der Mühsal der neuen Lebensform. Ihr Zahnschmelz war schlecht, sie litten an Blähungen. Denn weil es bei ihnen mit der Getreideernte noch haperte, aßen sie vor allem Erbsen und Linsen.
Wie schön war da doch das alte Jägerleben gewesen! Frei, ungebunden und voller Abenteuer. Gazellen und Wildesel waren einst durch die grünende Flur Obermesopotamiens gestreift. "Die Herden bestanden aus 100 000 und mehr Tieren", sagt der Münchner Paläozoologe Joris Peters.
Wenn die riesigen Rudel die flachen Furten des Euphrat überquerten, traten die Steinzeithorden zum großen Schlachten an. Die neuen Befunde zeigen, dass die Nomaden bereits um 12 000 vor Christus feste Siedlungen errichteten - als Depots für die erbeuteten Fleischmassen, die sie dörrten und einsalzten.
Ein Leben wie im Paradies.
Auch an die wehrhaften Auerochsen wagten sich die Männer heran. Bis zu tausend Kilo wogen die Bullen, deren Hörner wie Flintsteinmesser alles aufschlitzten. Wer sich an solch ein Ungetüm heranpirschte, schwamm in Adrenalin. Umso größer war hernach das Gefühl des Triumphs.
Solch ein Leben, zwischen Grill und Grasbett, hätte der Mensch nie freiwillig aufgegeben. Doch er musste.
Etwa um 7500 vor Christus war in Obermesopotamien das Biotop erschöpft. Nun wurde der Auerochse nicht mehr gejagt, sondern domestiziert. Er schrumpfte sich zum Hausrind mit kaum 1,30 Meter Schulterhöhe klein.
Einen ähnlich krassen Abstieg schildert auch das Alte Testament. Nach der Vertreibung aus dem Garten Eden muss Adam Schwerarbeit leisten. Gott nämlich hat den Acker verflucht: "Dornen und Disteln lässt er dir wachsen."
Gleichwohl mögen viele Kollegen den Bibel-Detektiven nicht folgen. Sie lehnen derlei Indiziensuche schon aus prinzipiellen Erwägungen ab. "Heute wirst du mit mir im Paradies sein", ruft Jesus einem reuigen Mitgekreuzigten zu. Er meinte das Himmelreich, den Ort der Erlösung und des ewigen Heils, wo alle Qualen enden.
Solch einen "Ort des Geistes" auf der Landkarte zu suchen, entrüstet sich der Schweizer Alttestamentler Othmar Keel, sei schlicht albern und zeuge von den materialistischen Verwirrungen der Gegenwart. "Genauso gut könnten Sie versuchen, den Stein der Weisen mineralogisch zu bestimmen."
Sehnsucht nach Ruhe und ewiger Jugend, heißt es, spreche aus dem biblischen Bericht. Luther zufolge kriegte Adam im Paradies "keine Falten". Seinem Leib entströmte ein herrlicher Wohlgeruch.
Auch andere Kulturen kannten solche Orte des Glücks. In Hesiods "goldenem Zeitalter" leben die Menschen "fern von Mühen und Leid". Homer erzählt vom Land der Phäaken. Die Bäume dort, "voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven", trugen rund ums Jahr Früchte.
In der Tat heißt es aufpassen: Jede Menge Krypto-Wissenschaftler und "Die Bibel hat doch recht"-Spinner tummeln sich in der Szene. Unverzagt stöbern sie nach den Planken der Arche Noah. Der Spökenkieker Erich von Däniken hält die Bundeslade für einen Elektroakku.
Doch diesmal liegt der Fall womöglich anders. Denn im bergigen Obermesopotamien, der Getreidewiege, wo auch der Zielkorridor von Rohl liegt, sind weitere Entdeckungen gemacht worden. Das Gebiet enthält die ältesten Tempel der Welt. Es sind megalithische Wunderbauten und Zeugnisse einer bislang kaum bekannten "goldenen Epoche" der Steinzeit.
Objekt des Staunens ist ein kahler Hügel nahe Urfa. Auf seiner Kuppe standen einst dicht an dicht Tempel. 4 davon sind ausgegraben, weitere 16 wurden mit Magnetometern erfasst. Steinpfeiler ragen empor, verziert mit Spinnen, Löwen und Hundertfüßern. Im Schutt liegen die Statue eines Wildschweins und ein großer Menschenkopf.
Der Chefausgräber des monumentalen Göbekli Tepe (deutsch: Nabelberg), der
Berliner Klaus Schmidt, nennt die Anlage ein "Unikat" mit der "architektonischen Wucht von Stonehenge". Der schwerste Pfeiler, 50 Tonnen, liegt noch gefesselt in einem nahen Steinbruch.
"Weltruhm", glaubt Schmidt, werde die Stätte bald erlangen. Denn das eigentlich Erstaunliche ist ihr Alter: Der Sakralplatz wurde vor rund 11 000 Jahren errichtet - von Jägern und Sammlern. Es ist ein Ort des Ursprungs wie das Paradies.
"Bisher dachte man, dass erst die sesshaften Bauern Tempel und feste Siedlungen bauten", erklärt der Experte. Und nun das: 300 bis 500 Steinmetze waren nötig, um diesen düsteren Vatikan zu errichten.
Stelen und Totempfähle schlugen die Arbeiter aus dem Fels. Priester in Tierfellen lebten dort, grell bemalt. In den Rundtempeln loderten Feuer. Als dort die Opferkulte abliefen, gab es auf dem Planeten Erde noch kein einziges Bauerndorf.
In einem Buch hat Schmidt nun Details über die geheimnisvolle Jägerkultur vom Göbekli Tepe vorgelegt*. Die Leute lebten wie im Schlaraffenland, es könnten die Paten von Adam und Eva sein.
Um 9000 vor Christus, als das Heiligtum entstand, wehten in Eurasien nach über 100 000 Jahren Eiszeit endlich wieder milde Winde. Tauwetter war angesagt. Obermesopotamien erwachte aus dem Spätglazial, alles keimte auf, große landschaftliche Gebiete begannen aufzublühen.
Das Volk vom Göbekli jagte vor allem Gazellen; in gutorganisierten Gruppen von
Hunderten Personen trieb es ganze Herden der flinken Paarhufer in die Euphrat-Furten oder in kilometerlange V-förmige Fallen. Tonnen an Fleisch und Fellen wurden so auf einen Schlag erbeutet: genug Nahrung für viele Monate, die die Menschen in großen Fleischhäusern horteten und bewachten - die Urform der Sesshaftigkeit.
Zugleich ersannen die findigen Wildbeuter das erste Kraftmüsli. Begünstigt vom milderen Klima der Nacheiszeit, wuchsen in dem Gebiet große Felder mit Wildgetreide. Geübt in der "weiträumigen Kontrolle der Landschaft", so Schmidt, hätten die Jäger diese Körnerwiesen einfach abgesperrt und gegen "Tierverbiss" geschützt.
Hernach brauchten sie die Felder nur noch abzuernten. Ohne viel Mühe spross dem Steinzeitvolk das Getreide gleichsam in den Mund.
Dieses neolithische Land des Lächelns ähnelt verblüffend der Heimat von Adam und Eva. Zwar haben Dichter und Maler den Garten Eden gern als Urwald und wilde Natur gedeutet, in dem die ersten Menschen nur auf der faulen Haut lagen.
Doch auch im Gottespark wurde gearbeitet, allerdings locker. Ausdrücklich hält Genesis 2,15 fest, dass Adam den Auftrag erhält, Eden "zu bebauen und zu bewahren". Er muss Bäume und Gräser hüten - wie die Getreidepioniere vom Göbekli Tepe.
Hallt da ein Echo nach? Ist das Gleichnis der Bibel eine verschwommene Kunde aus der "goldenen Epoche" der Steinzeit? Stutzig macht vor allem ein Plättchen aus Speckstein, das im Geröll des Bergheiligtums lag. Es ist etwa vier Zentimeter hoch und sieht aus wie eine Erkennungsmarke. Eingraviert sind darauf zwei Symbole: Baum und Schlange.
Und es gibt weitere Parallelen. Bei der Suche nach dem Garten Eden weisen viele Spuren nach Obermesopotamien:
* Im Paradies der Bibel sprudeln Wasserquellen - auch im Taurusgebirge entspringen über ein Dutzend Flüsse.
* Laut Hesekiel 28,14 liegt der Garten Eden auf einem "heiligen Berg" - wie der Göbekli Tepe.
* Die "Geburtsgrotte" Abrahams befindet sich in der Stadt Urfa - kaum zwei Kilometer von dem prähistorischen Sakralberg entfernt.
Immer deutlicher tritt hervor, dass die Landschaft um Urfa ein religiöses Kraftfeld "mit großem mythologischen Gewicht" (Schmidt) war, ein zentrales Gebiet in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation.
Schon in der vorkeramischen Phase der Jungsteinzeit wurde die Abrahamgrotte als heilige Quelle verehrt. Dort kam die älteste Großstatue der Welt zutage. Sie ist knapp zwei Meter groß und stammt wahrscheinlich aus dem 10. Jahrtausend vor Christus.
An dieses glanzvolle Urzentrum des Fortschritts, an dem sich das Schicksal der Menschheit einst in neue Bahnen lenkte, hatten die Juden womöglich noch Jahrtausende später eine vage Erinnerung, als sie die Schöpfungsgeschichte in Worte fassten.
Das biblische Wonneland enthielte demnach eine Erinnerung an die goldene Ära
der letzten Wildbeuter - und deren Abstieg in die Niederungen einer korngestützten Breikultur. Von Barden und Musikanten mündlich überliefert, geriet die Sage nach Sumer und von dort schließlich in die Bibel.
Mit diesem Ansatz, so gewagt er erscheinen mag, eröffnet sich ein frischer Blick auf den wohl wirkmächtigsten Abschnitt des Alten Testaments, oft gerühmt wegen seiner Klarheit, Tiefe und Schönheit.
"Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase", berichtet der Erzähler. Der magische Vorgang steht in deutlicher Analogie zum Tonkneten. In großer Zahl tauchten Lehmfiguren erstmals um 8500 vor Christus in Nevali Çori auf, nur 50 Kilometer vom Göbekli Tepe entfernt.
Anfangs ist Adam solo. "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei", befindet der Allmächtige und lässt sein Ebenbild in Schlaf fallen. Er entnimmt ihm eine Rippe, Baustoff für Eva. Als Adam die Frau zum ersten Mal sieht, stimmt er ein kleines Freudengedicht an: "Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch."
Tiefer Sinn für Liebe und die Zugehörigkeit der Geschlechter spricht aus diesen Zeilen. Der modernen Frauenbewegung gehen sie gleichwohl auf die Nerven. Anders als im ersten Schöpfungsbericht der Bibel ("Gott schuf den Men-
schen zu seinem Bilde und schuf sie als Mann und Weib") ist Eva hier nur ein nachträglicher Einfall Gottes.
Gierig griff der (wegen seiner Lustfeindlichkeit berüchtigte) Apostel Paulus den Gedanken auf. Er nannte die Frau im 1. Korintherbrief "Abglanz" des Mannes, die auch sonst wenig zu melden habe.
Der Verfasser der Genesis ist da viel vorsichtiger: Mit 16 Worten beschreibt er im hebräischen Original die Erschaffung Adams - genauso viele wie bei Eva. Fast scheint es, als hätte der Erzähler einen Lehrgang in "political correctness" absolviert.
Doch leider spielt das Weib auch beim Sündenfall keine rühmliche Rolle. Die Frau ist es, die den Einflüsterungen der listigen Natter erliegt und die verbotene Frucht verspeist. Eine kognitive Explosion ist die Folge: Schlagartig wird der Mensch sich seiner selbst bewusst. Er empfindet Scham und kann jäh moralisch urteilen. Die Frucht, heißt es im Alten Testament, schafft Erkenntnis.
Einige Verirrte haben versucht, das Rätselobst mit der psychedelisch wirkenden Hanfpflanze in Verbindung zu bringen. Das Kifferszenario dürfte ebenso falsch sein wie die Annahme, bei dem Gewächs handele es sich um einen Apfel. Dieses Missverständnis ergab sich erst, als Mönche die lateinische Bibel ins Deutsche übertrugen. Das Wort "malus" kann beides bedeuten: "schlecht" und "Apfelbaum".
Als Gott, der gerade in der Abendkühle durch Eden schlendert, den Tabubruch bemerkt, ist sein Zorn groß. Umgehend wirft er die Schuldigen aus dem Paradies. Dabei handelt er nicht ganz uneigennützig. Er will verhindern, dass seine Geschöpfe auch noch vom anderen verbotenen Stamm, dem "Baum des Lebens", essen. Dieser verleiht Unsterblichkeit.
Edens Pforten schließen sich. Den Eingang bewachen fortan Cherubim mit dem "flammenden, blitzenden Schwert".
Niedergeschrieben hat all dies ein gelehrter Jude, der angeblich um 950 vor Christus als Schreiber am Hof von König Salomo lebte. Der Heidelberger Bibelkundler Bernd-Jörg Diebner dagegen vermutet: "Der geschliffene Text ist die Arbeit eines jüdischen Rabbiners aus dem 2. Jahrhundert vor Christus."
Nur, wo hatte der die Geschichte her? Dass er einen uralten Sagenstrang anzapfte, wird seit langem vermutet. Schnörkellos, wie mit dem Meißel, schreibt er die Eckdaten auf. Phantastisches drängt er zurück, ihm geht es um Schuld und Sühne, um Fragen der Sittlichkeit.
Nur bei den Ortsangaben entwickelt er eine seltsame Detailversessenheit. Der Garten liege im "Osten", berichtet der Autor, und zwar in Eden, womit er eine bestimmte Landschaft meint. Daran grenze ein Gebiet namens "Nod". Vier Flüsse entspringen in Eden. Den Verlauf des Tigris ("fließt östlich von Assyrien") gibt er exakt an. Auch der Euphrat ist bekannt. Doch bei den beiden anderen Strömen, die das liebliche Urland umfließen, gibt es Probleme:
* "Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila, und dort findet man Gold."
* "Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch."
Schon im Altertum wurde versucht, den Sinn dieser Bibelworte zu fassen. Einen ersten Versuch unternahm der Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert. Er deutete den Pischon als Ganges und den Gihon als Nil. Eine klare Zuordnung des Paradieses ergab sich daraus allerdings nicht.
Gleichwohl malten frühe Kartografen das biblische Utopia in ihre Atlanten. Sie glaubten fest ans irdische Paradies. Auf der Ebstorfer Weltkarte etwa prangt Eden als ummauerter Bezirk ganz im Osten. Irgendwo in Richtung Indien oder noch viel weiter sollte das Glücksland liegen.
Dafür gab es vermeintlich gute Gründe. Eine um 1150 verfasste Handschrift wartete mit folgender Geschichte auf: Als Alexander der Große bei seinem antiken Kriegszug einst den Ganges erreichte, versperrte eine gigantische Mauer das andere Ufer. Drei Tage ruderte der König stromaufwärts, bis sich in dem Bollwerk endlich ein Fenster auftat. Daraus blickte ein uralter Mann - und ließ den Feldherrn nicht hinein.
Dass es sich bei dem Pergament, das in Abschriften bald in ganz Europa umlief, um eine Fälschung handelte, kam den Bürgern des Mittelalters nicht in den Sinn.
Selbst Columbus war noch von der Existenz des Paradieses überzeugt. Bei seiner dritten Reise erkundete er im August 1498 die Mündung des Orinoco. Als er dort Indios mit Goldschmuck herumpaddeln sah, hielt er den Regenwaldstrom für den goldführenden Pischon aus Eden.
Dann brach die Suche ab. Zwar brachten Wissenschaftler auch die Peene und die Donau als Paradiesbäche ins Spiel. Doch das bewies nur: Die Fahndung war auf den Hund gekommen.
Erst im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt. Mit Elan waren damals die ersten Archäologen ins Zweistromland eingerückt und auf Zeugnisse einer glänzenden alten Kultur gestoßen. In den Ruinen von Babylon, Ninive und Assur, den frühen Kapitalen des Morgenlandes, taten sich die wahren Wurzeln der Bibel auf.
Die Ausgräber stießen auf steinerne Stiermenschen, die "Karibu". Auf Plaketten sind sie als Wächter des "Lebensbaums" dargestellt - wie die Cherubim aus der Bibel. Selbst ein Urengel kam zutage. Es ist ein bärtiges Männlein mit vier Flügeln, das auf einem 3500 Jahre alten Zylindersiegel prangt.
Beim Durchforsten der erbeuteten Keilschriften ging es dann Schlag auf Schlag weiter. Schon die Zauberwelt des Alten Orients kannte
* einen Gott Enki, der den Menschen aus Ton formen lässt;
* eine Sintflut, die der Held im selbstgebastelten Schiff überlebt;
* das Wort Edin (= Steppe), von dem sich wahrscheinlich das hebräische Wort Eden ableitet.
Geballt treten die Motive im Keilschrift-Epos von König Gilgamesch auf, dessen Ursprünge ins 3. Jahrtausend zurückreichen. Auf der Suche nach dem ewigen Leben erreicht der Held nach langer Fahrt einen wunderschönen Park. Danach erfährt er, wo die Pflanze der Unsterblichkeit wächst. Kaum hat er das Kraut in seinen Besitz gebracht, entwindet es ihm - die Schlange.
Viele Christen empfanden diese Entdeckungen als Schock. Das Alte Testament hatte seinen Offenbarungscharakter verloren. Es war gar kein durch die Wolken gereichtes Gotteswort, wie im Jahr 1902 der Assyrologe Friedrich Delitzsch in einer Rede vortrug. Mose sei vielmehr nur ein "eifriger Kopist" gewesen.
Sogar die Vorbilder von Adam und Eva schienen aus den Trümmern des Orients aufzutauchen. Ein 4000 Jahre altes Rollsiegel (das heute im British Museum von London liegt) zeigt zwei Personen, die neben dem siebenzweigigen Lebensbaum sitzen. Hinter der Frau windet sich eine Schlange. Delitzsch hielt sie für die beiden Pioniere aus der Genesis.
Heute weiß man zwar, dass das "Adamund-Eva-Siegel" ein Heroenpaar darstellt. Gleichwohl gibt es gute Hinweise, dass auch die Legende vom ersten Menschenpaar aus dem Morgenland stammt:
* Das sumerische Wort "ti" bedeutet zugleich Rippe und Leben. Die Erschaffung Evas könnte auf einem Wortspiel in der Urfassung beruhen, die bereits in Israel verlorengegangen war.
* Evas hebräischer Name ("chawwa") heißt übersetzt: "Leben". Diesen Titel trug auch eine Muttergottheit der Sumerer.
Damit stand fest: Die Juden, Mitglieder der semitischen Sprachfamilie, hatten ihre religiösen Stoffe im Zweistromland abgekupfert und - neu gemischt - in ihr Altes Testament eingespeist. Sie waren über eine poetische Nabelschnur mit der frühesten Hochkultur der Erde verbunden. Und deren Wurzeln ragen tief.
Schon um 4000 vor Christus, das wissen die Forscher heute, entstanden am Unterlauf des Euphrat die ersten Städte. Bald gab es über 20 große Siedlungen, bewohnt von kräuselhaarigen Königen, Priestern und Astronomen, die auf hohen Stufentürmen
das Sternenzelt vermaßen. Hier wurde das Bier erfunden, die Schrift, das Rad, das erste Abführmittel.
Mit diesen quirligen Urmetropolen standen die Juden in Verbindung. Hier lebte einst Abraham, bevor er ins Gelobte Land zog. Der israelitische Stamm Benjamin siedelte lange am Oberlauf des Euphrat.
Moritate und Sagen erklangen damals in den engen Gassen der mesopotamischen Lehmstädte. Zu Leiern und langen quäkenden Holzflöten trugen Bänkelsänger ihre Geschichten vor. Viele davon waren schlicht Tatsachen-Storys. Gilgamesch hat wirklich gelebt, Enmerkar, ein anderer Heros, ebenfalls.
Und immer wieder besangen die Sumerer auch ihre alte Heimat. Völlig geklärt ist die Herkunft dieses Gründervolks zwar nicht. Sicher aber ist, dass die Leute aus dem bergigen Norden eingewandert waren. Sie stammten aus dem alten Kerngebiet des Ackerbaus.
In diese Bergwelt hielten sie auch Handelskontakte. Von den frühen Herrschern der einst größten Stadt des Erdenrunds, Uruk, ist bekannt, dass sie um 3000 vor Christus Eselkarawanen mit Nahrungsmitteln Richtung Zagros schickten. Im Gegenzug erhielten sie Metalle und Edelsteine.
Wer hinter die "sieben Berge" zog, wie es in den Keilschriften heißt, gelangte in ein Land mit grünen Tälern, das sich zu immer zackigeren Gipfeln auftürmte. Der schneebedeckte Ararat galt schon in der Steinzeit als Götterthron.
Auch die Sintflut-Sage beruht vielleicht auf einer realen Naturkatastrophe, die sich hoch im Norden ereignete, wo sich der Euphrat zum Teil durch enge Felsschluchten und Canyons windet.
"Ausgelöst durch Erdbeben" sei das Flussbett vor rund 7000 Jahren mehrfach durch Geröll verstopft worden, erklärt der Archäologe Andreas Schachner. Das Wasser staute sich, bis es die Barriere durchbrach. "Flutwellen von 30 Meter Höhe" türmten sich auf. Solche Unglücke fanden - vom Volksmund verbrämt und ausgeschmückt - Eingang ins Schrifttum des Orients.
Aber später erinnerten sich die Sumerer (und mit ihnen die Juden) auch an das längst versunkene Getreide-Dorado vom Göbekli Tepe? Wussten sie noch etwas von ihren Ahnen aus dem zehnten vorchristlichen Jahrtausend, die mutmaßlich Pate standen für Adam und Eva?
Um das zu belegen, bedürfte es festerer Beweisketten: Ortsnamen zum Beispiel und klarer geografischer Indizien.
Aber auch hier tut sich eine spannende Fährte auf. Der britische Paradiesfahnder Rohl konnte zeigen, dass der iranisch-aserbaidschanische Grenzfluss Araks noch in frühislamischer Zeit "Gyhun" hieß - wie der Paradiesfluss Gihon. Und selbst den letzten unbekannten Eden-Strom glaubt der Forscher enttarnt zu haben (siehe Grafik Seite 160).
Schlagartig steht so ein klarumgrenztes Gebiet im Fadenkreuz. Der Bibelspion aus England jedenfalls ist sicher: "paradise found".
Verblüffend daran: Rohls Kompass weist nun noch stärker nach Norden - mitten hinein in die einst von goldenen Ähren strotzenden Hochtäler Kurdistans.
Damit rückt erneut der seltsame Göbekli Tepe in den Brennpunkt der Betrachtung, dieser gewaltige staubige Götterhügel und Ort einer bislang nicht entschlüsselten Religion. Erst fünf Prozent des Heiligtums sind freigelegt. Im September wird der Ausgräber Schmidt mit der nächsten Kampagne beginnen. Vorher ist es zu heiß.
Wer heute die kahlen Bergkuppen der Südosttürkei besucht, mag kaum glauben, dass dort einst Auwälder und Pistazienbäume sprossen. Doch die Jäger vom Göbekli Tepe lebten vor 11 000 Jahren in einer sanften, von Grasland durchzogenen Parklandschaft. Erst Abholzung und Überbeanspruchung des Bodens durch den Feldbau haben das Gelände in eine trostlose Staubhölle verwandelt.
Schmidt ist mittlerweile sicher, dass die Tempel einem Totenkult dienten. Er hält die bis zu sieben Meter hohen T-Kopfpfeiler für stilisierte Darstellungen steinerner menschengestaltiger Wesen. "Auf einigen der Stelen sind Arme eingemeißelt", erklärt
er. Die hammerartige Verdickung oben sei der Kopf.
Fettlampen, in denen kleine Feuer loderten, belegen, dass der Platz auch nachts in Betrieb war. Zum Klang dumpfer Trommeln, umtanzt von Schamanen, so mag man sich den gespenstischen Ritualplatz vorstellen. Seltsame Zeichen, Halbmonde und umgestürzte H sind in die Steine geritzt. Überall prangt bösartiges Getier.
Darunter immer wieder Schlangen. Als Zickzack sind sie eingeritzt. Fast jeder zweite Quader zeigt im Hochrelief das kriechende Reptil. Im Schlangentempel sehen die Tiere wie Blitze aus.
Sicher ist, dass der Kultplatz vom Anbeginn der Zivilisation große Strahlkraft hatte. Wie Stonehenge oder Angkor Vat besaß er ein riesiges Einzugsgebiet. Ähnliche T-Pfeiler, nur kleiner, fanden die Forscher in einem 200 Kilometer großen Umkreis des Heiligtums.
Um all die Schamanen, Steinmetze und herbeiströmenden Wallfahrer verköstigen zu können, experimentierten die Betreiber der religiösen Stätte offenbar mit einer neuen Nahrungsquelle. Sie ernteten im großen Stil wildes Getreide.
Dass die Urfarmer zuerst bescheidene Gärtchen anlegten, wie bislang vermutet, glaubt Schmidt nicht. Vielmehr hätten die Leute von Anbeginn "riesige, von Horizont zu Horizont reichende Flächen ihrer Planung unterworfen" und sie hernach streng bewacht, damit die Halme nicht Opfer grasender Herdentiere wurden.
Vielleicht mit Rasseln und Waffen bewehrt, standen die Aufpasser im Gras. Möglich, dass sie auch Zäune bauten, um Auerochsen, Gazellen oder Wildesel auszusperren. Wie gut das gelang, beweisen Hunderte Reibschalen, die in den Ruinen des Heiligtums lagen. Damit steht fest: Die Jäger vom "Nabelberg" lebten in einer Zwitterstellung zwischen aneignender und produzierender Lebensweise - genau wie Adam und Eva im Garten Eden.
Und der Göbekli Tepe wurde jäh verlassen - ebenso wie das Paradies. Etwa um 7500 vor Christus räumten die Jäger den Hügel und verfüllten die Tempel mit Erdreich. Schmidt spricht von einer "geordneten Bestattung" der Gebäude - als hätte man den Kultplatz für ewig im Gedächtnis behalten wollen. Es war ein Abschied für immer. Eine ganze Menschheitsepoche wurde damals zu Grabe getragen. Die Jäger hatten das Biotop leergeschossen. Es begann der Aufstieg der Bauern.
Zeugnis von den nun einsetzenden dramatischen Umbrüchen legt auch die Siedlung Abu Hureira in Syrien ab. Dort ging die Zahl der erlegten Gazellen um 7500 vor Christus drastisch zurück. An ihre Stelle traten männliche Ziegen und Schafe - ihr Geschlecht ist ein Indiz dafür, dass die Viehzucht begonnen hatte, denn dabei müssen die weiblichen Tiere für den Nachwuchs geschont werden.
Nun erst zwang die Not den Menschen in die Niederungen von Stall und Schweinetrog. In Ali Kosch in Westiran lebten um 7200 vor Christus rund hundert Landwirte in einem schäbigen Hüttendorf und bauten Emmer an. Die Saat für die Felder besorgten sie sich bereits aus der Ferne.
120 Generationen lang, etwa von 9000 bis 6000 vor Christus, dauerte diese brutalste Veränderung, die der Homo sapiens bis dahin durchlaufen hatte. Es wäre ein Wunder, wenn sie in der Bibel kein Echo gefunden hätte.
Denn auch dort sind die Plagen von Aussaat und Ernte drastisch geschildert. "Verflucht sei der Acker um deinetwillen", ruft Gottvater dem gefallenen Adam zu, "mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang."
Gleichwohl hatten die Bauern am Ende die Nase vorn. Ihr Siegeszug war unaufhaltsam. Denn Getreide ist sehr kalorienreich. Wer sesshaft lebt, kann sein Leben auf ein viel breiteres Fundament stellen. Bereits im siebten Jahrtausend vor Christus zogen die frühen Bauern hinab in die fruchtbaren Ebenen am Persischen Golf. Dort erlernten sie die künstliche Bewässerung und leiteten mit Stichkanälen Euphrat-Schlamm auf ihre Felder.
Nun boomte es wirklich. In kurzer Zeit stieg die Bevölkerung rapide an. Das Volk Sumers ballte und staute sich geradezu. Ummauerte Städte entstanden, Rechtssysteme und die Gier nach Besitz und Eigentum.
Der Mensch, eben noch ein sorgloser Naturgesell, hatte seine Unschuld verloren. Er verkam zum Fiesling, der beim Handel betrog und mit dem Nachbarn stritt. Nun waren Gesetze nötig, um Mord und Vergewaltigungen einzudämmen. Die Leute Sumers lebten bereits drangvoll beengt - über sich Könige, die unentwegt grausame Territorialkriege ausfochten.
Schöne neue Zivilisation!
Und wieder scheint die Bibel die Sachlage zu spiegeln. "Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden", heißt es im Alten Testament, sinnt er auf Rache und ertränkt alles. Er schickt die Sintflut.
Auch die beiden Strafen, mit der Gott die Sünderin Eva belegt, passen gut zu den wahren historischen Vorgängen.
Zum einen zwingt er dem Weib Geburtsschmerzen auf - den auch die sumerischen Frauen nun verstärkt erleiden mussten. Sesshaft geworden und gut versorgt, konnten sie fünf und mehr Babys
durchbringen. Sie wurden zu Gebärmaschinen - und starben häufig am Kindbettfieber.
Der andere Fluch des Himmelsvaters ("Dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein") fügt sich ebenfalls ins Bild. Mit dem Aufstieg des - von Männern getragenen - Bauerntums verlor das alte Mutterrecht seine Kraft. In der Architektur siegte der rechte Winkel über die bauchige Form. Selbst die Kinder wurden nun nach dem Vater benannt.
Aus dieser Sicht wirkt die Genesis fast wie ein verschwommenes Stenogramm, als wäre sie eine Flaschenpost von den fernen Gestaden der Zeit.
Doch Unbehagen bleibt. Rund 5000 Jahre Schriftlosigkeit hätte die Erinnerung an das alte Feuerstein-Paradies, die Adams und Evas vom Göbekli Tepe, überwinden müssen, bevor sumerische Schreiber sie frühestens hätten aufzeichnen können.
Der renommierte Religionsforscher und Ägyptologe Jan Assmann aus Heidelberg hält genau das für möglich. Das "kulturelle Gedächtnis" der Menschheit, davon ist er überzeugt, könne nahezu unverändert "über Jahrtausende hinweg" Stoffe speichern und weiterreichen.
Außerordentliche Personen, Helden, großes Leid, Kriege oder Umweltkatastrophen ätzen sich demnach tief in die kollektive Festplatte der Menschheit ein.
In der Tat enthalten die Tontafeln aus dem Zweistromland auch eine Sage, die verdächtige Kunde enthält und womöglich bis ins zehnte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. Es ist das Märchen vom heiligen Berg Du-ku, der Heimat von Schaf und Getreide.
Ackerbau, Viehzucht und Webkunst seien auf dem fernen Gipfel erfunden worden, erzählt die Legende. Dass die Geschichte uralt ist, folgern die Experten aus der Tatsache, dass die dort lebenden Anuna-Götter noch keine individuellen Namen haben. Im 5000 Jahre alten Pantheon der Sumerer stehen sie wie Fremdkörper da, als wären es Götzen aus einer noch weit älteren Epoche.
Der Ausgräber Schmidt, der beim Deutschen Archäologischen Institut in Berlin angestellt ist, wagt viel, wenn er die Du-ku-Sage in seinem neuen Buch nun direkt mit dem türkischen Tempelberg in Verbindung bringt. "Greift das kulturelle Gedächtnis des Alten Orients unerwartet konkret und weit zurück in die neolithische Vergangenheit dieses Raums?", fragt er zögernd. Eine Antwort mag er einstweilen noch nicht geben.
Doch der Verdacht ist in der Welt und eine Brücke über die Jahrtausende zumindest gedanklich geschlagen.
Klar ist: Die Leute vom "Nabelberg" waren echte Titanen und Welterschütterer. In ihrer Bedeutung ist die Erfindung des Ackerbaus nur mit der Nutzbarmachung des Feuers vergleichbar. Das zivilisatorische Beben, das die Helden der Getreidezucht auslösten, könnte als Echo bis ins Jerusalem der biblischen Zeit gerollt sein.
Selbstbewusst pochten die Adams aus Kurdistan vor 11 000 Jahren ans Himmelstor. Sie modelten Pflanzen um und begannen damit, Tiere einzusperren und sie auf mehr Milch- und Fleischertrag zu trimmen. Damit begannen sie eine technische Entwicklung, an deren Ende die totale Unterjochung und Verfügbarmachung der Natur stand.
Ist der "Baum der Erkenntnis" also nur ein Symbol für den Getreidehalm, von dessen Frucht der Mensch am Ende der Eiszeit zu essen lernte und so den Weg ebnete für einen bis heute nicht beendeten Siegeslauf seiner Spezies?
So gesehen wäre auch das Schuldgefühl erklärbar, das Adam und Eva plagt. Wie die Leute vom Göbekli Tepe pfuschten sie dem Herrn ins Handwerk - und entthronten ihn ein Stück weit. Deshalb das schlechte Gewissen.
"Ihr werdet sein wie Gott", hatte die Schlange den Einwohnern Edens geweissagt. In der Realität begann dieser Prozess vor über 10 000 Jahren, als der Mensch zum Agrartechniker und Pflanzenzüchter aufstieg, zum Macher und Schöpfer von Dingen, der sein Schicksal nun selbst in die Hand nahm.
Keine Frage: Im Puzzle vom Adam aus Obermesopotamien passen einige Steine zusammen. Zwischen dem Irak, der Türkei und den Steppen des heute für Archäologen schwer zugänglichen Nordiran wurden einst die Triebfedern für eine gewaltige Entwicklung gespannt. Eine "unbekannte Welt von Skulpturen" habe sich dort aufgetan, erklärt der Ausgräber Schmidt.
Noch liegt eine Decke aus Staub und Geröll auf dieser vergessenen Wiege der Zivilisation. Viele verwitterte Ruinenhügel ziehen sich von Anatolien bis zum Kaspischen Meer. Die meisten sind noch unberührt.
Immerhin: Einen Zipfel des Schleiers haben die Archäologen jetzt gelüftet. Ganz aufgedeckt, könnte er den Blick auf eine phantastische Fährte freigeben: den Weg zum Garten Eden. MATTHIAS SCHULZ
* Altarbild von Michiel Coxcie, 16. Jahrhundert.
** David Rohl: "Legend. The Genesis of Civilisation". Random House, London; 456 Seiten; 20 Pfund.
* Klaus Schmidt: "Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger". Verlag C. H. Beck, München; 284 Seiten; 24,90 Euro.
* Links: niederländisches Gemälde aus dem 16. Jahrhundert; rechts: Buchmalerei aus dem Stundenbuch Ludwigs von Orléans, um 1490.
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 23/2006
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