26.06.2006

WM-GESPRÄCH„Eine echte Prüfung“

Reservetorwart Oliver Kahn, 37, und Regisseur Sönke Wortmann, 46, über Helden im Film und WM-Spiele aus der Bankperspektive
SPIEGEL: Herr Wortmann, Sie haben die WM-Vorrunde auf der Bank erlebt, weil Sie einen Film über die deutsche Mannschaft drehen. Wie geht es dort zu?
Wortmann: Man sieht nicht so gut wie von oben, aber die Emotionen sind viel direkter. Links und rechts neben mir sitzen die Protagonisten. Und es war schillernd und aufregend mitzuerleben, wie etwa Ersatzspieler nervös wurden, wenn sich die Trainer zu einer Auswechselung entschieden.
SPIEGEL: Herr Kahn, auch für Sie war die Beobachterrolle neu.
Kahn: Nicht ganz. 1994, 1996 und 1998 saß ich schon bei Turnieren auf der Bank. Das war damals schon schwer, aber da war ich der junge Torwart, der wusste, dass seine Zeit kommt. Diesmal ist das anders.
SPIEGEL: Wie denn?
Kahn: Nicht angenehm. Bis vor kurzem war ich fest davon überzeugt, dass ich spielen würde. Der Weg zur Bank war jedes Mal ein schwerer Gang. Ich beobachte das Spiel, versuche mir über das Sportliche ein Bild zu machen und verschwinde hinterher so schnell wie möglich in die Kabine.
SPIEGEL: Eine Strafe?
Kahn: Würde ich nicht sagen. Unverständlich. Aber ich wollte nicht derjenige sein, der sich griesgrämig in sein Zimmer verkriecht. Ich wollte, dass die Mitspieler von meiner Rolle profitieren können.
SPIEGEL: Aber es fiel schwer?
Kahn: Das ist schwierig, aber auch eine Herausforderung an meine Persönlichkeit.
SPIEGEL: War die Atmosphäre auf der Bank eine andere als früher?
Kahn: Die Atmosphäre ist sehr emotional, der Jürgen geht mit im Spiel, nahe ans Feld heran, er will sich da richtig ... man könnte sagen: hineininvolvieren. Früher gab es mehr Spannungen auf der Bank.
SPIEGEL: Ging es gehässiger zu?
Kahn: So scharf will ich es nicht sagen. Damals gab es zwischen denen, die spielten, und denen auf der Bank noch mehr Konkurrenzdenken. Die auf der Bank fühlten sich vielleicht frustrierter als heute.
SPIEGEL: Herr Wortmann, Oliver Kahn hielt vor dem Polen-Spiel eine Ansprache. Wird sie Teil Ihres Films sein?
Wortmann: Leider nicht. Ich lief da im Betreuerstab mit. Es gibt ein sehr schönes Ritual, dass vor dem Spiel auch Ersatzspieler und Betreuer mit der Elf zusammen einen Kreis bilden. Also musste ich die Kamera stehenlassen und mit in den Kreis, Energie geben, damit es ein gutes Spiel wird. Oliver hat eine sehr schöne Ansprache gehalten, das macht jedes Mal ein anderer.
Kahn: Jürgen hatte mich darum gebeten. Wenn er zu mir kam oder zu Jens Nowotny und sagte: Halte du mal eine Rede und du ebenfalls, hat das natürlich auch den Sinn, jedem das Gefühl zu geben, er gehöre hundertprozentig dazu.
SPIEGEL: Funktioniert das, obwohl Sie durchschauen, dass es Strategie ist?
Kahn: Es ist doch egal, es geht ja nicht um mein persönliches Schicksal. Man sieht die Zuschauer, wie sie sich freuen, wie toll diese ganze Weltmeisterschaft ist. Was soll ich da den Sauermann mimen oder den, der immer auf Konfrontation geht?
Wortmann: Ich bewundere diese Altersweisheit. Früher hat Oliver ja gern mal Gegenspielern den Finger in die Nase gesteckt, da war ich skeptisch. Aber das hat sich total geändert.
SPIEGEL: Was ist da geschehen?
Kahn: Das Fernsehen transportiert diese aggressiven Bilder, da bekommen die Leute einen bestimmten Eindruck von mir. Wenn man mich näher kennenlernt, bleibt dieser mediale Kahn nicht lange bestehen.
SPIEGEL: Dann merkt man: Er beißt nicht?
Wortmann: Nein, er beißt nicht. Er will nur spielen.
SPIEGEL: Welche Rolle hat Kahn im Film?
Wortmann: Aus filmischer Sicht wäre er ohne Zweifel eine Heldenfigur.
SPIEGEL: Was ist ein Held?
Wortmann: Held im Film ist der, der auf seinem Gebiet außergewöhnliche Leistungen bringt. Und wenn das Schicksal eingreift und das verhindern will, kommt er zurück und biegt das noch einmal gerade.
Kahn: Das ist der Unterschied, ein Happy End ist im Leben seltener. Ich sehe mich nicht als Held, sondern als einen, der seinen Beruf liebt und mit Leidenschaft ausübt. Und der auch mal übers Ziel hinausschießt.
SPIEGEL: Wird der Rummel manchmal so groß, dass er einen davonträgt?
Kahn: Was wird heute aus Podolski und Schweinsteiger gemacht! Das sehe ich als wichtige Aufgabe, dass ich denen sage: Ihr wisst schon, dass ihr euch in einer Welt bewegt, die eigentlich so nicht existent ist, wie sie euch serviert wird? Eine mediale Scheinwelt. Das weiß ich aus Erfahrung.
SPIEGEL: Wollen die das hören vom alten Mann Kahn?
Kahn: Bastian ist da sehr zugänglich. Auch wenn er mich ab und zu anpflaumt: Lass mich in Frieden, das geht dich nichts an, ich mache, was ich für richtig halte. Ist okay, er macht sich ja doch Gedanken.
Wortmann: Man muss sich reiben, um neue Wege gehen zu können.
SPIEGEL: Hat Sönke Wortmann die Spieler mit seiner Kamera manchmal genervt?
Kahn: Nein. Wir haben ja lange mannschaftsintern darüber diskutiert. Ich hatte Bedenken. Ich dachte an riesige Kameras und Apparaturen. Aber es ist total easy. Er hat ja nur dieses kleine Gerät bei sich. Er ist ruhig, man bemerkt ihn fast nicht.
Wortmann: Ich war am Anfang irrsinnig nervös. Eine Aura haben die ja.
SPIEGEL: Ist Sönke Wortmann noch Beobachter?
Kahn: Nein, eher Mitglied. Er gehört dazu.
SPIEGEL: Welche Szenen waren besonders interessant?
Wortmann: Alles, was in der Kabine passiert. Aber eine schöne Sache habe ich auch verpasst: David Odonkor machte sein erstes Länderspiel gegen Japan in der Vorbereitung, und nachts um halb zwei nach dem Essen hat er sich ganz süß bei allen dafür bedankt, dass er jetzt dabei sein darf. So spät wollte ich meine Kamera nicht mehr dabeihaben, um den Spielern nicht auch noch nachts nachzustellen.
SPIEGEL: Sie trugen immer DFB-Kleidung. Wäre nicht etwas Distanz angebracht?
Wortmann: Nein. Selbst wenn ich ihnen Böses wollte: Es gab keine kritischen Momente. Die Leute werden sowieso sagen: Der Film ist nicht kritisch genug.
Kahn: Es gab ja nichts Kritisches in dieser Mannschaft.
SPIEGEL: Möglich, dass Sie sich am Ende verraten fühlen und sagen: Wir haben dem Wortmann zu viel Nähe ermöglicht?
Kahn: Gute Frage. Damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt, aber das Gefühl habe ich nicht. So viel Distanz zu sich selbst sollte man haben, dass man sich nicht nur in rosaroten Farben dargestellt sehen will. Wenn ich nicht nackt unter der Dusche gefilmt werde, ist mit mir fast alles zu machen. Gibt es mich schon nackt?
Wortmann: Das verrate ich nicht. Mein Interesse ist es aber nicht, etwa zu zeigen, wenn Gerald Asamoah dem Odonkor ein blaues Auge haut. Obwohl: Eigentlich würde das schon reingehören.
Kahn: Natürlich muss das rein.
SPIEGEL: Herr Kahn, als Sie sich zu einer WM als Ersatzmann durchrangen, konnten Sie nicht wissen, wie sich diese Rolle anfühlen würde. Hat es Sie überrascht?
Kahn: Bei den Spielen ist das schon schwierig. Freitags bekam ich in München die Mitteilung, Samstag spielten wir in Bremen, ich hatte den Sonntag zum Nachdenken und kam zu dem Schluss, dass ich aus meinem sportlichen Denken heraus diese andere Herausforderung annehme. So wie ich gestrickt bin als Sportler und als Mensch, war das selbstverständlich. Ich kann nicht mein ganzes Leben lang die Erfolge mitnehmen und mich bei Misserfolgen verdrücken. Aus der Hintertür abhauen? Das wäre fatal und passt nicht zu mir. Das Leben läuft nicht nur für einen.
SPIEGEL: Und dann?
Kahn: Kamen die schweren Momente. Das Eröffnungsspiel, auf das ich zwei Jahre hingearbeitet hatte, von der Bank aus zu erleben, war nicht einfach. Die Motivation, der Antrieb, alles, was ich zwei Jahre lang getan hatte, war auf dieses Spiel ausgerichtet. Wer eine Ahnung davon hat, mit welcher Leidenschaft ich diesen Sport betreibe, weiß: Das war eine echte Prüfung.
SPIEGEL: Unmöglich, das Fest zu genießen?
Kahn: Die Spannung baute man nicht auf, der Druck fehlte. Dann kamst du ins Stadion, sahst die Eröffnungsfeier, das tolle Stadion, die Deutschland-Fahnen. Wie die Leute lachten, sich freuten. Die ganzen Emotionen. Man war zwar Sportler, als man sich da auf die Bank setzte, aber eine freudige Stimmung kam da nicht auf.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie in der Vorbereitung hinschmeißen wollten?
Kahn: Natürlich hat man schwierige Momente, wo man frustriert ist. Ich habe mal im Training richtig hingelangt. Die Jungs dachten: Ui, was ist mit dem los? Das kann man aber auch positiv sehen. Das steckt die anderen an. An dem Freitag, an dem mir Jürgen seinen Entschluss mitteilte, war mein erster Gedanke: Alles sinnlos jetzt. Aber da muss man die Fähigkeit besitzen, erst mal über die Dinge nachzudenken.
SPIEGEL: Hatten Sie erwartet, dass Sie für die Leute ein Held werden würden, weil Sie dabeiblieben?
Kahn: Nein. Ich war schon überrascht über die Reaktionen. Ich dachte: Hoppla, da hast du dein ganzes Leben lang versucht, Erfolg zu haben, in Form von Titeln. Und jetzt passiert so etwas, und auf einmal entsteht ein Respekt, den man mit Titeln anscheinend nicht bekommen kann. Das war eine unheimlich interessante Erkenntnis, die mir erst nach und nach kam. Da habe ich mir gesagt: Auch wenn mir jetzt alles total stinkt, jetzt kann ich nicht mehr einfach sagen: Sorry, ich mag nicht mehr.
SPIEGEL: Zwei Gerüchte unterstellen Ihnen Kalkül. Erstens: Sie sind zur WM gefahren wegen Ihrer Sponsoren.
Kahn: Es hört sich arrogant an, aber ich sage es trotzdem noch mal: Glaubt denn wirklich jemand, ich hätte das aus finanziellen Gründen nötig? Wer das glaubt, kennt den Sportler Kahn nicht.
SPIEGEL: Zweites Gerücht: Sie wollen beim DFB etwas werden, da darf man nicht desertieren.
Kahn: Klar, erst Bundestrainer und dann Präsident.
SPIEGEL: Oder erst Präsident und dann Bundestrainer Klinsmann entlassen?
Kahn: Also: In erster Linie habe ich die Dinge als Sportler und als Mensch so entschieden. Damit ich vor mir selbst geradestehen kann. Das ist entscheidend.
SPIEGEL: Waren Sie nach dem Sieg gegen Polen stolz?
Kahn: Worauf?
SPIEGEL: Fühlten Sie sich als Sieger?
Kahn: Ich freue mich mit den Spielern. Aber die Einstellung hatte ich immer schon: Ich fühle mich auch nicht als Europameister 1996. Das ist so eine Radikalität in mir, die werde ich wohl nicht mehr los. Wortmann: Ich hatte schon das Gefühl, gegen Polen gewonnen zu haben.
SPIEGEL: Sie? Warum?
Wortmann: Man gab mir ja das Gefühl, dass ich dazugehöre. Und weil ich abergläubisch bin, war ich vorher beim Friseur und habe meine Haare dem Fußballgott geopfert.
SPIEGEL: Haben Sie auch mal in der Kabine eine Rede gehalten?
Wortmann: Vor dem Eröffnungsspiel hat mich Jürgen Klinsmann gebeten, aus dem gedrehten Material ein Motivationsvideo zusammenzustellen. Natürlich haben sie nicht deswegen gewonnen, aber Kleinigkeiten können zum Erfolg beitragen.
SPIEGEL: Wie verhindern Sie, dass Ihr Film kitschig wird?
Wortmann: Ich würde das nicht verhindern wollen. Zum einen finde ich Kitsch nicht so schlimm. Außerdem: Was ist denn Kitsch?
SPIEGEL: Gefühlsduselei, zu viel Pathos.
Wortmann: Pathos finde ich wunderbar.
Kahn: Schön. Ja, ich mag Pathos.
Wortmann: Es ändert sich ja gerade in unserem Land, dass Pathos nicht sofort eine Gegenreaktion hervorruft. Beim Spielfilm kann ein elfjähriger Junge dem Helmut Rahn den Ball zuwerfen, damit der das 3:2 schießt. Natürlich setze ich da Geigen ein.
SPIEGEL: Das war beim "Wunder von Bern". Und jetzt? Werden die Spieler bei Ihnen glorifiziert oder entzaubert?
Wortmann: Weder noch. Die Spieler sind so, wie sie sind.
SPIEGEL: Wie viel Material haben Sie denn?
Wortmann: Für einen abendfüllenden Spielfilm habe ich reichlich, etwa 50 Stunden.
SPIEGEL: Wer sind die Protagonisten?
Wortmann: Das orientiert sich am Spielverlauf und an den großen Themen - nachdem die Torwartfrage ja offenbar wichtiger war als die Papstwahl.
Kahn: Ist sie ja scheinbar auch.
SPIEGEL: Wie ist Ihr Verhältnis zum Trainer, der Ihnen den Platz im Tor wegnahm?
Kahn: Auf der einen Seite versuche ich immer zu tun, was für die Mannschaft nötig ist, weil ich mich selbst zurücknehmen kann. Auf der anderen Seite habe ich ihm deutlich gesagt, dass ich das nie nachvollziehen und verstehen werde, warum ich nicht mehr die Nummer eins bin. Es gab auch nie eine Erklärung. Es gab nur die Aussage: Wir machen das jetzt mal mit Jens Lehmann, der Jens ist die Nummer eins bei der WM. Man sprach von einem "Tick", den er besser sein solle. Entschuldigung, aber wechselt man die langjährige Nummer eins aus, wenn diese konstant spielt, wenn ein anderer einen "Tick" besser sein soll? Das ist für mich keine Begründung. Für Frankreich spielt Barthez, für Holland van der Sar, für Italien Buffon. Wo ist der Unterschied? Ich habe zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt, meine Champions-League-Spiele gut gemacht, bin zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger geworden und habe eine riesige Turniererfahrung. Es gab eigentlich keinen Grund, die Nummer eins abzusetzen.
SPIEGEL: Würden Sie denn eine Erklärung hören wollen von Klinsmann?
Kahn: Normalerweise hätte ich schon eine fundierte Erklärung erwartet. Aber da sie bis heute ausgeblieben ist, gibt es wahrscheinlich keine.
SPIEGEL: Was war für Sie die Szene des Turniers?
Wortmann: Deutschlands Tor in der Nachspielzeit gegen Polen.
SPIEGEL: Wie gefällt Ihnen das Turnier?
Kahn: Die Stimmung ist sensationell. Und man sieht, auf welchem Level der Fußball angelangt ist: Taktisch sind alle Mannschaften auf höchstem Niveau, technisch auch und das alles in höchstem Tempo. Die Athletik insgesamt hat weiter zugenommen. Du hast quasi keine Chance mehr, wenn du nicht die 100 Meter unter elf Sekunden laufen kannst, körperlich robust bist und eine Supertechnik hast.
Wortmann: Was mich wirklich beeindruckt: So eine Sympathiewelle für eine deutsche Mannschaft gab es lange nicht.
SPIEGEL: Herr Kahn, wenn Sie einen Film über die Mannschaft machen würden, wäre der Ersatztorwart Kahn eine Figur?
Kahn: Schon. Wie das alles gelaufen ist die letzten Jahre und Monate. Lange Jahre Nationaltorhüter, alle Höhen und Tiefen dieses Sports erlebt - das wäre ein Thema.
SPIEGEL: Herr Wortmann, wird das ein patriotischer Film?
Wortmann: Oli meinte vorhin, Patriot klingt ein bisschen wie Idiot, rein phonetisch. Aber warum nicht? Ich habe mit dem Begriff heute keine Probleme mehr.
Kahn: Ob einer die Hymne mitsingt oder nicht, das sollte jedem überlassen sein.
SPIEGEL: Der Klingelton Ihres Mobiltelefons ist die Nationalhymne. Sarkasmus?
Kahn: Mein Beitrag zum Patriotismus.
SPIEGEL: Herr Kahn, Herr Wortmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Patriot klingt ein bisschen wie Idiot, rein phonetisch. Aber warum nicht?"
* Mit den Redakteuren Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer in Berlin.
Von Brinkbäumer, Klaus, Kramer, Jörg

DER SPIEGEL 26/2006
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