12.06.2006

ARTENVIELFALTSchwund der Schmetterlinge

Viele Schmetterlingsarten sind vom Aussterben bedroht. In Deutschland haben die Tiere nur eine kleine Lobby, die Engländer hingegen sind ganz verrückt aufs Flügelzählen.
Josef Settele geht auf Tour: mit Frau und Tochter, einmal pro Woche, einen Kilometer. Drei Augenpaare suchen die Umgebung ab, die Käscher sind gezückt. Endlich ein Kohlweißling. "Vier verschiedene Weißlingsarten haben wir bereits gesichtet. Die sind noch relativ häufig, weil sie leicht Nahrung finden", sagt Settele. Er und seine Familie nehmen im zweiten Jahr an der bundesweiten Tagfalterzählung teil.
Knapp 500 Freiwillige haben sich dazu bereiterklärt, einmal wöchentlich auf einem kleinen Terrain die wirbellosen Flattertiere zu zählen. Jeder kann sich an der Aktion beteiligen. Das "Tagfalter-Monitoring" läuft alljährlich von April bis September, organisiert wird es vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ).
Dort arbeitet Settele als Agrarbiologe und Biodiversitätsforscher und ist gespannt auf die ersten Vergleichsergebnisse. Wirklich umfassende Zählungen - wie sie beispielsweise die Vogelkundler schon lange vornehmen - gab es in Deutschland nämlich noch nie.
Dabei tut eine Erfassung Not, und zwar dringend. Denn die Schmetterlinge schwinden, das zeigen Stichproben und Beobachtungen von Experten. Die Falter müssen systematisch gezählt, ihre Bestände jedes Jahr wieder an denselben Orten überprüft werden - nur so lässt sich herausfinden, welche Arten im Niedergang begriffen sind. Vor allem: Wo genau? Und warum?
Dem leicht an seinen namensgebenden Flügelenden erkennbaren Schwalbenschwanz werden die Schmetterlingszähler beim Monitoring wohl häufiger begegnen - er ist einer der wenigen Falter, deren Population derzeit leicht zugenommen hat, was ihm den Titel "Schmetterling des Jahres" eintrug. "Er hat davon profitiert, dass in den Gärten weniger gespritzt wird", erklärt Settele. "Die Raupen fressen nämlich am liebsten Möhrengrün und Dill."
Zwei Drittel der in Deutschland heimischen Tagfalterarten allerdings stehen auf der Roten Liste. Die mit zarten Tupfenreihen geschmückten Ameisenbläulinge etwa oder die in prächtigem Orange, Schwarz und Hellgelb gezeichneten Maivögel taumeln dem Beobachter schon lange nicht mehr alltäglich durchs Blickfeld.
Der Schwund der Schmetterlinge ist ein umfassendes Phänomen, das beweist nun die erste europaweite Erfassung: 576 Tagfalterarten kommen in Europa vor - doch aus einem von zehn Gebieten, in denen sie irgendwann während der letzten 25 Jahre noch flogen, sind sie heute getilgt. Bei Faltern, die offenes Grasland zum Leben brauchen, sind es gar zwei von zehn Gebieten, in denen sie inzwischen fehlen.
Forscher werteten schon vor zwei Jahren im Wissenschaftsmagazin "Science" den Niedergang der Schmetterlinge als Indiz dafür, dass die sechste weltweite Aussterbewelle der Erdgeschichte bereits angerollt sei. "Das ist eine sehr plakative Formulierung", sagt Settele, "aber angesichts des drastischen Rückgangs binnen wirklich kurzer Zeit durchaus gerechtfertigt."
Auslöser für die düstere Prognose war eine britische Studie, die nachgewiesen hatte, dass innerhalb von 20 Jahren die Verbreitung von beinahe drei Vierteln aller in Großbritannien heimischen Tagfalterarten abgenommen hatte.
"Das sind brisante Zahlen", sagt Reinart Feldmann, ebenfalls Wissenschaftler am UFZ. "Es geht ja nicht nur um die Schmetterlinge selbst, sondern darum, dass sie ein Indikator für die Artenvielfalt insgesamt sind." Will heißen: Wo es die Tagfalter dahinrafft, geht es auch mit anderen Insekten bergab; ganze Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Tieren sind damit im Begriff, sich unwiderruflich aufzulösen. Und andersherum: Wer Schmetterlinge schützt, erhält damit indirekt auch all die anderen Arten, die ähnliche Ansprüche an ihren Lebensraum stellen.
Besonders gefährdet sind jene Tagfalter, die sich auf Moore und Marschlandschaften, Trockenrasen oder Waldränder spezialisiert haben - ihre Habitate existieren kaum mehr: Feuchtgebiete wurden trockengelegt, Knicks und Gebüsche aus der
Agrarlandschaft verbannt, Wälder und Wiesen wichen Monokulturen, Wacholder- und Zwergstrauchheiden verbuschen, weil sich die Beweidung nicht mehr lohnt.
Jede Lücke auf der Tafel, die das Aussterben der Schmetterlinge etwa in Düsseldorf dokumentiert (siehe Grafik), symbolisiert einen für die jeweilige Art letztlich tödlichen Eingriff des Menschen. So fehlen dort die weißgebänderten Eisvögel ebenso wie die gesamte Reihe der gepardenartig getupften Perlmutterfalter, deren Raupen sich auf Veilchen spezialisiert haben. "Sie brauchen naturgemäß gestufte, artenreiche Waldränder", sagt Feldmann. Solche Habitate fehlen nicht nur in den Städten. "Fast überall gehen Felder oder Wiesen abrupt über in eine Wand aus hohen Fichten oder Buchen."
Auch töten die Insektizide der Landwirte die Falter, Unkrautvernichtungsmittel rauben den Raupen ihre Futterpflanzen und den Schmetterlingen die Nektarquellen. Zudem verändern Dünger nachhaltig die Flora, und Abgase aus Industrie und dem stetig zunehmenden Straßenverkehr erhöhen überall den Stickstoffeintrag aus der Luft. "Diese unfreiwillige Zusatzdüngung entspricht einer Menge, wie sie früher als Volldüngung für Kartoffelkulturen ausgebracht wurde", rechnet Feldmann vor.
Es wuchern dann schnellwüchsige, stickstoffliebende Pflanzen - die Brennnessel zum Beispiel. Von ihr ernähren sich zwar die Raupen des Kleinen Fuchses und des Tagpfauenauges. Aber die mageren, nährstoffarmen Wiesen mit ihrer für viele Schmetterlinge kostbaren Flora werden zum äußerst raren Biotop. Mit ihnen schwindet zum Beispiel der auffällige Schachbrettfalter.
Generell gilt: Verlierer sind die Spezialisten unter den Tagfaltern, solche, deren Raupen nur auf eine einzige Pflanzenart als Futterquelle angewiesen sind. So wie zwei Spezies der Ameisenbläulinge, die ohne den Großen Wiesenknopf nicht überleben, ein Gewächs mit blutroten Köpfchen. Mäht der Bauer zu früh, vernichtet er mit den Blüten auch den Bläuling.
Doch der hat eine noch prekärere Biologie: Die Raupen lassen sich irgendwann von der Wiesenblume zu Boden plumpsen und sondern ein Sekret ab. Das süße Zeug schmeckt einer ganz bestimmten Ameisenart so lecker, dass deren Mitglieder die Larve adoptieren - sie schleppen das Tier in ihr Nest und laben sich an dem Saft. Im Gegenzug frisst die Raupe sich satt an deren Brut. Alsdann verpuppt sie sich und muss schließlich nur noch eine brenzlige Situation überstehen: nach dem Schlüpfen mit noch knittrigen Flügeln heil aus dem Erdbau zu krabbeln.
Stimmt eine der Voraussetzungen nicht mehr, verschwindet etwa die Ameise, weil ihr das Mikroklima am Boden nicht mehr passt, ist es auch um den Ameisenbläuling geschehen.
Bis 2010 will die Europäische Union den Artenschwund gestoppt haben. Doch wer will das kontrollieren, wenn, wie bisher in Deutschland, die Daten fehlen? Großbritannien zählt seine Buntflügler schon seit 30 Jahren, die Niederlande sind seit 16 Jahren dabei. Weshalb wurden die deutschen Institutionen nicht sofort aktiv, als die erschreckenden Befunde aus Großbritannien vorlagen? "Uns fehlte einfach die Manpower", meint Reinart Feldmann.
Nun aber hoffen die UFZ-Mitarbeiter, bald jene tausend freiwilligen Zähler für die Tagfalter-Inventur begeistern zu können, die nötig wären für eine solide Datenbasis. So viele Beobachter machten in England schon vor 30 Jahren mit beim Monitoring.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo immerhin 185 Tagfalterarten heimisch sind, haben die Briten knapp 60 - aber eine weitaus größere Schmetterlingslobby. Die Schmetterlingsschutzorganisation "Butterfly Conservation" ist mit rund 12 000 Mitgliedern die größte ihrer Art in Europa und hat mit Sir David Attenborough, einem britischen Dokumentarfilmer, einen Präsidenten mit hohem Bekanntheitsgrad und viel Einfluss.
"Bei uns gibt es einen ähnlich massiven Rückgang wie in Großbritannien", vermutet Settele, "aber die Briten hatten im Gegensatz zu uns immer schon ein ausgeprägtes Faible für die Naturbeobachtung."
Die Butterfly Conservation, die eng mit der Behörde für Artenvielfalt zusammenarbeitet, beteiligt sich sogar an der Verleihung eines Preises, des "Marsh Lepidoptera Conservation Award". Der Preisträger des vergangenen Jahres war - das Verteidigungsministerium in London. Die Streitkräfte hatten Teile von Truppenübungsplätzen für Panzer und Soldaten gesperrt, mit Kräutern und Gräsern bepflanzt und somit als Schutzgebiet für Schmetterlinge eingerichtet. In Deutschland undenkbar?
Immerhin könne jeder im Kleinen etwas für die Vielfalt der Tagfalter tun, sagt Biologe Feldmann: "Weg mit dem englischen Rasen im Garten, eine bunte Blumenwiese als Nektarquelle wachsen lassen, nicht düngen, nicht spritzen und statt Thuja-Hecken oder ähnlichen Exoten am besten heimische Pflanzen setzen."
RAFAELA VON BREDOW, LIANE ROTHENBERGER
Von Rafaela von Bredow und Liane Rothenberger

DER SPIEGEL 24/2006
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