12.06.2006

Das Ende der Toleranz

Von Evers, Marco

Fast alle Industrieländer kämpfen mit Rauchverboten gegen die Zigarettenplage. Nur die sonst so gesundheits- und umweltbewussten Deutschen lassen sich weiter vollqualmen. Die falsche Rücksicht auf Raucher und Tabakindustrie kostet Tausende Passivraucher das Leben.

Für die nikotinsüchtigen Schotten ging am Sonntag, dem 26. März, die Welt unter. Da trat um sechs Uhr morgens ein Gesetz in Kraft, von dem viele nicht wussten, wie sie je damit leben sollten: Seither ist ihnen das Rauchen in allen Räumen außerhalb der Privatwohnungen untersagt - in den Pubs, Restaurants und Clubs, in den Büros, Schulen und Krankenhäusern, in Taxis, öffentlichen Toiletten, in den Fahrerkabinen der Lkw. Sogar auf den Bühnen des Landes herrscht striktes Qualmverbot.

Einige Refugien sind geblieben, aber die sind wenig attraktiv. Die Kippen dürfen noch glimmen in Sterbehospizen und Irrenhäusern, in Gefängniszellen und interessanterweise auch an Bord der U-Boote.

Das Leben ohne Dunst ist hart und schön zugleich. Terry Boyle, 26, steht hinter dem Tresen der "Victoria Bar", einer altehrwürdigen Institution in der Innenstadt von Glasgow. Alle Aschenbecher, mehr als drei Dutzend, hat sie einem Bildhauer übergeben, der macht ein Kunstwerk draus. Sie ist froh, dass sie weg sind, sie hat nie geraucht. Bis vor elf Wochen

musste sie sich jede Nacht abschrubben, um den Gestank von Haut und Haar zu kriegen. Oft tat ihr der Hals weh. Aber was sie jetzt auch nicht mag, das sind all die neuen Gerüche in der Bar.

Früher überlagerte der Qualm einfach alles, jetzt riecht sie Schweiß, ungewaschenes Haar, Mundgeruch - und mehr: "Am schlimmsten sind die Guinness-Trinker", sagt Terry Boyle. "Alle zehn Minuten lassen sie einen fahren."

Elisabeth Dunn, 63, raucht seit 47 Jahren, manchmal steht sie dafür sogar nachts auf. Sie hat oft versucht aufzuhören, "aber immer, wenn ich gestresst bin, fange ich wieder an". Im Laufe eines Abends im Pub

hat sie sich früher mindestens zehn Zigaretten angesteckt. Jetzt muss sie jedes Mal vor die Tür. "Da komme ich mit drei aus", erzählt sie freudig und gesteht: "Eigentlich bin ich nicht mehr gegen das Rauchverbot."

Nahe dem Hauptbahnhof dringt harte Musik aus dem "Solid Rock Café". Es ist Freitagnacht. Drinnen feiern die Unter-30-Jährigen: junge Männer mit langen Haaren, junge Frauen mit gepiercten Lippen. Es ist heiß und eng; niemand raucht. Nicht weit entfernt treffen sich Anzugträger zur After-Work-Party im "The Sir John Moore". Auch hier ist alles wie immer. Das Bier fließt in Strömen, Männer brüllen, Frauen giggeln, doch kein Tabak liegt in der Luft. "The Sir John Moore" gehört zur börsennotierten Bar-Kette JD Wetherspoon. Sie hat gerade Mitteilung gemacht, dass das Geschäft in den 38 schottischen Pubs seit dem Rauchverbot glänzend läuft.

Das hat viele überrascht. Die Zigarettenindustrie flüstert den Wirten der Welt seit Jahren ein, dass sie ihren Umsatz nicht werden halten können, wenn sie sich auf ein Rauchverbot einlassen.

Das Gegenteil ist wahr.

Im quirligen West End von Glasgow liegt das "Òran Mór", ehemals eine protestantische Kirche, jetzt Kneipe und Restaurant. Manager Rony Bridges, 52, hasst das Rauchverbot, denn er raucht selbst, und er mag's nicht, wenn ihm die Regierung auf die Pelle rückt. "Es ist mir unangenehm, aber ich muss zugeben: Seit dem 26. März läuft's eindeutig besser." Es wagen sich mehr Leute in die Kneipe, sagt er, sie essen und trinken mehr, sie bleiben länger.

Schottland wacht auf wie aus einem Dornröschenschlaf. Die Tabak-Ächtung hat sogar eine neue Form menschlicher Balz hervorgebracht: "Smirting", die Paarung von "Smoking" und "Flirting". Wer in der

Bar sieht, dass ein fremdes Objekt der Begierde Anstalten macht, zum Rauchen vor die Tür zu verschwinden, der geht wie zufällig gleich mit - und kann draußen mit dem Klassiker "Hast du mal Feuer?" sofort anbändeln. Vor den Kneipen bilden sich oft ganze Smirt-Trauben. "Früher", witzelt Kneipenmanager Bridges, "gab es die Zigarette nach dem Sex. Jetzt gibt es auch die davor."

Jahrelang haben die Schotten um das Rauchverbot gestritten. Nach knapp drei Monaten ist es beliebter als erwartet, Verstöße kommen kaum vor. Schottlands "First Minister" Jack McConnell hatte seinen chronisch kurzlebigen Landsleuten "eine gesündere Zukunft" versprochen, und so, wie es aussieht, werden sie die bekommen. Schon jetzt finden die Nikotinpflaster reißenden Absatz; Tausende wollen von ihrem Laster lassen.

"Traurig" sei das, schimpft der Chef von British American Tobacco (BAT), Jan du Plessis. Der Herr solch glamouröser Marken wie "Lucky Strike", "Dunhill" oder "Pall Mall" findet, das Rauchverbot in öffentlichen Innenräumen sei "eine intolerante und paternalistische Kampagne, Raucher vor sich selbst zu schützen".

Damit muss sich der Mann abfinden, denn die Kampagne der Luft- und Weltverbesserer ist längst nicht am Ende. Bald wird auch die letzte Bar im Vereinten Königreich entnebelt: England und Wales wollen nächstes Jahr das gleiche Gesetz wie in Schottland einführen. Seit langem weist die Stadt London in Stellenanzeigen darauf hin, dass sie nur rauchfreie Arbeitsplätze vergibt.

Mitte April hat der US-Bundesstaat New Jersey alle Zigaretten aus Restaurants und Bars verbannt, Anfang Mai hat Hawaii ein ähnliches Gesetz beschlossen. Ende Mai verschwanden die Aschenbecher in den kanadischen Provinzen Ontario und Quebec, Anfang Juli geschieht das Gleiche im US-Bundesstaat Colorado, Ende Juli in Bill Clintons Heimat Arkansas. Die Nichtraucherzone der Welt wächst derzeit fast im Vierwochentakt.

Während vor den Gerichten immer noch Schadensersatzklagen gegen die Tabakkonzerne um Hunderte Milliarden US-Dollar anhängig sind, haben innerhalb weniger Jahre mindestens 15 US-Bundesstaaten das Rauchen in der Öffentlichkeit drastisch beschränkt.

Am strengsten gehen Kalifornien und New York City vor, da herrscht das Primat der Frischluft oft sogar an Stränden, auf Golfplätzen oder in Parks, in Calabasas nahe Los Angeles überdies auf Bürgersteigen und an Bushaltestellen. Seit kurzem gelten ähnliche Gesetze in Teilen von Australien, in Neuseeland, Kenia, Tansania, Südafrika, in Bangladesh - und sogar auf Fidel Castros Zigarreninsel Kuba. Der Präsident des südamerikanischen Uruguay ist nebenher Onkologe, und darum war es ihm eine Herzenssache, öffentliches Rauchen seit dem 1. Februar untersagt zu haben.

Der Weltkrieg gegen die Zigaretten hat auch Europa voll erfasst:

* Seit April 2004 darf kein Dunst mehr durch die Pubs von Irland wabern, alle Arbeitsplätze sind strikt rauchfrei; wer es trotzdem tut, dem drohen Bußgelder von bis zu 3000 Euro. Das Verbot hatte breite Unterstützung in Umfragen, Politik und Gewerkschaften.

* Seit Januar 2005 trinken die Italiener ihren Espresso ohne Qualm. Rauchverbote gelten neuerdings auch in Norwegen, Schweden, Spanien, auf Malta, in Mazedonien und der Ukraine.

* Ab Juli werden alle Restaurants von Lettland rauchfrei sein, später auch die von Dänemark, Belgien und Portugal. Bis Ende des Jahres will Frankreichs Präsident Jacques Chirac ein Gesetz vorlegen über ein Rauchverbot an allen öffentlichen Orten, ein ähnliches berät die Türkei, und die Konservativen in der neuen tschechischen Regierung wünschen sich ebenfalls eines herbei.

Kein Zweifel: Der Zeitgeist ist ein Nichtraucher. Nur ein Land lässt sich von alledem nicht beirren. Deutschland bleibt das Raucherparadies für die einen, für die anderen die ewig miefende Dunstglocke von etwa 22 Millionen Rauchern und bis zu 60 Millionen Passivrauchern. Das Ersterlebnis frischer Luft in der Gastronomie dürfte für viele Deutsche von nun an zu den eindrucksvollsten Urlaubserfahrungen gehören.

Deutschland wird zur Insel. Hier allein sind noch die Litfaßsäulen voller Zigarettenwerbung, die Straßen voller Zigarettenautomaten, die Kneipentische voller Aschenbecher - und die Menschen voller Arglosigkeit angesichts einer Suchtdroge, die allein in diesem Land jedes Jahr bis zu 140 000 Menschen tötet, weit mehr als Alkohol, Aids, Heroin und Straßenverkehr zusammen.

Das Einstiegsalter in die Zigarettensucht ist stetig gesunken - auf jetzt nur

noch 11,6 Jahre. Nur jeder zweite erwachsene Raucher kommt davon jemals wieder los. Nichtrauchen ist besonders schwer in einem Land, das Rauchen so leicht macht.

Die deutsche Bahn ist eine der letzten in Europa, die in ihren Fernzügen das Rauchen gestatten; im Gegensatz zu Frankreich, Italien, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Norwegen und Schweden. In Deutschland jedoch ist jeder fünfte ICE-Platz für Raucher reserviert, und das soll auch so bleiben, "denn wir wollen die Raucher ja nicht an den Pkw verlieren", sagt Bahnsprecher Achim Stauß.

Wer öfter Bahn fährt, der weiß: Besonders dicht ist der Qualm im Bistro. Manchen Reisenden treibt er sogar Tränen in die Augen. Stauß kennt das Problem ("manchmal etwas verräuchert"), aber es sei halb so schlimm, denn "es ist ja niemand gezwungen, sich da aufzuhalten".

Es wird tatsächlich niemand gezwungen, Kneipen zu besuchen, im Restaurant zu essen, tanzen zu gehen, Livemusik zu hören. Aber es wird ja auch niemand gezwungen, dort zu rauchen. Die Leute rauchen, weil sie dürfen. Doch warum dürfen sie?

Das ist hierzulande eine hochgradig emotionalisierende Frage: Weshalb gehört alle Luft in Innenräumen wie selbstverständlich den Emittenten der schädlichsten bekannten Wohnraumgifte?

Wie dreckig die Luft etwa an Bord der Bahn-Bistros tatsächlich ist, ahnen nur wenige. Am 16. Oktober vergangenen Jahres sind Tester des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) mit einem Messgerät im IC 2013 von Köln nach Heidelberg gefahren. Was sie auf der fast dreistündigen Fahrt ermittelten, ist blamabel für die Bahn.

Schon Nichtraucherabteile wiesen eine erhöhte Belastung mit Feinstäuben aus Zigarettenrauch auf. Die sind deswegen so gefährlich, weil sie so fein sind, dass sie auch in die Lungenbläschen eindringen und dort über Jahre verbleiben können. Viele dieser Feinstäube gelten als hochgradig krebserregend. Deshalb können Toxikologen auch keine Dosisgrenze angeben, unterhalb deren die Feinstäube keine Gesundheitsgefahr darstellen. Muffig war die Luft sogar im Nichtraucherabteil; achtfach schmutziger aber waren die Raucherabteile, und gleich als zwölffach verdreckter erwies sich die Luft im Bistro. Sie war so mies, sagt Martina Pötschke-Langer vom DKFZ, "dass ein Industriebetrieb mit solchen Messwerten sofort geschlossen werden müsste".

Der Harvard-Professor Gregory Connolly hat die Luft studiert in 128 Irish Pubs aus 15 Ländern. Die rauchfreien Pubs von Irland erwiesen sich tatsächlich als sauber, in den Raucherstaaten aber war die Luft schwer kontaminiert. Die Konzentration der lungengängigen Feinstaub-Partikel lag in den Qualmpubs im Schnitt fast 15fach höher. Eine Kneipe im französischen Lyon errang den Spitzenwert: Sie war 45-mal schmutziger als die Frischluft-Bars.

Lüften hilft da wenig: Die Feinstaub-Partikel lagern sich an Wände, Teppiche und Möbel und schwirren dann erst nach und nach durch die Luft. Darum sind selbst Räume belastet, in denen im Augenblick nicht mehr geraucht wird. Auch Ventilatoren sind Studien zufolge kaum ein Gewinn: Selbst die stärksten können in einem Raucherraum niemals für unbelastete und unbedenkliche Luft sorgen.

Außerhalb Deutschlands haben aufgeklärte Nichtraucher keine Lust mehr, sich auf diese Weise vergiften zu lassen. Gegen alle Widerstände jagen sie den Rauchern die Lufthoheit über die Innenräume wieder ab. In Deutschland jedoch bemäkeln sogar viele Nichtraucher so ein Vorgehen als "zu radikal", "typisch amerikanisch" oder gar als "hysterisch". Raucher, so ist hier oft zu hören, hätten ein Recht auf Rücksichtnahme und Toleranz; Rauchen sei ein Bürgerrecht.

Kaum jemand fragt: Warum eigentlich?

Damit das so bleibt, investieren die Tabakkonzerne und ihre Lobbyisten Millionen in Imagekampagnen, in Auftragsstudien und in den direkten Kontakt mit Abgeordneten, Ministern und Kanzlern. In Deutschland haben die Zigarettenindustrie und ihre Lobbyisten seit mehr als 30 Jahren mehr Einfluss auf die gesellschaftliche Elite und auf Politiker als in jedem anderen Land der Welt. "Die Gesundheitspolitik wird in Deutschland bis zum heutigen Tag von den Interessen der Tabakindustrie dominiert", resümiert eine aktuelle Studie der University of California in San Francisco (siehe Seite 74).

Für ein Rauchverbot in Kneipen und Restaurants, so das Resultat einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des SPIEGEL, sind 44 Prozent der Deutschen. Zwei Drittel von ihnen würden ein kategorisches Rauchverbot am Arbeitsplatz begrüßen.

Der Heidelberger SPD-Abgeordnete Lothar Binding war vor Monaten zu Gast beim Deutschen Krebsforschungszentrum. Dort hat er eine Studie über die Gefahren des Passivrauchens mitgenommen und sie erst einmal ad acta gelegt. Irgendwann stöberte er dann doch darin - und war so alarmiert, dass er gleich bei seinem Fraktionschef Peter Struck vorsprach.

Jetzt will Binding einen Gruppenantrag aller Fraktionen einbringen, um die Deutschen vom "Zwang zum Passivrauchen" zu befreien. Vom 1. Januar 2007 an könnte das Rauchen in allen Räumen mit Publikumsverkehr untersagt sein, in der Bahn ebenso wie in der Bar - wenn Bindings Entwurf eine Mehrheit fände.

Aber danach sieht es nicht aus. Grüne und Linkspartei sind dafür, die FDP nicht, und die Regierungsfraktionen sind gespalten. Pfeifenraucher Struck jedenfalls hat vergangene Woche schon angekündigt, dagegen zu stimmen. Und auch Wolfgang Bosbach, der Fraktionsvize der CDU, findet den Vorstoß unsinnig. Er fürchtet, dass dann "eine neue Behörde darauf achten müsste, ob ein solches Antirauchergesetz auch eingehalten wird".

In der deutschen Tabakokratie ist noch jeder gescheitert, der Nichtraucher auf internationalem Niveau schützen wollte. Es werde doch längst genug getan, beschwichtigen die Herrschenden gern. Und dann verweisen sie auf eine Wischiwaschi-Vereinbarung mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Freiwillig sollen demnach manche größere Restaurants ab März 2008 die Hälfte ihrer Stühle für Nichtraucher reservieren - auch wenn Nichtrauchertische in Raucherlokalen fast so albern sind, wie es Nichtrauchertische in ICE-Bistros wären. Und in kleineren Betrieben, in den Kneipen und Discos soll ohnehin alles weitergehen wie bisher.

Es ist bizarr: In dem Land, das so stolz ist auf seine sauberen Schornsteine, findet der Wunsch nach gleichermaßen ungefährlicher Innenluft keine Mehrheit. Acrylamid im Kartoffelchip verursacht äußerste Empörung - Formaldehyd in der Kneipe nicht. Nikotin im Frühstücksei ist ein Politikum - Nikotin im Frühstücksraum eine Bagatelle. Politiker fordern Fahrverbote aus Angst vor Feinstaub in den Innenstädten, aber Rauchverbote in den staubigsten Gaststätten halten sie für übertrieben. Und es gibt sogar Raucher, die Gummibärchen meiden aus Furcht vor chemischen Farbstoffen.

So verquer ist das Denken im Nebelstaat Deutschland. Über die ergonomischen Details von Bildschirmarbeitsplätzen können Gewerkschafter stundenlang reden; doch die Luft vor den Schirmen interessiert sie nicht. "Wir sind noch dabei, uns zu positionieren", sagt Jürgen Sendler, Experte für Sozialpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund. "Verglichen mit der Gesundheitspolitik ist das ein etwas kleineres Thema."

Nicht einmal die Gewerkschaft "Nahrung Genuss Gaststätten" (NGG) findet, dass sie - wie ihre Pendants in anderen Ländern - für die Atemluft der Beschäftigten in Kneipen und Restaurants in den Kampf ziehen müsste. Beschwerden von Mitgliedern gebe es nicht, sagt NGG-Sprecherin Karin Vladimirov, ohnehin rauchten die meisten selbst. Neue Gesetze seien auch nicht nötig, denn "die Leute, die da arbeiten, wissen ja, worauf sie sich einlassen".

Die Gewerkschaft "Erziehung und Wissenschaft" (GEW) hat Meinungen zur Schuluniform, zum Ehegattensplitting und zum Lärmpegel in den Schulklassen, aber sie hat keine Position zur Frage, ob Schulen rauchfreie Zonen sein sollten. Vorbildfunktion hin oder her - zu viele ihrer Mitglieder möchten nicht verzichten auf den Pausendunst. Immerhin haben bereits acht Bundesländer das Rauchen an den Schulen verboten. Die Lehrer dort müssen jetzt wie die Schüler zum Qualmen das Schulgelände verlassen; tun sie's nicht, drohen Disziplinarverfahren.

Mehr als 2200 Kliniken gibt es in Deutschland. Nur etwa 50 von ihnen haben sich dem "Netz rauchfreier Krankenhäuser" angeschlossen. In den übrigen Hospitälern rauchen Ärzte, Schwestern und Pfleger oft noch ungeniert in ihren Aufenthaltsräumen, während nikotinabhängige Patienten nicht selten in Morgenmänteln bei Regen und Kälte vor den Türen stehen - darunter manchmal sogar solche, denen gerade ein Raucherbein amputiert worden ist.

Zigarettenhersteller gelten Deutschlands Mächtigen immer noch als ehrenhafte Leute mit legitimen Interessen, anders als in den USA oder Großbritannien, wo Tabakvertreter oft wie aussätzig sind. "Mit dieser Mörderbande diskutiere ich nicht", hat einst Everett Koop gesagt, damals der oberste Gesundheitsbeamte der USA.

Zigaretten machen süchtig, Süchtige haben keine Wahl, ob sie rauchen oder nicht; über diese Tatsachen haben oberste Repräsentanten der Tabakindustrie wissentlich gelogen, und das tun sie noch, wenn sie behaupten, dass Rauchen eine bewusste Entscheidung freier Genussmenschen sei.

Doch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber, findet nichts dabei, an PR-Auftritten des "Verbandes der Cigarettenindustrie" (VDC) teilzunehmen. Ebenso wenig stört es ihn, dass "Brot für die Welt" in Zeitschriften für Tabakhändler um Spenden wirbt. Bedenkenlos moderiert der ehemalige "Zeit"-Herausgeber Theo Sommer Veranstaltungen für Tabakkonzerne.

Der "Verband der deutschen Rauchtabakindustrie" nutzte jetzt demonstrativ den "Weltnichtrauchertag" (31. Mai), um einen "kleinen Kreis" in ein feines Etablissement gleich neben dem Brandenburger Tor einzuladen. Gekommen war unter

anderem der Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Ernst Burgbacher. Zur Belustigung der Runde hatten die Tabaklobbyisten den Schauspieler Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") verpflichtet, der dafür zwischen den Gängen bei Zigaretten über den "Stellenwert der Freiheit in Deutschland" faselte. Die Botschaft des Abends war klar: Der Duft der Freiheit riecht nach Tabak.

Für Millionen allerdings ist dieser Qualm alltägliche Qual. Zwar gibt es seit der "Arbeitsstättenverordnung" von 2002 - außerhalb der Gastronomie - das Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz. Wer sich von Rauch gestört fühlt, kann von seinem Chef verlangen, dass das Rauchen aufhört. Aber in der Praxis funktioniert die Regel eher schlecht. Beschwerdeführer gelten leicht als Querulanten, sie laufen Gefahr, von rauchenden Kollegen gemobbt zu werden; und ohnehin sind alle Mühen vergebens, wenn der Chef selbst raucht.

Karin Felix, 57, führt seit 16 Jahren Besucher durch den Reichstag. Auch für sie ist der rauchfreie Arbeitsplatz ein Traum geblieben. Immer muss sie durch die Bundestagsflure hindurch, wo Politiker und Journalisten zusammenstehen und qualmen. Auf den Rauch reagiert sie stark, unter anderem mit Schwindel und juckenden Augen, "das ist, als steckten Sie Ihren Kopf eine halbe Stunde in den Ofen". Karin Felix hat schon Abgeordnete darauf angesprochen, aber festgestellt, dass alle Appelle verhallen: "Das sind Suchtkranke, die können Sie nicht belehren."

"Die Deutschen", urteilt der Tübinger Suchtforscher Anil Batra, "hinken den übrigen europäischen Ländern um Jahre hinterher." Aber über kurz oder lang kämen sie nicht umhin, sich selbst Gesetze zum Nichtraucherschutz anzuschaffen.

In Irland, Großbritannien und den anderen Anti-Tabak-Staaten wird nicht länger diskutiert, ob Raucher das Recht haben, ihr Genussmittel frei zu wählen, selbst wenn sie sich dabei schaden. Die entscheidenden Fragen lauten: Stellt das Rauchen für Umstehende eine bloße Belästigung dar wie lautes Schmatzen oder eine handfeste Körperverletzung? Haben Raucher das Recht, Nichtraucher zu gefährden?

Eine wachsende Zahl von Ländern hat das Fazit Dutzender wissenschaftlicher Studien aus über 25 Jahren anerkannt. Es wird akzeptiert von den maßgeblichen internationalen Fachgesellschaften der Mediziner, von der WHO und offiziell auch von der Bundesrepublik Deutschland. Es lautet: Passivrauchen macht krank und tötet.

Nicht für Deutschland, wohl aber für viele andere Staaten folgt daraus diese Argumentation: Wer zum Mitrauchen gezwungen wird, der erleidet Gewalt. Arbeitnehmer dürfen Passivrauch so wenig ausgesetzt werden wie Asbest. Nicht nur Büromenschen haben ein Anrecht auf saubere Luft bei der Arbeit, sondern auch Kellner und Tresenpersonal. Ihrer Gesundheit wegen darf in Gaststätten nicht mehr geraucht werden.

Der Arbeitsschutz ist derzeit die schärfste Waffe, mit der Regierungen anderswo die Qualmerei in der Öffentlichkeit zurückdrängen. Dahinter steht unverhohlen die erzieherische Absicht, das Rauchen insgesamt aus der Gesellschaft zu verdrängen.

Fünf Millionen ihrer besten Kunden schicken die Tabakunternehmen der Welt jedes Jahr in den Tod. Mindestens die gleiche Anzahl müssen sie jedes Jahr wieder neu rekrutieren, was ihnen am ehesten unter Jugendlichen gelingt. Langsam wird den Regierungen bewusst, dass es nicht ihre Aufgabe ist, dabei mit toleranzfördernden Maßnahmen wie gemütlichen

Raucherzonen zu assistieren. Sogar die EU hat umgelernt: Bisher fördert sie ausgerechnet den Tabakanbau mit jährlich fast einer Milliarde Euro, während sie gleichzeitig für Anti-Nikotin-Kampagnen 72 Millionen Euro ausgibt. Ab 2010 soll Schluss sein mit der Tabaksubvention.

Keine Regierung (außer der des Himalaya-Königreichs Bhutan) kriminalisiert Zigaretten selbst: Raucher dürfen weiterhin rauchen, nur nicht mehr überall. Für alle Staaten ist die Tabaksteuer ein so einträglicher und noch steigerungsfähiger Batzen, dass sie sich generelle Verbote kaum leisten könnten. Die Finanzminister verdienen oft mehr an den Kippen als die Konzerne selbst. Allein die deutschen Nikotinsüchtigen buttern 14,4 Milliarden Euro in die Staatskasse, 5,5 Prozent des Bundeshaushalts, und es wären wohl noch fast zwei Milliarden mehr, wenn nicht mit jeder Steuererhöhung mehr Raucher zu unverzollter Schmuggelware griffen.

Umfragen zufolge ist die Mehrheit der Bevölkerung in den Frischluft-Ländern mit der neuen Situation zufrieden. Und typischerweise steigt die Zustimmung zu den Rauchverboten, je länger sie in Kraft sind.

Drei von vier Neuseeländern sind für die rauchfreien Kneipen. Zu Anfang waren nur 22 Prozent der Raucher dafür - jetzt sind es 48 Prozent. Auch die irischen Raucher haben sich abgefunden: Vor dem Rauchverbot waren 44 Prozent dafür, neun Monate später waren es 67 Prozent.

Rauchverbote steigern zudem die Motivation, mit dem Qualmen aufzuhören. In New York City haben sich seit 2003 mehr als 200 000 Menschen dauerhaft von den Zigaretten verabschiedet. 500 000 Italiener haben das Gleiche getan, seit sie sich in den Bars keine Kippen mehr anstecken dürfen. Als Kalifornien im Jahr 1988 mit den ersten zaghaften Kampagnen gegen die Nikotinsucht begann, rauchten noch 23 Prozent der Erwachsenen. Jetzt ist ihre Zahl auf 14 Prozent gesunken, und sie verringert sich weiter. Die USA verbrauchen noch 378 Milliarden Zigaretten im Jahr - so wenig wie seit 1951 nicht mehr.

Wenn ein Raucher an der Zigarette zieht, entsteht an der Glutspitze bei Temperaturen von etwa 950 Grad Celsius der sogenannte Hauptstromrauch, ein hochkonzentriertes

Gemisch von mehr als 4000 Chemikalien. 40 davon hat die WHO als krebserregend eingestuft, mindestens 20 weitere gelten als möglicherweise krebserregend. Die meisten dieser Stoffe entstehen erst im Moment der Verbrennung.

Nichtraucher im gleichen Raum atmen nicht nur das ein, was der Raucher wieder ausbläst, sondern außerdem noch den mit der Raumluft vermischten "Nebenstromrauch". Das ist das, was einer brennenden Zigarette zwischen zwei Zügen entweicht. Da erreicht die Verbrennungstemperatur nur etwa 500 Grad Celsius, und deshalb ist dieser Rauch toxischer als der des Hauptstroms. Er enthält höhere Mengen an Formaldehyd, Blausäure oder Benzol und bis zu 400-mal mehr von den kanzerogenen Nitrosaminen.

Viele Gifte müssten nicht im Tabak sein, wenn der noch, wie ehedem, ein Naturprodukt wäre. Doch um den Geschmack sanfter zu machen, mischen die Hersteller seit Jahrzehnten Zusätze hinzu wie Zucker, Vanille, Kakao oder Sherry. Für die Konzerne hat sich das gelohnt: "Nur so können auch Kinder Lungenzüge machen", sagt der Stuttgarter Lungenchirurg Thomas Kyriss.

Um die Nachfrage nach Zigaretten zu steigern, geben die Hersteller außerdem Ammoniak oder Harnstoff in den Tabak. Diese Substanzen wirken wie ein Turbo auf die Chemie des Rauchs: Sein pH-Wert steigt, daher absorbiert die Lunge wesentlich mehr Nikotin, es flutet schneller im Gehirn an, und so erlebt der Raucher einen weitaus stärkeren Nikotinflash. Das ist es, was ihn umso gieriger zur nächsten Zigarette greifen lässt.

Dank Ammoniak werden Raucher schneller und stärker süchtig, und nur deswegen, das lässt sich schließen aus internen Dokumenten der Tabakindustrie, ist "Marlboro" in den siebziger Jahren an "Winston" vorbei zur erfolgreichsten Zigarettenmarke aufgestiegen. Der Ammoniak-Trick erlaubt es den Herstellern außerdem, den offiziellen Nikotingehalt der Zigarette zu senken und gleichzeitig mehr Nikotin in das Gehirn des Rauchers zu schwemmen. Der glaubt dann, seine Zigarette sei leichter, dabei ist sie das Gegenteil: eine Nikotinbombe.

In einer Daumenrechnung gehen Forscher davon aus, dass ein Büro-Passivraucher am Tag etwa die gleiche Menge an Schadstoffen aufnimmt wie ein Raucher, der sich täglich eine Zigarette zu Gemüte führt.

Für Kinder und Asthmatiker ist das riskant, für einen gesunden Erwachsenen ist die Gefahr vergleichsweise gering. Doch sie wächst mit der Gesamtdosis. Jeden Tag werden Millionen Menschen in Deutschland über viele Stunden zum Mitrauchen genötigt - und das hat Folgen:

* WHO-Experten haben alle weltweit existenten Studien geprüft und daraufhin Rauch in der Umgebungsluft ausdrücklich als "krebserregend" eingestuft. Nichtraucher, die am Arbeitsplatz Rauch einatmen, haben ein um bis zu 20 Prozent höheres Lungenkrebsrisiko. Die Wahrscheinlichkeit einer Herzkrankheit werde durch das Passivrauchen sogar um 35 Prozent erhöht.

* Forscher um Ulrich Keil von der Universität Münster haben auf Grundlage solcher Risikoanalysen die Zahl der deutschen Passivrauchtoten hochgerechnet. Ihr Ergebnis: 3300 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen des Qualms anderer Leute, die meisten am Herzinfarkt, gefolgt von Schlaganfällen. Etwa 260 Nichtraucher sterben an passivrauchbedingtem Lungenkrebs.

* Konrad Jamrozik von der University of Queensland in Australien ist in seiner Hochrechnung auf jährlich 16 600 tote Passivraucher in der EU gekommen. Auf Deutschland entfallen dabei rund 4000 Tote, auch hier ist dabei der Herzinfarkt der größte Killer.

Der Zigarettenhersteller Philip Morris ("Marlboro") stimmt Behörden mittlerweile zu, die Passivrauchen als todbringend bezeichnen. BAT und Reemtsma ("West", "Peter Stuyvesant") hingegen

ficht das nicht an. Alle existierenden Studien litten unter methodischen Schwächen, behaupten sie. Das Gesundheitsrisiko des Passivrauchens sei äußerst gering - wenn überhaupt bestimmbar.

Doch kein unabhängiger Experte zweifelt mehr an der Gefahr. Selbst im Urin von Säuglingen rauchender Eltern haben Forscher krebserregende Substanzen aus Zigarettenqualm gefunden. Warum also tun sich die Deutschen so schwer, Nichtraucher zu schützen vor dem allgegenwärtigen Qualm?

Ein wichtiger Grund für das Bedürfnis deutscher Politik nach besonderer Toleranz gegenüber Rauchern ist die Last der Vergangenheit. Denn schon einmal war Deutschland Vorreiter auf der Welt in Sachen Nichtraucherschutz. Adolf Hitler aß kein Fleisch, trank keinen Alkohol, und er rauchte nicht.

Zigaretten galten den Nationalsozialisten als Gefährdung des "Volkskörpers", der Wehrfähigkeit, Fruchtbarkeit und Reinheit aller Deutschen. Ganz bewusst trieben sie die Erforschung der Tabakgefahren voran, und die, urteilt der Princeton-Historiker Robert Proctor, "war Weltklasse".

Der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Karl Astel, war Antisemit, SS-Mitglied, "Rassenhygieniker" - und militanter Nichtraucher. Studenten schlug er bisweilen Zigaretten aus dem Mund, bis er die Uni ganz zum Nichtraucher-Gebiet erklärte (was sie übrigens seit 2004 wieder ist). Zigarettenabstinenz hielt Astel für "eine nationalsozialistische Pflicht".

1941 wurde Astel Gründungsdirektor des neuen Wissenschaftlichen Instituts zur Erforschung der Tabakgefahren, des ersten seiner Art weltweit. Hitler höchstselbst steuerte zu dessen Eröffnung 100 000 Reichsmark bei. In einem Telegramm versicherte er die Forscher seiner besten Wünsche "für Ihre Arbeit zur Befreiung der Menschheit von einem ihrer gefährlichsten Gifte". Astel, mitverantwortlich für Morde an Behinderten, Deportationen und Massensterilisierungen, beging 1945 kurz vor Hitler Selbstmord.

Die erste Studie, die jemals auch nach heute gültigen Maßstäben den ursächlichen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs ausleuchtete, war an Astels Institut entstanden und 1943 in der Zeitschrift "Krebsforschung" erschienen. Ihr Ergebnis ist bis heute valide: Das Lungenkrebsrisiko der Raucher liegt 16fach über dem der Abstinenten. Mediziner im "Dritten Reich" waren zugleich die Ersten, die erkannten, dass Nikotin süchtig macht. Überdies stellten sie fest, dass Rauch äußerst schlecht für das Herz ist.

Der Dresdner Mediziner Fritz Lickint hat schon in den späten zwanziger Jahren die Gesundheitsgefahren des Rauchens untersucht. Weil er kein Nationalsozialist war, konnte er unter Hitler nicht in glanzvoller Stellung weiterforschen, aber er blieb am Thema. 1936 hatte er den Begriff "Passivrauchen" geprägt. Er hielt es für extrem schädlich und empfahl, das Rauchen ganz zu bekämpfen. Die deutsche Tabakindustrie wehrte sich gegen solche Anwürfe so, wie sie es heute noch tut: "Unwissenschaftlich" seien die Ergebnisse, die Kritik zeuge von "Fanatismus".

Dennoch setzten die Nazis Stück für Stück Elemente eines modernen Nichtraucherschutzes durch - auch wenn Frontsoldaten mit Zigarettenkontingenten versorgt wurden. Schon 1938 war das Rauchen in vielen Behörden, bei der Post, in den Krankenhäusern und bei der Luftwaffe untersagt. Die Reichsbahn schaffte die ersten Nichtraucher-Waggons an. Im Jahr darauf wurden Zigaretten aus den Büros der NSDAP verbannt. Heinrich Himmler untersagte seinen SS-Offizieren, in Uniform zu rauchen.

Die Tabaksteuer stieg, die Tabakwerbung wurde zum Teil für illegal erklärt, Zigarettenautomaten ebenso, dafür waren auf Plakaten volkserzieherische Sprüche zu lesen, zum Beispiel: "Die deutsche Frau raucht nicht".

Die Tabakpolitik der Nationalsozialisten steckt den Deutschen immer noch in den Knochen. Wenn Hitler von einem Nichtraucher-Volk träumte, ist dann nicht Zigarettenkonsum praktizierter Antifaschismus?

Das war zumindest atmosphärisch einer der Gründe dafür, dass die 68er den Qualm so ganz besonders genossen. Die Selbstgedrehten wurden zum Symbol des Widerstandes gegen das Establishment, Filterzigaretten für Frauen überdies zum Zeichen der Emanzipation. Mit Fluppen im Mund zogen die Aufständischen durch die Straßen, Aschenbecher und Tabak gehörten zur Grundausstattung einer jeden kritischen WG.

Was war die Nachkriegszeit eine schöne Zeit für die Tabakkonzerne! Rauchen wurde sexy, auch durch Schauspielerinnen wie Audrey Hepburn ("Frühstück bei Tiffany"). Wer damals Gäste einlud, reichte zum Dessert höflicherweise auch Zigaretten herum.

Das Wissen, dass Zigaretten Krebs verursachen, war mit den Frischluft-Nazis untergegangen. Britische und amerikanische Forscher brauchten Jahre, um den gleichen Wissensstand zu erreichen. Raucherkinos und Raucherecken auf den Schulhöfen wurden alltäglich. Noch in den achtziger Jahren pafften auch die Politiker und die Stars öffentlich in den Talkshows. Die ganze Welt gehörte den Nachahmern von Humphrey Bogart.

Kettenraucher Bogart ("Chesterfield" ohne Filter) ist selbst 57-jährig an Zigaretten gestorben: Speiseröhrenkrebs. Und die

Liste prominenter Tabakopfer ist lang. Im vergangenen August tötete der Lungenkrebs den SPD-Vordenker Peter Glotz, 66, im Januar den Kosovo-Präsidenten Ibrahim Rugova, 61. Hanns Joachim Friedrichs fand den Rauchertod mit 68 Jahren, Heiner Müller mit 66, Walt Disney mit 65, Gary Cooper mit 60, George Harrison mit 58 und Steve McQueen mit 50. Enrico Caruso, den legendären Tenor, beförderte ein Lungenleiden (zwei Schachteln ägyptischer Zigaretten täglich) schon mit 48 Jahren ins Grab.

Dana Reeve, die Witwe des gelähmten "Superman"-Darstellers Christopher Reeve, starb im März mit 44 Jahren an Lungenkrebs. Geraucht hatte sie nur passiv während vieler Jahre als Barsängerin. Unter der Last der Rauchwaren sind sogar die Vorzeigequalmer der Tabakindustrie in die Knie gegangen. Will Thornbury war der "Camel-Mann", ehe er 1992 mit 56 Jahren an Lungenkrebs verschied. Mit wenig zeitlichem Abstand japsten auch die krebskranken "Marlboro-Männer" David McLean, 73, und Wayne McLaren, 51, ihr Leben aus.

Showmaster Rudi Carrell, 71, hat sich 51 Jahre lang Zigaretten einverleibt, vorzugsweise "Lord Extra", manchmal drei Päckchen am Tag. "Ich wusste, das geht irgendwann schief", hat er kürzlich mit Fistelstimme in seinem letzten großen Interview gesagt. Jetzt liegt er mit Lungenkrebs im Sterben, als Ex-Raucher sozusagen, denn nach dem Diagnoseschock hat er das Rauchen sofort aufgegeben.

Tausende Leidensgenossen hat Carrell in diesem Augenblick allein in Deutschland. Manche der Todkranken qualmen bis zum letzten Tag. Einige von ihnen mögen tatsächlich wie die Tabakindustrie der Meinung sein, dass die Köstlichkeit des Zigarettengenusses auch ein frühes Ende wert ist. Die Übrigen aber dürften Grund haben, sich zu ärgern - über sich selbst und ihre verzerrte Risikowahrnehmung, über die Tabakfirmen, aber auch über eine Gesellschaft, der zum Thema Nikotinsucht nichts einfällt außer Toleranz und Aschenbecher für alle.

Rauchen macht impotent, es lässt die Haut altern, beschleunigt den Alterungsprozess, führt zu herabgesetzter Fruchtbarkeit und verfärbten Zähnen. Mit solchen Botschaften aus aktuellen Studien versuchen Präventivmediziner, Jugendliche davon abzubringen, je damit anzufangen. Denn das Risiko von Lungenkrebs in 20 Jahren kümmere wenige Heranwachsende. "Einer hat mir gesagt: Dann höre ich eben in 19 Jahren auf", berichtet der Saarbrücker Lungenmediziner Gerhard Sybrecht. Das Erlebnis schlechterer Kondition beim Sport beeindrucke Teenies schon eher.

Zwei Eigenschaften der Zigaretten führen dann aber doch viele in Versuchung. Zigaretten sind Teil der Erwachsenenwelt

und daher unweigerlich interessant. Und gerade junge Frauen rauchen, weil sie glauben, damit besser ihr Gewicht kontrollieren zu können. Darum steigt der Anteil der Raucherinnen seit Jahren. Das ist bedenklich, denn zum einen ist es für sie noch schwerer, jemals wieder aufzuhören, außerdem sind sie anfälliger für tabakbedingte Tumoren. Sybrecht hat gerade zwei 38-jährige Schwangere an Lungenkrebs sterben sehen. Beide haben es gerade noch geschafft, ihr Kind zu gebären.

Immerhin ist Rauchen nicht mehr cool, zumindest nicht so richtig. 20 Prozent der Jugendlichen qualmen, was Sabine Bätzing (SPD), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, bereits als Erfolg feiert. Das ist weniger als früher, aber mehr als in anderen Ländern. Vor nachweislich wirksamer Prävention wie in Großbritannien schreckt Bätzing zurück. Dort kostet ein Päckchen "Marlboro" dank der Tabaksteuer allerhand Taschengeld: umgerechnet acht Euro. Und bald werden britische Raucher auf jeder Packung drastische Bilder sehen von Sterbenden, von Teerlungen oder früh verblühten Raucherinnen, ähnlich wie jetzt schon in Kanada, Brasilien oder Thailand.

Deutschland hingegen macht es der Branche leicht, neue Raucher zu gewinnen. Über 600 000 Zigarettenautomaten stehen hier, ihre Dichte ist höher als irgendwo sonst auf Erden. Ausgerechnet im Land des rigiden Ladenschlusses haben sich die Tabakhersteller das Privileg erworben, ihre Produkte 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr verkaufen zu dürfen. Die Deutsche Krebshilfe und viele andere Organisationen verlangen seit Jahren die Ab-

schaffung dieser Automaten, denn an ihnen können sich Kinder und Jugendliche unkontrolliert mit Nikotin versorgen.

Doch so weit will die Regierung nicht gehen. Statt eines Verbots werden bis Anfang 2007 alle Automaten so umgerüstet, dass sie Zigaretten nur hergeben, wenn der Kunde mit einer Geldkarte (einer EC-Karte mit besonderem Chip) Auskunft über sein Alter gegeben hat. Diese Karten soll es nicht für unter 16-Jährige geben, also werde damit eine wichtige Lücke im Abgabeverbot an Jüngere geschlossen, freut sich die Drogenbeauftragte Bätzing.

Viele US-Bundesstaaten haben ihre Altersgrenze für Zigaretten gerade erhöht, von 18 auf 19 Jahre. Portugal will sie von 16 auf 18 Jahre anheben, Großbritannien überlegt sogar, das legale Rauchalter gleich auf 21 Jahre hochzuschrauben, denn wer bis dahin nicht raucht, wird wahrscheinlich auch nicht damit anfangen.

Und sogar in Deutschland regen sich Stimmen, die höhere Altersgrenzen fordern: "Wir unterstützen Gesetze, die den Verkauf von Zigaretten an Personen unter 18 Jahren verbieten." Das schreibt der Zigarettenkonzern Philip Morris auf seiner Homepage.

Ganz ähnlich äußert sich BAT: "Wir sind der Meinung, dass das Mindestalter für den Erwerb von Tabakprodukten überall zumindest 18 Jahre sein sollte." Doch hier stellt sich die Bundesregierung eisern gegen die Konzerne: Gegen alle Widerstände verteidigt sie das Recht der 16-Jährigen auf ihr täglich Nikotin.

Wichtiger noch als strikte Altersgrenzen ist für Martina Pötschke-Langer vom DKFZ ein Tabakwerbeverbot. Mit ihren bunten Plakaten ziele die Branche "direkt ins Herz von Kindern". Außerdem erschwerten sie Rauchern den Ausstieg mit Botschaften wie "Ich rauche gern".

Die Kommission der Europäischen Union hat schon 2003 eine Richtlinie beschlossen, die absolute Werbeverbote für Tabakwaren vorsieht. Alle Mitgliedstaaten haben sie in nationales Gesetz umgewandelt, nur einer nicht: Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel - die bis in die neunziger Jahre hinein selbst ein Päckchen am Tag verqualmte - ignoriert die Tabakrichtlinie ebenso wie zuvor der Zigarrenmann Gerhard Schröder. Vor dem Europäischen Gerichtshof klagt die Bundesrepublik sogar zum wiederholten Mal gegen das Werbeverbot.

"Die deutsche Regierung muss aufwachen und sich den internationalen Anstrengungen gegen das Rauchen anschließen", kommentierte kürzlich entgeistert das britische Medizinerblatt "The Lancet". "Ansonsten macht sie sich mitschuldig am unnötigen Tod vieler Bürger."

Staunen dürften auch die Fußballfans aus aller Welt, die jetzt zu Gast sind bei den Tabakfreunden und so zu Zeugen des unbeugsamen deutschen Rauchwillens werden: In allen Stadien der WM 2006 darf munter geraucht werden.

Die Tabakfestung Deutschland ist ein liberales Land wie sonst keines. Seit Jahren schon ist das Qualmen auf Großveranstaltungen im internationalen Sport untersagt. Bei der WM 2002 in Südkorea und Japan war das Rauchen verboten, und auch Südafrika hat sich bereits festgelegt: Bei der WM 2010 bleiben die Fluppen aus.

Nirgendwo leben mehr Raucher als in China: 360 Millionen. Für sie stellen die 44 Zigarettenfabriken des Landes jedes Jahr fast zwei Billionen Zigaretten her. Die Zahl der Raucher steigt rasant, ebenso die der Rauchtoten, bisher jährlich rund 1,2 Millionen. Nichtraucherschutz spielt bisher so gut wie keine Rolle.

Trotzdem hat sich die Pekinger Führung jetzt zu einer Maßnahme durchgerungen, die der Berliner Republik offenbar schon zu radikal erscheint: Die Olympischen Spiele 2008 werden rauchfrei sein.

MARCO EVERS

* Oben: Schauspielerin Jessica Schwarz, Ex-SPD-Abgeordneter Sigmar Mosdorf mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, Showmaster Rudi Carell; unten: Schauspieler Jan-Josef Liefers und Hannelore Elsner, Schriftsteller Günter Grass, Ex-Tennisstar Boris Becker.

DER SPIEGEL 24/2006
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Das Ende der Toleranz