12.06.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas Lied seines Lebens

Warum ein Japaner seit 1981 vor dem Werkstor singt
Niemand beachtet Tetsuro Tanaka. Die Wachleute des Technologiekonzerns Oki sehen kaum auf, wenn er seinen grauen Motorroller vor dem Fabriktor abstellt. Die Schulkinder, die vorbeilaufen, ignorieren ihn, wenn er sich einen Cowboyhut auf die schulterlangen Haare setzt, einen Mikrofonständer aufbaut und sich seine Gitarre umhängt. Die Arbeiter, die nach und nach durchs Tor strömen, sehen peinlich berührt zur Seite, wenn er zu singen beginnt. Es ist kurz vor acht Uhr morgens in Hachioji, einer Universitätsstadt im Großraum Tokio. Tetsuro Tanaka, 58, steht hier jeden Tag um diese Zeit, eine halbe Stunde lang. Seit ihm vor 25 Jahren gekündigt wurde.
Tetsuro Tanaka singt mit hoher Stimme, leidenschaftlich, wie ein asiatischer Bob Dylan. Es sind Friedenslieder, selbstgedichtet, auf Englisch, damit ihn die Welt versteht. "Isn't it bad to discriminate", singt Tanaka, "isn't it bad to exclude?"
Diskriminiert und ausgeschlossen fühlt sich Tanaka von Oki, einem der größten japanischen Technologieunternehmen, das Drucker und Telekommunikationsgeräte herstellt. Tanakas Kampf gegen Oki begann 1978, als die Firma rund 1300 Mitarbeiter entließ.
Tanaka arbeitete damals als Ingenieur bei Oki. Er montierte integrierte Halbleiterschaltungen, seit neun Jahren, seit dem College. Tanaka war nicht unter den Entlassenen, und eigentlich war er kein Kämpfer, er interessierte sich für Kunst, leitete den Mandolinen-Betriebsclub.
Aber dass die Gewerkschaft nicht gegen die Kündigungen protestierte, konnte er nicht verstehen, schließlich waren die Gefeuerten junge Familienväter wie er selbst. Als die Firma bald darauf von ihren Angestellten verlangte, ihre Loyalität durch gemeinsame Morgengymnastik zu beweisen, blieb Tanaka mit klopfendem Herzen an seinem Schreibtisch. Als Einziger.
Wer nicht mit uns turnt, ist gegen uns, sagte die Firmenleitung. Und wer sich mit Verrätern abgibt, ist selbst einer.
Tanaka bekam immer weniger Arbeit, durfte nur noch anderen assistieren, sein Gehalt wurde gekürzt. Nach und nach verließen die Mandolinenspieler Tanakas Club, und niemand antwortete, wenn er einen guten Morgen wünschte. "Ich würde dich gern zu meiner Hochzeit einladen", sagte ein befreundeter Kollege. "Aber du weißt schon." Als Tanaka für die betriebliche Gewerkschaft kandidierte, wusste er, dass er keine Chance hatte. Natürlich gewannen die Favoriten der Geschäftsführung.
Die Kündigung erhielt Tetsuro Tanaka am 29. Juni 1981. Da war die Firma gerade 100 Jahre alt geworden und Tanaka 33. Er hatte sich geweigert, als er in einen anderen Unternehmenszweig versetzt werden sollte - aus seiner Sicht eine Strafe gegen seine Aufsässigkeit. Am nächsten Morgen stand er das erste Mal vor dem Tor und sang.
Tanaka hatte schon damit gerechnet, dass Oki ihm kündigen würde, und er hatte vorgesorgt und Geld gespart. Seine Söhne waren erst zwei und vier Jahre alt, seine Frau verdiente als Kindergärtnerin nicht genug, um die Familie allein ernähren zu können. Zur Not hätte er eben die Eigentumswohnung verkaufen müssen. Tanaka gab nachmittags Gitarrenunterricht, um sich das morgendliche Singen zu finanzieren, und irgendwann kamen so viele Schüler zu ihm, dass er den Job bei Oki eigentlich nicht mehr gebraucht hätte. Und eigentlich wollte er ihn auch gar nicht mehr.
Ungefähr drei Jahre lang, nahm sich Tanaka vor, wollte er dennoch weiter singen, aus Protest. Vielleicht würde sich Oki ja irgendwann bei ihm entschuldigen und zugeben, die Mitarbeiter eingeschüchtert und schikaniert zu haben.
Die Entschuldigung kam nicht nach 3 Jahren, auch nicht nach 20, sie kam gar nicht, und Tetsuro Tanaka sang weiter. Nebenbei führte er Prozesse gegen Oki, bis zum obersten Gerichtshof, aber die hat er alle verloren. Auch seine Kandidatur für das japanische Oberhaus im Jahr 1992 blieb erfolglos.
Aber immerhin hat Tanakas Gesang die Amtszeit von zwölf japanischen Premierministern, von vier Oki-Vorstandschefs und eines Kaisers überdauert.
Einmal im Jahr hält er eine flammende Rede gegen Diskriminierung bei der Hauptversammlung der Oki-Aktionäre. Sie müssen ihn reinlassen, er hat einen kleinen Anteil an der Firma gekauft.
Jeden dritten Freitag singt er vor dem Oki-Hauptgebäude in Tokio.
Und der 29. eines jeden Monats ist sein "Firing Day", der wird zelebriert. Dann steht er nicht allein vor der Fabrik, sondern mit seinen Anhängern. Mit Oki-Angestellten im Ruhestand, die nicht mehr um ihren Job fürchten müssen. Am Firing Day bauen sie bunte Sonnenschirme und Campingstühle auf und singen fünf Stunden lang, "don't turn your head away from what you see".
Inzwischen hat Tetsuro Tanaka fast 9000 Stunden vor dem Werkstor verbracht. Sein Sieg ist, dass nach ihm kein Oki-Mitarbeiter mehr strafversetzt wurde. Sie wollen keinen zweiten Tanaka riskieren, glaubt er.
Die blau uniformierten Wachleute haben noch nie versucht, ihn fortzuschicken. Das trauen sie sich nicht. Sie sind viel jünger als er. Tanaka war vor ihnen da. KRISTINA ALLGÖWER
Von Kristina Allgöwer

DER SPIEGEL 24/2006
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