26.06.2006

BULGARIEN Es wird Kämpfe geben

Klaus Jansen, 51, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und EU-Berichterstatter, über das organisierte Verbrechen in Bulgarien

SPIEGEL: Sie haben für die EU die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Bulgarien untersucht. Ist das Land reif für den Beitritt?

Jansen: Eindeutig nein. Es gibt dort keine modernen Ansätze zur Verbrechensbekämpfung. Die Vorgaben der EU werden nur vordergründig umgesetzt, zum Beispiel untersucht die Polizei zwar den Rauschgifthandel und die Geldwäsche, wie es die EU vorschreibt. Aber sie tut dies getrennt voneinander, so kann das nicht funktionieren.

SPIEGEL: Ist Dilettantismus der Grund für die Mängel?

Jansen: Nein, die Polizisten dort sind gut qualifiziert. Es fehlt ihnen aber der Wille, vielleicht weil viele Kollegen die Risiken fürchten. In Bulgarien hat es in den vergangenen Jahren über hundert Auftragsmorde gegeben, von denen kein einziger aufgeklärt worden ist. Die Polizei hat nicht das Gewaltmonopol.

SPIEGEL: Muss die EU die Organisierte Kriminalität aus Bulgarien fürchten?

Jansen: Natürlich, spätestens wenn der Beitritt vollzogen ist. Das Verbrechen wird sich von dort nach Westeuropa ausbreiten. Es wird mehr Schutzgelderpressung, es wird Verteilungskämpfe im Rotlicht- und Drogenmilieu geben.

SPIEGEL: Tut Brüssel genug, um das künftige Mitgliedsland zur wirkungsvollen Verbrechensbekämpfung anzuhalten?

Jansen: Nein, es reicht eben nicht zu fragen: Habt ihr eine Gesetzgebung zum Zeugenschutz? Und dann ein Häkchen zu machen. Brüssel müsste die konkrete Umsetzung neuer Gesetze viel stärker kontrollieren.

SPIEGEL: Wie hat die bulgarische Öffentlichkeit auf Ihren Bericht reagiert?

Jansen: Die Presse hat mich attackiert. Ich stand plötzlich als der Mann da, mit dem der bulgarische EU-Beitritt steht und fällt. Sogar der Innenminister hat sich an der Kampagne beteiligt, er hat mir öffentlich Bildungsmängel vorgeworfen, ich sei gar nicht als EU-Experte qualifiziert. Bulgarien ist für mich eine No-go-Zone geworden. Ich kann da nicht mehr hinreisen.


DER SPIEGEL 26/2006
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