19.06.2006

Deutschland, ein Sommermärchen

Von Kurbjuweit, Dirk; Allgöwer, Kristina; Brinkbäumer, Klaus; Buse, Uwe; Feldenkirchen, Markus; Gutsch, Jochen-Martin; Hardinghaus, Barbara; Hoppe, Ralf; Kaiser, Mario; Kneip, Ansbert; Kramer, Jörg; Matussek, Matthias

Wie in einem anderen Land: Hunderttausende in den Stadien, Millionen vor den Fernsehern und auf den Straßen feiern den Fußball und sich selbst - mit mediterranem Frohsinn und unverklemmtem, weltoffenem Patriotismus. Ob sich die Stimmung hält, wenn das Fest vorüber ist?

Das deutsche Idyll sieht derzeit so aus: eine schmale Gasse, Kopfsteinpflaster, Bierbänke, ein großer Flachbildschirm an der Wand eines Fachwerkhauses. Es läuft das Spiel USA gegen Tschechien. Über der Tür hängt ein Schal mit der Aufschrift Deutschland. Dies ist die Kneipe "Pohlmann's" in Königstein im Taunus.

Die Bänke sind gut besetzt. Ein Mann trägt sechs Totenkopfringe an einer Hand. Ein anderer weiß alles über Fußball und wird nicht müde, seiner Frau alles zu erklären. Der Wirt bringt Weizenbier, und wenn er die Flaschen öffnet, krächzt der Flaschenöffner "Tooor". Alle lachen, jedes Mal.

Die Leute, die durch die Gasse zur Burg hinaufgehen, bücken sich, wenn sie den Flachbildschirm passieren, oder werfen schuldbewusste Blicke zu dem Mann mit den sechs Totenkopfringen. Sie wissen, dass es in diesen Tagen auf jede Sekunde Fußball ankommt. Unter einer Bank liegt ein Dalmatiner, die Hunderasse, deren Natur

es ist, die Farben des deutschen Nationaldresses zu tragen. In den Fenstern ringsum hängen deutsche und brasilianische Fahnen.

Als die Nase des Hundes zu zittern beginnt, sagt sein Besitzer: "Gleich fällt ein Tor." Kurz darauf schießt Tomás Rosicky' das 2:0 für Tschechien. Alle klatschen. Der Dalmatiner beruhigt sich. Er versäumt es, das 3:0 von Rosicky' anzukündigen. Die Sonne geht langsam unter, ein schöner Tag.

Fußball herrscht derzeit über nahezu jeden Winkel des Landes. Er besetzt die Köpfe, die Herzen, er macht aus Deutschland ein anderes Land, wie in einem Sommermärchen, ein gebanntes, fröhliches, ein Land unter einem schwarzrotgoldenen Tuch. Seit dem 9. November 1989 hat es keine größere Party gegeben als diese. Damals feierten die Deutschen mit sich, jetzt feiern sie mit sich und der Welt.

Die vorläufig größte WM-Ekstase erlebte das Land am vergangenen Mittwoch, als die deutsche Mannschaft in Dortmund die Polen 1:0 schlug. Es war die perfekte Dramaturgie, ein langer Sturmlauf, ein ewiges Bangen und Hoffen und dann die Erlösung in der Nachspielzeit durch ein Tor von Oliver Neuville. Der Aufschrei danach war der wahrscheinlich lauteste, den die Bundesrepublik je gehört hat.

Nicht nur im Westfalenstadion wurde gejubelt und getanzt. Halb Deutschland hat sich vor den Großbildleinwänden versammelt. 500 000 sind es auf der Straße des 17. Juni, der Fan-Meile in Berlin. Kurz vor Anpfiff schließen die Veranstalter die Tore zum Heiligengeistfeld in Hamburg, 50 000 sind schon drin, 10 000 wollen noch rein. In Stuttgart verfolgen 70 000 Zuschauer die Liveübertragung vor dem Neuen Schloss, wo die Behörden ursprünglich nur 40 000 zulassen wollten. Autokorsos bringen den Verkehr auf dem Innenstadtring in Hannover zum Erliegen, die Tribünen am Frankfurter Main-Ufer werden wegen Überfüllung gesperrt.

Die Deutschlandfahnen, die in China produziert werden, sind nahezu ausverkauft. Adidas hat eine Million Trikots der deutschen Nationalmannschaft verkauft. Bei der letzten WM waren es 250 000. Deutschland trägt wieder Deutschland.

Das Land vibriert, es summt. Wer durch die Straßen geht, hört aus allen Fenstern die Stimmen der Fernsehkommentatoren, das Rauschen aus den Stadien.

Das Land ist bunt wie nie zuvor. Fahnen und Trikots aus 32 Ländern mischen sich in den WM-Städten zu einem Bild, das von weit oben aussehen muss wie eine impressionistisch gemalte Frühlingswiese.

Das Land ist netter denn je. Die Deutschen wollen gute Gastgeber sein und bemuttern ihre Gäste, wo sie können. Und das Land ist plötzlich cool. Zwischen Leipziger Bahnhof und Augustusplatz, auf einer Wiese, liegt Kirsten Bach mit ein paar Freunden und Freundinnen. Sie sind alle um die zwanzig, und fast alle tragen kleine aufgeschminkte deutsche Flaggen im Gesicht. Kirsten trägt ihre auf der Stirn, im linken Nasenflügel steckt ein Piercing, ein zweites sitzt am Bauchnabel. Sie trinken kein Bier, sondern Wasser, und statt

irgendwelcher Schlachtgesänge driftet Lounge-Musik über das Gras. Vom Bahnhof nähert sich eine Frau mit einem riesigen Gummikondom auf dem Kopf und verteilt Probepackungen.

Kirsten sagt, sie und ihre Freunde seien nicht so sehr wegen des Fußballspiels hier, sondern wegen der Stimmung. Entspannt und locker sei es hier, ein bisschen wie im Hydepark in London oder in Amsterdam. Leipzig sei jetzt, sie sucht nach einem Wort, "metropolig".

Zeigt man auf die deutsche Flagge auf ihrer Stirn und fragt man sie, ob sie stolz sei, eine Deutsche zu sein, antwortet sie: "Nö." Fühlt es sich jetzt, während der Weltmeisterschaft, besser an, eine Deutsche zu sein? "Ja klar."

Man könnte sagen: Alles ist wunderbar, lasst uns dieses Fest genießen. Aber es gibt ein "aber". In Deutschland gibt es immer ein großes "aber", wenn es um Deutschland geht.

Ist das nicht schon zu viel Schwarzrotgold auf den Plätzen und Bildschirmen? Darf man das Deutschlandlied inbrünstig singen? Sind nicht die Hooligans, die in Dortmund randaliert haben, mit dem Schlachtruf "Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da" losgestürmt und haben damit das Misstrauen mancher Deutscher gegen das Deutschtum bestätigt?

Schon will die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Broschüren verteilen, die vor dem Absingen der Nationalhymne warnen. Sie sei aufgeladen mit der Stimmung von Nationalsozialismus und deutscher Leitkultur. Schon ist das Land wieder in eine seiner beliebten Debatten um seine Identität verstrickt.

Dahinter steckt die große Frage, ob diese Weltmeisterschaft und der Freudentaumel Deutschland nachhaltig verändern, ob die Deutschen neues Selbstbewusstsein tanken und zeigen werden. Eine andere Frage ist, ob sie die neu gewonnene Einheit in Fröhlichkeit konservieren können.

Die Suche nach Antworten beginnt da, wo die Leute sind, deren Hauptberuf es eigentlich ist, das Land zu verändern - im Berliner Regierungsviertel.

Es ist Mittwochnachmittag, acht Männer und zwei Frauen sitzen hinter einem hellbraunen Holzverkleidung, über ihnen prangt ein Schriftzug: Bundespressekonferenz. Es sind die Sprecher der Ministerien. In der Mitte sitzt Thomas Steg, stellvertretender Sprecher der Bundesregierung.

Gekommen sind 19 Journalisten, Plätze gibt es für 300. Es ist die Veranstaltung, bei der die Journalisten die Arbeit der Regierung hinterfragen, ihre Schwächen offenlegen, nachbohren. Normalerweise.

"Ja, meine Damen und Herren, heute morgen hat das Kabinett turnusmäßig getagt und es gibt einige Beschlüsse", sagt Steg. Er zählt die Themen auf: Elterngeld, Migrationsbericht, Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, und, "letzter Punkt aus der Kabinettssitzung", die Fortsetzung der Uno-Mission UNMEE in Äthiopien und Eritrea. Deutschland sei daran mit zwei nicht bewaffneten Beobachtern beteiligt, sagt Steg. Es sieht so aus, als werde regiert wie eh und je, als könne nichts den Lauf der Maschine beeinträchtigen.

So, sagt Steg. Gibt es Fragen?

Es gibt ein paar Fragen, eine zum Urheberschutzrecht, eine zur Mehrwertsteuer, noch eine zum Nichtraucherschutz. Sie lassen sich alle schnell beantworten. Es ist warm im Saal, es dauert nicht mehr lange bis zum Anpfiff von Spanien gegen Ukraine, am Abend spielt Deutschland. Es wird zwar nicht über Fußball gesprochen, aber die WM hinterlässt selbst hier ihre Spuren. Niemand hat Lust, weiter zu fragen, es ist Zeit, die Pressekonferenz zu beenden.

Für die Große Koalition ist die Weltmeisterschaft ein Glücksfall. Sie kommt über das Land in einem Moment, da die Regierung ihre Schwächen offenbart, in dem sie sich selbst blockiert und in den großen Fragen, der Gesundheitspolitik etwa, nicht mehr weiter weiß oder aber Gesetze durchbringt wie am vergangenen Freitag: Da wurde die Mehrwertsteuer erhöht, die Pendlerpauschale gekürzt, die Eigenheimzulage gestrichen. Gesetze sind das, die in normalen Zeiten für viel Aufregung sorgen würden. Aber es bekommt fast niemand mit. Vermutlich könnte die Bundesregierung gerade auch die Mehrwertsteuer verdoppeln, und kaum einen würde es interessieren.

Steg geht die Treppe vom Saal hinunter. "Momentan können wir diese Pressekonferenzen

eigentlich sein lassen", murmelt er. Er geht über die Straße in den Open-Air-Bereich des MediaClubs, es ist ein künstlicher Strand direkt an der Spree, mit Planschbecken und einer Leinwand, auf der die Spanier gerade die Ukraine vernaschen. Steg muss noch kurz mit der Kanzlerin sprechen, dann setzt er sich in einen roten Liegestuhl und krempelt die Ärmel hoch.

Er sagt, es gebe tatsächlich eine unglaubliche Leichtigkeit und Unbeschwertheit im Lande und dass man sich einem solchen Weltereignis offenbar nicht entziehen könne, selbst die Politik nicht.

Als die Kanzlerin am Morgen die Kabinettssitzung eröffnet, erzählt sie zunächst vom dicken Ronaldo, dessen Gewicht ja sogar der brasilianische Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva schon problematisiert habe, und das offenbar zu Recht. So viel habe sie am Vorabend im Berliner Olympiastadion jedenfalls mitbekommen. Erst dann leitete sie über zum Elterngeld.

Steg sagt, die Politik habe ihren eigenen Rhythmus, der sich von außen nicht verändern lasse, es werde regiert wie vorher auch. Andererseits sei es falsch zu glauben, die Politik könne die WM für sich nutzen, die Begeisterung sei irgendwie umleitbar auf die Politik. "Die Ängste und Sorgen der Menschen treten jetzt vielleicht etwas in den Hintergrund", sagt Steg. "Aber das ist schnell wieder vorbei. Darauf kann man nichts bauen."

Die eigentliche Bundespressekonferenz findet jetzt beinahe täglich im ICC in Berlin statt. Derzeit ist es das "DFB-Medienzentrum". Hier spricht Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu den Journalisten. Hier werden die Sätze gesagt, die Deutschland elektrisieren. Und von hier wird auch der Patriotismus befeuert.

Am Mittwoch vor dem Spiel gegen Polen sagte Klinsmann im Medienzentrum: "Es ist schön zu sehen, dass man einen gemeinsamen Traum hat. Ich kenne das aus den USA. Am Unabhängigkeitstag, am 4. Juli, hängen überall die Fahnen. Ja, das ist schön. Ich häng dann die deutsche raus."

Wird nun ganz Deutschland von Klinsmann amerikanisiert? Mit der Mannschaft hat er es schon gemacht, mit amerikanischen Fitnessprogrammen und einer amerikanischen Corporate-Identity-Ideologie. Das wurde oft belächelt, ist aber, wie es derzeit aussieht, ein Gewinn für den deutschen Fußball.

Es ist diese neue Kombination von Leichtigkeit und Leidenschaft, die den Deutschen im Ausland wenige zugetraut hätten. Früher spielte Deutschland ziemlich einfallslos, verbissen, im Visier hatte dieses Deutschland nichts als das Resultat, und darum werden Deutschlands Fußballer in England, Spanien oder Italien immer noch als Panzer beschrieben. Diesmal aber überraschen die Deutschen die anderen und wohl auch sich selbst damit, dass ein anderes Modell möglich ist: mit Kraft, mit Tempo, mit Phantasie bis zur letzten Minute auf Sieg zu spielen.

Sind Reformen doch möglich in diesem Land? Denn genau dies hat Jürgen Klinsmann gewollt: ein spielendes Deutschland, kein mauerndes. Ein Deutschland, das nicht gelähmt ist von der Angst vor dem Scheitern, ein Deutschland, das voller Hoffnung und mit einer Idee antritt. Ein begeisterndes Deutschland auf dem Platz, ein begeistertes auf den Rängen. "Die Stimmung in Deutschland ist gigantisch, in

allen Städten ist eine einzige Party", das sagte Klinsmann nach dem 1:0 gegen Polen, nach seinen Hüpfern vor der Trainerbank, dem Schlusspfiff, "diesen Momenten, die man nicht vergessen wird".

Die Mannschaft ist jetzt das Zentrum, von der die gute Stimmung abstrahlt ins Land. Klinsmann, der außer Michael Ballack keine Stars in seinen Reihen hat, wollte ein Kollektiv schmieden, eine Einheit. Das ist ihm bislang gelungen. Und mehr noch: Solange die Mannschaft Erfolg hat, eint sie auch das Land.

Es ist tatsächlich eine Stimmung der Einheit, die Deutschland erfasst hat. Und das ist neu, denn bei den Debatten der vergangenen Monate ging es mehr um Unterschiede, um Unvereinbarkeiten. Es ging um eine Unterschicht, deren Kontakt zum gesellschaftlichen Leben abgerissen wurde. Es ging um Einwanderer, die sich den Landessitten nur schwerlich anpassen. Es ging um Ostdeutsche, die immer noch nicht in der Bundesrepublik angekommen sind. Diese Gruppen vereinen sich nun während der WM, in den Stadien und vor den Leinwänden.

Es ist die 64. Minute, als die Fans auf den Rängen merken, dass Deutschland Unterstützung braucht. Es steht 0:0, die Polen scheinen stärker zu werden, das Spiel könnte kippen.

Aus der Ostkurve, Oberrang, schallt es "Deutschland, Deutschland", die Rufe breiten sich aus über die ganze Arena, werden immer lauter, dann taucht plötzlich der junge David Odonkor auf dem Bildschirm auf. Er wird gerade eingewechselt, und die Menschen im Stadion stehen auf, schreien, trampeln.

Dies ist nicht das Westfalenstadion in Dortmund. Dies ist die Arena in Berlin. Adidas hat eine kleine Kopie des Berliner Olympiastadions auf die Wiese vor dem Reichstag gebaut, eine Arena aus Plastik und Stahl, mit Kunstrasen, mit Oberrang und Unterrang, mit Platz für rund 10 000 Menschen. Die Karten kosten drei Euro, eigentlich.

Kurz vor dem Anpfiff standen viele Fans mit kleinen Pappkartons vor dem Eingang, sie suchten Tickets. Im Abendrot funkelte die Inschrift "Dem Deutschen Volke" über dem Reichstagsportal, der Anpfiff rückte näher, und auf dem Schwarzmarkt kletterten die Preise.

Einige bezahlten am Ende 40 Euro für ein Ticket, 40 Euro, um Fußball im Fernsehen gucken zu dürfen. Es ist nicht mal eine große Leinwand, auf die sie starren. In jedem deutschen Wohnzimmer kann man vermutlich besser sehen. Aber es geht nicht um Bildqualität.

Es geht darum, Emotionen zu teilen. Kurz vor Spielbeginn, als das Fernsehen aus Dortmund die Nationalhymne überträgt, erheben sich in Berlin alle von ihren Sitzen und singen mit. Später klatschen sie rhythmisch, sie lassen La Ola, die Welle, kreisen, sie toben und kreischen und zittern und freuen sich.

Sie bezahlen 3 oder auch 30 Euro, um mit ihren Emotionen nicht allein zu sein, um andere zu hören, zu sehen und zu spüren. So wird die Großbildleinwand zum Lagerfeuer, um das man sich auf der Suche nach Wärme schart, und der Fußball zum Kleber einer Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Für die Dauer eines Turniers interessieren sich Hartz-IV-Empfänger, Investmentbanker und Intellektuelle für dasselbe. Im Jubel sind die Grenzen sozialer Herkunft verwischt.

Im Jubel lösen sich auch Gegensätze zwischen Ost und West auf, indem sich mancher im Osten plötzlich als Bundesbundesbürger erkennt.

Auf dem Augustusplatz in Leipzig, zwischen zwei Großbildleinwänden, zwischen mehreren tausend Fans, steht Joachim Erfurt. Er ist ein hagerer, kranker Mann von 45 Jahren mit eingefallenen Wangen und einem wild wuchernden Vollbart.

Erfurt kennt den Augustusplatz gut, er ist montags oft hier und demonstriert gegen Hartz IV. Erfurt ist einer der Unentwegten, der Verzweifelten, die immer noch gegen die Zumutungen des globalisierten Deutschland protestieren. Aber er ist nicht

glücklich über seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Er empfindet sie als Zwangsmitgliedschaft, die ihm vom deutschen Staat aufgezwungen wurde.

Erfurt würde gern Teil von etwas anderem, etwas Positivem sein, aber er weiß nicht, von was, und so kam er erst einmal hierher, auf die Leipziger Fanmeile, kaufte sich eine Tröte, blies hinein mit seiner halben Lunge, sah sich um und sah fast nur junge Leute, darunter erstaunlich viele Mädchen und junge Frauen - und sehr, sehr viele deutsche Flaggen.

Die Stimmung war nicht aggressiv, nicht einmal kämpferisch und auch nicht muffig wie am Stammtisch. Es war eher eine Party, eine entspannte Party, zu der jeder eingeladen war, gleich welcher Nationalität. Ein Spanier spielte auf seiner Trompete die deutsche Nationalhymne, Deutsche bejubelten russische Kosaken und ihr "Ave Maria", und niemand störte sich an den Ukrainern, die mit einem mächtigen VW Touareg aus Kiew anreist waren und die Leipziger Fußgängerzone mit ihrer Nationalhymne beschallten.

Joachim Erfurt gefiel, was er sah und hörte. Er wollte dazu gehören, er kaufte sich eine schwarzrotgoldene Blumenkette, eine Mütze mit der deutschen Flagge und scheint nun ein wenig verwundert zu sein über seine Verwandlung vom Kritiker Deutschlands zur Werbefigur für Deutschland. Doch er fühlt sich gut. Er ist ein bisschen angekommen.

Das geht in Leipzig besonders gut, weil Leipzig WM-Stadt ist. In Potsdam logiert die Mannschaft der Ukraine, aber der Rest Ostdeutschlands ist ausgeschlossen von der WM, muss sich in den Westen begeben, um teilnehmen zu können.

Auch Neuruppin in Brandenburg hatte sich als Gastgeber für eine Mannschaft beworben, mit dem neuen Vier-Sterne-Hotel und dem Fußballplatz der Oberligamannschaft, dem kurzen Weg nach Berlin, 80 Kilometer, und dem schönen See. Aber niemand kam. In Wangen feiern sie die Togoer, in Herzogenaurach die Argentinier, in Rotenburg/Wümme die Jungs aus Trinidad und Tobago. Kleine Orte, die wichtig werden durch die WM, weltoffene, freundliche, plötzlich internationale Dörfer. Global Villages.

Neuruppin bleibt ein Local Village, die Neuruppiner bleiben unter Neuruppinern.

Kurz bevor die WM losging, wurde der Begriff der No-go-Area geboren. Es ging um Reisewarnungen, um Gefahren für Ausländer und ausländisch Aussehende, um Gegenden, die man besser meiden sollte, als Schutz vor rassistischen Überfällen. Gerade auch als WM-Tourist. Die No-go-Area war sehr groß, ein Begriff wie die alte Trennlinie, mitten durchs Land: Ostdeutschland und Teile Ost-Berlins.

Neuruppin ist damit auch No-go-Area. Erst kam keine WM-Mannschaft. Dann warnte man die Touristen. Die Welt sollte zu Gast bei Freunden sein, aber besser nicht überall in Deutschland. Die Frage ist, was man aus so einer Lage macht. Ob man überhaupt noch mitmacht bei der WM.

Erhard Schwierz, Neuruppiner Stadtverordneter, baute einen WM-Garten auf dem Karl-Kurzbach-Platz mitten in der Stadt unter schönen Kastanienbäumen, eingerahmt mit Schilfzaun. Er stellte eine Großbildleinwand auf, zwei Bierstände, einen Essensstand, neben dem ein schwarzes Schild hängt: "Jeden Tag ein landestypisches WM-Gericht. Heute: Ukraine, ukrainische Soljanka. Polen: Krakauer mit Kraut". Es ist wohl das, was man tun konnte, um die Weltmeisterschaft nach Neuruppin zu holen: Public Viewing und WM-Essen. Letztendlich aber hängt alles vom deutschen Team ab.

Bei Schwierz wird jedes Spiel übertragen. Nach Deutschland gegen Costa Rica hat er das Areal vergrößert. Nach der Vorrunde will Schwierz noch mal überlegen, ob der Platz reicht. Aber nicht immer ist der Garten voll. Die Brasilianer laufen noch ganz gut. Aber vor allem läuft Deutschland. In Wangen können sie zur Not zu Togo halten. In Rotenburg für Trinidad und Tobago schreien. Neuruppin hat nur das eigene Team. Deutschland. Solange die Mannschaft drin bleibt, ist es keine West-WM, ist man nicht ausgeschlossen, sondern dabei. Ist man Local Village, aber trotzdem in Deutschland.

Die Mannschaft ist das Bindeglied, zuständig für das Einheitsgefühl in einem gespaltenen Land. Wahrscheinlich ist die Sehnsucht nach dem Sieg nirgendwo so groß wie im Osten. Zwei der besten deutschen Spieler kommen von dort, Michael Ballack und Bernd Schneider.

Der Westen war dreimal Weltmeister. Für den Osten könnte es ein 54er Gefühl werden. Ein Aufstehen. Oder ein Selbstfinden. Ein Wir-Werden. Oder ein Anti-Depressivum. All das.

In der Stadt, im WM-Garten, ist das zu spüren. Fähnchen, Fahnen, geschminkte

Gesichter, Hüte, alles Schwarz-Rot-Gold. Euphorie. Man ist auch WM-Stadt. Man ist auch patriotisch. Erhard Schwierz sagt: "Ein bisschen Stolz schwingt mit. Hätte ich nicht gedacht."

Etwas Ähnliches könnte auch Erkan Akes sagen. Am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg sitzt er in einem Gebäude, das sich wie eine Pforte zur Zukunft über die Adalbertstraße spannt, und zupft an seinem schwarzrotgoldenen Hut.

In wenigen Minuten wird Deutschland gegen Polen spielen, Hände recken sich Akes entgegen, sie wedeln mit Geldscheinen, Zehnern, Fünfzigern, Hundertern, sie gehören Männern, die aussehen wie das Deutschland der Zukunft, dunkler, unrasierter, und sie setzen auf dieses Land, sie glauben an seinen Sieg.

Akes nimmt die Scheine aus ihren Händen, er blickt auf den Bildschirm seines Computers und ruft ihnen die Quoten zu. Für jeden Euro, den sie auf Deutschland setzen, werden sie bei einem Sieg 1,50 Euro bekommen, es ist keine gute Quote, für einen Sieg der Polen würden sie 7,50 Euro bekommen. Doch sie glauben irgendwie an Deutschland, es scheint ihnen ein Risiko wert zu sein, ein gutes Spekulationsobjekt.

Akes setzt nicht auf Deutschland, er darf das als Mitarbeiter des Wettbüros nicht, auf kein Land darf er wetten, und es ist vielleicht keine schlechte Bestimmung. Akes mag es nicht, auf ein Land zu setzen.

Akes wurde vor 34 Jahren in Erzincan im kurdischen Osten der Türkei geboren. Sein Vater lebte damals schon seit einigen Jahren in Deutschland, er arbeitete anfangs in Wetzlar auf dem Bau, dann im Materiallager der Berliner Polizei. Vier Monate nach der Geburt des Sohnes holte der Vater seine Frau und die Kinder nach Deutschland. Es ist auf den ersten Blick die klassische türkische Einwanderergeschichte.

Akes wirkt wie ein Mann, der irgendwie angekommen ist und immer noch seinen Ort sucht. Manchmal sagt er "wir", wenn er Deutschland meint, und manchmal sagt er "die Deutschen", als hätte er mit diesem Volk nichts zu tun. "Ich habe eine emotionale Bindung zu Deutschland", sagt er und wackelt mit seinem schwarzrotgoldenen Hut. "Doch dieser unüberlegte Patriotismus, wir sind die Größten, wir sind die Stärksten, damit kann ich mich nicht identifizieren, weder in Deutschland noch in der Türkei. Ich denke dann immer: Jungs, Patriotismus okay, aber vergesst unsere Geschichte nicht."

In gewisser Weise ist Akes ein Mann ohne Land. Er hätte gern einen deutschen Pass, und er könnte ihn haben. Doch er hat in der Türkei seinen Militärdienst nicht absolviert, "weil ich nicht lernen will, wie man Menschen umbringt". Wenn er sich ausbürgern lässt, fürchtet er, wird die Türkei ihn einige Jahre nicht mehr ins Land lassen.

Auf dem Bildschirm hinter Akes singen die deutschen Spieler die Nationalhymne, alle bis auf den gebürtigen Polen Podolski. "Früher habe ich mit der deutschen Mannschaft mehr mitgefiebert", sagt Akes, "ich mochte Spieler wie Breitner, Bein, Littbarski. Heute spielen die so gerade. Die Deutschen haben zu wenige Ideengeber."

Es klingt ein bisschen nostalgisch, ein bisschen distanziert. Doch als das Spiel beginnt, läuft Akes schnell in ein Hinterzimmer und holt Zigaretten, er zündet hastig eine an und zieht nervös daran. Er ruft Bernd Schneider zu "Wechsel doch mal die Seite!" und beschwert sich, dass Ballack das Spiel nicht an sich reißt. Er zieht seinen schwarzrotgoldenen Hut ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Als die Deutschen in der 90. Minute zweimal die Latte treffen, sinkt er in sich zusammen und begräbt den Kopf zwischen den Händen.

Er sieht aus wie jemand, der viel Geld auf Deutschland gewettet hat.

Vor Akes stehen ein paar Dutzend türkische und arabische Männer unter schwarzrotgoldenen Girlanden, ihre Blicke springen hin und her zwischen den Bildschirmen, auf den einen wird das Spiel übertragen, auf den anderen blinken die Quoten. Sie fluchen, wenn den Deutschen etwas misslingt, und rufen: "Was spielst du, Mann!" Als der Bad Oeynhausener Friedrich gegen den Halbghanaer Odonkor ausgewechselt wird, rufen sie: "Endlich!"

Als Neuville das erlösende Tor für Deutschland schießt und die Türken und Araber die Arme in die Luft werfen und die Fäuste ballen und "Jaaaaaa!" schreien, kommt Akes aus dem Hinterzimmer gelaufen und blickt fassungslos auf den Bildschirm. Er hat den entscheidenden Moment des Spiels verpasst. "Deutschland gewinnt", sagt Akes, der Türke, der gern Deutscher wäre, "und ich bin beim Pinkeln auf der Toilette."

Das Spiel ist aus, und wieder recken sich Akes Hände entgegen. Die Türken wedeln mit ihren Wettscheinen. Ihr Land hat gewonnen, sie verlangen ihren Anteil.

Deutschland wirkt dieser Tage einig wie selten zuvor, aber es ist nicht nur die innere Einheit, die sich hier vollzieht. Denn während sich Deutschland zur WM eint, öffnet es sich nach außen und sucht die Einheit mit der Welt.

Ralph Huber ist 41 Jahre alt, trägt eine rahmenlose Brille, Kurzarmhemd. Eigentlich ist er der Geschäftsführer der Dortmunder Westfalenhallen und sitzt im Verwaltungsgebäude. Aber jetzt ist WM, Deutschland spielt am Abend gegen Polen, und wenn WM ist, ist alles anders, auch für Huber.

Huber ist jetzt Herbergsvater der größten Herberge der Welt. Huber hat Platz für 4000 Fans jede Nacht, es gibt Anmeldungen aus 37 Nationen. Seine Herberge ist ein Fan-Camp. Das Camp vereint die Welt unter Abzugsrohren auf Steinboden.

In fünf Messehallen stehen die Betten, Doppelstockbetten, wie sie die Bundeswehr im Ausland hat. Es sind immer zwei Betten von den nächsten zwei Betten durch Stellwände getrennt. Die Wände sind aus Spanholz, sie wackeln, sie sind nicht mehr als ein Sichtschutz.

Huber wollte das so. Er hat das eineinhalb Jahre lang geplant. "Alle sind zusammen",

sagt er. Sie kommen aus dem Stadion, schlafen nebeneinander, werden wach nebeneinander, duschen, frühstücken. In Halle 5 stehen 1500 Stühle dazu bereit.

Matias, 18, der mit seinem Onkel aus Rosario, Argentinien, gekommen ist und das Spiel seiner Mannschaft gegen Serbien-Montenegro sehen wird, liegt auf dem Platz mit der Nummer 7.25 A neben einem Deutschen und einem Neuseeländer. Am Tisch in Halle 5 spricht Tomohiro, 24, Student der Ökonomie aus Tokio, mit Werner Deeken, 58, Angestellter aus Papenburg. Tomohiro trinkt Bitburger-Bier aus Dosen, und Werner Deeken raucht HB.

Zum Frühstück gibt es nur Käse, Marmelade, Honig, keine Wurst mit Schweinefleisch. "Wir wollten Konflikte vermeiden", sagt Huber. In Etage eins liegt der Meditationsraum. Den "Prayers-Room" betreiben die katholische und die evangelische Kirche in Dortmund. Es sind auch Teppiche ausgerollt, schmale Läufer, mit Gebetsbänken darauf.

Es klappt, was Huber wollte.

Am Wochenende feierten die Schweden nach dem 0:0 mit den Fans aus Trinidad und Tobago. Im Keller der Halle, in dem ein "Africa-Centrum" eingerichtet ist, haben Schweden afrikanisches Starkbier getrunken, Kochbananen gegessen und Maniok. Die Afrikaner aßen Bratwurst, Leberkäse.

Es ist schon am Abend, als sieben gutgelaunte Jungs vom Bodensee einziehen in das Camp, Handwerker, Kaufmänner. Hinter ihnen liegen acht Stunden Zugfahrt. Sie bleiben drei Tage und haben nicht mal Karten für eines der Spiele. Sie sind gekommen, um Spaß zu haben, "Fun", wie sie sagen.

Sie spielen sonst Karten, "66", "in die Kasse rein". Zweieinhalbtausend Euro liegen in der Kasse, und die setzen sie jetzt um in Bier. Vorher besprühen sie sich mit Deo, packen ihre Decken aus, geblümte Kissen, Fanartikel zum Anziehen, Aufsetzen und Aufblasen. Sie holen Baseballschläger in Deutschlandfarben raus, auch zum Aufblasen. Sie hauen sich damit die Köpfe ein, lachen. Sie singen Udo Jürgens dabei, "Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei".

Feiern ist befreien. Deutschland befreit sich gerade von sich selbst. So unter Deutschen war es ja immer ein bisschen langweilig. Spätestens seit der Romantik war man dazu verdammt, eine verträumte, vergrübelte Nation zu sein. Man hockte im Krähwinkel der Welt und machte sich so allerlei schwere Gedanken über sich selbst.

Die guten Partys gab's woanders. Die jungen Deutschen wissen das. Sie waren schon in New York. Sie sind längst globalisierte Partygänger, und jetzt sind sie die Gastgeber. Da wollen sie nicht griesgrämig sein. Während einer WM heißt Globalisierung auch: Wettstreit der Heiterkeitskulturen. Die Deutschen machen kräftig mit.

Am besten sind dabei, wie vermutet, die Kölner. Als Angola und Portugal müde in Köln kickten, sang die deutsche Ecke begeistert "Viva Colonia". Dann stand man auf, klatschte und rief: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid." Das ließen sich 10 000 Angolaner nicht zweimal sagen. Animiert von so viel Feierlust standen sie auf und klatschten mit. Nun ist zu klären, ob sie sich damit das Recht auf Einbürgerung erworben haben.

Am liebsten aber öffnen sich WM-Deutsche den Brasilianern. Königstein im Taunus, wo die brasilianische Mannschaft Quartier genommen hat, war sofort bereit, sich in eine brasilianische Stadt zu verwandeln. Nahezu jedes Geschäft schmückt sich gelbgrün, die Burg über der Stadt wurde mit Fußballplakaten verhängt, und man hätte vermutlich den Großen Feldberg als

Zuckerhut verkleidet, wenn die Naturschutzbehörde das erlaubt hätte.

Immerhin gibt es nun täglich ein deutsch-brasilianisches Fest auf dem Marktplatz. Ein Wagen für Apfelwein steht neben einem Wagen für Caipirinha, und durch die Stadt mit dem vielen Fachwerk dröhnen ständig die Trommeln der Sambabands, die auf der kleinen Bühne halbnackte Tanzgruppen begleiten. Davor stehen die Königsteiner, sehen die kreisenden Hüften und wippenden Brüste und gucken drein, als würden sie gerade ihr Paarungsverhalten überdenken.

Königstein ist derzeit die nördlichste brasilianische Stadt der Welt, aber außer Tänzern und den unsichtbaren Fußballspielern gibt's keine Brasilianer. Die Touristen, die kommen sollten, um ihre Mannschaft zu besuchen, sind nicht gekommen. Nicht nach Königstein. Und jetzt feiern die Königsteiner jeden Tag und unbeirrt tapfer ein brasilianisches Fest mit sich selbst.

Damit sind sie ein Beispiel dafür, dass sich Deutschland als Gastgeber sehr gut schlägt bei dieser Weltmeisterschaft. Man vollzieht die Einheit mit der Welt.

Warum gerade die Vereinigung mit Brasilien so leicht fällt, versucht Andrei Markovits zu erklären, ein Professor für Politikwissenschaften aus Michigan und derzeit Gastprofessor für Fußballstudien an der Uni Dortmund: "Brasilien ist eine 'default'- Mannschaft, eine Mannschaft, der man sich hingibt, wenn das eigene Team verloren hat", sagt er. Die Menschen denken an ein harmloses Land ohne einen bösen Präsidenten. "Es ist der Gefühlshaushalt des Fans, der sich über die Logik stellt", sagt Markovits. Denn sind die Brasilianer hervorragende Fußballer, damit Rivalen.

Es ist kurz vor 15 Uhr, draußen erreichen erste Fans das Westfalenstadion, und ein paar Kilometer weiter, im Senatssitzungssaal der Uni Dortmund, Campus-Süd, spricht Markovits über Fußball in Zeiten der Globalisierung. Es ist der Tag seiner Ernennung. Deshalb spricht er.

Markovits kennt sich gut aus mit Fußball und den Theorien dazu. Er sagt, er habe seine Leidenschaft akademisch umgesetzt.

Er steht vor einem Rednerpult, er trägt dunkelblauen Anzug, hellblau gestreiftes Hemd, sein Haar ist grau und dünn und im Nacken lang. Markovits hält sich fest am Rednerpult, er wiegt sich daran, er schließt die Augen manchmal, er beschreibt, was er sieht. Die Grenzen zwischen den Ländern sind verblasst, der moderne Mensch denkt groß. Aber jetzt ist WM, und alles ist anders. Der Mensch fällt zurück. Er wird Fan.

Andrei Markovits ist 58 Jahre alt, Politikwissenschaftler und Soziologe, und er hat eine These. Er sagt: "Der Fußball ist globalisiert, der Fan ist es nicht." Er erklärt diese These. Er macht das laut und leidenschaftlich. Er ist so ein Typ, voll dabei.

Die Spieler wechseln von Verein zu Verein, über die Grenzen hinweg. Das ist schon lange so, der Fußball hat sich längst globalisiert. "Aber heute Abend", sagt Markovits, "werden alle hier für Deutschland sein." Es werden Hymnen gesungen, Flaggen gehisst, nationale Ikonen. Es ist eine Art, sich auszudrücken und zu sagen: Ich bin Deutscher. "Der Gefühlshaushalt ist total nationalisiert", sagt er.

Der Gefühlshaushalt ist der Grund, warum der Fan so weit weg ist davon, globalisiert zu sein. "Aber er kann nichts dafür", sagt Markovits. "Er fühlt, was er kennt."

Er kennt sein Land, das Essen, da hat er Freunde, da hat er sich das erste Mal verliebt.

Also gibt es keinen neuen Patriotismus? Nur etwas Euphorie? Oder nicht mal die? Immerhin gibt es eine Steigerung. Vor vier Jahren fuhr kaum jemand mit einer Flagge an seinem Auto über Straßen.

"Gut", sagt Markovits, der selbst in Rumänien geboren wurde, in Wien aufwuchs, in New York studierte und Amerikaner ist, nach seinem Vortrag bei einer Cola, "eine WM im eigenen Land erhöht den Affekt von Nation noch. Die Nation, Deutschland also, ist in diesen Wochen besonders akut."

Andrei Markovits sagt, er habe Angst vor jeder Art von Nationalismus. Es habe selten etwas Gutes gebracht. Für den Verein zu brüllen sei in Ordnung. "Es ist nicht so atavistisch", sagt Markovits. Aber mit einem neuen, nationalistischen Deutschland rechnet er nicht. Nach dem 9. Juli werde der Affekt weg sein. "Ich glaube nicht an eine Nachhaltigkeit."

Es gibt aber auch die Deutung, dass sich nicht viel verändern wird durch die WM, weil sich schon viel verändert hat. Das große deutsche Feiern sei nur ein Ausdruck dieser Veränderung.

Angeblich gibt es einen neuen Patriotismus des Herzens, eine Liebe zum Land, die sich im Fahnenschwenken in und "Deutschland, Deutschland"-Rufen zeige. Vor allem die kleineren Leute hätten gespürt, dass sie von der Globalisierung nur Härten zu erwarten hätten. Deshalb wendeten sie sich wieder der Nation zu. So liege dem Jubel für die deutschen Erfolge ein Gefühl der Rührung zugrunde.

Das mag es geben. Wer aber im Lande rumreist, wer in den Stadien ist und wer sich vor den Großleinwänden rumtreibt, hat eher den Eindruck, dass die große Masse einfach nur feiern will. Die Fahne oder das Trikot ist weniger Ausdruck von Patriotismus als von Partywillen. Wer dabei sein will, muss Farben zeigen.

Die Nationalfarben sind nach dieser Deutung zwar Zeichen von Zugehörigkeit, aber nicht so sehr zu einer Nation, sondern mehr zu einem internationalen Partykongress, der derzeit in Deutschland tagt. In der guten Laune steckt auch ein Schuss Patriotismus, aber der ist nur für ein Partyereignis abrufbar, nämlich für die Spiele der deutschen Mannschaft. Wenn demnächst deutsche Soldaten in den Kongo aufbrechen, werden nicht Zehntausende die schwarzrotgoldenen Fahnen schwenken, die sie für die WM angeschafft haben.

Aber auch diese Leichtigkeit ist nur möglich, weil sich etwas verändert hat. Das ist bei Edgar Wolfrum zu erfahren, Professor für Geschichte in Heidelberg. Er ist 46, also recht jung für diesen Job. Er trägt lan-

ges Haar und ein Streifenhemd. Im März ist von ihm das Buch "Die geglückte Demokratie" erschienen, eine Geschichte der Bundesrepublik.

Schon der Titel zeigt, dass Wolfrum gewillt ist, einen positiven Blick auf dieses Land zu werfen. Ein jubelnder Patriot ist er deshalb nicht. "Ich hasse Fahnen jeglicher Art", sagt Wolfrum. Zum Deutschlandlied sagt er: "Die Strophe, die wir haben, finde ich eigentlich schön, aber mitsingen? Ich weiß nicht."

Aber er traut sich, ein Wort zu sagen, das im Zusammenhang mit Deutschland

eigentlich verfemt ist. Es ist das Wort "stolz". "Wir können stolz sein auf das Erreichte", sagt Edgar Wolfrum.

Es ist der Sprung vom Dritten Reich zu einer Demokratie, in der die Institutionen stabil funktionieren und die sich in ihrer Außenpolitik um Ausgleich und Entgegenkommen bemüht. "Es gibt kaum ein Volk auf der Welt, das sich in 60 Jahren so gewandelt hat wie Deutschland", sagt Wolfrum.

Da kann man schon mal ein schwarzrotgoldenes Fähnlein schwenken, ohne sich schlecht fühlen zu müssen. Und das heißt nicht, dass das Dritte Reich vergessen wird, schon gar nicht von dem Historiker Wolfrum. Es ist nur natürlich, dass das deutsche Lebensgefühl an Leichtigkeit gewinnt, je mehr Jahre mit der geglückten Demokratie gesammelt werden. Deshalb wird nicht dauernd gefeiert, aber die Bereitschaft, sich gut zu fühlen, wird bleiben.

Ein deutscher Spieler, der sich über diese Dinge Gedanken macht, ist Christoph Metzelder. Am Freitag sitzt er im ICC und erzählt von seinen Gefühlen kurz vor Spielbeginn. "Die Nationalhymne ist für mich der emotionale Höhepunkt eines Länderspiels", sagt er, diese Minuten mit diesen elf Spielern Seite an Seite "zeigen, dass wir wirklich zusammenstehen". Wie "peinlich" sei es früher gewesen, wenn auf den Anzeigetafeln der Text eingeblendet werden musste - und wie berauschend sei es heute, wenn ein ganzes Stadion so lustvoll singe und so laut wie in Dortmund. Er habe nicht mal die Instrumente hören können.

Christoph Metzelder erlebt in diesen Tagen ein anderes Land und eine andere Fußball-Weltmeisterschaft, anders, als er es erwartet hätte.

Natürlich, über "Bild" und alle anderen, die eifrig an einer neuen oder doch eher alten Gesinnung arbeiten und darum Ballack beschimpfen wegen seines T-Shirts, "muss man sarkastisch lachen".

Er sagt: "Die Leute denken nicht in den Kategorien Sieg oder Niederlage. Sie machen sich frei davon und genießen, dass wir da sind. Die WM hat sich etwas von uns losgelöst, sie ist das große Fest vieler Kulturen geworden, das sehr, sehr toll und sehr offen zelebriert wird."

Was ist da passiert, was hat sich geändert? Der Fußballer Metzelder glaubt, dass es eine Frage von Generationen sei: "Meine Generation ist ja in einer der stabilsten Demokratien der Welt aufgewachsen. Wir vergessen die Mahnung dieser zwölf Jahre der Nazi-Zeit nicht, wir haben sie im Kopf. Aber wir können unbefangen und unbekümmert leben, und so können wir auch Fußball spielen." DIRK KURBJUWEIT;

KRISTINA ALLGÖWER, KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE, MARKUS FELDENKIRCHEN, JOCHEN-MARTIN GUTSCH, BARBARA HARDINGHAUS, RALF HOPPE, MARIO KAISER, ANSBERT KNEIP, JÖRG KRAMER, MATTHIAS MATUSSEK

* Vergangenen Freitag beim 6:0 in Gelsenkirchen.

DER SPIEGEL 25/2006
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