26.06.2006

Welt der Wandernden

Seit seiner Entstehung ist der Mensch auf der Suche nach Heimat, auf der Suche nach einem besseren Leben, nach Gold, nach Land, nach Frieden. 191 Millionen Migranten leben heute auf der Erde. Sie sind selten willkommen, aber sie sind durch Gesetze und Mauern nicht aufzuhalten.
Auf der einen Seite, in Nouadhibou, Hafenstadt Mauretaniens, hocken schwarze Menschen im Staub und warten auf ein Boot, das sie zu den Kanarischen Inseln bringen wird. "Bidonvilles" heißen die Slums aus Beton und Wellblech und Plastikfolien; es gibt eine "Boulangerie Mondiale", die Weltbäckerei, die aber nur eine Bretterbude mit einem Loch ist, durch welches das Brot gereicht wird. Sandig sind die Straßen von Nouadhibou, 400 Holzboote liegen im Hafen, Pirogen, in die sich 60 bis 80 Leute quetschen können. Und grünlich ist das Meer, windig ist es, und die Polizisten klagen, dass sie keine Funkgeräte, keine Schnellboote und keine Hubschrauber haben, um Flüchtlinge zu fangen.
1200 Kilometer sind es von hier bis zu den Kanaren, 1200 Kilometer in diesen Pirogen, die "Cayucos" heißen, 1200 Kilometer bei Wellengang und wechselnder Strömung, es sind drei bis vier Tage auf See. 3000 Migranten sollen in den vergangenen zwölf Monaten auf dieser Route ertrunken sein. Und 11 000 erreichten seit dem 1. Januar die andere Seite.
Die andere Seite ist gelobtes Land, ist Paradies, ist Ziel aller Sehnsucht und Sinn vieler Leben. Im Falle der Wartenden von Nouadhibou ist die andere Seite zum Beispiel Los Cristianos auf Teneriffa. Wo weiße Menschen am Strand liegen und zu roten Menschen werden, wo sie im Irish Pub hocken, wo sie Golf spielen, flirten, zum Essen gehen, wo sie über die Kaimauer spazieren und immer wieder, täglich und viel zu oft, die ankommenden Boote beobachten.
Es gibt die ruhigen Tage, an denen in 24 Stunden 700 schwarze Menschen die Kanaren erreichen; und es gibt die stürmischen Tage, an denen Hunderte ertrinken.
Dies ist die Migration, vor der Europa sich fürchtet, gegen die Europa sich wehrt, sie begann in den neunziger Jahren: diese Flucht der vielen, der Massen aus Afrika, die längst auf dem Weg sind, in Lastwagen und Bussen, zu Fuß und mit Schlauchbooten, weil sie glaubten, dass sie ein Recht hatten, diese Reise anzutreten.
So wie all die Menschen aus den Krisengebieten Asiens, die sich auf den Weg nach Australien machen. So wie die Mexikaner, die hinüber nach Nordamerika ziehen, gejagt von Grenzwächtern der Vereinigten Staaten. So wie die Osteuropäer, die es ins Gebiet der EU zieht, so wie die Menschen in den 24 Kriegsgebieten der Welt, die vor allem fortwollen und oft nicht wissen, wohin.
So wie alle, die jemals aufbrachen.
Der Mensch will eine Schlafstatt, ein Haus, eine Heimat, und es zieht ihn doch in die Ferne, denn er will auch das Abenteuer. Der Mensch ist sesshaft, und er ist doch ein Reisender. Er will Frieden, aber er führt Kriege, er will, dass andere ihm seine Heimat lassen, aber er vertreibt die anderen. Die Geschichte der Migration ist die Geschichte einer ewigen Suche. Der Mensch sucht den Ort, an dem er leben kann.
Manchmal nur überleben. Manchmal ein besseres Leben leben.
Der Mensch sucht Gold, Öl, Diamanten, manchmal nur sauberes Wasser und Reis. Er sucht das Meer, die Sonne, manchmal nur Strom und eine Schule oder ein Stück Erde, das nicht bebt. Frieden und Sicherheit sucht er immer.
191 Millionen Migranten lebten 2005 auf der Erde, das sind drei Prozent der Weltbevölkerung, und das ist ein rasanter Anstieg, denn 1970 waren es noch 82 Millionen und vor sechs Jahren 175 Millionen. 48,6 Prozent der Migranten sind Frauen. 64,1 Millionen Migranten leben in Europa einschließlich Russlands, das sind 8,8 Prozent der Bevölkerung. Die USA haben 20 Prozent aller Migranten aufgenommen (38,4 Millionen), Deutschland laut Uno 5,2 Prozent (10,1 Millionen).
Die Geschichte der Wanderungen ist die Geschichte der Menschheit. Glaubte man der Bibel, dann begänne diese Geschichte mit der Vertreibung aus dem Paradies, der ersten Heimatlosigkeit des Menschen. Betrachtet man die Evolution, dann entstand der moderne Mensch vor ungefähr 200 000 Jahren in Afrika, und von dort wanderte er hinaus in die Welt. Nach Asien, nach Europa, nach Amerika, nach Australien. Es dauerte, aber irgendwann kam der Mensch auf den Nikobaren im Indischen Ozean an, auf Hawaii und auf Sylt.
Belegt ist, dass die Philister um 1190 vor Christus nach Kanaan kamen und den Namen "Palästina" einführten. Belegt ist, dass viele Juden 587 vor Christus von den Babyloniern verschleppt und 538 vom König der Perser, Kyros, wieder freigelassen wurden und nach Palästina zurückkehrten. Und belegt sind Migrationen im heutigen Europa, denn ständig zogen hier Völker hin und her.
Der Sage nach wurde ja schon Rom gegründet, weil Menschen eine Heimstatt suchten: Aeneas, Vater der Ewigen Stadt, war aus den Flammen Trojas geflohen. Die Kelten kamen nach Oberitalien, auf den
Balkan, nach Nordspanien und Portugal. Und die Goten, die Gepiden und die Wandalen zogen nach Südrussland und in die Karpaten.
Der Begriff "Völkerwanderung" ist heute ein bisschen heikel. Er stammt von "migratio gentium", dieses lateinische "gens" meinte eher die bewaffnete Einheit eines Stammes, also sein Heer. Den Begriff "Völkerwanderung" gebrauchten deutsche Nationalisten, um die Überlegenheit germanischer Stämme zu belegen. Darum steht die "Völkerwanderung" im engen Sinne heute vor allem für die Wanderung der Germanen ab dem vierten Jahrhundert: Die Hunnen brachen in Russland ein, die Ostgoten marschierten nach Ungarn und Italien, die Westgoten nach Italien, Frankreich, Spanien, die Franken ins spätere Frankreich. Und 568 kamen die Langobarden nach Norditalien, und dort entstand die Lombardei.
Die Wikinger fuhren über die Meere, um Geschäfte zu machen; und als sie gesehen hatten, wie reich die Städte Westeuropas waren und wie leicht zu erreichen durch die vielen schönen Flüsse, da kamen die Wikinger, um zu rauben.
Jenseits des Mittelmeers zogen, nach Mohammeds Tod, die Araber los. Sie besetzten Palästina und den Norden Afrikas. Das Berbervolk der Mauren setzte 711 über nach Spanien. Erst 1492, nach dem Fall Granadas, wurden sie aus Europa vertrieben; mit ihnen jagten die Spanier 160 000 Juden aus dem Reich. Und im selben Jahr - ein getaufter spanischer Jude finanzierte die Expedition - brach Christoph Columbus auf, um den Seeweg nach Indien zu suchen und die Neue Welt zu finden.
Dort starben die meisten Ureinwohner, durch Krankheiten, Kanonen und Kampfhunde, und weil all die Spanier, Portugiesen und Engländer, die nach Amerika emigrierten, dort natürlich Arbeitskräfte brauchten, deportierten sie Sklaven aus Afrika. Es war eine gewaltige Spirale, ein einziger Strudel der Umsiedlung. Es war die erste Zwangsmigration von Millionen Menschen.
Und 60 Millionen Europäer wanderten aus. Freiwillig.
Es kam das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der Flüchtlinge. Immer schon hatte es politische Flüchtlinge gegeben; jene Adligen, die einst vor der Französischen Revolution ins Ausland geflohen waren, hatten das Wort geschaffen: "Emigrant". Doch mit den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts war eine neue Qualität des Hasses und der Ausgrenzung aufgekommen. Der falsche Glaube, die falsche Herkunft, die falsche Ideologie - wer nicht dazugehörte, musste gehen, falls er noch gehen konnte, auch das Jahrhundert der ethnischen Säuberungen hatte begonnen.
Eine Million Armenier wurden von den Osmanen in den Tod getrieben, Griechen mussten nach dem Ersten Weltkrieg weg aus Anatolien, Türken aus Griechenland, wohl über eine Million Menschen flohen vor den russischen Bolschewisten.
Der Historiker Alexander Demandt schreibt: "Sowohl bei Landnahme wie bei Vertreibung geht es um Lebensraum für die eigene Gruppe, ein Vorgang, der Parallelen in der Biologie hat und mit Opfern und Gewalt verbunden ist."
Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen, rief vor zwei Jahren eine "Weltkommission für internationale Migration" ins Leben, aus Deutschland war Rita Süssmuth dabei. Diese Kommission reiste um die Welt und fand heraus, dass Migration das wesentliche Thema des 21. Jahrhunderts werden könnte, die Daten jedenfalls legen diesen Schluss nahe.
Warum emigrieren Migranten? Arbeitslosigkeit ist ein Grund, schlechte Bezahlung ein anderer. 45,7 Prozent der Menschen in den Staaten südlich der Sahara verdienen weniger als einen Dollar pro Tag. Die lausige Bildung in der Heimat ist einer der Gründe, die geringe Lebenserwartung in den armen Ländern ein weiterer. Und da sind, wie seit Jahrtausenden: Kriege, Naturkatastrophen, Hunger.
Darum versuchen Migranten von Ost nach West zu kommen und von Süd nach Nord. Der Mensch ist sesshaft - wenn seine Heimat ein Zuhause ist.
Wenn nicht - dann geht er.
Noch vor 150 Jahren ging er auch von Europa fort: aus Irland, Italien, Deutschland, vor allem nach Amerika. Heute geht er von Mexiko in die USA; von der Ukraine nach Deutschland; von China nach Surinam (20 000 Kilometer, das ist die längste von den Hilfsorganisationen bestätigte Route), von Ghana, Nigeria und Kamerun nach Spanien, Italien, Deutschland.
Nur willkommen ist er selten. Das Einwanderungsland Australien bezahlt eine Menge Geld an kleine Südseeinsel-Staaten, damit dort Lager entstehen können, in denen unwillkommene Flüchtlinge jahrelang hausen, auch Kinder, ohne Betreuung. In Guinea und anderswo in Afrika leben Flüchtlinge in Lagern, die längst wieder Städte geworden sind, 30 000, 40 000 Menschen in Zelten und Hütten, fern von zu Hause. Und was für ein Leben ist das, wenn der einzige Sinn eines Tages darin besteht, für eine Mahlzeit anzustehen. Der Rest: Apathie. Destruktion. Natürlich: Drogen. Prostitution. Gewalt.
1921 ernannte der Völkerbund, Vorgänger der Vereinten Nationen, den norwegischen Entdecker Fridtjof Nansen zum ersten Hochkommissar für Flüchtlinge. Seine Aufgabe: Eine halbe Million Kriegsgefangene mussten zurückgeführt, Flüchtlinge aus Russland, Armenien, Bulgarien über den Kontinent verteilt werden.
Es kam Anfang der Dreißiger die Weltwirtschaftskrise, Staat für Staat machte seine Grenzen dichter. In Evian am Genfer See trafen sich 1938 Vertreter von 32 Staaten, um zu beraten, was mit den fliehenden Juden zu tun sei, und die Antwort war: eher nichts. "Eine Belastung für die wirtschaftliche Lage" seien diese Juden, solche Sätze fielen in Evian, und den berühmtesten dieser Sätze sagte ein Schweizer Bundesrat: Das Rettungsboot sei voll.
Flüchtlinge, schrieb Hannah Arendt, sind heimatlos, staatenlos, rechtlos. Rund 40 Millionen Flüchtlinge zogen 1945 durch Europa, und 14 Millionen Deutsche wurden aus Osteuropa vertrieben.
Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechtsstellung von Flüchtlingen wurde im Sommer 1951 verabschiedet, und ein Flüchtling ist danach jede Person, die sich wegen "begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugungen außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt". Es ist ein edler Text, aber es war jener Text, auf den sich die Unterhändler, die die Interessen ihrer Staaten vertreten, gerade noch verständigen konnten.
Wer heute vor Terror, vor religiösen Fanatikern, vor paramilitärischen Truppen, die Dörfer niederbrennen, flieht - zählt der? Das ist manchmal Auslegungssache, je nachdem, diese sogenannte nichtstaatliche Verfolgung wird mal so und mal anders verstanden, das hat auch mit politischen Bündnissen und wirtschaftlichen Interessen zu tun. Und wer vor Armut flieht, vor Seuchen, vor Dürre, der zählt nicht.
Deshalb gibt es Ausländer erster und zweiter Klasse. "Flüchtling" ist, offiziell, wer nicht in sein Land zurückkehren kann; "Migrant" ist, wer theoretisch zurückkehren könnte. Unter den 191 Millionen Migranten, die Kofi Annans Kommission gezählt hat, sind nach dieser Definition 9,2 Millionen Flüchtlinge. Es ist der in der Welt der Diplomaten quälend übliche Streit um Worte: Um Flüchtlinge muss man sich kümmern, dazu verpflichtet internationales Recht; Migranten gehen freiwillig, die darf man sich selbst überlassen.
Das deutsche Asylrecht war einst gedacht als Wiedergutmachung, als Symbol einer neuen Liberalität. "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht", Grundgesetz, Artikel 16a, Absatz 1, das ist ein Satz wie ein Fels. Und jahrzehntelang "galt ein stillschweigendes Laisser-faire, es galt der Grundsatz: Wer's nach Europa schafft, der schafft's", so sagt es Stefan Telöken von der Berliner Niederlassung des Uno-Flüchtlingskommissariats UNHCR, "dieses Einverständnis ist inzwischen aufgekündigt worden".
Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und Deutschland unterzeichneten 1985 den ersten Vertrag von Schengen, der im Wesentlichen zwei Dinge bewirkte: An den Binnengrenzen gab es immer weniger Kontrollen, und schon bald gab es für EU-Bürger keine Binnengrenzen mehr; die Außengrenzen aber wurden verstärkt und zu modernen Burgwällen. Nach und nach traten fast alle EU-Staaten bei.
Stefan Telöken arbeitet seit 19 Jahren für den UNHCR, er hat Schal und Wimpel des 1. FC Köln in sein Berliner Büro gehängt, er trägt ovale Brillengläser. Stefan Telöken sagt, dass die Schengen-Staaten zügig und konzentriert ihr Flüchtlings- und Asylrecht anpassten, "und dabei wird überall nach unten korrigiert".
In der EU-Sprache heißt das "Harmonisierung", ein schönes Wort.
Für die Migranten des 21. Jahrhunderts, die nach Deutschland wollen, sind drei Regeln die Konsequenz: Die sogenannte Herkunftsstaatenregelung bedeutet, dass Asylbewerber, die aus einem nach deutschem Verständnis sicheren Land wie Ghana oder Senegal kommen, für ihren Einzelfall eine konkrete politische Verfolgung darlegen müssen. Das ist fernab der Heimat meistens nicht möglich. Also werden sie zurückgeflogen. Die "Flughafenregelung" bedeutet, dass Asylbewerber ohne Pass oder aus sicheren Herkunftsländern im Transitbereich deutscher Flughäfen bleiben müssen, bis über ihren Antrag endgültig entschieden ist. Nach spätestens 19 Tagen muss das Verfahren beendet sein; ist der Antrag abgelehnt, startet das Flugzeug zum Ausgangspunkt der Reise.
Und dann ist da noch, vor allem, die "Drittstaatenregelung", die bedeutet, dass Ausländer, die aus einem sicheren Drittstaat, also etwa aus Spanien oder Italien,
nach Deutschland kommen, keinen Asylantrag mehr stellen und sofort in diesen Drittstaat zurückgebracht werden können.
Praktisch für die Bundesrepublik: Sie ist umzingelt von sicheren Drittstaaten. Afrikaner, die per Schiff oder Boot nach Deutschland wollen, müssten schon an Spanien und Portugal, Frankreich, Belgien und den Niederlanden vorbeifahren und bei Cuxhaven an Land gehen, um eine Chance auf Anerkennung in Deutschland zu haben - dann allerdings könnte die Herkunftsstaatenregelung herangezogen werden.
Für Deutschland heißt das zunehmend: geschlossene Gesellschaft, ihr müsst draußen bleiben. Die Regierung sagt, dass sie gesteuerte Zuwanderung will, afrikanische Regierungen sagen, dass Europa die Klugen und die Kompetenten abziehe. "Es gibt für Afrikaner so gut wie keine legalen Eintrittsmöglichkeiten für Deutschland mehr", das sagt Stefan Telöken.
Die Zahlen belegen das. 127 937 Menschen bewarben sich 1995 in Deutschland um Asyl. 98 644 waren es 1998. 50 564 waren es 2003, und nur noch 28 914 Asylanträge gab es 2005. Vor 30 Jahren wurde die Hälfte aller Anträge anerkannt, heute kommt jeder hundertste durch. Und jeder tausendste Afrikaner. Die Industriestaaten sollten sich fragen, "ob nicht durch die Einführung immer neuer restriktiver Maßnahmen gegenüber Asylsuchenden viele Frauen, Männer und Kinder, die vor Verfolgung fliehen, vor verschlossenen Türen stehen", sagt der Uno-Flüchtlingskommissar António Guterres; die Zahlen zeigten jedenfalls, dass die Diskussionen "über ein wachsendes Asylproblem nicht der Realität entsprechen".
Natürlich versuchen die Migranten es weiterhin. Wenn Politiker legale Migration erschweren, kommen die Migranten auf illegalen Routen. Es ist menschlich. Sie träumen von einem besseren Leben.
Und der Abstand zwischen Arm und Reich wird größer. Vor 50 Jahren verdienten die Menschen in den reichsten Ländern der Erde 50-mal so viel wie jene in den ärmsten; heute verdienen sie 130-mal so viel. Natürlich schürt das Neid. Es lockt. Es ist eine Folge der Globalisierung, dass in der armen Welt heute bekannt ist, wie die reiche Welt lebt. Natürlich halten arme Menschen es nicht für gottgegeben, dass Europa reich und unerreichbar und Afrika arm und bis zum baldigen Tod ihre Heimat sein muss. Wer sagt, dass der Geburtsort eines Menschen sein Wohnort sein muss?
Schaden Migranten unseren Gesellschaften? Wenn sie nicht integriert werden, nicht toleriert werden, wenn sie mit dieser ganzen gewaltigen Scheinheiligkeit behandelt werden, dann profitiert jedenfalls niemand von Migration; Migranten kosten eine Menge Geld und tragen wenig bei, denn sie zahlen keine Steuern.
Aber warum muss es so sein?
Warum müssen sie im Schatten leben, warum werden vor allem Afrikaner so gehässig und aggressiv aufgenommen in Europa? Der Historiker Wolfgang Benz, Jahrgang 1941, ist Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, er sitzt in einem mit Papier überladenen Büro am Ernst-Reuter-Platz und sagt: "Man braucht Bildung und Wohlstand, um tolerant sein zu können. In einer Bevölkerung, die Erklärungen sucht für ihre Schwierigkeiten und keine rationalen Erklärungen bekommt, setzt sich die Überzeugung fest, es werde den Fremden, also Unberechtigten, etwas geschenkt, was uns gehört."
Uns. Den Weißen. Die sich wappnen gegen: sie. Die Schwarzen.
Und so werden Vorurteile zu Feindbildern, wird der Zigeuner zum Vergewaltiger, der Jude zum Abzocker, der Pole zum Dieb und der Afrikaner zum "Menschen zweiter Klasse, dem man erst einmal Werte wie Arbeit vermitteln muss", sagt Benz.
Und natürlich hat die Behandlung von Migranten immer auch mit Sprache zu tun: Wer sie "illegal" nennt, macht sie zu Verbrechern, auch wenn Afrikaner keine legale Möglichkeit mehr haben, Europa zu erreichen; wer sie "Wirtschaftsflüchtlinge" nennt, verniedlicht die Motive ihres Aufbruchs, ihre Nöte, die Gefahren der Reise - als ob irgendjemand leichten Herzens seine Heimat aufgäbe. "Man wusste nicht mehr, wer man war", so beschreibt der vor den Nazis geflohene Jean Améry den Moment, da "die Vergangenheit urplötzlich verschüttet" war.
50 Prozent der Migranten arbeiten, das war eines der Ergebnisse der Weltkommission, und sie tragen Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung der Gastländer bei. Von 1990 bis 2000 waren Migranten für 89 Prozent des Bevölkerungswachstums in Europa verantwortlich, ohne Migration wäre die Bevölkerung des Kontinents im Zeitraum von fünf Jahren um 4,4 Millionen Menschen geschrumpft. Und Migranten tragen auch noch die Lasten ihrer Heimatländer: 150 Milliarden Dollar schickten sie 2004 über Banken zurück (das ist das Dreifache der weltweit gezahlten Entwicklungshilfe) und noch einmal rund 300 Milliarden auf anderen Wegen.
Kofi Annan, aus Ghana nach New York gezogen, verlangt von der EU eine "Politik der gesteuerten Einwanderung", über die vielen Toten im Atlantik und im Mittelmeer sagt er: "Diese stille Krise der Menschenrechte beschämt unsere Welt."
KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 26/2006
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